Geschichten und Gedichte von Franz Lorber

Allerlei Geschichten

     

 

                                             Ein Bernsteinmärchen

                                            (für große und für kleine Leute)

 

Es mag wohl eine halbe Million oder gar noch mehr Millionen Jahre her sein, als es auf unserer Erde ganz anders aussah, als heute. Unermessliche, weite Wälder hatten sich ausgebreitet. Schuppen-, Siegel- und Nadelbäume von riesigem Ausmaß ragten hoch hinein in den Himmel und die Bäume hatten solch einen Umfang, dass wohl zehn Männer nicht imstande gewesen wären, solch einen Baum zu umfassen. Farngewächse, fast so hoch wie unsere heutigen Fichten wuchsen dazwischen. Pflanzen- und fleischfressende Saurierherden durchwanderten die Wälder, um ihren Hunger zu stillen. Wenn solche Horden von Pflanzenfressern durch die Wälder streiften, dann rissen sie riesige Äste von den Bäumen und entwurzelten sie mitunter, um sich am Blätterwerk zu laben. An den Stämmen der Bäume wurden dann große Wunden gerissen und Unmengen des Harzblutes rann in Strömen an den Stämmen hinab aufs Erdreich. Dieses Harz gerann in Verbindung mit dem Sauerstoff sehr rasch. Es verdichtete sich und wurde im Laufe der Zeit steinhart und zu fossilem Harz, dem späteren Kopal und Bernstein.

Als das Harzblut wie Honig hinabrann, da kam eines Tages ein kleines Mückenmädchen angeschwirrt und das flüssige Harz roch so angenehm würzig, so dass es sich daran laben wollte. Da, mit einem Male: „Tropf, tropf, tropf“, wurde es von dieser klebrigen Süßigkeit übergossen und eingeschlossen. Schon seit geraumer Zeit wurde dieses Mückenmädchen von einem Mückenjüngling verfolgt. Er hatte ein Auge auf sie geworfen und mächtig verliebt, wie er war, folgte er ihr. Kurzentschlossen setzte er sich neben seine Angebetete und schleckte ebenfalls vom Harz. Und siehe da: „Tropf, tropf, tropf,“ erging es ihm ebenso, wie dem kleinen Mückenfräulein. Von weitem wurden beide schon ein Weilchen belauscht und zwar von einer gierigen Vieraugenspringspinne und eben, als sie zum Sprunge ansetzen wollte, da erteilte sie das gleiche Schicksal. So waren sie nun gefangen und eingeschlossen, seit langer, langer Zeit. Dann kam eines Tages eine riesengroße Flut über den Erdball. Dort, wo die riesigen unermesslichen  Wälder standen, überschwemmten Ozeane das weite Land. Die Wälder und mit ihnen die Lagerstätten der Baumharze gingen unter in den Fluten der Meere und auch die größeren und kleineren Urtiere wurden durch diese Naturkatastrophe ausgerottet. Ausgrabungen an verschiedenen Punkten unseres Erdballs zeugen heute noch davon, wie es vor vielen Millionen Jahren auf unserem Planeten aussah. Die älteren Baumharze wurden durch den Druck des Wassers in der Tiefe immer mehr verdichtet und verhärtet und der Sand rieb so lange an ihrer Oberfläche, bis sie richtig blank und durchsichtig wurden. Tausende Kilometer wurden diese Bernsteine, auch Tränen der Götter genannt, von den Wellen und Meeresbewegungen weitergetragen. An vielen Stränden dieser Weltenmeere gehen seitdem die Bernsteinsucher auf Suche und man kann sie beobachten, wie sie tiefgebeugt im Sande wühlen und den Tang auseinanderreißen, in der Hoffnung, ein paar Stückchen oder auch einmal einen größeren Fund zu erhaschen. Sie erfreuen sich über jedes kostbare Bernsteinchen. Dann halten sie es gegen das Sonnenlicht und wenn sie Glück haben, sind Insekten und anderes Kleingetier in ihm eingeschlossen und dieser kleine „gläserne Sarg“ aus der Urzeit, ist der Beweis für eine längst vergangene Ära. Dort, wo das Meer nicht hinkam, versanken die Baumharze im Erdreich. Bis in 3 Meter Tiefe werden sie nun ausgegraben und abgebaut. In riesigen Flötzen liegen sie ebenfalls seit langer, langer Zeit begraben. Sie sind mit einer festen Verwitterungsborke umgeben und müssen nach ihrem Fund gereinigt, aufwendig geschliffen und poliert werden und dann erst offenbart sich das Wunder der Natur. Als eifriger Mineraliensammler, fand ich seit einiger Zeit auch Gefallen am Bernstein und am Kopal, dem jüngeren Bernstein. Ich schliff, polierte und erfreute mich immer wieder, wenn ich Einschlüsse von den vielfältigen Arten der Insekten entdeckte. Da, eines Tages, als ich wieder einmal gespannt durch mein Mikroskop hindurchschaute, entdeckte ich dieses wunderschöne Mückenpärchen aus längst vergangener Zeit und in meiner Entdeckerfreude erkannte ich weiter hinten diese lauernde vieräugige Jagdspinne. Ach, wie ich mich freute, dass sie die beiden verliebten Mücken damals nicht erhaschen konnte. So sind sie mir doch erhalten geblieben. Die Liebe ist doch etwas Wunderbares. Ob im Menschen, im Tier oder auch in den kleinsten Insekten. Die Liebe, sie ist vergänglich auf unserer Welt und sie kommt und vergeht mit unserem Leben und nur im Bernstein selbst, da bleibt sie für immer und ewig sichtbar, so wie bei diesen beiden winzigen Mücken ...                                      

 

 

                    Die Libelle und das Glühwürmchen ...

        Als die Frühlingssonne Ende April die Erde so richtig zu erwärmen begann, da erblühten wieder die Blumen auf den Wiesen, das zarte, sattgrüne Gras steckte seine Spitzen aus dem Erdreich und die Vöglein in den Bäumen, die ebenfalls vorsichtig ihre Blattknospen hervorzauberten, begannen wieder zu piepsen, zwitschern und zu singen. Überall, wohin man schaute, war das neue Leben erwacht und die letzten, schmutzig-weißen Schneehäufchen, sie schmolzen dahin, wie Butter in einem heißen Tiegel. Da geschah es, dass eine zarte, wunderschöne Becherazurjungfer, so wird eine Art dieser kleinen Schlanklibellen genannt, aus ihrem Ei, welches über dem Winter in einem Wasserpflanzenblatt versteckt war, herausgekrochen kam. Die Frühlingssonne hatte auch ihren Winterschlaf beendet. In den nächsten Tagen und Wochen hatte dieses zarte Libellchen viel zu tun, denn es musste sich Dreizehn Mal häuten, bis es richtig flügge und erwachsen war. Dann schwebte es dahin in unwahrscheinlich bunter Farbenpracht. Ihre zarten Flügel schimmerten in der Sonne grünlich, mitunter bräunlich und auch in blauer Farbe, so, wie sich die Sonnenstrahlen widerspiegelten. Dann, als sie endlich so richtig erwachsen war, schwebte sie dahin in ihrer vollendeten Schönheit und oftmals war sie so sehr eitel geworden, dass sie sich auf eine Wasserpflanze niederließ und ihre Schönheit im Spiegel des Wassers betrachtete. Oh ja! Sie konnte sich sehen lassen und unter den vielen anderen Arten der Libellen, die überall über den Teich schwirrten, war sie die Schönste. Drüben am Rande des Dorfteiches wuchsen ein paar Trauerweiden, die ihre Äste fast bis ins Wasser hinein wachsen ließen. In einer dieser Trauerweiden hatte es sich Anfang Juni ein Glühwürmchen wohnlich eingerichtet. In einem eingerollten Blatt hatte es sich eingenistet, verschlief den lieben, langen Tag und erst, wenn die Sonne am Abend unterging und der Mond seine Reise um die Welt antrat, dann wurde es munter, kroch aus seinem Versteck und begann während seines Fluges zu leuchten. So geschah es, dass eines Abends die kleine Jungfernlibelle mit dem Glühwürmchen im Fluge zusammentraf. Das Glühwürmchenmännchen machte ganz große Augen, als es die Farbenpracht der schwirrenden Flügel sah, die beim Abendschein der untergehenden Sonne und beim Silberlicht des aufgehenden Mondes noch viel, viel bunter, wie die Farben eines Regenbogens glitzerten. „Oh! Du siehst aber schön aus!“, rief es ihr begeistert zu. „Du hast aber auch ein schönes kleines Lichtlein.“, erwiderte sie. Dann flogen sie gemeinsam über den Dorfteich und wieder zurück. Inzwischen wurde es dunkler und immer dunkler und sie rief im noch zu: “Nun muss ich aber schlafen gehen, sonst finde ich mich nicht mehr nach Hause. Tschüs bis morgen.“ Sie winkten sich noch zu und das Glühwürmchen dachte während seines Nachtfluges noch lange über diese Bekanntschaft nach. Seit jenem Abend begegneten sie sich immer wieder und es geschah, wie es kommen musste. Das kleine Glühwürmchen verliebte sich bis hinter die Ohren in das Libellenmädchen und eines Tages rief er ihr während des gemeinsamen Fluges zu. “Libellchen! Ich muss dir etwas sagen.“  „Was denn, was gibt es denn so Wichtiges?“  „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“  „Oh weija!“, rief sie erschrocken. „Wie soll es denn nun mit uns beiden weitergehen?“  In den nächsten Tagen flog sie ihm aus dem Weg, weil sie nicht wollte, dass er ihretwegen traurig sein sollte. Er war zwar ihr guter Freund geworden, an all den Abenden, aber Liebe? Das konnte und durfte doch nicht sein. Sie hatte nämlich inzwischen ein Libellenmännchen kennen gelernt und mit ihm schwirrte sie Tag aus, Tag ein über den Dorfteich bis hinauf zum Bachlauf. Eines Abends, als das Glühwürmchen wieder mit seinem Leuchten begonnen hatte, da sagte sie beim Vorüberfliegen: „Lass uns ganz einfach gute Freunde sein. Mehr kann ich nicht für dich empfinden.“  Auch das Glühwürmchen hatte in all den Nächten ein kleines, niedliches Glühwürmchenweibchen entdeckt und beinahe hatte er schon sein Libellenliebesgeständnis vergessen. Mit einem Mal fingen beide an zu lachen und er erzählte ihr von seiner nächtlichen Bekanntschaft und dann, eines Abends gab es eine Doppelhochzeit. Das jungvermählte Libellenpaar segelte husch, husch über das Wasser hinweg, hin zu den untergehenden Sonnenstrahlen und die zwei verliebten Glühwürmchen schwirrten Hand in Hand dem gleißenden Mondlicht entgegen. Jeden Abend trafen sich die beiden Pärchen wieder und dann, als der Sommer seinem Ende zuging, verpuppten sich die Libellen und die Glühwürmchen verkrochen sich ganz tief in die Erde. Dann kam der Winter ins Land und bedeckte die Erde mit seinem blütenweißen Teppich. Der Dorfteich jedoch war mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Die Vögel in den Bäumen waren längst schon verstummt und nur ein Wildentenpärchen schnatterte drüben am Ufer, denn dort war das Wasser noch nicht zugefroren. So nahm die Natur ihren Lauf, die verpuppten Libellen, die eingegrabenen Glühwürmchen und all die anderen Lebewesen, sie schliefen und warteten sehnsüchtig darauf, dass es bald wieder Frühling werden würde. 

Als Hansi davonflog ...                                        

Die Sonne schien durch das Fenster in die kleine Dachwohnung hinein und die alte Frau räumte die Blumentöpfe auf den Tisch. Sie hatte sich fest vorgenommen, heute an diesem schönen Tag ihre Fenster zu putzen. Der Regen hatte hässliche Flecken an den Scheiben hinterlassen. Sie war seit Jahren, seit ihr Mann verstorben war, ganz allein und dann fasste sie eines Tages den Entschluss, sich zwei Haustiere anzuschaffen. Einen kleinen schwarz-weiß gefleckten Kater, welcher gerade erst von seiner Katzenmutter entwöhnt worden war und rüben, vom Vogelzüchter Malek, erbettelte sie sich ein ganz junges Wellensittichmännchen. Die Drei waren ein Herz und eine Seele geworden.,. Hansi, sie nannte sie ihr Vögelchen, saß auf ihrer Schulter, zwickte und zwackte sie zärtlich am Ohr, oder er zupfte sie an ihrem hochgesteckten Haardutt. Peterle, ihre Schmusekater spielte indes mit dem Wollknäuel. der auf dem Fußboden lag. Sie strickte und häkelte allerlei schöne Sachen als kleine Geschenke für ihre Kinder, Enkelchen und für ihre Nachbarn, sowie Bekannten...