Geschichten und Gedichte von Franz Lorber

Geschichten vom Jungsein und Älterwerden ...

Geschichten
               vom Jungsein und    
                    Älterwerden ...
 
                     2. Teil meiner autobiographischen Erzählung 
                                  Franz Lorber
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Taigasand
                     und
               Jugendsünden
 
Wenn ich nun, nach fünf Jahrzehnten beginne, an der Fortsetzung meiner Lebensgeschichte zu schreiben, weiß ich nicht so recht, wie und wo ich beginnen soll. Ich hatte mich entschlossen, für einige Jahre meinem Elternhaus den Rücken zu kehren. Meine Lehre als Feinmechaniker schloss ich erfolgreich ab, aber ich hatte durch völlig unbeabsichtigtes, rein zufälligen Mithörens eines Gesprächs meiner Eltern mitbekommen, dass räumlich und auch finanziell einer zu viel war, in unserem fünfköpfigen Haushalt. Ich war schon mächtig schockiert, als ich ihre Meinung darüber hören musste. Ich wollte meinen Eltern auf gar keinem Fall zur Last fallen und so entschloss ich mich, als die Werber bei uns im Ausbildungswerk Makarenko ihre Aus-sprachen mit uns künftigen Facharbeitern führten, mich doch für den drei-jährigen Dienst bei der Kasernierten Volkspolizei anzumelden und vorzuver-pflichten. Nun stand ich also da, auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofes Dresden, mit meinem Freund und Lehrkameraden Harry Lehwald und den vielen anderen jungen Burschen, die vielleicht aus ähnlichen, persönlichen Beweggründen diesen Ausweg gesucht hatten.
    Mit einem Sonderzug, der speziell für uns eingesetzt worden war, ging es schließlich nach Großenhain. Dort, in der Kaserne erlernten wir die ersten Grundzüge des militärischen Gehorsams. Mit unseren Köfferchen und Aktentaschen und noch in Zivilklamotten ging es dann ohne Tritt durch die Stadt. Links und rechts, auf den Gehsteigen blieben die Leute stehen und gafften uns hinterher. Manche von ihnen winkten uns freundlich zu, andere guckten uns mitleidvoll an und vereinzelte spuckten sogar vor uns aus. Einer von ihnen rief leise, aber dennoch deutlich hörbar:
    „Russenknechte, verdammten ...“  
So unterschiedlich war die Einstellung der Bevölkerung zu uns, die wir in Kürze die Uniformen der Deutschen Volkspolizei tragen sollten und dann marschierten wir durch ein hohes, breites Kasernentor. Vorn, am Hauptgebäude erkannte ich den Abdruck des ehemaligen Reichsadlers mit Hakenkreuz aus der Hitlerzeit. Man hatte zwar nach dem 8. Mai 1945 dieses Schandmal entfernt, jedoch, um das Wahrzeichen aus der unrühmlichen Nazizeit völlig auszulöschen, da hatte wahrscheinlich das Geld, oder die kapazität nicht ausgereicht. Der II. Weltkrieg war ja nun schon acht Jahre vorüber. Dieser Reichsadler, der in seinen Krallen einen Eichenkranz mit Hakenkreuz getragen hatte, war einfach nur grob weggemeißelt worden und es war schon eine Zumutung für uns und zugleich ein eigenartiges Gefühl, dass wir frischgebackenen Volkspolizisten in eine Kaserne einmarschieren mussten, wo immer noch diese verstümmelten Reste an einer Kasernen-mauer zu sehen waren.
    Dieses Tor hatte seinen unersättlichen Schlund weit geöffnet und es fraß nun die Meute junger Männer förmlich auf. Als die letzten unserer Kolonne hindurch marschiert waren, da krachte dieses Monster von Tor mit lautem Getöse hinter uns zu. Schon allein dieses metallene Geräusch ließ mich unwillkürlich zusammenzucken. Drüben, auf dem riesigen, großen Exer-zierplatz marschierten kakibraune Gestalten exakt in Reih und Glied hin und her. Kurze, laute Befehlstöne schallten gegen die Mauern der umliegenden Kasernengebäude und sie warfen abgehackte, echoähnliche Wortfetzen zurück auf uns Neuankömmlinge.
Wir wurden von einem kleinen, untersetzten Unterleutnant, welcher uns seinen Soldatenhumor und gute Laune vorgaukelte, in einen großen Saal hineingeführt.
   „Hallo, ihr Mücken“, begrüßte er uns drinnen mit rauer, gröhlender Stimme. Er ließ zwei oder drei obszöne Soldatenwitze vom Stapel und wir jungen Kerle gröhlten laut um die Wette. So etwas konnte uns schon gefallen. Es konnte vielleicht ganz lustig werden, dieses Volkspolizistenleben. Dann gab er seine ersten Order aus. Seine knappen Erklärungen wiesen uns darauf hin, dass wir nun stolze Angehörige der Kasernierten Volkspolizei der Deutschen Demokratischen Republik wären und dass hier in Großenhain, für einen Teil von uns, die Grundausbildung begänne.
   „Damit ihr wisst, dass eure Füße nicht nur zum Tanzen und zum 'den Weibern hinterherrennen' da sind, sondern auch zum Marschieren ... ihr Jungelche“, witzelte er anspielend auf unsere kommende Dienst- und Ausbildungszeit. Bereits in den nächsten Stunden begann der Spaß aufzu-hören und wir wurden zu Gruppen, Zügen und Kompanien zusam-mengestellt. Harry, der eben noch neben mir gesessen hatte, wurde mit vielen anderen Anwärtern mit den Worten aufgerufen:
    „Ab, zu den Fliegern ...“
Ohne, dass wir uns von einander verabschieden konnten, begab er sich hinüber zu seiner neu eingeteilten Mannschaft. Ich wurde kurz danach zur Flak (Fliegerabwehrkanone) abkommandiert. Harry würde also künftig dort oben in der Luft herumkurven, während ich die gegnerischen Flugzeuge ohne ordentliche 'Landung' vom Himmel herunterholen sollte. So waren damals meine ersten primitiven Visionen von unserer militärischen Zukunft und mir war in keinster Weise auch nur annähernd klar, was diese militärischen Formationen mit den Aufgaben einer Deutschen Volkspolizei zu tun haben sollten. Weitere Züge wurden zusammengestellt. Zu den Panzereinheiten,
 
zur Infanterie, den sogenannten Fußlatschern, zur Artillerie und Pioniereinheiten, Motorisierte Schützenverbände, Marine, Grenzpolizei und so weiter und so fort. Noch am gleichen Tage wurde Harry mit seinen neuen Kameraden, beziehungsweise Genossen, wie es nun hieß, für einen neuen Transport vorbereitet. Dann, am späten Nachmittag wurden sie auf Militärfahrzeuge verfrachtet und zu ihren neuen Standorten transportiert. Obwohl man uns damals bei der Anwerbung in unserem Lehrbetrieb in die Hand versprochen hatte, dass wir zwei zusammenbleiben könnten, nun war ich wieder allein. Dieses Versprechen galt nicht mehr, es hatte wohl niemals gegolten, denn hier herrschten andere Gesetze. Ein ziemlich wilder Haufen von Freiwilligen, die sich vorverpflichtet hatten, drei Jahre bei der „Fahne“ dienen zu wollen, wie wir es später nannten, war es, wo ich nun hineingera-
ten war. Ich glaube, die wenigsten von uns waren diesen Schritt aus echter, reiner Überzeugung, ihrem Staat zu dienen, gegangen. Viele hatten ganz einfach wie ich das Verlangen, von zu Hause wegzukommen. Abenteuerlust und Neugier auf etwas Neues, noch Unbekanntes, spielte dabei sicherlich eine vorrangige Rolle. Ich hatte gehofft, dass unser zusammengestellter Zug vielleicht in der Nähe von Großenhain bleiben könnte, denn das wäre von zu Hause nicht all zu weit entfernt gewesen, wenn wir später einmal in Urlaub fahren könnten. Weit gefehlt!
   Wir schliefen zunächst in riesig großen Sälen, die für etwa achtzig Mannen ausgestattet worden waren und bereits am ersten Abend gab es schon ernsthafteste Auseinandersetzungen und Schlägereien im Kampf um die besten Schlafplätze. Den kräftigsten und robustesten Kerlen gelang es, einen Fensterplatz zu ergattern, weil dort die beste Frischluftzufuhr gesichert war. Es war ja auch äußerst unangenehm, mitten im Saal schlafen zu müssen. Auch ich hatte mir durch Schnelligkeit und Geschick einen schönen Platz in Fensternähe ergattert. Aber so ein knallharter, breitschultriger Grobian machte kurzen Prozess mit mir. Er packte mich mit der einen Hand hinten am Hosenboden und mit der anderen am Kragen und warf mich einfach in den Bettengang hinein. Meine Sachen schoss er mir hinterher. Obwohl ich stinksauer war und voller Wut kochte, was sollte ich 'Feinmechani-kerkerlchen' wohl gegen solch einen robusten 'Metzgergesellen' ausrichten können. Also beschränkte ich mich darauf, ihn mit bösen Blicken zu strafen. Nun musste ich auf Bettensuche gehen, denn es waren ja schon so gut wie alle vergeben und besetzt. Schließlich fand ich doch noch eine hässliche Liegestätte, mit der ich wohl oder übel vorlieb nehmen musste. Am liebsten hätte ich mein Bündel geschnürt und wäre mit Hurragebrüll davon gestürmt, wieder hinaus in die zivile Freiheit. Die Offiziere hatten mit ihrer Stamm-mannschaft alle Hände und Fäuste voll zu tun, um wieder Ordnung und Ruhe herzustellen. Sie begegneten diesen Gewaltakten mit militärischer Härte und einige dieser Unruhestifter und Schläger wurden nun mit robuster Gegen-gewalt aus dem Saal gezerrt und arrestiert. Diese eisernen Doppelstockbetten, sie erinnerten mich ein bisschen an das Internatsleben in Glashütte.

 
Etwas Wehmut war schon dabei, bei diesem 'Zurückerinnern'. An einen ausgiebigen Schlaf war natürlich in dieser ersten Nacht nicht zu denken. Ein entsetzliches Geschnarche und Gegrunze ließ mich nicht zur Ruhe kommen und diese widerlichen Körperausdünstungen von solch eine Meute Menschen, waren nicht dazu angetan, sauerstoffreich atmen zu können.
 Gleich in der ersten Nacht bekam ein Freiwilliger unmittelbar neben mir, einen schweren epileptischen Anfall. Er lag nur zwei Betten von mir entfernt. Noch nie hatte ich so etwas furchtbares gesehen und miterleben müssen. Das spärliche Nachtlicht, oben an der Decke, gab dieser Situation ein gespensterhaftes Aussehen. Dieser Unglücksmensch war aus seinem Bett herausgerollt und zu Boden gestürzt, wo er sich wild hin und herwälzte. Der arme Kerl hatte Schaum vor seinem Munde und seine Glieder waren so schrecklich verkrampft und verzerrt. Es war grausam für mich und für die anderen jungen Männer, zusehen zu müssen, wie er sich quälte und wie er litt. Er zuckte am ganzen Körper und die Sanitäter, die herbei gerufen worden waren, hielten ihn fest und schoben ihm einen Ledergurt oder ein Koppel zwischen die Zähne, damit er sich nicht die Zunge abbeißen konnte. Dann, als endlich sein Anfall zu Ende ging, trugen sie ihn hinaus in die Krankenstube. Ich glaube, seine Vorverpflichtung wurde aus gesundheitlichen Gründen für ungültig erklärt, denn wir sahen ihn nie wieder.
    Früh um 5.3o Uhr brüllte uns ein Unteroffizier vom Dienst, kurz U.v.D. genannt, aus den Betten.
    „Nachtruhe beenden! Alles raustreten zum Frühsport!“
Da gab es kein behäbiges, langsames Räkeln, Strecken und Gähnen im Bett. Alles musste im Minutentempo, wie bei einem vorgestellten Uhrwerk ablaufen. Müde und zerschlagen von dieser unruhigen Nacht, sprang ich aus meiner Koje. Nach einem etwa zehnminütigen Tempolauf, der meiner Raucherlunge überhaupt nicht gut tat und sie in arge Nöte brachte, waren noch Leibesübungen angesagt und dann mussten wir im Laufschritt unsere Waschutensilien holen. Die Waschräume unten im Kellergeschoss, waren äußerst primitiv ausgestattet. In der Mitte dieses großen Raumes standen auf zusammengeschweißten Eisengestellen waschtrogähnliche, lange Behälter aus Steingut. Darüber hatte man Eisenrohre installiert, die in Abständen von etwa fünfzig Zentimetern aufgebohrt worden waren, so dass aus diesen kleinen Öffnungen dünne Wasserstrahlen heraus spritzten. Natürlich gab es kein warmes Wasser. Die Jungpolizisten sollten ja abgehärtet werden. Es war ein wahres Gräuel, mit kaltem Wasser die Zähne putzen zu müssen. Zu meinem Glück musste ich mich damals noch nicht rasieren. Mein Gesichtsflaum war Gott sei Dank noch zu unterentwickelt und unmännlich. Schon nach einer sehr kurzen Zeit stand dieser U.v.D. wieder in der Tür und brüllte in den Raum hinein:
   „Los, los! Ein bisschen Beeilung meine Herren. Anziehen. In zehn Minuten gibt es Frühstück. Und wer zu spät kommt, den beißen die Hunde ...“
Diese Drohung sollte wohl bedeuten, wer nicht rechtzeitig zum Essen
 
erscheint, der hatte Pech gehabt und musste mit dem Vorlieb nehmen, was eventuell übrig blieb. Im Speisesaal befand sich vorn, neben dem Eingang eine Kantine. Dort erhielten wir einen Plastteller, Aluminiumbesteck, sowie einen leeren Plasttrinknapf, dessen Rand sehr stark angedunkelt war. Es war äußerst unappetitlich, aus solch einem Gefäß trinken zu müssen. Aus daneben stehenden Plastkannen konnten wir uns Kaffee in Überfluss selbst eingießen. Malzkaffee wurde dieses üble Gesöff genannt. Mein Nachbar krakeelte laut vor sich hin:
   „Hier haben sie wohl die Socken ausgekocht, vom letzten Fußmarsch ...?“
Auf dem Teller lagen drei dünne Schnitten Vollkornbrot, ein kleiner Würfel Butter, sowie drei Scheiben grobe Leberwurst.
Wir nannten dieses Gefräß später Zementwurst.
     'Mein Gott, wo bin ich denn hier hin geraten?', dachte ich mir im Stillen, indem ich mein Frühstück so rasch wie nur möglich hinunterwürgte. Ein Volkspolizist wollte ich werden, der später einmal seinen Dienst für die Ordnung und Sicherheit, auf den Straßen leisten wollte. Nun war ich mit den vielen anderen jungen Burschen in dieser Kaserne eingepfercht und mir wurde immer klarer, dass meine Vorstellungen von dem, was ich eigentlich gewollt hatte, wie Seifenblasen zerplatzten. Zwar hatte ich meine endgültige Verpflichtung noch nicht unterschrieben. Auch waren wir noch nicht vereidigt worden, aber einen Rückzieher wollte ich auf keinem Fall machen. Diese Blöße wollte ich mir vor meinen Leuten zu Hause auf keinem Fall geben. Ich hatte nunmehr das Gefühl, in einem Gefängnis leben zu müssen und den vielen anderen jungen Männern ging es sicherlich, nach ihren Mienen zu urteilen, nicht viel anders. Dann, nach dem Frühstück wurden wir in verschiedene Unterrichtsräume aufgeteilt. Vorsorglich hatte man uns gleich am Anfang dieser Informationsstunde unsere Verpflichtungen unterschreiben lassen. Ein Hauptmann erläuterte uns nun, dass dieser Kasernenstandort nur ein Durchgangsaufenthalt für uns wäre und dann ließ er die Katze aus dem Sack. Unser künftiger Standort hieß 'Torgelow' und er läge oben im Mecklenburgischen.
    „Ach du dreimal gerührte Scheiße. Das fehlt mir gerade noch ...“, murmelte ich enttäuscht vor mich hin. „Wieder in dieses vermaledeite Flachland, wo ich doch schon einmal in meiner Kindheit, ein halbes Jahr in diesem Wüstenbülow zubringen musste und nun gleich drei volle Jahre ...“
 „... in den nächsten Tagen wird ein Sammeltransport zusammengestellt und dann kommt ihr endlich an Ort und Stelle und dann werdet ihr euch ganz schnell an unsere militärische Ordnung gewöhnen. Ist das klar?“
    „Jawoll!“, brüllten wir, ohne zu wissen, was uns dort oben erwarten würde. Brüllen gehörte hier zum 'guten Ton'. Alle Vorgesetzten brüllten durch die Gegend und wir mussten, wenn wir zu antworten hatten, befehlsgemäß zurück brüllen. Jedoch nie ganz so laut, wie unsere Vorgesetzten. Wenn einer von uns es sich erlauben sollte, unaufgefordert zu brüllen, dem sollte es nicht besonders gut ergehen, weil dieses 'Aufmucken' nicht statthaft war.
   Diese letzten Worte des Hauptmanns erklangen wie eine unterschwellige Drohung und sie hingen von nun an wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen. Danach wurden wir eingekleidet. Uns wurden vom Innendienstleiter, kurz 'Spieß' genannt, mit seinen Leuten von der Kleiderkammer eine Uni-form, ein paar hohe Schuhe aus Rindsleder, zwei paar grobe Baumwollsocken, sowie zweimal Unterwäsche verpasst. Diese Unterwäsche war mit einem wasserechten Stempel versehen worden, der darauf hinwies, dass es sich um Eigentum der Deutschen Volkspolizei handelte. Die Kragenspiegel - wir hatten schwarze, rot umränderte - mussten wir uns natürlich selbst annähen. Schwarz war das Zeichen der Waffengattung Artillerie. Wir gehörten dazu, waren jedoch der Untergruppe 'leichte Flak' zugeordnet. Dann bekamen wir noch ein Käppi, eine Schirmmütze, sowie drei Kragenbinden. Unsere Uniformen trösteten uns etwas über diese schwere Eingewöhnungsphase hinweg und als wir uns endlich eingekleidet hatten, stieg sogar ein wenig unser Stimmungsparameter und wir waren auch ein bissel stolz auf uns. Unser Selbstwertgefühl war dadurch, allerdings nur dem Scheine nach, angehoben worden, denn jetzt, wo wir unsere Uniformen tragen durften, konnte und musste doch alles nur besser werden ... Wir hatten ja keinerlei Vorstellung von dem, was da noch auf uns zukommen sollte, in den nächsten drei Jahren und dass die wenigen Tage hier in Großenhain nur ein winziges, kleines Vorgeplänkel gewesen war.
 
                                                 *
 
   Bereits zwei Tage später marschierten wir wieder zum Bahnhof. Einige Offiziere und Soldaten begleiteten uns und gaben Obacht, damit keiner von uns wieder entwischen konnte. Unser Gepäck, mit den Zivilsachen und persönlichen Utensilien war bereits verladen worden. Wir mussten vor unserem Abmarsch aus der Kaserne überall Namensschilder anbringen. Dann ging es ab, hinauf in den Norden. Es war allerdings eine völlig andere Strecke, wie damals, als ich mit meinem Vater ins Erzgebirge gefahren war. In Berlin gab es für uns keine Halte - und Wartezeit. Es war mit der Reichsbahndirektion alles so exakt durchorganisiert worden, so dass wir ungehindert und problemlos, zwar mit verminderter Geschwindigkeit, aber immer noch schnell genug, durch Berlin hindurchfahren konnten, damit keiner von uns auf den Gedanken kam, vom Zug abzuspringen, um in die Westsektoren flüchten zu können. Das wäre auch kaum möglich gewesen, weil die Waggonausstiege von unseren Begleitmannschaften besetzt und bewacht wurden. Wir fuhren sozusagen in einem fahrenden Gefängnis.
    Wir spielten indessen unverdrossen Karten in den Abteilen, sangen allerlei Lieder und ließen alles auf uns zukommen, weil es sowieso nicht mehr zu ändern gewesen wäre. In der Großenhainer Kaserne hatte der Schwarz-handel mit Schnapspullen geblüht. Die dort stationierten Soldaten wussten schon aus Erfahrung, was wir für die lange Bahnreise dringend benötigten. Fast jeder von uns, hatte ein oder gar zwei dieser 'Mutmacher' irgendwo versteckt. Ab und zu ein kleiner oder auch größerer Schluck ließ unsere Stimmung deutlich ansteigen. Der Alkoholspiegel drückte auf unser Denkvermögen und verursachte dieses Gefühl des Gehobenseins und ließ uns frohen Muts einer unbekannten Zukunft entgegenfahren. Dann, nach vielen Stunden Bahnfahrt, längst waren unsere Flaschen geleert, da erreichten wir die Garnisonsstadt 'Torgelow':
    Draußen, vor dem Bahnhof erwarteten uns schon riesige Militärfahrzeuge sowjetischer Herkunft, Typ G 5 und nach dem wir aufgestiegen waren, fuhren wir sechs, es mögen vielleicht auch acht Kilometer gewesen sein, auf einer notdürftig angelegten Waldstraße entlang, mitten durch halbhoch, dichte Kiefernbestände, bis wir endlich in unserem endgültigen Standort 'Drögeheide' angekommen waren. An den ersten zwei Toren, links von uns, fuhren wir vorüber. Am dritten Tor hielten wir und ein Kontrollposten besah sich gründlich und gewissenhaft die Begleitpapiere. Dann wurde der Schlagbaum hochgehievt und wir fuhren hindurch. Ja und dann ... war es endgültig um uns geschehen. Nichts mehr war mit Soldatenhumor und 'Hallo ihr Mücken'. Auch die Wirkung des Alkohol in unseren Köpfen war längst verflogen und übrig blieb ein banges Gefühl der Unsicherheit in uns.
    „Los, los! Alles runter von den Fahrzeugen. Bisschen dalli, dalli und zack, zack!“, fauchte uns ein Offizier in die Ohren, nachdem die Fahrzeuge zum Stehen gekommen waren. Rasch sprangen wir herunter, wie eine Schaf-herde, welche nun auf die Weide getrieben werden soll und schon wieder erklang diese scharfe, unangenehme Kommandostimme:
 „Kolonne stillgestanden! Rechts um! Im Gleichschritt maaarsch!“
Im Stillen reimte ich mir darauf mein eigenes Verschen:
   „Du alter Aaaaarsch“ und ich konnte sogar dabei etwas grinsen. Dann stolperten wir durch den knöcheltiefen Taigasand vorwärts. Von marschieren konnte noch keine Rede sein. Aber das sollten wir in den nächsten vierzehn Tagen gründlich lernen, bis wir fast alle riesige Blasen an den Füßen und vor allem hinten an den Fersen bekommen hatten ...
   Wir marschierten also so recht und schlecht an einigen Kasernen vorbei, welche sich noch im Rohbauzustand befanden, rechts hinüber in ein angrenzendes Kieferwäldchen. Dort drinnen standen mehrere lange Holzbaracken, in die wir nun einziehen sollten. Unsere Koffer, Taschen und sonstige Gepäckstücke waren direkt vor einer Baracke abgeladen worden und wir wurden angehalten, rasch, ohne Verzögerung unser Sachen aufzunehmen. Soldaten in Drillichuniformen, die zu Bauarbeitern umfunktioniert worden waren, eilten emsig hin und her, schleppten Baumaterial und fuhren mit vollbeladenen Schubkarren durch die Gegend, denn die großen Kasernenblocks waren durch sie selbst und durch eine Organisation „Dienst für Deutschland“, von der ich noch nie etwas gehört hatte, kurz D. f. D. genannt, erbaut worden. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von Zivilisten und vor allem auch Mädchen an den Baustellen tätig waren. Dieser D. f. D. bestand aus freiwilligen jungen Leuten, vor allem wie schon erwähnt, Mädchen, die dem Aufruf: „Jugendobjekt Kasernenbau für Frieden und Sozialismus“ gefolgt waren. Es war wohl versuchsweise so etwas ähnliches, wie im III. Reich der Arbeitsdienst, nur eben auf freiwilliger Basis. Diese jungen Leute wohnten ebenfalls in Holzbaracken wie wir, nur 'leider' außerhalb des Kasernenstandortes. Vor einem Jahr war hier noch wilde, unberührte Taiganatur gewesen und bereits in den nächsten vier Wochen mussten die Kasernenblocks bezugsfertig sein. Das war oberstes militärisches Planziel und da wurden keine Abstriche geduldet. Ob Wind, Regen, Sturm oder Hagelschauer. Bei jedem Wetter wurde voll, in Tag- und Nachtschicht durchgearbeitet, bis wir es endlich geschafft hatten. Jede Schicht bedeutete für uns zwölf Stunden härteste Bauarbeit, nebenbei als Abwechslung noch einige Stündchen Grundausbildung und acht Stunden Schlaf blieben uns für die Regenerierung unserer Kräfte. Dieses Kurzhalten musste wohl so sein. Da kamen wir gar nicht erst auf die Gedanken, uns drüben bei diesem D. f. D. eine Mieze anzulächeln. Dafür waren wir viel zu sehr fertig auf unsere Knochen und ausgelaugt von dieser ungewohnten Schwerstarbeit. Wir alle, ohne Ausnahme waren in die Bauarbeiten einbezogen worden und diejenigen, welche sich nicht für spezielle Mauerer- und Bauarbeiten eigneten, mussten Hilfsarbeiten verrichten, wie Mörtel mischen, Baumaterialien schleppen oder mit der Schubkarre transportieren, Ziegel, Zement, Kalk und Bausand in die Etagen der Kasernen hoch tragen, bis zur Erschöpfung hin. Als wir schließlich Ende April einquartiert werden konnten, sahen unsere Hände aus, wie die von Schwerstarbeitern. Unsere Wasser-blasen, die sich gebildet hatten, waren längst abgeheilt und mit dicken Schwielen überwachsen. Für uns standen nun Schlafsäle für etwa sechzig Mann zur Verfügung. Das war die Kompaniestärke und unsere Räume stanken noch wochenlang nach frischem Zement und Kalk und es dauerte ziemlich lange, bis wir uns in diesem neuen Domizil eingewöhnt hatten. Von einem 'Wohlfühlen' konnte man ja in diesen riesigen Schlaf- und Wohnunterkünftigen kaum sprechen. Jetzt erst wurden wir für unsere späteren Dienststellungen überprüft, aussortiert und eingestuft. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir ausschließlich Bausoldaten gewesen, wenn man von den zusätzlichen Stunden unserer Grundausbildung absieht. Diese Einstufungen erfolgten nun unter den Gesichtspunkten der körperlichen Verfassung, der Berufsausbildung und sonstigen Eignungen. So wurde ich auf Grund meines erlernten Berufes als Feinmechaniker und auf Grund meiner Musikalität, den Funkern zugeordnet. Das war schon ein sehr interessantes Aufgabenbereich und vor allem, wie ich später feststellen konnte, körperlich bedeutend weniger anstrengend. Neben unserer nervenden Grundausbildung, erhielten wir auch schon praktischen sowie theoretischen Unterricht an den Funkgeräten 'RBM I - Radio Bataillo Malinki. Das hieß ins Deutsche übersetzt: Kleines Funkgerät für Bataillone. Bereits in den ersten Tagen unserer Spezialausbildung wurde uns erläutert, was wir beim Auftreten von technischen Störungen und bei einfachen Reparaturen zu unternehmen hätten. Unser Zugführer suchte sich zwei Neulinge aus, zu denen auch ich gehörte. Mit ernster Miene befahl er uns:
    „Ihr Zwei begebt euch geschwind hinüber, ins Materiallager und holt unsere generalüberholte Amplitude, damit wir auf Sendebetrieb gehen können. Ab mit euch! Wir benötigen sie dringend ...“
Wir zwei rasten los, dienstbeflissen, wie wir waren. Im Materiallager angekommen, hockte man uns einen riesigen Antennenmasten auf, an welchem wir ganz schön zu schleppen hatten.
     „Genosse Unterleutnant. Ich melde, zwei Mann zurück mit generalüberholter Amplitude.“
Exakt und mit leuchtenden Augen stand ich sowie mein Spannemann vor unserem Ausbilder. Langsam kam er auf uns zu und fragte:
     „Wo habt ihr sie denn?“
     „Draußen, vor der Tür. Genosse Unterleutnant.“
   „Alles mitkommen, das wollen wir uns doch mal genauer ansehen.“
Ich hatte schon so ein komisches, mulmiges Gefühl, als er dies sagte. Die ganze Funkertruppe begab sich nun nach draußen. Er stand vor dem Antennenmasten, den wir an die Hauswand gelehnt hatten und glotzte ihn an, während die anderen Funksoldaten, unser Gruppenführer sowie auch der Unterleutnant Würfel selbst, so hieß unser Ausbilder, uns angrinsten und schließlich laut grölend in ein Spottgelächter einstimmten.
     „So, ihr dämlichen Sackgesichter. Ihr Taigaärsche! Wisst ihr denn nicht, was eine Amplitude ist? Alles rein in den Unterrichtsraum!“
Nachdem wir wieder alle drin Platz genommen hatten, setzte er sein unerquickliches Gespräch mit uns fort:
     „Gestern habe ich euch darüber einen Vortrag gehalten und nun sperrt eure Lauscher noch einmal auf. Ein drittes Mal erkläre ich es euch nicht mehr.“ 
Dann erläuterte er uns noch einmal an der Wandtafel, dass eine Amplitude die Schwingungsweite einer bestimmten Funkwelle ist und dass wir zwei, einen elenden, schrottreifen Antennenmasten zum Gespött aller herbei geschleppt hatten.
   „Nach dem Unterricht bringt ihr diesen Scheiß wieder hinüber, zum Lager.“
 „Zu Befehl Genosse Unterleutnant.“, brüllten wir zwei geleimten Deppen und wir waren heilfroh, dass dieser harmlose Soldatenscherz so glimpflich abgegangen war. Einige Tage später hatten wir Waffenkunde. Unterricht an den Dienstwaffen. Jeder hatte einen nummerierten Karabiner, sowie eine Kalaschnikow, das waren die Trommel-maschinenpistolen. Wir mussten gründlich die Läufe unserer Waffreinigen, die Schlösser auseinander nehmen und wieder zusammensetzen, sowie ordentlich einölen. Unser Unteroffizier rief mir zu:
    „Soldat Lorber. Bringen sie mir doch mal die Seelenachse von ihrer Dienstwaffe nach vorn.“
     „Zu Befehl, Genosse Unteroffizier.“
Ich stand auf, nahm beide Hände wie in einem Flohzirkus nach vorn, hob vorsichtig etwas Erdachtes und Unsichtbares hoch und trug dieses Nichtvorhandene behutsam zu ihm hin. Langsam und bedächtig legte ich es auf den Tisch unseres Unteroffiziers. Ich glaube, von diesem Augenblick an, hatte ich bei ihm einen besonderen Stein im Brett. Ich wusste gar nicht, dass Vorgesetzte so herzlich lachen konnten und alle anderen im Unterrichtsraum stimmten in dieses Gelächter ein.
    „Lorber, sie sind eine echte Ulknudel. Das war nicht schlecht gemacht. Das war ja fast schon eine Pantomime, was sie uns hier vorgespielt haben.“
    „Genosse Unteroffizier. Ich habe den rostigen Antennenmasten, den wir schleppen mussten, noch sehr gut in Erinnerung ...“
Der Dienst fiel uns nur halb so schwer, wenn ab und zu ein bissel Spaß und Ulk dabei war. So vergingen die Ausbildungsstunden rascher und die verknöcherte Dienstordnung wurde etwas aufgelockert. Es gab sowieso harte Brocken, die wir kaum erschlucken konnten, wie zum Beispiel über die Sturmbahn mit all ihren fast unüberwindlichen Hindernissen robben und klettern zu müssen. Das schlimmste Übel für mich war, das Überwinden der Eskalierwand. Eine mehrere Meter hohe Gebäudewand aus Bretterholz, mit verschiedenen Fensteröffnungen und man musste von einer Öffnung zur anderen höherliegenden hoch hangeln und das in voller Montur und Ausrüstung, sowie mit dem Karabiner oder der M Pi auf dem Rücken. Oft genug versagten mir und auch den anderen Kameraden die Kräfte in unseren Armen und Beinen. Wenn erst einmal die sogenannte Nähmaschine über uns kam, dann reichten unsere Kräfte nicht und wir stürzten hinunter auf die sandige Erde. Nähmaschine nannten wir dieses Zittern in den Armen und Beinen durch Überlastung. Wie ein nasser Sack hing ich mitunter in dieser verteufelten Bretterwand und ich konnte weder vor - noch rückwärts und ich verfluchte diese beschissene KVP, denn unten brüllte und tobte indessen unser Gruppenführer und trieb uns ständig, von neuem an.
     „Ihr schlappen Säcke. Wenn ihr auf eueren Weibern auch so kraftlos herumhängt, dann ist es kein Wunder, wenn sie euch Hörner aufsetzen ...“
Wir mussten diese Übung so oft wiederholen, bis alle Mann es geschafft hatten. Wenn ich ehrlich sein soll, es sah sicherlich wenig mannhaft aus, wie ich zumindest in der ersten Zeit dort oben in den Öffnungen hing und am liebsten gekotzt hätte, weil ich zu meinem Unglück auch nicht schwindelfrei war. Aber auch dieses Übel überwand ich durch beharrliches Training. Noch weitaus schlimmer hatten es die Besatzungen an den Flakgeschützen ge-troffen. Neben der eben erwähnten Eskalierwand, mussten sie noch weitaus härtere Bedingungen über sich ergehen lassen. Auch die Fernsprecher, Strippenzieher genannt, mussten ihre schweren Kabelrollen in hohem Tempo durch die unwirtliche Gegend schleppen und Leitungen verlegen. Da hatten wir es, mit unserer Induktion (drahtlose Übertragung) und mit unseren 'Amplituden' schon bedeutend leichter und angenehmer.
 
                                                    *
 
      Von Anfang an, nachdem wir unsere Ausbildung an den Handfeuer-waffen sowjetischer Herkunft abgeschlossen hatten, mussten wir mit den älteren Hasen Wache schieben. Unten, im Kellergeschoss waren die Waffen- und Munitionsarsenale untergebracht. Zwei Stunden Wachdienst, zwei Stunden Freiwache, da konnten wir auf den Pritschen im Mannschaftsraum einen einziehen und zwei Stunden Wachbereitschaft, rund um die Uhr, vierundzwanzig Stunden lang. Unten, im Kellerflur mussten wir also die Waffenkammer bewachen, zwei nervtötende Stunden lang, bis zur nächsten Wachablösung. Vierzig Schritt hin bis zum vergitterten Waffenlager, vierzig Schritt zurück bis zum Kellerausgang. Ich begann, die Fliesen zu zählen. Sechsundneunzig in der Länge des Flurs und sechs Stück in der Breite. Wenn man schön langsam dahin schritt und mitzählte, kam man auf die stattliche Anzahl von immerhin 576 Fliesen. Jede einzelne hatte eine Abmessung von etwa vierzig mal vierzig Zentimeter. So vergingen dort unten die monotonen und einsamen Wachstunden. Wenn man alle Fliesen acht mal abgeschritten war, dann konnte man endlich die Wachablösung erwarten.
    Bei meinem ersten Wachdienst dort unten, hatte ich gerade Freiwache und schlief den Schlaf des Gerechten auf meiner Pritsche, als eine fürchterliche Detonation erfolgte. Unten, im Kellergang war ein Schuss abgefeuert worden. Dieser Knall, der in einem geschlossenen Raum um ein vielfaches lauter schallte, als im Freien, prallte von den Wänden zurück, wiederholte sich in ganz kurzen sekundenschnellen Zeitabständen immer wieder, bis er all-mählich leiser und immer leiser wurde, dann endlich zur Ruhe kam und schließlich gänzlich verstummte. Dann trat eine unheimliche Still ein, und man hätte eine Nadel auf den Boden fallen hören können. Unser Wach-habender brüllte, als er sich gefasst hatte laut:
   „Alarm!“ Wir stürzten zum Waffenständer, rissen unsere Gewehre heraus und eilten total geschockt und überstürzt hinunter in den Keller. Im ersten Augenblick dachten wir natürlich an irgendeinen Ernstfall, Sabotageakt oder etwas ähnlichem. Es wusste ja keiner, was sich dort unten zugetragen hat-te. Welch ein grausiger und entsetzlicher Anblick ... Einer meiner Kamera-den,   mit dem ich in Großenhain eingestellt worden war, hatte sich mit seiner Waffe in den Mund geschossen. Seinen Schädel hatte es zerfetzt und total auseinander gerissen und dort, wo einmal sein Hals gewesen war, hingen nur noch undefinierbare Fleisch- und Knochenfetzen. Der unglück-selige Kerl lag in einer großen Blutlache und auch die Wände und sogar die Decke waren über und über mit seinem Blut bespritzt und besudelt. Ich musste, als ich dieses grausige Unglück erblickte, mich mehrere Male übergeben und ich fing ganz schrecklich an zu heulen. Wenige Stunden zuvor hatten wir uns noch im Wachzimmer miteinander unterhalten und ich hatte ihm nichts, aber auch gar nichts angemerkt, dass er seinem Leben auf solch eine furchtbare Art ein Ende bereiten wollte. Auch meine anderen Genossen waren geschockt und völlig durcheinander. Eine kräftige Ohrfeige meines Wachhabenden brachte mich schließlich wieder einigermaßen zur Vernunft und auf den Boden der Realität zurück. Ich hatte völlig hysterisch und unkontrolliert auf dieses Vorkommnis reagiert. Es war wohl das einzig richtige in dieser Situation gewesen, mich von meinem Schockzustand zu befreien. Inner-halb weniger Minuten wurde dann unsere gesamte Wachmannschaft abgelöst und wir wurden einzeln einem Verhör unterzogen. Eine sofort eingesetzte Untersuchungskommission nahm ihre Arbeit auf. In seinem Nachtschrank wurde ein Abschiedsbrief seiner Liebsten gefunden. Sie hatte ihm darin mitgeteilt, dass diese drei Jahre für sie zu lang und unerträglich wären, um auf ihn warten zu können. Das hatte dieser arme, bedauernswerte junge Mensch seelisch nicht verkraften können. Auch ich hatte ja meine Freundin durch diese dreijährige Verpflichtung verloren. Ein wunderbares Mädchen, welches ich erst vor kurzem in Schmiedeberg kennen gelernt hatte. Sie war ebenfalls der Meinung gewesen, dass es für ein junges Mädel unzumutbar wäre, so lange auf einen Burschen warten zu müssen. All mein Bitten und Betteln half nichts. Sie blieb hart.
     „Wenn du mir schreibst, ich werde dir nicht antworten ...“, hatte sie mir zum Abschied noch zugerufen. Dann wandte sie sich einfach ab und rannte davon. Obwohl auch ich sehr unglücklich gewesen war, an einen Selbstmord hätte ich nie gedacht, dafür war mir mein junges Leben viel zu wertvoll. Sicherlich war seine Bindung bedeutend intensiver und enger gewesen, als es bei mir der Fall gewesen war. Aber trotzdem. Mit achtzehn Jahren einfach sein Leben wegzuwerfen und sich eine Kugel durch den Kopf jagen, da muss solch ein Mensch innerlich schon sehr zerrissen gewesen sein. Ich glaube, um solch eine Untat begehen zu können, da muss man schon sehr, sehr viel Mut besitzen. Andererseits sah ich darin auch eine gewisse Feigheit vor dem kommenden Leben. Glücklich sind wohl nur jene Menschen, die nie in derartige Widersprüche hineingeraten sind.
     Mein ehemaliger Kamerad, der Selbstmörder, stammte aus Marienberg, im Erzgebirge. Unser Zugführer, sein Gruppenführer und ich, weil ich mit ihm in Großenhain eingestellt worden war, wir erhielten den Befehl, an der Beerdigung teilzunehmen. Dieses erschütternde Erlebnis, wie seine Mutter am offenen Grabe niedersank und sich am Sarg noch einkrallte, habe ich lange, lange Zeit nicht richtig verarbeiten können und mich überfielen immer wieder in den Nächten erdrückende Albträume. Sicherlich erging es mir nicht allein so. Aber der tägliche Dienst und das war vielleicht sogar unser Glück, nahm uns voll in Anspruch. Dieser ständige Kasernendrill fraß unsere Tagesstunden auf und er ließ uns nicht die Möglichkeit, intensiver darüber nach zu denken. Oft waren wir nach Dienstschluss so kaputt und fertig, dass auch diese innere Verspanntheit allmählich nachließ und schließlich immer mehr verdrängt wurde. Ja und dann geriet dieses schreckliche Erlebnis in unsere Vergangenheitsbewältigung. Vergessen habe ich es nie, aber wir Menschen sind eben 'Gewohnheitstiere' und wir werden, ob wir es nun mögen oder nicht, mehr oder weniger mit allen Lebenslagen irgendwie fertig. Wir hatten bei den alten, schon länger dienenden Hasen irgendwie mitbekommen, dass sie in ihren Spinden Kalender versteckt hielten, die sie Abends vor dem Schlafengehen, wenn die U.v.D. Kontrolle vorüber war, hervorholten. Jeder einzelne, vergangene Tag ihres Soldatenlebens wurde, man kann fast schon sagen, akribisch und andächtig weggestrichen. Und da sich ihre Dienstzeit schon ganz gewaltig auf den absteigenden Zeitast befand, konnte man ihre Genugtuung und Vorfreude förmlich spüren, weil der Tag ihrer Entlassung immer näher rückte. Sie saßen auf ihren Betten, einzeln oder gruppenweise und rechneten immer wieder die restlichen Tage nach, in der Hoffnung, dass sie einen Tag übersehen hätten. Es war schon zu einem richtigen Ritual geworden, dieses Abstreichen und Rechnen. Einige von uns Neulingen fingen auch schon mit diesem Unsinn an. Das war natürlich geistlos und sinneszerstörend, weil wir doch noch weit über eintausend Tage abzuleisten hatten. Deshalb fing ich auch gar nicht erst damit an. Einer von uns Jungen wurde immer damit beauftragt, vorn an der Türe Lauschposten zu stehen, weil es unter Strafe verboten war, solche Abstreichkalender zu führen. Urlaubssperre, Ausgangsverbot und Auferlegung zusätzlicher Reinigungsarbeiten in der so kostbaren Freizeit waren die dragonischen Maßnahmen der Vorgesetzten, wenn sie solch einen Abstreichkalender bei der Spindkontrolle entdeckten.
 
                                             *
 
   Draußen, im zivilen Leben rumorte es in der Republik. Arbeiter streikten in den Betrieben und Großstädten. Sie wollten ein besseres Leben und vor allem mehr Geld für ihre geleistete Arbeit. Eine unerhörte Normschinderei brachte die Produktionsarbeiter auf die Barrikaden. Die Parteiführung, oben in Berlin hatte beschlossen, die Produktionsnormen um zehn Prozent zu erhöhen.
     „So wie wir heute arbeiten,   so werden wir morgen leben ...“, hieß eine der Parolen, welche Partei und Regierung ausgegeben hatte. Von all den Aufständen und Demonstrationen in den Fabriken und Städten wussten wir natürlich nichts und wir erfuhren erst viel, viel später davon, als die Rebellion längst nieder geschlagen worden war. Es gab ja in den Kasernen weder Radioapparate und gleich gar keine Zeitungen. Für uns dudelte in den Freistunden der Kasernenfunk über Lautsprecher mit vorgegebenen Sendun-gen. Am Tage, als sich vor allem in Berlin die Lage so kritisch zuspitzte, also am 17. Juni, da hatten wir Außenausbildung mit Geländemarsch. In voller Kampfausrüstung marschierten wir viele Stunden ohne Rast durch die Taiga
 
und wir überquerten schließlich sogar das kleine Uckerflüsschen, indem wir unsere Kleidung und unsere Ausrüstung gebündelt mit dem Koppel auf unsere Köpfe schnallten. Die Nichtschwimmer, zu denen auch ich gehörte, wurden mit ausgeästeten Baumstämmen hinüber gelotst. Eigens dafür wur-den einige Bäume von uns gefällt. Wir übernachteten in einem Kieferwäldchen auf unseren Zeltplanen und am darauf folgendem Tage, in aller Herrgottsfrühe, ging es schon wieder weiter. Wie schon erwähnt, wir gemeines Fußvolk wussten nichts von dieser überaus kritischen Lage in der Republik. Diese 'Langzeitausbildung' über Nacht sozusagen, sie machte uns schon stutzig und nachdenklich. Man hatte uns jedoch von Anfang an eingetrichtert:
     „Ein Soldat denkt nicht, er führt Befehle aus und gehorcht.“
Unser Feldwebel Alex Hahne, sowie Unteroffizier Heinz Linke, sie beruhigten und beschwichtigten uns immer wieder und sprachen von einer achtundvierzig stündigen Marschausbildung. Ununterbrochen bewegten wir uns mit Landkarte und mit dem Kompass vorwärts. Dabei umgingen wir die Orte und Dörfer, die vor uns lagen. Zwei volle Rucksäcke mit Kaltverpflegung nannten wir unser eigen und wir mussten äußerst sparsam damit umgehen. Für die kurzen Rastmahlzeiten wurde uns das Essen streng zugeteilt und rationiert.
     „Nur keine Angst Jungs. Heute Abend sind wir an Ort und Stelle und dann könnt ihr euch euere Wänster voll schlagen, bis euch die Kragenbinden platzen ...“
Welchen Ort und welche Stelle unsere beiden 'Vorgesetzten' gemeint hatten, sollten wir schon sehr bald erfahren und zwar auf eine äußerst unangenehme und brutale Art und Weise. Nach unserem Nachrichtenzug wurde schon längst gefahndet. Wir waren überfällig geworden in unserem Standort. Sonderkommandos waren ausgerückt, um uns abzufangen. Weit hinter Prenzlau, unweit von Templin und schon ziemlich nahe an Berlin, hatten sie uns eingekreist, gemeinsam mit einer sowjetischen Sonderkompanie. Während uns die russischen Soldaten umzingelten, prügelten unsere deutschen Waffenbrüder mit ihren Gewehrkolben auf uns ein. Wir hielten die Hände schützend über unsere Köpfe, um diese brutalen Schläge etwas abfangen zu können. Unsere zerschlagenen Arme und Hände wurden mit sogenannten „Achten“ auf dem Rücken gefesselt. Dieses Einknacken des Schlosses hinter meinem Rücken hatte sich für lange Zeit in meinem Hirn eingebrannt. Die russischen Soldateskas eskortierten uns mit ihren auf uns gerichteten Handfeuerwaffen und wir wurden rücksichtslos, mit äußerster Brutalität auf die bereitstehenden Militärfahrzeuge hinauf gestoßen. Wer nicht von selbst, rasch genug hochsteigen konnte, weil ja unsere Arme auf den Rücken gefesselt worden waren, der bekam noch einmal diese robuste Gewalt der Gewehrkolben zu spüren. Dann wurden wir in die Kaserne zu Prenzlau gefahren. Diese geschlossenen Militärfahrzeuge, mit ihren vergitterten kleinen Guckfensterchen an der Hintertür, nannten wir 'die grüne Minna'. Einzeln wurden wir unseren Verhörenden vorgeführt und wir wurden physisch und psychisch gequält, misshandelt, geschlagen und gedemütigt. Aussagen sollten wir, wo wir über die Grenze gewollt hätten, wer unsere Anstifter gewesen wären und ob wir gar, im Auftrag Westberliner Agenten gehandelt hätten und wir armen, gequälten Schweine wussten überhaupt nicht, was mit uns geschehen war. Ich erinnere mich noch, wie ein bulliger, kleiner und untersetzter Kerl in Zivil vor mir stand und jedes Mal schlug er in mein Gesicht, wenn ich mit den Schultern zuckte oder mit meinem Kopf schüttelte, weil ich doch nichts auszusagen hatte. Ich werde wohl diese kalten Augen und sein von Windpocken oder Masern zernarbtes Gesicht niemals vergessen können.
     „Nimm deine Wichsgriffeln aus deiner Fresse, wenn ich dir die Wahrheit eintrichtere“, grunzte mich dieser Wildschweinkeiler an, wenn ich seine Schläge abzuwehren versuchte, um mich etwas zu schützen. Zwei Tage lang mussten wir diese entmenschte Tortur über uns ergehen lassen, bis die Untersuchungskommission, sicherlich bestehend aus 'Militärstasileuten', erkennen musste, dass wir, das gemeine Fußvolk, unwissentlich in diese unbewusste Fahnenflucht hineinmanövriert worden waren. In Einzelzellen hatte man uns eingesperrt und ich kam mir wie ein Schwerverbrecher vor. Erst viel, viel später war mir so richtig bewusst geworden, in welcher Gefahr wir uns, ich und meine Kameraden, befunden hatten. Und dass wir um Haaresbreite ebenfalls, aber völlig unschuldig, für viele Jahre hinter Gittern gelandet wären. Als ich so allein in meiner Zelle saß, zerschlagen und zerschunden, da dachte ich zurück an jene Zeit, als mich damals in Graupen - ich war ja noch ein Kind gewesen - eine tschechische Behörde aus der Wohnung holte. Dann, meine Schulfreunde und ich, oben in der Narodny Vypor (Städtisches Gemeindeamt) vor dem Bürgermeister und dem Milizkommisar als elfjährige Knaben stramm stehen mussten, weil vermutet wurde, dass wir eine Organisation „Werwölfe“ gegründet hätten. Werwölfe waren partisanenähnliche Gruppierungen und Zusammenrottungen der ehemaligen Hitlerjugend, die ihren Führer und den Untergang des III. Reiches rächen wollten. Erst viel, viel später, als wir schon in Ostdeutschland lebten, erfuhr ich davon, dass es solche Werwolfgruppen wirklich gegeben hätte. Da wir Kinder damals nichts aussagen konnten, wurden wir mit einem Leder-riemen auf das nackte Hinterteil und auf die bloßen Fußsohlen blutig geschlagen. Dann, als unsere Schuld nicht nachgewiesen werden konnte, ließen sie uns wieder frei und wir humpelten zerschlagen und geschändet nach Hause. Wochenlang konnten wir nicht mehr beschwerdefrei gehen und auf den Schulbänken sitzen, bis unsere Wunden wieder richtig abgeheilt waren. Jetzt, nach so vielen Jahren, wiederholte sich dieser Vorgang. Nur mit dem Unterschied, dass es dieses Mal nicht tschechische Milizen waren, sondern deutsche, sogenannte Genossen der Volkspolizei und wieder traf es mich, völlig schuldlos. Oh, wie ich in diesen schwersten Stunden, meinen Schritt verfluchte und bereute, in diese K V P eingetreten zu sein. Ich glaube, so verzweifelt und mutlos war ich nie wieder in meinem Leben gewesen, wie in dieser Zeit.
    Ein Mitwisser aus unserer Kompanie, der Spieß, ein gewisser Haupt-feldwebel Haferkorn, hatte seine zwei Kumpane, den Feldwebel Hahne sowie den Unteroffizier Linke, verpfiffen. Diesen Druck der ständigen Verhöre konnte er nicht stand halten. Die zwei wurden vor der Front, natürlich in Handschellen, zu Soldaten degradiert, sowie aus den Reihen der Kasernierten Volkspolizei ausgestoßen und vor ein Militärgericht gestellt. Die Gerichtsverhandlungen fanden in unserem Kasernenstandort Drögeheide statt und beide wurden zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Einige von uns mussten in diesen Gerichtsverhandlungen als Zeugen aussagen. Ich blieb glücklicherweise davon verschont. Damals hatte ich eine unheimliche, kalte Wut im Bauch, weil diese zwei, mir und meinen Kameraden solch eine Bürde aufgeladen hatten. Den Gerüchten nach zu urteilen, war wohl in Schwedt an der Oder solch ein Militärgefängnis, wo sie mit aller Wahrscheinlichkeit ihre Haft verbüßen mussten. Unser Spieß wurde ebenfalls zum Soldaten degradiert und in Unehren entlassen. Wir sahen zu, wie ihm die Schulterstücken abgerissen wurden. Was dann weiter mit ihm geschah, wir erfuhren es nicht. Unserem gesamten Zug, der in diese Situation hinein geschliddert war, wurde Ausgangs - und eine längere Urlaubssperre auferlegt. So hatten wir jungen Soldaten, die erst ein viertel Jahr bei der Fahne waren, den 17. Juni 1953, den Tag des Aufstandes in der DDR erlebt ... Unterschriftlich mussten wir an Eides statt erklären, dass wir unsere Schweigepflicht zu wahren hätten. So, wie man uns zusammen geknüppelt hatte, so war es wohl auch draußen, im Zivilsektor, den aufständischen Leuten auf der Straße ergangen, weil sie nichts anderes getan hatten, als um ihr Recht zu kämpfen. Das Schaufenster „Westdeutschland“ war so nahe und durch den Marshallplan, sowie durch die Truman Doktrin wurde soviel in den Neuanfang hinein gepumpt, so dass das DDR Volk, welches die Zusammenhänge nicht erkennen konnte, ihrem Staat ebenfalls eine 'Scheibe Wohlstand' abringen wollte. Sowjetische Panzer - und Eliteeinheiten unterstützt von der Deutschen Volkspolizei, trieben das Volk mit Waffengewalt auseinander. Uns wurde später im Polit.-Unterricht eingehämmert, dass dieser Aufstand ein vom Westen gesteuerter Versuch gewesen wäre, den "Tag X" herbei zu führen. Ein halbes Jahr ohne Urlaub, das waren für uns die grausamen und brutalen Nachfolgen dieses 17. Juni 1953. Die militärische Ausbildung wurde immer härter und unzumutbarer, denn der kalte Krieg tobte auf beiden Seiten Deutschlands und die militärische Aufrüstung nahm hüben wie auch drüben unvorstellbare Ausmaße an. Stalin war im gleichen Jahre zu Grabe getragen worden und Chruschtschow, sein Nachfolger hatte die politische und mili-tärische Macht im Osten Europas an sich gerissen. Er war noch härter in der Durchsetzung des kalten Krieges, als sein Vorgänger, aber zugleich auch raffinierter. Einerseits sprach er sich für die friedliche Koexistenz zwischen Ost und West aus und andererseits drohte er ganz massiv mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Mitten drin in dieser militärischen Walze, befanden wir uns, die Kasernierte Volkspolizei, weil die DDR unmittelbarer Nachbar der Bundesrepublik Deutschland war.
 
                                            *
 
     Als man uns endlich die ersten Urlaubsscheine aushändigte, da zitterten mir die Hände vor Aufregung, so sehr war ich innerlich aufgewühlt und mein Herz schlug mir bis zum Halse empor. Zugleich erhielten wir unsere Militärfahrkarten, auf welchen die vorgeschriebenen Reiserouten per Reichsbahn festgeschrieben worden waren. Ich und all die anderen 'Ersturlauber', wir mussten einen unerhört langen und umständlichen Umweg über Pasewalk, Prenzlau, Eberswalde. Frankfurt an der Oder, Cottbus bis nach Dresden über uns ergehen lassen. Das Reisen über Berlin war uns per Befehl strengstens untersagt worden und wir versuchten es gar nicht erst, weil uns die scharfe Bahnpolizei sowieso aus den Zügen herausgeholt hätte. Berlin war ja zu diesem Zeitpunkt noch eine offene Stadt und nicht nur Zivilpersonen verließen auf diesem Wege die Republik, sondern auch Angehörige der bewaffneten Organe. Lothar Stumpf, ein guter Stuben-kamerad von mir und ich, wir hatten uns angefreundet. Unten in Torgelow wohnte seine Soldatenbraut. Eines Tages versorgte sie ihm zivile Kleid-ungsstücke. Bei einem Ausgang, zog er sich bei ihr um, stieg mit ihr in den Zug nach Berlin, ging mit ihr heimlich über die Grenze hinüber und wir sahen uns nie wieder. Einen Brief hatte er mir geschrieben, adressiert an meine Eltern.
 „Eines Tages hau' ich ab und komme nicht wieder ...“, prophezeite er mir vor längerer Zeit in einem Gespräch. Damals glaubte ich nicht an sein Gefasel, denn er war immer ein kleiner Aufschneider gewesen. Begeistert war er nun von diesem Leben in Westberlin und er könne mir nur zuraten, ebenfalls das Weite zu suchen und aus der DDR zu flüchten. Es wäre wohl zu gefährlich gewesen, wenn er diesen Brief direkt an mich in die Kaserne geschickt hätte. Mein Vater schrieb mir in seinem Brief kurz vor meinem Urlaub, ganz beiläufig zum Schluss:
      „Viele Grüße von Lst. Er hat Dir geschrieben.“
Natürlich freute ich mich für ihn, dass er es geschafft hatte. Geantwortet habe ich ihm nie, aus einer inneren Furcht, dass es eines Tages ans Licht kommen könnte, weil er mich doch eingeweiht hatte, in seine Fluchtgedanken. Die Verhöre von damals, während des 17. Juni diesen Jahres, sie saßen noch zu fest in mir und sie hatten sich ganz tief in meinem Inneren eingefressen und ... eine Republikflucht wäre für mich sowieso nie in Frage gekommen. Ich war viel zu bodenständig und heimatverbunden. Auch war mir klar, dass ich mit aller Wahrscheinlichkeit meine Eltern und Geschwister nie wieder zu sehen bekommen hätte. Wie glücklich und froh war ich nun, als ich endlich 
mit meinem Urlaubsschein in der Tasche, die Schlagbaumwache passieren durfte und mit Riesenschritten zum Bahnhof hinuntereilte.
     Ach, war das eine Freude, als ich nach dieser endlos langen Bahnfahrt, dann endlich mit der Bimmelbahn nach Kipsdorf hinauffuhr und nach einstündiger Fahrt mit dem Autobus oben, in Schellerhau ankam. Mein Bruder Manfred, der ja auch schon acht Jahre alt geworden war, stand erwartungsvoll an der Bushaltestelle. Er kam mir entgegengerannt und sprang mich förmlich an, voller Freude über unser Wiedersehen. Fast ein halbes Jahr war   ins   Land gezogen, seit ich damals eingerückt war. Ich setzte ihm meine Schirmmütze auf, hob ihn auf meine Schultern empor und wir wanderten hinauf zum Fischerhäusel, wo meine Familie wohnte. Meine lieben Eltern, sie standen in der Haustür und winkten mir schon von weitem zu. Zwölf wunderschöne Tage waren es gewesen, die ich mit den Meinen verbringen durfte und noch nie war mir so klar geworden, dass es nichts Schöneres geben kann auf dieser Welt, als solche Eltern und Geschwister zu besitzen. So sehr hatten sie mir gefehlt in all den Monaten. Die schrecklichen Erlebnisse, sowie die harte Ausbildungszeit, alles lag wie ein dumpfer Traum hinter mir, obwohl ich mir im klaren darüber war, dass dieser Albtraum bald schon wieder zur bitteren Wahrheit werden musste.
    Mein Väterchen hatte extra wegen mir, einen Teil seines Jahresurlaubs genommen. Heute, wo ich selbst schon auf die Siebzig zu marschiere, stelle ich immer noch mit großer Bewunderung fest: Er war der beste Mensch, dem ich jemals in meinem Leben begegnet bin. Er war für mich nicht nur ein guter Vater, sondern zugleich auch noch ein echter Freund. Er wusste, dass mir mein Wald über alles ging und so hatte er sich eine ganz besonders große Überraschung ausgedacht und eines Morgens, es war wohl mein dritter oder vierter Urlaubstag, da sprach er zu mir:
     „So mein Junge. Jetzt gehts auf Wanderschaft. Nur wir beide allein ...“
Er nahm sich die Zeit und wanderte mit mir hinüber, ins Waldbärenburger Revier, dorthin, wo ich, als wir von Mecklenburg hierher umgezogen waren, den zweiten Teil meiner Kindheit erlebt hatte. Dann saßen wir irgendwo am Waldesrand und ich redete und redete und erzählte alles, was mir in diesem halben Jahr widerfahren war. Aufmerksam hörte er mir zu, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen und er sah mich stumm von der Seite an, mit seiner sorgenvoller Miene. Meinen ganzen Frust hatte ich mir von der Seele herunter gequatscht und ich merkte dabei, wie sehr es mich erleichtert hatte.
    „Junge. Sei froh, dass es keinen neuen Krieg geben wird. Dort wäre alles noch viel schlimmer. So wissen wir mit Sicherheit, dass du eines Tages wieder zurückkommst ...“
Seine Augen hatten, während er diese Worte sprach, einen feuchten Glanz bekommen und dann sagte er noch leise:
     „Hör doch mal, die Vögel dort in den Bäumen, ich glaube, sie wollen dich auch begrüßen.“
Er führte seine Hände an den Mund und ahmte, wie früher, als er noch Waldarbeiter gewesen war, ihre Stimmen nach und ich pfiff mit ihm ihre Melodien nach. Auf unserem Rückweg hatten wir noch in unserer alten Baukahre Einkehr gehalten und meine Großeltern auf ein Stündchen besucht.
 
                                               *
 
    Diese wunderschönen Urlaubstage flogen dahin, wie vom Winde dahingetriebene Wolken am Himmel. Viel zu rasch waren sie für mich schon wieder zur Vergangenheit geworden und schon bald schlüpfte ich wieder in meine ungeliebte, kakibraune Uniform. Meine Eltern standen wieder in der Haustür und winkten mir hinterher. Meine Mutter, diese gute Seele, sie schluchzte wieder ihren Abschiedsschmerz aus ihrer Brust, Vater schneuzte sich kräftig ins Taschentuch und auch ich kämpfte mit mir, um nicht zu einer uniformierten Heulsuse zu werden. Claus Dieter, mein kleinster, erst fünfjähriger Bruder und Manfred, sie begleiteten mich noch bis zur Bushaltestelle und ich stieg ein ... Dann fuhr ich im Zug, mit vielen Umsteigestationen, wieder meinem Kasernenstandort entgegen. Dieser umständliche Umweg über Frankfurt an der Oder, hatte aber auch sein Gutes für mich. Da ich mehrere Stunden Aufenthalt hatte und auf meinen Anschlusszug warten musste, beschloss ich, im Bahnhotel Einkehr zu halten. Was hätte ich wohl sonst auch tun sollen? Ich aß eine Kleinigkeit und trank ein Bierchen dazu. Am Nebentisch hatten zwei junge, gut aussehende Frauen Platz genommen. Sie trugen beide Straßenbahnuniformen. Kurzentschlossen, ich weiß selbst nicht, woher ich den Mut genommen hatte, nahm ich mein halbvolles Bierglas und begab mich hin, zu ihrem Tisch.
   „Hallo, ihr Mädchen. Ist hier noch ein Plätzchen frei für einen vereinsamten Landser?“ Ich hatte mir diese Worte keinesfalls zurecht gelegt. Sie waren spontan über meine Lippen gerutscht. Lachend nickten mir die beiden zu und ich setzte mich zu ihnen. Zunächst wusste ich nicht so recht, wie ich mit ihnen ins Gespräch kommen sollte. Auffordernd sahen sie mich an. Sie erwarteten wohl, dass ich zu sprechen begänne und dass ich irgend etwas sagen würde.
    „Tja, so ist das. Alles Schöne geht einmal seinem Ende zu. Mein erster Urlaub, seit einem halben Jahr und schon wieder geht es in die jämmerliche Taiga zurück ...“
    „Wo dienen sie denn?“, wollte die Schwarzhaarige von mir wissen.
 „Oben, in Torgelow. Nicht weit vom großen Haff, bei Ueckermünde.“
     „Und wo sind sie zu Hause?“, fragte sie weiter.
   „Ich komme aus dem schönen Erzgebirge. Etwa zwanzig Kilometer hinter Dresden. Nahe an der tschechischen Grenze.“
Die andere Blonde sah kurz auf ihre Armbanduhr und erhob sich.
    „Ach Gott, Hildchen. Es ist schon spät geworden. Ich muss geh'n.“
Sie winkte den Ober heran und bezahlte ihre kleine Zeche. Dann gab sie uns die Hand.
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    „Tschüs, ihr beiden und einen schönen Abend noch ...“
Sie verabschiedete sich freundlich und nett, als ob wir gute, alte Bekannte wären und zwinkerte ihrer Bekannten noch zu.
   „Sie sind wohl bei der Straßenbahn?“, fragte ich etwas plump und dümmlich, obwohl sie doch ihre Dienstbekleidung trug.
   „Ja.“, erwiderte sie und sah mich dabei voll an. “Ich bin Straßen-bahnschaffnerin und ich mache gegenwärtig meine Bahnfahrerprüfung.“
Ich nickte und sah sie an.
    „Ist ein interessanter Beruf. Man hat den ganzen Tag Leute um sich, kommt in der Gegend herum und man hat natürlich eine besondere Verantwortung. Wenn ich's geschafft habe, dann gibt's mehr Kies und Geld kann man doch immer gebrauchen. Oder?“
Sie lachte dabei und ihre Stimme hatte einen dunklen, angenehm weichen Klang. Ihr Lachen verriet mir, dass diese Frau imstande war, viel Wärme auszustrahlen und ich fühlte mich irgendwie stark angezogen von ihr.
     „Nun muss ich aber auch gehen. Es ist Zeit für mich.“
Ich stand gemeinsam mit ihr auf, hielt ihre Hand fest, die sie mir zum Abschied gereicht hatte und fragte:
   „Darf ich Stückchen mit gehen? Ich habe nämlich noch knapp zwei Stunden Zeit, bis mein Zug fährt.“
Zustimmend nickte sie und ich nahm meinen Koffer. Dann gingen wir hinaus in die dunkle Nacht. Vertrauensvoll hatte sie sich in meinem Arm eingehängt.
    „Ich wohne nur drei Straßen weiter. Es sind keine zehn Minuten von hier. Dann bin ich schon da.“
Ich stellte meinen Koffer auf den Asphalt, hielt sie an beiden Händen fest und sprach leise auf sie ein:
    „Ich möchte mich erst einmal vorstellen, damit sie wissen, wer da mit ihnen durch die Gegend pilgert. Ich heiße Franz. Franz Lorber ist mein Name und ... sie gefallen mir außerordentlich gut ...“, presste ich aus mir heraus.  Ich war es nicht gewöhnt, jungen Frauen den Hof zu machen und meine Er-fahrungen mit dem weiblichen Geschlecht waren bisher auf ein völlig unbedeutendes Minimum beschränkt gewesen.
    „Und ich bin die Hilde Reimer. Ich bin einundzwanzig Jahre alt und zu Hause wartet mein Töchterchen Doris auf mich.“
   Wir standen unter einer Straßenlaterne und wieder streiften mich ihre forschenden Blicke, als wolle sie mir mitten ins Herz hineingucken. Ich hatte den Eindruck, dass sie nun auf meine Reaktion gespannt war. Für den ersten Augenblick war ich schon etwas schockiert, wegen ihrer Offenheit.
    'Warum erzählt sie mir gleich von ihrem Kind?', fragte ich mich. Trotzdem gefiel mir ihre unumwundene Ehrlichkeit mir gegenüber. Ihre dunklen Augen suchten meinen Blick und ich nahm diese Frau, die ich erst vor reichlich einer Stunde kennen gelernt hatte, einfach in meine Arme und dann küsste ich diese mir noch fremde und unbekannte Schöne. Nicht wild und ungestüm, sondern sacht und zärtlich suchte ich ihre Lippen und dann trafen sie aufeinander. Ich drückte diese Frau ganz fest an meine Brust und ich spürte deutlich, wie ihr Herz mir entgegenschlug.
     „Wenn du nachher in den Zug steigst, wirst du mich sicherlich ganz schnell wieder vergessen haben ...“
Ihre Stimme klang etwas herb und traurig.
    „Ach Mädchen du. Ich bin unbeweibt. Auf mich wartet zu Hause kein anderes weibliches Wesen, außer meine Mutter und Großmutter und ich wäre schon sehr froh darüber, wenn wir uns irgendwann mal wiedersehen könnten.“
     „Trotz meines Kindes?“
     „Das sollte doch wohl kein Hindernis sein. Ich mag Kinder. Habe ja selbst noch zwei kleine Brüder, an denen ich sehr hänge.“
Ob meine Aussage, die sie mit ihrem Töchterchen betraf, von mir wirklich so ehrlich gemeint war, konnte und wollte ich in diesen Minuten weder beurteilen, noch rechtfertigen. Diese hübsche Straßenbahnschaffnerin, sie gefiel mir außerordentlich gut und durch mein langes, monotones Kasernenleben, das nur auf Drill und Gehorsam ausgerichtet war, verspürte ich einen unsäglichen Appetit, ja sogar einen Heißhunger auf ein weibliches Wesen, welches mir gefallen konnte und mir so zugetan war, wie sie. Meine Sehnsucht nach einer Frau war bisher unerfüllt geblieben und sie spielte in meinen Träumen eine außerordentlich große Rolle. Auch deshalb kam mir meine Äußerung so leicht und unbekümmert über die Lippen. Sie ergriff meine Hand und hielt sie ganz fest und wir gingen still und schweigsam nebeneinander her und die Zeit, diese unnachgiebige Zeit ließ sich nicht anhalten. Dann standen wir vor ihrer Haustür und wir tauschten noch unsere Adressen aus.
    „Ich wäre sehr, sehr glücklich wenn wir uns wiedersehen könnten ...“, flüsterte sie mir leise zu. Ihr Mund war ganz nahe an meinem Ohr und ihr Worte drangen wie hingehaucht in mich hinein. Ein leichter Wind hatte ihr langes, schwarzes Lockenhaar in mein Gesicht hineingeweht und mir war, als wolle sie mich damit einhüllen ... Ganz still stand ich neben ihr und ich genoss dieses seltsam, wundersame Gefühl, das ich noch nie verspürt hatte. Es strömte in mich hinein, wie ein unsichtbarer Fluss, der seine weichen Wellen ins Ufer hinein schmiegt.
     „Ich schreibe dir gleich, wenn ich oben angekommen bin.“
     „Und ich freue mich schon darauf. Mach's gut, Franzl.“
Sie gab mir noch einen flüchtigen Kuss und verschwand im Hausflur. Die Tür fiel hart ins Schloss und ich stand nun allein auf der dunklen Straße, die von den Straßenleuchten ein klein wenig erhellt wurde. Ich blickte noch hinauf zu den Fenstern, bis oben in dem einen das Licht anging. Etwa zwanzig Minuten blieb ich noch dort stehen, wo wir uns verabschiedet hatten und ich starrte hinauf und konnte ihren Schatten hinter dem Vorhang erahnen. Ein bisschen enttäuscht und niedergeschlagen war ich schon, weil sie sich so rasch und kurz von mir verabschiedet hatte. Aber dort oben wartete ja ihr Töchterchen auf sie. Hilde und ich, wir kannten uns ja erst seit etwa zwei Stunden. Ich konnte doch nicht von ihr erwarten, dass sie mit einem wildfremden Soldaten des Nachts durch die Straßen zog. Und dass sie mich mit nach oben genommen hätte? Das wäre wohl zu viel verlangt gewesen und so weit wollte ich auch noch gar nicht denken. Da half nun mein ganzes Seufzen und Bemitleiden nichts. So nahm ich denn mein Köfferchen und begab mich langsam hin zum Bahnhof. Mein Zug war schon eingefahren und lud mich zum Einsteigen ein. Als er schließlich anruckte und losfuhr, lehnte ich mich in eine Ecke des Abteils, sah hinaus in die vorüberziehende Dunkelheit und umarmte in Gedanken diese schöne Schwarzhaarige in ihrer Straßenbahnuniform. Um ehrlich zu sein, ich hatte mich bis hinter die Ohren in sie verknallt und gar zu gerne wäre ich noch bei ihr geblieben. Ach wie schön könnte es sein auf dieser Welt, wenn dieses verflixte Militär nicht gewesen wäre ... Andererseits hätte ich dieses Hildchen, wie sie von ihrer Freundin genannt wurde, nicht kennen gelernt, wenn ich nicht wieder zurück nach Drögeheide gemusst hätte. So fuhr ich dahin, tief in Gedanken versunken, bis ich nach einigen Umstiegen wieder in diesem beschissenen Torgelow angekommen war.
      Es gibt wohl Situationen im Leben, die man ganz tief in sich ver-graben möchte, die man nie mehr vergessen möchte und immer, wenn ich an diese Frau dachte, überkam mich eine gewisse Wehmut, weil ich damals schon erahnte, dass diese aufflammende Liebe nur eine Episode, eine auflodernde Flamme werden würde, die irgendwann wieder verlöschen musste. Instinktiv fühlte ich mich zu ihr hingezogen, aber in mir selbst war noch längst nicht diese Reife ausgeprägt, die man benötigt, um für die Stabilität einer Beziehung mit allen Konsequenzen einstehen zu wollen, obwohl ich mich andererseits schon nach einer festen Beziehung sende. Aber es war ja blanker Unsinn, sich schon nach dieser kurzen Bekanntschaft mit solchen Gedanken zu belasten. Liebe ja. Wenn möglich jeden Tag zu jeder Stunde. Verpflichtungen, die daraus erwachsen könnten? Davon war ich noch weit, weit entfernt, in meiner Naivität und Unerfahrenheit. Aber Träumen, das war doch erlaubt und für meine Seele war es auch ein bisschen Balsam.
 
                                               *
 
    Mein Kasernenalltag hatte mich längst schon wieder eingeholt. Am siebzehnten jeden Monats gab es Löhnung. Zweihundertundachtzig Mark, bar auf die Kralle gab es für uns gemeine Soldaten und diesen Monat bekamen wir sogar noch rückwirkendes Verpflegungsgeld für die zwölf Tage Urlaub. Etwa einhundertfünfzig Meter entfernt, von unserem Kasernenstandort gegenüber, stand unsere 'Taigakneipe'. Ebenfalls ein Holzbarackenbau, aber für unsere Ansprüche völlig ausreichend. Wenn wir Kurzausgang hatten, bis zweiundzwanzig Uhr, da lohnte es ich nicht, den weiten Weg bis nach Torgelow auf sich zu nehmen und husch, ein Sprung über die Straße und schon war das eben erst gefüllte Bierglas schon wieder halb leer. Es mag dem Leser sonderbar erscheinen, aber unsere Tische, an denen wir zusammen saßen, sie waren strengstens eingeteilt, durch lange Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen den einzelnen Waffengattungen.
Hinter dem ersten Kasernentor war die Infanterie, die 'Sandlatscher' wie wir sie nannten, stationiert. Sie waren durch ihre roten Kragenspiegel gekennzeichnet. Und dann, hinter dem nächsten Tor, da waren die Panzerleute untergebracht. Sie trugen blaue Kragenspiegel. Hinter dem dritten Eingang waren wir, die 'Elite', zu Hause. Das waren die Artilleristen, sowie die schwere und die leichte Flak. Aber das war natürlich unsere eigene überhebliche Einschätzung, denn jede Waffengattung hob sich selbstüberschätzend zur Elitetruppe empor. Deshalb gab es wohl eigentümlicher Weise zwischen den einzelnen Waffengattungen eine unerklärbare Fehde, die immer zu harten Auseinandersetzungen und wüsten Schlägereien ausarteten. Wenn wir an unseren Tischen saßen, ein Bier nach dem anderen in unsere Kehlen hinunter gossen, dann war ja alles gut und schön. Der große Kneipenraum war in drei Abteile aufgeteilt. Diese waren mit Raumteilern abgeschirmt und es war nicht ratsam, allein auf die Toilette zu gehen und nur gruppenweise gingen wir austreten oder mal an die frische Luft. So vermieden wir es, dass wir von den anderen 'Waffenbrüdern' grundlos zusammengeschlagen werden konnten. Dieser unerklärbare Hass aufeinander war ein ungeschriebenes Gesetz und war wohl von der faschistischen Armee als Tradition übernommen worden, denn auch dort gab es schon früher diese Bekämpfung zwischen den einzelnen Waffengattungen. Wenn es jedoch darum ging, die Luftwaffenangehörigen zu vermöbeln, dann hielten die Bodentruppen eigentümlicherweise zusammen.
    Eines Nachts kam unser Unteroffizier vom Dienst in den Schlafsaal gestürmt und er brüllte, wie ein Ochse am Spieß:
     „Alles raus aus den Betten, drüben wird unser Stabschef und der Alte verprügelt ...“
Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Raus aus den Betten, rein in die Klamotten und wir alle rannten hinüber in die Taigakneipe. Vorn, die Wachleute hatten schon den Schlagbaum hoch gelassen. Als wir in den Saal hineinstürmten, standen unser Kompaniechef Hauptmann Morawin und der Stabschef Oberleutnant Keil, wie in einem Wildwestfilm Rücken an Rücken. In der Hand hielten sie ausgerissene Stuhlbeine und sie schlugen wild um sich, um sich die kampfeswütige Infanteriehorde vom Leibe zu halten. Indessen saßen die Panzersoldaten an ihren Tischen, tranken in aller Ruhe ihre Bierchen und sie sahen vergnügt und amüsiert zu, wie sich die 'Sandlatscher' und die 'Flakis' gegenseitig die Schädel einschlugen. Mit einem Hurragebrülle stürzten wir uns in dieses Handgemenge. Nun waren wir
 
natürlich in großer Überzahl und wir hauten alles kurz und klein, was uns in die Quere kam. Da konnten wir uns mal so richtig mit Genehmigung unserer 'Obersten' austoben. Und das taten wir zur Genüge und mit großer Begeisterung. Wir droschen auf alles ein, was rote Kragenspiegel hatte und wer nicht rechtzeitig und freiwillig durch die Tür den Rückzug antrat, den warfen wir einfach durch die Fenster, ganz egal, ob sie verschlossen oder geöffnet waren. Als wir unsere beiden Offiziere aus dem Kampfgetümmel herausgehauen und befreit hatten, traten wir sofort den geordneten Rückzug an, weil wir wussten, dass es nicht all zu lange dauern würde, bis das Überfallkommando eintrifft. Von weitem hörten wir schon das Martinshorn durch die Nacht aufheulen und als dann das Ü.K. eintraf, war längst schon wieder Ruhe und Frieden eingekehrt. Wie ein großes Unwetter mit Hagelschlag war es über die Taigakneipe hinweggezogen. Der Wirt hatte das Kommando angefordert und nur die zerbrochenen Fensterscheiben und die demolierten Tische und Stühle waren noch stiller Zeuge dieser Saalschlacht. Die Verursacher waren dem Wirt natürlich gut bekannt und sie mussten selbstverständlich für den entstandenen Schaden aufkommen. So auch unser Alter und der Stabschef.
    Am nächsten Tag, früh zum Morgenappell sahen wir die Bescherung. Beide Offiziere standen vor ihrer Kompanie mit ihren lädierten und frühlingshaft bunt eingefärbten Gesichtern, in denen des Nachts die Veilchen zum Erblühen gekommen waren. Auch die meisten von uns hatten irgendwelche Kratzer und Beulen abbekommen, aber wir waren stolz darauf, unsere zwei 'Alten' herausgehauen zu haben.
      „Kompanie stillgestanden!“, brüllte unser Offizier vom Dienst.
      „Die Augen gerade aus!“
Wir standen wie eine eins und starrten auf unseren Hauptmann Morawin. Es war schon interessant für uns, zu wissen, wie er auf den gestrigen Abend reagieren würde.
Mit seiner eigenartig schnurrigen Stimme rief er uns zu:
    „Ich danke euch Genossen, für eure Hilfe. Jeder von euch bekommt einen Tag Sonderurlaub. Haben wir es den Sandlatschern gezeigt, wo der Berthel den Mist abfährt?“
 „Jawoll, Genosse Hauptmann!“, donnerte es über den Kasernenhof.
Unser Alter versuchte zu schmunzeln, was ihm jedoch nicht so recht gelingen wollte, weil seine rechte Gesichtshälfte etwas geschwollen und leicht verschoben war, so, als ob er an einem vereiterten Zahngeschwür zu leiden hätte.
   „Lasst euch aber nicht einfallen, dass ihr euch draußen herumschlagt. Gestern Abend, das war eine Ausnahmesituation. Unterleutnant, lassen sie wegtreten.“
Irgendwie lustig war er anzusehen, unser Hauptmann, wie sich sein dunkelblau angelaufenes Auge in den nächsten Tagen zu verfärben begann, schließlich eine braune Farbe annahm um dann, nach etwa einer Woche ins gelbliche überzugehen, bis er wieder ein normales Aussehen bekam. Es war schon eine sonderliche und eigenartige moralische Auffassung in dieser Kasernierten Volkspolizei, dem Vorläufer der späteren Nationalen Volksarmee, untereinander solch einen Krieg zu führen.
    Inzwischen hatte man den Stacheldraht um unseren Standort beseitigt und eine zwei Meter hohe Mauer war durch Bausoldatentrupps und durch die Organisation D.f.D. gebaut worden. Oben, der Mauerabschluss war mit einzementiertem Splitterglas gegen das Überklettern abgesichert worden. Die zahllosen, hübschen D.f.D. Bienen, die dort drüben auf der Gegenseite ebenfalls in Baracken untergebracht waren, führten zu einem Fiasko und Chaos in unseren Einheiten und wenn es des Nachts genügend dunkel geworden war, dann wurde es lebendig vor und auf dem Mauerwerk. Da begaben sich die Soldaten gruppenweise auf 'Wildbretjagd', wie wir es damals nannten. Wir warfen alte Decken auf die Mauern, damit wir unverletzt hinüber klettern konnten und dann verschwanden wir drüben in den Kiefernbeständen, um schließlich in den Mädchenbaracken des D.f.D. unterzutauchen. Natürlich war ich kein Pastorensöhnchen und nahm an diesen Aktionen eifrig teil. All zu häufig kam es vor, dass, wenn Nachtalarm ausgerufen wurde, die Einheiten gar nicht einsatzfähig waren, weil ein Großteil der Soldaten andere Pflichten zu erfüllen hatten. Wir nannten diese Pflicht: „Dienst am Menschen“ und die Mädchen warteten ja schon bei geöffneten Fenstern auf ihre Liebhaber. Noch im Spätsommer des Jahres 1953 wurde die Organisation Dienst für Deutschland zumindest in unserem Standortbereich aufgelöst, weil die Truppe total demoralisiert geworden war. Es war wie ein riesiger Hühnerhof und wir Armeehähne krochen nicht nur über das hohe Mauerwerk, um dort drüben krähen zu dürfen.
 
                                                 *
 
     Ich hatte meinen einen Tag Sonderurlaub schon Mitte September beantragt und wollte ein verlängertes Wochenende in Frankfurt mit meiner Bahnhofsbekanntschaft Hilde verbringen Wir hatten uns brieflich verständigt und einen Treff vereinbart. Als ich aus dem Zug stieg, da stand sie schon am Bahnsteig und kam freudestrahlend auf mich zugerannt. Wir umarmten und küssten uns leidenschaftlich, als wären wir schon wer weiß wie lange miteinander liiert. Bei diesem Kurzurlaub lernte ich auch ihre Mutter und ihr kleines, blondes Töchterchen Doris kennen. Ich muss gestehen, es war von Anfang an nicht meine Absicht, mich in eine all zu feste Beziehung einbinden zu lassen, weil ich mit meinen neunzehn Lenzen doch noch etwas zu jung war. Bereits in diesen drei Tagen, die wir sehr intensiv miteinander verlebten, kam es ihrerseits zu ersten ernsthaften Gesprächsansätzen zwischen uns, weil sie bereits in dieser kurzen Zeit mehr von unserer Beziehung erwartete, als ich ihr bieten wollte und konnte. So war ich doch heilfroh, als mein Kurzurlaub wieder dem Ende zuging. Sie konnte doch nicht von mir er-
 
warten, dass ich meine künftigen Urlaube bei ihr in Frankfurt verbringen würde, da war mir doch meine Familie zu Hause noch zu sehr ans Herz gewachsen. So blieb unsere Beziehung auf die seltenen Kurztreffen beschränkt, wenn ich in Frankfurt einige Stunden Aufenthalt hatte. In ihren Briefen nannte sie mich manchmal „ihr Muttersöhnchen“ und ich wusste schon, worauf sie anspielte. Es kam, wie es wohl früher oder später einmal kommen musste. Eines Tages, als wir uns wieder einmal für ein paar Stunden sehen und lieben konnten, teilte sie mir mit, dass sie einen älteren, gut situierten Herrn kennen gelernt hätte, der ihr sogar die Ehe anbot. Wir gingen in sehr gutem Einvernehmen auseinander und sie stand noch am Bahnsteig und winkte mir nach, als ich heimwärts in den Urlaub fuhr. Hilde hatte mich vor eine klare Entscheidung gestellt: Ich oder er und da sie sich trotz unserer Liebschaft, mit einem anderen Mann eingelassen hatte, gab es für mich kein Zurück in diese Beziehung. Meine Traurigkeit hielt sich aber in angemessene Grenzen, weil ich inzwischen in Torgelow eine bildhübsche Bäckertochter kennen gelernt hatte.
     Immer, wenn ich mich im Ausgang befand, mein erster Weg führte mich in diese Bäckerei. Dort gab es so wunderbar knackige Mohnzöpfe, die ich für mein Leben gern aß und es gab in diesem Laden hinter der Theke Ilona, die adrette Bäckertochter. Mit ihrem Konditorenschürzchen und dem kecken Käppchen auf ihrem Lockenhaar, war sie für mich noch weitaus appetitlicher, als ihre wohlschmeckenden Backwaren und ich hätte schon all zu gern mit ihr angebandelt. Als ich eines Tages wieder zur Ladentür hineinkam, sah sie mich an und lachte mir ins Gesicht. Ihre Wangen überzogen sich mit einem rosigen Schimmer, weil sie zu glühen begannen.
     „Zwei Mohnzöpfe, wie immer?“, fragte sie mich mit einem hinreißenden Augenaufschlag.
   'Mein Gott, war das ein Zuckerpüppchen und auf mich aufmerksam war sie auch schon geworden', resümierte ich im Stillen. Sie hatte sich sogar gemerkt, was ich immer bei ihr einkaufte. Das war schon einmal ein sehr gutes Omen für mich. Dann gab es auch schon bald die ersten belanglosen Wortwechsel zwischen uns und eines Tages nahm ich all meinen Mut zusammen und ich fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, mit mir ins Kino zu gehen. Dass sie mich schon wenige Wochen später ihren Eltern vorstellen wollte, das war eigentlich nicht so recht nach meinem Geschmack, denn ich witterte schon wieder einen Versuch, mich in ein familiäres Korsett einzwängen zu wollen. Aber das war wohl zur damaligen Zeit recht typisch für die jungen Mädchen und eigentlich hatte ich ja noch von den Heiratsabsichten meiner Frankfurter Schaffnerin genug. Aber was sollte ich wohl tun? Ich wurde hin- und hergerissen zwischen meinem Junggesellenleben und andererseits war es schon recht angenehm, jemand zu haben, mit dem man so richtig schön kuscheln konnte, wo man sogar eine warme Sofaecke hatte, wenn es draußen regnete oder gar stürmte und schneite. Ilona war ein Einzelkind und sie hatte keine Geschwister. Ihre Eltern, die unsere Beziehung nicht nur duldeten, sondern sogar noch zu fördern versuchten, sahen in mir sicherlich schon den künftigen Bäckereigehilfen und späteren Geschäftsinhaber, wenn ich eines Tages meine Uniform ausziehen würde. Ach, ich begann schon dieses Mädchen ernsthaft zu lieben. Allerdings wollte und konnte ich mich mit dem Gedanken in keiner Weise anfreunden, später einmal jeden Morgen, Tag für Tag, früh um vier aufstehen zu müssen, um Teig zu kneten und die Brote in den Backofen zu schieben. Ihre Eltern und Ilona selbst, sie hatten sich wahrscheinlich schon so sehr mit diesem Gedanken vertraut gemacht, so dass sie mir eines Tages ihr ganzes Bäckereireich zeigten und mein sogenannter 'Möchte gern Schwiegervater' fragte mich sogar, ob ich nicht meinen nächsten Urlaub bei ihnen verbringen möchte, um einige Tage mit ihm gemeinsam in der Bäckerei arbeiten zu können. Höchstwahrscheinlich sollte ich ausgetestet werden, ob ich überhaupt für den Bäckerberuf geeignet und tauglich wäre. Es war für mich nicht einfach, aus dieser heiklen Situation einen Ausweg zu finden, ohne Ilona und ihre Eltern zu verletzen und ich sagte mir: 'Lieber ein bisschen eingebunden sein mit all dieser Gemütlichkeit und verwöhnt werden von so einem tollen Mädchen, als nur ein einziges Mal zu viel in der Kaserne oder in der Taigakneipe zu hocken, um Trübsal zu blasen, oder sinnlos mit den anderen Kameraden beim Kartenspiel sein bisschen Geld zu verlieren.' Immer wieder fand ich Ausreden, wenn sie oder ihre Eltern für unsere kommende Zukunft Andeutungen machten. Diese Aufdringlichkeiten, jedenfalls empfand ich sie so. Sie erschreckten und nervten mich ungemein und so gehörten meine Langzeiturlaube nach wie vor meiner Familie zu Hause. Einmal versuchte ich ihr klar zu machen, dass wenn ich eines Tages heiraten würde, meine zukünftige Frau mit mir gehen müsste und zwar nach Schmiedeberg in meine erzgebirgische Zweitheimat.
   „Lass' mich doch erst mal meine Dienstjahre herunterschruppen und dann sehen wir weiter. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich alle drei Jahre hier in Drögeheide bleiben kann. Was denn, wenn ich irgend wohin versetzt werde?“
   Entsetzt hatte sie mich angesehen, als ich mit diesem Argument so jäh ihre Backstubenträume zu entzaubern versuchte. Das war nun schon das zweite Mal, dass ich mit meinen wenigen Liebschaften - es war ja nun erst meine zweite ernsthaftere - so mit dem  Ernst des Lebens konfrontiert wurde und ich fragte mich:
     'Müssen denn die Weibsbilder immer gleich ans Heiraten denken? Kann man sich nicht auch lieb haben, ohne gleich einen Nasenring tragen zu müssen?'
      Ich wusste von einigen Kameraden, die bereits verheiratet waren, wie sie am Lohntag losrannten, um ihr bisschen Löhnungsgeld auf der Poststelle einzuzahlen und dann rauchten sie den lieben, langen Monat ihre Knasterpfeife, tranken in der Woche ein oder zwei Glas Bier und verzogen sich dann stillschweigend in den Clubraum unserer Kaserne. Dann gab es unter ihnen auch noch die sogenannten 'Schlaucher', die uns Ledige immer wieder um Zigaretten anbettelten oder sich Monat für Monat ein paar Mark ausleihen wollten. Instinktiv wurde mir klar, dass eine feste Bindung mit Ilona, ich muss es so brutal deuten, einer Ausplünderung meines Geldbeutels gleich kommen müsste. Das waren doch die ganz natürlichen Folgen einer festen Bindung, weil man doch dann für eine gemeinsame Zukunft sparen wollte und wohl auch musste, denn von 'Nichts' kommt auch 'Nichts'. Ich machte mir schon
oftmals Gedanken, wie es mit uns beiden weitergehen sollte.
     „Nein, nein, mein Mädel! So weit sind wir noch lange nicht ...“, knurrte ich manches Mal vor mich hin. Dieser Widerspruch in mir: ' Halb zog es ihn, halb sank er hin ...', ließ meine verliebte Seele nicht mehr so richtig zur Ruhe kommen.
Der Winter hatte das Land mit seinem Weiß überzogen und selbst die Kiefernwälder sahen mit ihren weißen Pudelzipfelmützen aus, als wäre der Torgelower Brot- und Zuckerbäcker am Werk gewesen und hätte sie mit Puderzucker überstreut. Weihnachten und Silvester 1953 durfte ich meinen restlichen Jahresurlaub, obwohl ich ihn beantragt hatte, nicht nehmen.  
   Alle nicht verheirateten Männer mussten logischerweise 'Dienst am Volke' tun und die Familienväter wurden bevorzugt. Einleuchtend zwar, aber ebenso unangenehm und traurig für uns anderen. Wenn ich Schlagbaumwache hatte oder gar, weit draußen am Fuhrpark, um die abgestellten Militärfahrzeuge und Geräte bewachen zu müssen, dann sehnte ich mich schon nach den gemütlichen Stunden mit Ilona im warmen Stübchen ihrer Eltern. Aber am Schlimmsten erging es mir dann, am Heiligen Abend. Ich war nie christlich erzogen worden, aber diese Heiligen Abende zu Hause waren immer wieder etwas ganz besonderes für uns. Selbst die kleinen Streitigkeiten der Eltern, bei der Aufteilung der vorweihnachtlichen Pflichten, wie Christbaum an putzen, was wird am Heiligen Abend gegessen. Immer wieder zänkelten sich die beiden herum, obwohl sich dieses Ritual Jahr für Jahr wiederholte. Diese neugierige, hektische Stimmung und die leichte Angespanntheit meiner zwei kleineren Brüder, in Erwartung auf ihre Geschenke ... ach, ich dachte auf meinem Wachgang über so vieles nach.
     Grimmig kalt war es an diesem Abend dort draußen und der Sturm heulte und peitschte mir seine Eiskörner ins Gesicht und während ich an meine Lieben dachte - es war um diese Uhrzeit bei uns daheim aller Wahrscheinlichkeit nach gerade Bescherung - da wurde mir schon recht mulmig zu mute. Ich hatte ja jeden Monat etwas Geld zurückgelegt und für jedem eine Kleinigkeit gekauft und auch rechtzeitig nach Hause geschickt. Ich weiß nicht, ob es die Schärfe des Windes war, der mir die Tränen aus den Augen trieb, plötzlich liefen sie mir übers Gesicht hinunter und ich heulte meinen ganzen beschissenen Seelenschmerz aus mir heraus. Es war schon eine verdammt schlimme Sache, wenn man dort draußen, von aller Welt verlassen, so einsam und allein auf Wache steht, noch dazu in dieser denkwürdigen Stillen Heiligen Nacht. Der Wind trieb mir die Geräusche des Glockengeläuts vom
Torgelower Kirchturm zu und dieses Ausheulen hatte mich doch irgendwie erleichtert. Unten am Kinn, bildete sich eine leichte Eiskruste, vom Hauch meines Atems, der sich mit meinen Kullertränen vermischt hatte. Ich stapfte durch den Schnee, an manchen Stellen hatte  es ihn über einen halben Meter hoch angeweht. Zweihundert Meter hin, im rechten Winkel die nächsten zweihundert Meter und dann wieder die gleiche Strecke zurück.
Immer und immer wieder im gleichen Rhythmus und das zwei Stunden lang, bis zur nächsten Wachablösung. Meinen Wachgang hatte ich erst vor etwa einer halben Stunde angetreten. Drüben, auf der anderen Seite des P. - Parkes konnte ich ab und zu, wenn der Mond zwischen den dahinziehenden Wolken hindurch schien, meinen Spannemann als undeutliche Silhouette ausmachen. Er hatte sicherlich genau so wie ich, die 'Schnauze' gestrichen voll. Laut Wachvorschrift durften wir nicht aufeinander treffen, da sonst eine ganze Flanke unbewacht gewesen wäre. Unser Zuruf in dieser dunklen Einöde war der einzige Kontakt, den wir Wachleute miteinander hatten. Ich blieb öfters mal stehen, schlug mir die Hände warm und stapfte kräftig mit den Füßen auf, denn die Kälte kroch langsam und stetig in meinem Körper hinein und plötzlich, dort vorn, da entdeckte ich eine dunkle, schemenhafte Gestalt, die im leichten Schneegestöber auf mich zukam und ein auf- und ab tanzender matter Lichtschein einer Taschenlampe näherte sich langsam aber stetig.
     'Das wird wohl der Wachhabende sein, auf seinem Kontrollgang', dachte ich so bei mir.
   „Halt! Stehen bleiben! Wer da!?“ ,rief ich etwas aufgeregt hinüber und die Gestalt kam lautlos immer näher.
    „Die Parole ... geben sie mir ihre Parole!“, forderte ich nun bedeutend lauter, diese unbekannte Person auf.
    „Ich bin es doch. Dein Christkindl!“, rief mir eine vertraute Stimme zu. Es war Ilona, dieses liebe und doch so verrückte Weib. Mir war in diesen Augenblicken zumute, als ob ein Engelchen droben vom Himmel zu mir auf die Erde herabgestiegen wäre. Sie stand vor mir und strahlte mich an. Diesen beschwerlichen Weg durch die verschneite Wildnis hatte sie auf sich genommen, um mich auf meinem Wachgang, hier im Fuhrpark aufzusuchen. Drüben, in den Kasernen, die man nur undeutlich erkennen konnte, waren die Fenster hell erleuchtet. Ilona war keuchend durch den Schnee zu mir herüber gewatet und sie war fest in ihren Pelzmantel eingehüllt. Aus ihrer Fellkapuze guckte sündhaft schön, ihr kleines, rotes Näschen hervor.
 Ich hatte ihr vor kurzem erzählt, wie wir zu Hause Weihnachten feiern. Die Mär vom Christkindel hatte ihr wohl gefallen.  
„Ja sage mal. Bist du denn total durchgeknallt? Wie kommst du denn hier mit einem Mal her?“
Ich drehte meinen Karabiner auf den Rücken und nahm sie stürmisch in meine Arme.
    „Du. Hier kannst du aber nicht bleiben, Ilonamädchen. Wenn der  
Wachhabende zur Kontrolle kommt, gehe ich unweigerlich in den Bunker.“
    „Ach was. Heute am Heiligen Abend kommt doch keiner hier heraus. Du freust dich wohl gar nicht?“, fragte sie enttäuscht zurück.
"Du hast mir so leid getan, hier draußen, so ganz allein ..."
 
     „Woher weißt du überhaupt, dass ich gerade jetzt und hier draußen Wache schiebe?“
      „Ich habe Muttel gebeten, bei deiner Dienststelle anzurufen und sie hat sich für deine Mutter ausgegeben und da wir dich unbedingt sprechen wollten, riet man ihr, sie solle in zwei Stunden noch einmal anrufen, du hättest jetzt draußen im Fahrzeugpark Wachdienst und da hat es bei mir 'Klick' gemacht.“
   „So so. Klick hat es bei dir gemacht. Du bist ja eine ganz Ausgekochte ...“, lachte ich ihr ins Gesicht.
Sie wusste genau, wo unser P. - Park war, als gebürtige Torgelowerin. Er war etwa fünfzehn Minuten von der Drögeheider Straße entfernt, wenn man straff lief und obwohl es militärisches Sperrgebiet war, sie hatte es sich in den Kopf gesetzt und dann ganz spontan ihren Vater gebittelt und gebettelt, dass er sie bis kurz vor dem äußeren Schlagbaum fahren sollte. Als Einzelkind setzte sie bei ihren Eltern immer ihren Willen durch.
     „Wenn du mich nicht fährst, dann laufe ich allein hoch zu ihm ...“, hatte sie versucht, ihn zu erpressen und so blieb ihm nichts anderes übrig, als klein beizugeben.
    Bei mir brannten sämtliche Sicherungen durch, denn ein Chor von tausend Liebesengeln mit ihren kleinen, aber äußerst wirksamen Pfeilen und Bögen schossen sich auf mich ein und sie trafen mitten ins Schwarze. Das Pfeifen und Heulen des Windes verwandelte sich in eines der schönsten Liebeslieder und ich stellte meinen Karabiner in den Schnee und vergaß, dass ich zum Wachposten vergattert worden war. Ich nahm meine Kleine ganz fest in die Arme und wir kuschelten uns ganz tief in ihrem weiten Pelzmantel hinein. Die verschneite Taiga mit ihren Kiefernwäldern, mit diesen Militärfahrzeugen, die ich bewachen sollte, alles begann sich um uns zu drehen und ich nahm mein Mädchen dort draußen im wilden Schneegestöber und unsere Leidenschaft ließ alles vergessen, was um uns her geschah. Der Wind sang uns seinen Schneeflockenwalzer und mir war, als stünde ich mit ihr ganz weit oben, auf einem sich immer schneller drehenden Wolkenkarusell ... Wir hatten uns hinter einem G 5 Fahrzeug etwas Schutz gesucht und als wir uns wieder zurück fanden, in die reale Wirklichkeit unseres Daseins, da wollte sie diesen beschwerlichen Weg durch den dunklen, verschneiten Wald allein zurücklegen. Ich sah kurz auf meine Armbanduhr. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Noch etwa vierzig Minuten hatte ich ja Zeit, bis zur meiner Wachablösung. So schob ich all meine Bedenken beiseite, nach der Devise:
     „Es wird schon irgendwie gut gehen ...“
So schulterte ich meinen Karabiner auf den Rücken, nahm mein Christkindl an der Hand und brachte sie im Sturmschritt hin zur Straße, wo ihr Vater schon unruhig und nervös auf sie wartete. Rasch noch ein Küsschen, sie stieg ein, er winkte mir noch durchs heruntergelassene Fenster zu und dann fuhren beide die Straße nach Torgelow hinunter. Ich guckte nochmals auf meine Armbanduhr und atmete auf.
     „Noch zweiundzwanzig Minuten Zeit. Das schaffe ich doch mit links ...“
Trotzdem hetzte ich mit etwas schlechtem Gewissen wie von Furien gejagt, durch das Kiefergebüsch hindurch, hin zu meinem Wachstandort und schon von weitem hörte ich ein lautes Rufen. Unser Wachhabender hatte seinen Kontrollgang noch vor der Wachablösung durchgeführt und ich ..., war nicht auf meinem Posten gewesen. Irgendwie hatten diese dienstgeilen Offiziere immer wieder ein sonderbar, eigenartiges Gespür für die Verstöße der Dienst - und Wachvorschriften ihrer Untergebenen. Ich hatte in keinster Weise damit gerechnet, dass vor meiner Wachablösung noch   eine Kontrolle erfolgen würde und nun hatte es mich doch erwischt. Nach einer kurzen Unter-suchung meines Falles, an Hand der eindeutigen Fußspuren, inzwischen war auch die Wachablösung eingetroffen, musste ich meine Waffe abgeben und ich wurde vom Unteroffizier, der die Wachablösung leitete, abgeführt. Zu meinem Unglück hatte das Schneegestöber aufgehört. Da halfen keine Lügenmärchen oder Ausreden, denn die Spuren bewiesen eindeutig, dass ich Besuch von einer weiblichen Person gehabt haben musste. Ich unternahm auch gar nicht erst den Versuch, irgend etwas abzuleugnen und es wäre mir auch gar nichts plausibles eingefallen. Zu deutlich waren die Fußabdrücke von einem liebenden Paar mitten im Winter. Das Schicksal schlug wieder einmal voll zu. Bereits eine halbe Stunde später, es war ja immer noch Heiliger Abend, bekam ich meine Sonderbescherung serviert und ich wanderte in den Bau. Sechs Tage strenger Arrest, ohne Arbeits-betätigung und mit verminderter Essenration, hatte mir dieses schöne, aber schwere Wachvergehen eingebracht.
     'Ach mein Ilonamädchen. Wir haben uns kalte Füße bei unseren heißen Küssen geholt und nun bist du die Feiertage und wahrscheinlich auch noch Silvester ohne deinen Weihnachtsmann allein zu Hause', dachte ich, als die Zellentür hinter mir zuschlug und ins Schloss krachte. Wenn ich darüber nachsann, wie schön doch die Vorweihnachtszeit bei ihr gewesen war, als sie mich mit ihren selbstangefertigten Schokoladenkügelchen voll stopfte und wie wir engumschlungen auf dem Sofa saßen - es war schon ein beschis-senes Weihnachten, in welches ich nun hinein geschliddert war und das ich irgendwie überstehen musste. Die anderen Zellen waren leer geworden, weil unser Bataillonskommandeur Gnade vor Recht ergehen ließ. Alle Arrestanten wurden amnestiert und freigelassen, während ich die folgende Woche allein hier drinnen verbringen durfte. Am meisten ärgerte ich mich darüber, dass mein Weihnachtspaket von zu Hause, drüben in der Kaserne in meinem Spind lag. Mein Innendienstleiter, der Spieß Bräunlich hatte es aber wohlweislich und vorsichtshalber weggeschlossen, weil es sonst mit aller Wahrscheinlichkeit meine Kameraden heimlich geöffnet und leergefressen hätten, denn Kameradendiebstähle kamen noch relativ häufig bei uns vor, obwohl solche Vergehen besonders hart bestraft wurden. Dass mein Spieß mein Paket sichergestellt hatte, das erfuhr ich jedoch erst nach meiner Knastzeit. An Häme und Gehässigkeit mangelte es indessen nicht, denn draußen vor meiner Zellentür hatten sich meine Arrestwächter etwas besonders ausgedacht, für oder gegen mich. Auf alle Fälle brachte es etwas Abwechslung in mein eintöniges Zellenleben. Sie sangen mir ihr eingeübtes Ständchen vor:
 
         „Wenn ich ein Vöglein wär',
 flög' ich zu dir ...
          weil ich dich vögeln musst'
 sitz' ich nun hier ...“
 
Drei Strophen hatten sie sich für mich ausgedacht, jedoch ich erspare dem Leser den Rest. Ich hörte ihnen zu und ich weiß nicht mehr, ob ich Zorn im Bauche verspürte, gegen sie, oder ob mich diese gesangliche Zote doch irgendwie belustigte. Schließlich verflog mein Missmut und Unwille und obwohl es unwahrscheinlich hart war, hier drinnen die 'Festtage' verbringen zu müssen, ein bissel grinste ich schon in mich hinein. Wer, außer mir hatte wohl jemals schon solch einen lieblichen Wachgang gehabt? Wohl keiner. Diese Einmaligkeit eines Abenteuers entschädigte mich doch ein klein wenig. Ich hatte ja nun Zeit, über so vieles nach zu denken. Am meisten ärgerte es mich, dass ich am zweiten Feiertag Ausgang gehabt hätte und genüsslich meinen Weihnachtsbraten, eine Gänsekeule mit Klöße und Rotkraut in mich hineingestopft hätte. Bei diesem Gedanken drehte sich mein Magen um und ich schlang diesen hässlichen und faden Gräupcheneintopf, in welchem man die Fleischstückchen nicht zählen, sondern nur erahnen konnte, in mich hinein. Während ich über so vieles nachdachte, kamen mir auch die Gedanken wieder, wie ich damals mit meiner Schwester Thea, als wir noch Kinder waren, oben, in der Baukahre, die alte leer stehende Wohnung im Kellergeschoss durchsuchten und das alte Grammophon mit den vielen Schallplatten fanden. Unter anderem fiel mir wieder das unvergessliche Soldatenlied von Lili Marleen ein. Es war damals im zweiten Weltkrieg für die vielen Soldaten an der Ostfront geschrieben worden, die in den Schützengräben vor Stalingrad lagen, froren und hungerten und nicht wussten, ob sie die Heimat, ihr Liebchen und die Familie jemals wiedersehen konnten. Was konnte wohl dagegen meine sechstägige Arrestierung bedeuten? Für meine eigene Beruhigung, sang ich dieses wunderbare Lied ganz laut vor mich hin, obwohl ich wusste, dass es verboten war.
 
        
           „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor,
           stand eine Laterne und steht sie noch davor.
          Und sollten wir uns einmal wiederseh'n,
          bei der Laterne woll'n wir steh'n,
 wie einst Lili Marleen.
 Wie einst Lili Marleen.
 
          Unser beider Schatten, sah wie einer aus,
          dass wir so lieb uns hatten, das sah man gleich daraus.
          Und alle Leute sollen seh'n,
          wenn wir bei der Laterne steh'n.
 Wie einst Lili Marleen.
 Wie einst Lili Marleen.
 
          Schon rief der Posten, sie bliesen Zapfenstreich,
          es kann drei Tage kosten, Kamerad ich komm' ja gleich.
          Da sagte ich „Auf wieder seh'n“,
          wie gerne würd' ich mit dir geh'n.
 Mit dir Lili Marleen.
 Mit dir Lili Marleen.
 
          Deine Schritte kennt sie, deinen schönen Gang,
          Jeden Abend denkt sie,        
          sie denkt' an dich so lang.
          Und sollte mir ein Leid gescheh'n,
          bei der Laterne wird sie steh'n.
 Wie einst Lili Marleen.
 Wie einst Lili Marleen.
 
           Aus dem stillen Raume, 
           auf der Erden Grund,
           seh' ich wie im Traume, 
           ihren lieben Mund.
           Wenn sich die späten Nebel dreh'n,
           wird sie bei der Laterne steh'n,
 wie einst Lili Marleen.
 Wie einst Lili Marleen.
 
Draußen, vor der Zellentür, hatten sich meine Bewacher eingefunden und lauschten meinem Gesang. Dieses Soldatenlied der Lili Marleen, hatte sie doch gefühlsmäßig ganz schön betroffen gemacht und ihr Applaus war mir sicher. Einer von ihnen schloss die Türe auf und sprach mich an:
   „Sag mal Genosse. Hast du noch mehr solche schönen Sachen auf Lager?“
Zustimmend nickte ich:
 
     „Wenn ihr meine Gitarre von drüben holt, mache ich extra für euch eine Soloveranstaltung.“
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und berieten miteinander. Am Nachmittag hatten sie mir meine Gitarre hereingeschmuggelt. Das war für mich natürlich eine willkommene Abwechslung. Sie wollten unbedingt noch mal das Lied der Lili Marleen hören und so gab es von mir noch eine Zugabe:
 
         „Schöner Gigolo, armer Gigolo,
         denke nicht mehr an die Zeiten,
         wo du als Husar, mit Gold beschnürt sogar,
         konntest durch die Straßen reiten.
         Uniform passee, mein Liebchen sag' adieu,
         schöne Welt, du gingst in Fransen,
         wenn das Herz dir auch bricht,
         zeige lachend dein Gesicht,
         man zahlt, und du musst tanzen ...
 
         Der kleine Leutenant, er war der beste Reiter
         und alle Herzen, die flogen ihm gleich zu,
         er konnte tanzen und küssen wie kein zweiter
         und alle Mädchen verliebten sich im nu.
         Er hat gekämpft in Frankereich drüben
         und an der Weichsel schlug er die Feinde irgendwo,
         nun ist ihm nichts mehr geblieben,
         er wurde Gigolo ...
 
         Schöner Gigolo, armer Gigolo ...“
 
Nun hatte ich meine leidvollste Zeit im Knast ausgestanden. Bei den Wachablösungen sprach es sich herum, welch' schöne alte Hits ich darbieten konnte. Ich wurde von nun an für die restlichen Tage mit Zusatzrationen und Zigaretten versorgt und es war schon einigermaßen auszuhalten. Das musste natürlich immer dann geschehen, wenn kein Wachoffizier in der Nähe war. Als ich schließlich meine Weihnachtsarrestwoche abgesessen hatte und in meine Kaserne zurückkehren durfte, da gab es für mich noch zusätzlich, als 'Feinkostzugabe' sozusagen, drei Wochen Ausgangssperre. Ja, ja, es waren schon Sadisten, diese Herren Genossen Vorgesetzte, die sich mit ihren angetrauten, feisten Offizierweibern über die Feiertage in den Betten wälzten, während ich mir selbst die Hand küssen durfte. Solch ein Weihnachtsfest und Silvester, einschließlich Neujahr hatte ich noch nicht über mich ergehen lassen müssen und ich schwor mir, künftig mehr darauf zu achten, dass ich nicht wieder in solche Kapriolen verwickelt werden würde. Aber was hätte ich wohl tun sollen, als plötzlich Ilona, mein Liebchen, vor mir stand, dort draußen, mitten in diesem Schneegestöber, auf meinem Wachgang. Ich konnte sie doch nicht einfach davon jagen, wo ich selbst so froh und glücklich darüber gewesen war, dass sie meinen Wachdienst mit ihrem Erscheinen so verschönt und versüßt hatte. Aber ich tröstete mich damit, dass ja alles vergänglich sei und meine drei Wochen Ausgangssperre würden genau so vergehen, wie dieser scheußliche Arrest. Ein guter Kamerad, der auch vor meiner Zellentür Wache schieben musste, nahm einen Brief an meine Ilona mit hinaus und übergab ihn ihr im Bäckereigeschäft, damit sie überhaupt wusste, was mit mir geschehen war und warum ich sie über Weihnachten nicht besuchen konnte. Mein intensives Nachdenken in dieser Einsamkeit dort drinnen, hatte mir dazu verholfen, eines meiner schönsten Liebesgedichte zu schreiben, welches ich mit einem Bleistiftstummel auf ein Stückchen zerknittertes Papier hin kritzelte.
 
                  Der Himmel und du ...
 
         Immer wieder möcht' ich diesen blauen
         Himmel stundenlang erblicken,
         um Wölkchen Dir ins blonde Haar zu stricken,
         wie den Himmel möcht' ich Dich beschauen.
 
         Sonnenstrahlen möcht' ich oben finden
         und sie dann ins Zimmer an die Wände
         hängen, ach und wenn ich könnte,
         in Dein Haar würd' ich sie binden.
 
         Dort, vom Mond, den nächtlich kalten,
         würd' ich für Dich Silberlocken flechten,
         um dann in den ungeschlaf'nen Nächten,
         Dein Gesicht in meinen Händen halten.
 
         Droben dort, in diesen weiten Fernen,
         würd' ich Silbertaler für Dich pflücken
         und als Küsse sie an Deinen Mund Dir drücken,
         die schönsten pflück' ich für Dich aus den Sternen.
 
         Auch die warmen Sommerregentränen,
         wenn sie strömen nach Gewittergüssen.
         Deine Lippen möcht' ich trocken küssen.
         Unendlich groß ist mein 'Sich nach Dir Sehnen.'
 
         Alles, alles möcht' ich für Dich geben.
         Jeden Wunsch, ich möcht' ihn Dir erfüllen.
         Mit Dir lachen möcht' ich - unsre Sehnsucht stillen
         und bei Dir sein möcht' ich - mit Dir leben ...
 
Im März 1954 beging ich mein einjähriges Jubiläum bei der Kasernierten Volkspolizei und da bekam ich endlich meinen restlichen Urlaub aus dem Vorjahr. Meine Eltern waren inzwischen umgezogen. Sie wohnten nicht mehr dort oben in Schellerhau, sondern in Naundorf, bei Schmiedeberg in einem Vierfamilien - Siedlungshaus. Diese Häuser hatte die SDAG Wismut speziell für ihre Bergleute erbauen lassen. Mein Sechstageurlaub verging viel, viel schneller, als diese höllischen Weihnachtsknasttage und als ich wieder in meinem Kasernenstandort angekommen war, dort, in dieser Taiga, da gab es eine neue, aber diesesmal erfreuliche Überraschung. Da ich mit meinem Freund und Funkpartner, Franz Kampa, sehr gute Ergebnisse in der Funkausbildung erzielt hatte, wurden wir zwei zu einem mehrwöchigen Funklehrgang nach Pasewalk abkommandiert. Diesen Sonderlehrgang bestanden wir zwei mit „Auszeichnung“ und wir wurden beide in die Leistungsstufe I eingruppiert. Das brachte jedem von uns die Beförderung zum Gefreiten ein. Dieser Querbalken auf den Schulterstücken interessierte mich relativ wenig. Viel wichtiger war unsere doppelte Soldaufbesserung. Sechzig Märker für die Funkspezialisierung und fünfundvierzig Mark für den Querbalken. Da ließ es sich schon bedeutend besser leben. Ab sofort schickte ich jeden Monat etwas Geld nach Hause. Meine Mam wollte es für mich aufs Sparbuch legen, was sie auch meistens tat. Nur ab und zu wurde es mit ins Kostgeld hineingebuttert, wenn die Not zu Hause besonders groß war. Noch im gleichen Jahr fuhren wir für mehrere Wochen nach Kühlungsborn, ans große Haff, zum Scharfschießen mit unseren Fliegerabwehrkanonen und während sich die Kanoniere und Richtschützen ihren Arsch aufrissen, saßen wir in den Dünen und funkten uns auf die großen Tage des Schießens ein.
 „Adler hier Falke. Adler hier Falke. Hören sie mich? Kommen.“
Eine leicht verrauschte Stimme, jedoch trotzdem deutlich hörbar, kam aus dem Äther zurück:
   „Hier Adler an Falke. Hier Adler an Falke. Höre sie mit füneff.“ (Das ist kein Schreibfehler, sondern unsere Funksprache, wegen des besseren Verständnisses.)
Dann gaben wir unsere Übungstexte durch und schalteten auf Morsen um. Dieses Gehirntraining war unsere Lieblingsbeschäftigung. Mein Partner und ich, wir beherrschten immerhin so gut wie fehlerfrei, neunzig Buchstaben 'Hörleistung' und wir waren in der Lage, einhundertzwanzig Buchstaben in der Minute ebenso fehlerfrei zu geben. Wir waren ja von Anbeginn unserer Armeezeit auf das Morsen getrimmt worden. Jeden Tag mindestens drei bis vier Stunden Morseausbildung und mitunter bekamen wir dabei sogar die sogenannte 'Funkermacke'. Eine Überreizung der Nerven. Da kam es schon manchmal vor, dass wir für eine Stunde total 'verrückt' spielten. Bei den geringsten Anlässen wurden wir aggressiv, oder stellten allerlei Unfug an. Unser Ausbildungsoffizier kannte diese Problematik. Er trieb uns hinaus ins Freie, damit diese Situation nicht eskalierte, machte eine Pause und lenkte uns wieder in die richtige Bahn, indem er uns ein kurzes Fußballspiel gönnte, oder er trieb uns im Laufschritt über den Kasernenhof. Das schaffte dann wieder die nötige Klarheit in unseren übertrainierten Hirnen. Das Morsealphabet hat sich so in meinem Hirn eingefressen, so dass ich es heute nach fünfzig Jahren immer noch gut beherrsche. 
a .-    b   ...-     c    -.-.      d   -..    e   .     f   ..-.     g    --.    h   ....
i   ..   j   .---     k    -.-        l   .-..   m   -- n   -.       o   ---
p   .--.
q --.- r .-.     s   ...          t   -      u    ..- v ...-     w .--    x    .--.
Y -.-- z --..
1.----   2 ..---   3   ...--   4    ....-     5 .....   6    -....   7    --...  
8 ---..   9   ----. 0 -----
 
Was man jahrelang ganz intensiv trainiert hat, kann man es nicht wieder auslöschen. Es gehört zu meinem Sprachverständnis wie meine deutsche Muttersprache, nur mit dem einen Unterschied, dass es nicht mehr genutzt wird und in meinem Speicher 'Hirn' schlummert.
     Dann, eines Tages war es mit dem Scharfschießen so weit. Ein Flugzeug in etwa zweitausend Meter Höhe zog im weiten Abstand einen ballonähnlichen Luftsack hinter sich her und unsere Flaksoldaten, die Richtschützen und Kanoniere an ihren Geschützen mussten nun zeigen, was sie gelernt hatten. Sie mussten dieses 'Scheinflugzeug', sprich Luftsack an-visieren, scharf schießen und natürlich auch treffen. Unsere Aufgabe bestand darin, die errechneten Richtwerte 'Azimut' - das ist die Angleichung an Höhe und Geschwindigkeit, sowie die vermessenen Winkelwerte vom Flakgeschütz zum Flugobjekt - per Sprechfunk weiter zu leiten. Dies alles, wie auch das Kommando „Feuer“ erfolgte durch den Stab der Leitzentrale. Die harte Ausbildung, dieses 'Schleifen' sozusagen, es hatte sich wahrlich gelohnt und zahlte sich nun in hervorragenden Schießergebnissen aus. Diese Übung bestanden wir mit „Auszeichnung“. Es mag vielleicht sonderbar klingen, aber wir jungen Soldaten waren stolz auf unsere Ergebnisse. Aus unserem einst wild zusammengewürfelten Haufen, der zum großen Teil aus Abenteurern bestand, war eine hochqualifizierte Truppe entwickelt worden, die, wenn es darauf ankam, Höchstleistungen vollbringen konnte. Und trotzdem ... Wir Funker versuchten mit allerlei Tricks in den Zeiten der angeordneten Funkstille, mit Amateurfunkern aus aller Welt, Verbindungen aufzunehmen, um ein paar Sekunden mit ihnen über den Äther hinaus labern zu können. Dieses Überschreiten der Funkdienstordnung war natürlich bei strengster Bestrafung verboten, weil hier die Möglichkeit bestand, bewusst oder auch unbewusst, militärische Geheimnisse preiszugeben, oder zumindest un-seren Standort   zu verraten. Trotzdem versuchten wir es immer wieder, denn verbotene Früchte schmecken bekanntlich doppelt so süß. In diesen Kurzwellenbereichen gelang es uns sehr oft, mit Amateurfunkern ganz kurzen Kontakt aufzunehmen. Einmal hatten wir sogar Verbindung mit einem Schweizer Amateur. Er quatschte gerade mit einem Australier im Dualsystem, als wir uns einfach dazwischen schalteten. Mein Freund Franz Kampa, führte diesen äußerst kurzen Funkdialog.
     „Tscherio und Hallo. Freund aus der Schweiz. Hier meldet sich ein Soldat vom schönen Ostseestrand. Hörst du mich?“
Nach einigen Sekunden erfolgte schon die Antwort:
     „Tscherio und Hallo. Ich kann dich gut hören. Hier spricht QXL aus Aargau. Ich freue mich über unser Gespräch. Du hast mir gerade meinen Freund aus Australien aus meinem Sendebereich weggedrückt ...“
Von weitem sah ich, während ich über die Dünen hinweg lugte, wie sich unser Funkzugführer näherte und ich gab rasch meinem Freund Kampa unser verabredetes Warnzeichen. Sofort unterbrach er die hergestellte illegale Schwarzverbindung, drehte unser festgelegtes Funkwellenbereich auf der Skala wieder ein und schaltete die Kiste ab, denn wir hatten ja angeordnete Funkstille. Zwar hatte die Funküberwachungszentrale längst mitbekommen, dass irgendwo bei uns draußen verbotener Funkverkehr durchgeführt wurde, aber sie waren nicht in der Lage, uns anzupeilen, weil unsere Verbindungen nur einige Sekunden anhielten, sonst hätten sie uns zweifellos geortet. Es waren auch zu viel Flakeinheiten hier oben zum Scharfschiessen, so dass sie uns in keiner Weise eingrenzen konnten. Dieses Katze und Mausspiel war zwar kreuzgefährlich für uns, aber ebenso spannend.
Für Ilonas Geburtstag hatte ich mir etwas ganz besonderes und originelles einfallen lassen. Ihr Vater, der im zweiten Weltkrieg selbst Nachrichtenmann gewesen war, besaß einen alten englischen
Militärempfänger, ein Radiogerät mit kreisrunder Skala. Sein Kurzwellenbereich, welches die Amateursender mit empfangen konnte, wurde von ihm oft abgehört und wir zwei saßen mitunter stundenlang davor und lauschten in den Äther hinein, während sich seine Frau und Ilona total langweilten. Aber davon verstanden diese beiden nichts und zeigten auch keinerlei Interesse dafür. Ich schrieb ihr also rechtzeitig einen Brief, in welchem ich ihr mitteilte, dass ich versuchen werde, ihr einen besonderen Geburtstagsgruß per Äther zukommen zu lassen. Ich teilte ihrem Vater in diesem Brief den genauen Meterbereich zum Abhören mit, sowie auf die Minute meine vereinbarte Sendezeit, natürlich unter Vorbehalt. Nun konnte ich nur noch hoffen, dass ich zu diesem Zeitpunkt ungestört war und dass niemand in meine Nähe kam und ... das Glück war mir hold. Mein Freund Franz hielt Ausschau, während ich meinen Sender einschaltete. Dann ging ich auf die notwendige Sendefrequenz und sprach ins Mikrofon:
    „Hallo und Tscherio, mein Kleines. Alles, alles Gute zum Geburtstag. Dein Wuschel.“
Knack, hatte ich meine Verbindung schon wieder gekappt. Es dauerte nur wenige Minuten, da kam oben der Funkpeilwagen angetuckert und er strahlte mittels Radar die Gegend ab. Mein vorgegebenes Sendebereich hatte ich längst schon wieder eingepegelt und die Kiste ausgeschaltet. Als wir wenig später kontrolliert 
wurden, saßen wir tief gebeugt über unsere Sen-
de - und Empfangsprotokolle, ich hatte meinen Entschlüsslungscode in der Hand und tat so, als würden wir einen Funkspruch entschlüsseln.
    Ilonas Vater hatte, wie ich später erfuhr, rechtzeitig und genau seinen englischen Empfänger eingestellt und sie lauschten gemeinsam meinen Worten, die zwar etwas verrauscht und schwankend, aber dennoch gut hörbar ankamen. Kurz darauf erhielt ich einen Brief von ihr, in welchem sie sich ganz lieb für meine Grüße bedankte.
Wir hatten wieder einmal Funkstille, es war der vierte Juli und plötzlich schrie Franz Kampa zu mir herüber:
    „Du. Hör' doch mal. Ich habe das Endspiel Deutschland - Ungarn auf dem Kanal.“
Ich nahm meinen Kopfhörer und wir lauschten, immer wieder darauf achtend, dass wir nicht durch eine Kontrolle gestört werden konnten, diesem Spiel. Das war ein ganz besonderes Erlebnis für uns. Wir hatten das große Glück, die letzten zwanzig Minuten über den Äther miterleben zu können und dann war es soweit. Deutschland führte mit 3 : 2 Toren und war soeben Weltmeister geworden. Hurra! Diese Begeisterung ließ uns total vergessen, dass der Fußballweltmeister das andere Deutschland war, drüben im Westen, das imperialistische sozusagen. Es war einer der unlösbaren Widersprüche, mit denen wir jungen Soldaten nicht fertig werden konnten und auch nichts anzufangen wussten, denn wir waren ja darauf getrimmt worden, gegen dieses andere Deutschland wachsam sein zu müssen und wenn es sein musste, auch mit der Waffe in der Hand für den Schutz unserer Heimat zu kämpfen. Wir waren nicht imstande, trotz ständiger Polit. - Unterrichte - diese Worte „Heimat und Vaterland“ so zu definieren, wie es von uns gefordert wurde. Dennoch hatte uns die Freude derart übermannt. In solchen Augenblicken gewann unsere Euphorie die Oberhand über uns und es gab in diesen Augenblicken ganz unbewusst und spontan, weder eine DDR noch eine BRD. Es gab nur diesen einen deutschen Weltmeister.
    „Halte um Gottes Willen Deine Schnauze und erzähl' keinem etwas davon, sonst sind wir Mode ...“, ermahnte mich mein Freund Kampa. Vorsicht war das höchste Gebot für uns, denn solch ein Vergehen wäre noch weitaus schlimmer geahndet worden, als mein läppisches Wachvergehen. Obwohl wir unser neues Geheimnis streng hüteten und für uns behielten, so hatte sich bereits am nächsten Tag dieser Sieg schon überall in den Einheiten herumgesprochen und er war zum Gesprächsthema Nr. 1 geworden. Es war also klar, dass wir nicht die einzigen 'Schwarzhörer' gewesen sein konnten.
 
                                                    *
 
    Als im vorigen Jahr, am 17. Juni 1953 der Volksaufaufstand der DDR Bevölkerung so brutal niedergewalzt worden war, da wurde auch die Kasernierte Volkspolizei von 'unsicheren Elementen' gereinigt. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass auch in unserer Kompanie und sogar in jedem Zug, Soldaten integriert wurden, denen schon von weitem 'der Geruch der Staatssicherheit' anhaftete. Bildlich gesprochen natürlich. In unserem Zug war ein Fernmelder, ein sogenannter Strippenzieher eingegliedert worden. Fletscher Lothar war sein Name. Sehr bald merkten wir schon, dass immer dann, wenn wir über bestimmte Vorkommnisse oder über andere politische Themen diskutierten, er dabei saß, die Ohren spitzte und nie seine eigene Meinung kund tat. In dieser Zeit wurden aus unserer Kompanie fünf oder sechs Kameraden vorzeitig ausgemustert, entlassen oder in andere Einheiten versetzt. Es waren die Unruhestifter unter uns, die sich gegen bestimmte Befehle oder Anordnungen zu widersetzen versuchten und sich dagegen auflehnten. Aus anderen Einheiten erfuhren wir von ähn-lichen Vorgängen und unsere heimliche Devise lautete:
     „Pst, der Nachbar hört mit ...“
Wie schon erwähnt, die Unruhe - und Störfaktoren wurden weitmöglichst beseitigt, die Rivalitätsränkeleien und Schlägereien zwischen den Waffengattungen ließen zusehends nach und hörten schließlich ganz auf. Alles, was die 'Kampfkraft' negativ beeinflusste 
oder ihr entgegenwirkte, wurde mit der ganzen Macht der militärischen Härte unterbunden und dementsprechend geahndet und so 
wurde aus der Kasernierten Volkspolizei der Vorgänger einer künftigen Nationalen Volksarmee.
    Eines Nachts wurde dieser Fletscher dabei ertappt, wie er beim Licht-schein seiner Taschenlampe unter der Zudecke Notizen aufschrieb. Er gab vor, er würde Briefe an seine Freundin schreiben. In den darauf folgenden Tagen wurde seine Bettstelle von einigen meiner Kameraden durchgefilzt und siehe da, sein Notizbüchlein war gefunden worden, wo treu und brav unsere Namen drinnen standen, mit Stichworten unserer Äußerungen und Diskussionen. Fein säuberlich, mit Datum und Uhrzeit und wer so alles mit dabei gewesen war. Das Notizheft wurde sorgsam wieder an Ort und Stelle zurückgelegt. Nun wussten wir, woran wir waren. Es war natürlich ein gewaltiger Schock für uns, zu wissen, dass alles, was wir taten und alles, worüber wir sprachen, aufgeschrieben und weiter gemeldet wurde.
     Bei einem Ausgang in Torgelow wurde unser Spitzel eines Tages von 'Unbekannten' derart zusammengeschlagen, so dass er mehrere Tage in der Sanitätsstube verbringen musste, wo man ihn wieder zusammen flickte. Er kam gar nicht erst wieder in unseren Zug zurück, sondern er wurde unmittelbar danach irgendwohin nach Prenzlau versetzt, wo er seine Schnüffeldienste gegen seine Kameraden ungehindert fortsetzen konnte. So hatten wir uns von einer Laus befreit, die man uns in den Pelz gesetzt hatte. Es war wohl das gemeinste und niederträchtigste, was uns passieren konnte, dass wir bespitzelt und ausgehorcht wurden. Von nun an konnten wir nicht mehr so offen und freizügig miteinander umgehen. Misstrauen und Argwohn hatte sich eingeschlichen in unsere Truppe und das Zusammengehörigkeitsgefühl litt sehr stark darunter, denn, dem besten Freunde war nicht mehr zu trauen.
 
Wenig Zeit blieb mir nur noch, um mit Ilona meine freien Ausgangsstunden zu verbringen. Man warb mich für den Boxsport an und wir hatten eine richtig gute Mannschaft gebildet. Unser bisschen Freizeit wurde nun noch durch die vielen Trainingsstunden stark reduziert und bald begannen schon unsere ersten kleineren und noch unbedeutenden Boxkämpfe zwischen den Kompanien und Nachbareinheiten und später dann im gesamten Stand-ortbereich. Ich wog damals knapp zweiundfünfzig Kilo - (Nun sind fast zweiundneunzig daraus geworden) und ich kämpfte damals im Bantam-gewicht. Die ersten Kämpfe waren relativ leicht und ich ging sogar mehrere Male als Sieger hervor. Es machte Spaß, anderen auf die Birne zu hauen und selbst weitgehend ungeschoren und verschont zu bleiben. Doch dann, als die Standortmeisterschaften begannen, da trennte sich der Weizen von der Spreu und ich musste schon recht bald feststellen, dass ich mehr zur minderwertigen Spreu hin tendierte, als zum guten Weizen. Auch mein Trainer stellte dies immer mehr mit Bedauern fest. Wie oft machte er mich darauf aufmerksam, dass ich die Augen offen halten sollte, wenn die gegnerische Faust vor meinem Gesicht aufblitzte. Immer und immer wieder beging ich den gleichen Fehler. Sobald ein gegnerischer Boxhandschuh vor meinem Angesicht auftauchte, schloss ich für Bruchteile von Sekunden meine Lichter und 'wums', schlug es bei mir ein, wieder und immer wieder, bis ich eines Tages voll 'K O' gegangen war. Wunderbare Sternchen bekam ich zu sehen und alles erschien doppelt und dreifach vor meinen Augen. Ein fürchterliches Nasenbluten hatte ich mir eingefangen und meine Seher schienen mir schlitzförmig zuzuwachsen. Ich muss wohl wie ein Chinese ausgesehen haben. Mein Nasenbein war gebrochen und in der Sani-stube stellte man mich wieder einigermaßen her, in dem man meine Nasenscheidewand richtete. Eine ganze Nacht musste ich dort drinnen verbringen, mit diesen scheußlichen Tampons in den Nasenlöchern. Es ist ein grausamer und widerwärtiger Zustand, eine ganze Nacht nur durch den Mund atmen zu können, weil der Rachen dadurch derart austrocknet, so dass ich glaubte, ersticken zu müssen. Hinzu kamen diese unsäglichen Kopfschmerzen. In dieser Nacht schwor ich mir:
     „Nie mehr ziehst du Boxhandschuhe an ...“
Diesem Schwur blieb ich treu und nachdem ich wieder einigermaßen hergestellt und diensttauglich war, gab ich diesen rohen Boxsport auf. Es war mir doch zu unangenehm, wenn meine Gegner im Ring immer und immer wieder meinen gepeinigten Riechkolben als Zielscheibe für ihre Schläge benutzen wollten. Und ehrlich gesagt, es verletzte ganz erheblich meine Eitelkeit, wenn ich mit geschwollenen Lippen oder gar mit einem Veilchen im Gesicht zu meiner Liebsten hin ging. Ich war ja, so schätzte ich mich damals zumindest ein, als junger Bursche zugleich auch ein ganz hübsches Kerlchen gewesen und es begann mir schon wieder Freude zu bereiten, wenn ich mich ohne Kratzer und Beulen im Spiegel betrachten konnte. Am meisten freute sich Ilona, da ich nun wieder mehr Zeit für sie hatte.
 
                             *
 
    Als ich Weihnachten 1954 in Urlaub fahren durfte, da kutschte ich während meines Aufenthaltes in Frankfurt/Oder mit verschiedenen Straßenbahnen durch die Stadt, denn irgendwie hatte mich der Teufel geritten. Vielleicht wollte es gar der Zufall und ich sah eventuell meine verschollene Liebe, die Hilde einmal wieder? Ganz vergessen hatte ich sie eben doch noch nicht. Ich hatte keineswegs irgendwelche unlauteren Absichten oder gar dumme Ge-danken, aber gefreut hätte ich mich schon und einen kleinen Plausch wäre es wohl wert gewesen. Plötzlich, als ich wieder in eine andere Straßenbahn
umstieg, rief mir vorn die Zugführerin zu:
     „Hallo Landser. Auch wieder einmal in Frankfurt?“
Verdutzt guckte ich diese junge Frau an und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das war doch diese blonde Freundin von Hilde, welche damals dabei gewesen war, als wir uns kennen gelernt hatten. Ich stellte mich vorn zu ihr und wir plauschten ein Weilchen, obwohl ein Gespräch mit dem Zugführer während der Fahrt verboten war. Dann, nach geraumer Zeit fragte sie mich unverblümt lächelnd:
     „Hast du bissel Zeit? Es ist meine letzte Tour, dann habe ich Feierabend.“
     „Na klar. Mein Zug fährt erst in reichlich zwei Stunden.“
Ich fuhr mit ihr bis zur Endhaltestelle. Dort übergab sie ihren Straßen-bahnzug, rechnete ordnungsgemäß ihre Tageskasse ab und eine halbe Stunde später hakte sie sich bei mir ein und wir schlenderten durch die Straßen von Frankfurt.
    „Hildchen hat vor kurzem geheiratet. So einen alten Macker. Aber Kohle hat er massenweise ...“, schwatzte die Kleine drauf los. Ich wusste nicht so recht, was ich ihr darauf antworten sollte und nach einer Weile fuhr sie lachend fort:
     „So ein alter Gaul wäre nichts für mich ...“
    „Er wiehert wohl zu laut.“, gab ich eine etwas dümmliche Antwort von mir. Sie lachte immer noch und erwiderte:
     „Ehrlich gesagt, da gefällst du mir schon bedeutend besser.“
     „Na, du bist aber auch eine Hübsche zum Anbeißen.“
     „Na, dann beiß doch.“, erwiderte sie neckisch.
Wir blieben stehen und ich küsste sie einfach mitten auf der Straße, obwohl ich noch nicht einmal ihren Namen wusste. Ihre Lippen schmeckten irgendwie nach Chemie. Das war sicherlich ihr grellroter Lippenstift. Das Hupen der vorüberfahrenden Autos störte uns herzlich wenig. Einer der Vorbeifahrenden fuhr im Schritttempo an uns heran und schrie durchs heruntergelassene Fenster:   „Macht euch auf den Gehsteig, ihr geiles Volk, sonst fahre ich euch in den Arsch ...“
     „Und du kratz die Kurve, Blödmann. Bist wohl neidisch? Komm, verpiss dich.“, gab sie ihm zur Antwort. Auf den Mund war sie jedenfalls nicht gefallen, diese Kleine, stellte ich fest. Ich zog sie auf den Gehsteig hinüber, um die PKW Fahrer nicht noch mehr zu provozieren.
     „Sag mal meine Hübsche. Wie heißt du eigentlich?“
     „Ellen heiß ich. Ich bin einundzwanzig Jahre jung und ich habe noch kein Kind.“, lachte sie mich wieder an. Wahrscheinlich wollte sie mit ihrer letzten Bemerkung auf meine damalige Bekanntschaft mit Hilde anspielen.
     „Na, das kann ja noch werden ...“
     „Hallo, was soll denn das heißen?“, fragte sie mich neckisch.
     „Wollen wir irgendwo einkehren? Jetzt könnte ich ein Glas Wein ver-tragen.“, bat sie mich.
     „Na gut. Warum eigentlich nicht.“, entgegnete ich ihr. „Du musst mir nur sagen, wohin. Ich kenne mich hier nicht aus.“
Es blieb nicht nur bei einem Glase Wein. Diese Ellen konnte so wunderbar zuhören, wenn ich erzählte. Ihre großen, blauen Augen sahen mich ständig dabei an. An diesem Abend sprach ich viel über mein bisheriges Leben und es tat mir außerordentlich wohl, solch eine gute eine Zuhörerin gefunden zu haben. Bei Ilona war immer ich derjenige, welcher sprachlos sein musste, weil sie unentwegt plapperte und manches Mal war ich sogar etwas erleichtert, wenn mein Ausgang seinem Ende zu ging. Mitunter nervte sie mich mit ihrem ständigen 'Darauf los Gerede'. Einmal hatte ich aus Spaß zu ihr gesagt:
     „Dir kann man den Mund mit Klebeband zukleistern, an den Seiten quasselst du immer noch weiter.“
Hier war es ganz anders. Ich konnte mir alles vom Herzen herunter reden, was mich irgendwie bedrückte und schließlich hatte ich sogar noch meinen Zug verpasst und sie nahm mich mit in ihre kleine Mansardenwohnung hinauf. Obwohl ich ja in Torgelow meine feste Freundin hatte, irgendwie bekam ich doch einen mächtigen Heißhunger auf diese vollen, rote Lippen dieser anderen Unbekannten und ... 'was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß'. Es soll ja keine Ausrede sein, aber dieses fast zweijährige nervtötende Kasernenleben hatte meine Lebensgier so sehr eingedämmt, so dass eben doch ein Damm zu brechen drohte und er brach ... und als wir das Lokal verließen, nahmen wir noch eine Flasche Rotwein mit. In ihrer Wohnung zündete Ellen einen Kerzenleuchter an und wir zwei konnten und wollten in dieser kurzen Nacht keinen Schlaf finden. Der nächste Frühzug fuhr um 5.3o Uhr. Es war der Schichtzug, der die Werktätigen zu ihren Produktionsstätten fuhr. Ellen war viel zu müde, um mich zum Bahnhof zu begleiten. Ihr flüchtiger Abschiedskuss schmeckte irgendwie abgestanden, fad und schal und meine anfängliche Begeisterung für sie war bereits schon wieder verflogen, als ich mich in das überfüllte Abteil hineinzwängte. Ellen und ich, wir sahen uns nie wieder und wir hatten uns auch nicht weiter verabredet. Ich versuchte es auch nicht mehr, in den Straßenbahnen von Frankfurt, nach ihr oder Hilde Ausschau zu halten, wenn ich wieder einmal dort Aufenthalt hatte. Dieser kurze Flirt war ganz einfach so über mich gekommen, wir fanden uns sympathisch, hatten einfach Lust aufeinander und dann, hinterher ging jeder
 
wieder seinen eigenen Weg. Es wäre ja auch schlimm, wenn aus jeder 'Ein Tages Bekanntschaft' gleich eine ernsthafte Beziehung entstehen müsste. Irgendwie hatte mich dieses unvorhergesehene, spontane Abenteuer sogar etwas geärgert. Hinterher natürlich. Nicht nur, weil ich dadurch einen halben Tag Urlaub eingebüßt hatte und dass ich sogar noch in Cottbus einmal zusätzlich umsteigen musste, ich ärgerte mich auch darüber, weil ich Ilona gegenüber irgendwie ein schlechtes Gewissen bekam. Was wäre wohl, wenn sie gleiches täte? Dann, als ich noch darüber nachgrübelte, da war ich sogar im Stehen eingeschlafen. Meinen Koffer hatte ich zwischen den Beinen eingeklemmt, damit er mir nicht gestohlen werden konnte. War es die Suche nach einem Glück, das ich noch nicht endgültig gefunden zu haben glaubte oder war es ganz einfach nur die Neugier und Sehnsucht nach etwas neuem oder war es ganz einfach nur das Vergnügen am Spiel mit dem anderen Geschlecht? Ich fand keine Antwort auf meine Fragen.
   Meine Eltern waren sicherlich schon beunruhigt, wegen meiner Verspätung. Vielleicht dachten sie gar, mit meinem Urlaub wäre wieder etwas schief gegangen? Als ich endlich am Spätnachmittag nach einer ewig langen und umständlichen Bahnfahrt zu Hause angekommen war, da stand ich vor der Wohnungstür meiner Eltern und drückte mir den Daumen an der Klingel breit, doch niemand öffnete mir. So klopfte ich kurzentschlossen bei den mir noch unbekannten Nachbarsleuten an die Tür, um nachzufragen, ob sie nicht wüssten, wo meine Eltern sein könnten.
    „Komm nur herein Soldat.“, sprach mich ein etwas älterer, freundlicher Herr an und zog mich in den Korridor hinein.
   „Deine Eltern sind bei uns. Wir feiern nämlich meinen fünfundfünfzigsten Geburtstag. Du wirst von ihnen schon sehnsuchtsvoll erwartet ...“
Er schob mich ins Wohnzimmer hinein. Dort drinnen herrschte schon etwas fröhliche Stimmung. Umarmung, Küsschen mit meinen Eltern und Händeschütteln mit der mir noch unbekannten Familie. Erster Blickfang! Zwei wunderhübsche, dunkelhaarige Mädchen. Eine schöner als die andere. Die Töchter des Hauses. Brigitte und Hannelore.
     'Verdammt noch mal. Geht das denn schon wieder los?' Wie sich doch alle um mich bemühten. Sie stopften mich mit Essen voll, von allen Seiten wurde mir zugeprostet und ... ich war doch so hundemüde. Diese lange Bahnfahrt und vor allem diese schlaflose Nacht in Frankfurt, das zehrte doch ganz schön an meinen Kräften. Nach einer knappen Stunde entschuldigte ich mich schließlich:
     „Ich bin seit gestern Nachmittag unterwegs. Habe so gut wie nicht geschlafen. Ich muss mich erst ein paar Stunden aufs Ohr legen, sonst fallen mir die Augen zu ...“
    „Aber heute Abend kommst du noch bissel rüber zu uns.“, rief mir noch Frau Kramer hinterher.
Mutter richtete mir ein Bad zurecht. Mit einem ordentlichen Holzfeuer war der Badeofen bald auf Hitze gebracht und dann, nach einem ausgiebigen, wohltuenden Bad schlief ich endlich ein und mein strapazierter Körper und Geist flüchtete sich ins Reich der Träume. Meine zwei Brüder waren oben, in Waldbärenburg bei den Großeltern. Dann, gegen zwanzig Uhr hatte ich mich etwas regeneriert. Ich machte mich frisch und begab mich in Zivil nach nebenan. Es wurde ein schöner und angenehmer Abend. Die zwei Ehepaare tanzten miteinander bei gedämpfter Radiomusik und ich saß mit den beiden Mädchen zusammen. Ich wagte es nicht, eine von ihnen zum Tanze aufzufordern, weil ich nicht wissen konnte, ob dann vielleicht die andere eingeschnappt gewesen wäre. Also ließ ich es lieber ganz sein und wir spielten: „Mensch ärgere dich nicht.“ Normalerweise war ich für solche geistlosen Würfelspiele nicht besonders zu begeistern, aber es war immer noch besser, als nur dazusitzen, nach Worten suchen zu müssen, um ein nichts sagendes Palaver abzuhalten. Es elektrisierte mich sogar ein wenig, wenn mich die beiden Schönen beim Würfeln absichtlich mit ihren Fingerspitzen berührten. Dafür warf ich sie als 'Dankeschön' öfters mal raus. Es waren diese unsichtbaren Funkenschläge, diese geschlechtsspezifische Induktion, oder auch anders ausgedrückt eine energiegeladene drahtlose Übertragung. Dieses versteckte Flirten gefiel mir ganz gut, so dass ich schließlich an diesem Würfelspiel doch noch Gefallen fand. So war es auch für mich und für die zwei Schwestern ein angenehmer Abend geworden. Dann zu Hause, in unserer Wohnung fragte mich mein Vater so beiläufig, als würde es ihn  gar nicht weiter interessieren:
   „Die Große gefällt dir wohl besser, als die Jüngere? Sind hübsche Mädels, die beiden. Oder?“ Er feixte mich dabei so sonderbar an und auch Mutters Augen blitzten irgendwie verschmitzt. Sie hatten wohl meine Stielaugen bemerkt.
    „Na ja. Sind ganz nett, diese beiden.“, erwiderte ich.
    „Junge. Mache uns keinen Ärger in deinem Urlaub. Ich möchte nicht, dass sich hier irgend etwas zusammenbraut, was wir dann, wenn du wieder fort bist, auslöffeln müssten. Verstehst du, was ich meine? Es sind sehr gute Freunde von uns.“
     „Wenn dir Hannelore oder Brigitte gefällt, dann lass dir Zeit damit. Hast ja noch über ein Jahr abzudienen.“, ergänzte ihn meine Mutter.
    'Mein Gott, was sich die Alten für Gedanken um meinen Seelenzustand machen'. Ich hatte doch beim besten Willen nicht die Absicht, mit einer von den beiden anbandeln zu wollen und gleich gar nicht, ein Verhältnis anzubahnen. Ein bisschen flirten, mehr wollte ich auf gar keinem Fall.
    „Du hast mir früher, oben in der Baukahre einmal erzählt, dass ein Fuchs oder ein Marder niemals in der Nähe seinen Bau's räubern ginge.“, erwiderte ich nach einigem Nachdenken schalkhaft und mein Vater begann laut und herzlich zu lachen. Er prustete derart, dass er sich dabei verschluckte und wir mussten ihm seinen Rücken durch klopfen, damit er wieder zu Atem kam und nachdem er sich wieder erholt hatte, antwortete er:
     „Ein guter Vergleich ist das. Ein sehr guter ...“
 
     „ ... und außerdem sind das ja noch Jungküken.“
Mutter holte ganz tief Luft und ergänzte mich beruhigt.
     „Na, dann ist ja alles gut, mein Junge.“
Die nächsten zwei Tage verbrachte ich oben in Waldbärenburg bei meinen Großeltern. Ich hatte es ihnen im letzten Urlaub versprechen müssen, dass ich auch einmal bei ihnen schlafen würde.
Zufälliger Weise war auch mein Blutsbruder Achim bei seiner Mutter auf Urlaub. Als wir uns nach so langer Zeit endlich mal wiedersahen, merkte man doch deutlich, dass von unseren Kindheitsidealen nicht all zu viel übrig geblieben war. Wir waren älter und auch irgendwie reifer geworden. Am Abend gingen wir hinunter ins Gasthaus zur Riedelmühle, spielten mit Wolfgang, seinem Bruder Skat und soffen uns die Kehle zu. Spät, am Abend, bevor wir uns trennten, fragte mich Achim:
     „Franzla, wolln wir morga nach Hirschsprung tanza geha?“
Er hatte immer noch wie damals, als wir noch Lausbuben waren, diese Eigenart, hinter vielen ausgesprochenen Worten, sein schlesisches „a“ dran zu hängen.
   „Da muss ich erst meinen Ollen fragen, ob er mir einen Anzug ausleiht, meine Klamotten von damals passen mir nämlich nicht mehr.“
Aus meinen Zivilsachen, die ich vor der Kasernenzeit getragen hatte, war ich längst schon rausgewachsen und in Uniform wollte ich auf gar keinem Fall mit gehen, obwohl ich für meinen Urlaub keine Zivilerlaubnis erhalten hatte. Also fuhren wir am nächsten Tag zu uns nach Hause. Es gab überhaupt keine Frage. Ich hatte ja fast die Statur meines Vaters erreicht, er war nur noch etwas kompakter als ich, aber die Größe stimmte schon. Einer seiner Anzüge passte mir wie angegossen. Meine Eltern hatten mir zu meinem Geburtstag einen dunkelblauen Hut geschenkt. Hut tragen war damals groß in Mode gekommen und ich sah, so glaubte ich, gut damit aus. Auf alle Fälle bedeutend besser, als mit meiner Schirmmütze oder gar mit dem Käppi. Es war schon etwas anderes, als diese lästige kakibraune Uniform. Mutter band mir noch einen passenden Schlips vom Vater um und dann stiefelten wir los. Als wir die Treppe hinunter rasten, um unseren Bus nicht zu verpassen und zur Haustür hinaus wollten, kam noch diese Hannelore hinterhergerannt. Verdutzt himmelte sie mich an:
     „Wo willst du denn hin?“, fragte sie und ihre Stimme klang etwas enttäuscht. Wahrscheinlich hatte sie gehofft, dass wir nun die kommenden Abende gemeinsam verbringen würden.
     „Das ist mein alter Freund Achim aus Waldbärenburg. Wir haben uns weit über ein Jahr nicht mehr gesehen und wir wollen bissel Wiedersehen feiern.“
     „Na dann, viel Spaß heute Abend.“, klang es etwas traurig. Als wir zur Haustür hinausgingen, kam sie noch einmal hinterher gerannt und fragte mich:
     „Morgen Abend kommt ein toller Film im Schmiedeberger Kino. Willst du mitgehen? Ich versorge auch die Karten.“
Wir hatten es sehr eilig, weil die Zeit nun äußerst knapp wurde und ich sagte ihr zu. Dann fuhren wir hinauf nach Oberbärenburg und liefen die Waldstraße nach Hirschsprung hinunter. Unterwegs überraschte uns ein heftiger Gewitterguss. Es grollte und donnerte mächtig, Blitze zuckten am Himmel und es goss, wie aus Gießkannen auf uns herunter und wir suchten etwas Schutz unter einer großen Buche, sonst wären wir bis auf die Haut durchnässt worden. Dort oben, im Gebirge kann es schon passieren, dass sich noch während des Sonnenscheins urplötzlich der Himmel verdunkelt und das Wetter verändert sich schlagartig. Nach etwa einer halben Stunde verzog sich das Gewitter wieder, der Himmel klarte auf, so dass wir im Dauerlauf die Gaststätte 'zur Ladenmühle' erreichten. Als wir in den Gastraum eingetreten waren, da stimmte Achim ein lautes, wieherndes Gelächter an.
   „Wie siehst du denn aus?“, fragte er mich belustigt.
   „Wie denn?“, fragte ich zurück. Du bist doch genau so durchnässt, wie ich.“, erwiderte ich etwas missgestimmt.
      „Na, da beguck dich mal draussa auf der Toilette im Spiegel.“
Wir gingen hinaus und ... oh Schreck. Ich sah ja zum Kotzen aus. Die Farbe meines dunkelblauen Huts war nicht wasserecht gewesen. Er war durch den heftigen Regenguss ausgelaufen und mein Hemd war über und über von dieser dunkelblauen Farbe versaut. Dementsprechend war auch mein Ge-sicht eingefärbt. Aber das ging ja abzuwaschen. Doch dann, beim genaueren Hinsehen, stellte ich erschrocken fest, dass Vaters graublauer Zweireiher ebenfalls dunkelblaue Streifen abbekommen hatten.
     „Verdammte Scheiße. So kann ich nicht mit rein gehen. Da mache ich mich ja zum Äppel.“, schimpfte ich los. Die Lust zum Tanzen war mir natürlich gründlich vergangen und am liebsten hätte ich mich gleich wieder auf dem Heimweg begeben.
     „Na kumm schon, Franzla. Sei ka Spielverderber. Lass uns wieder ins Gastzimmer hineingeha. Da trinka wir een paar Schnapseln und paar Bierele und dann sieht die Welt scho wieda freundlicher aus.“
Widerstrebend folgte ich ihm und ging ich wieder mit hinein. Wir setzten uns an einen Seitentisch und bestellten uns etwas zum Trinken. Von drinnen aus dem Saal klang Musik zu uns herüber. Achim hatte sein durchnässtes Jackett über den Stuhl gehangen und auch ich breitete mein Zweireiherjackett in der Nähe des Kachelofens aus. Eine angenehme Wärme strahlte er aus. Achim rutschte auf seinem Stuhl hin und her, als hätten ihn Flöhe in den Hintern gebissen. Schließlich nahm er noch einen großen Schluck Bier zu sich und murmelte halblaut vor sich hin.
    „Ich will nur mal kurz reingucka, ob da was los is dort drinna ...“
Sprach's und verschwand im Saal. Nach einer Weile kam er wieder zurück an unseren Tisch.
    „Hübsche Madlas und viel zu weng Burscha sin dort drinna.“
 
Als die Musik wieder zu spielen begann, stand er auf und verschwand erneut im Saal. Das wiederholte sich nun bei jedem Tanz, bis er schließlich ganz drinnen blieb. Nach einer gewissen Zeit stand ich auf und guckte verstohlen zur Tür hinein, bis ich ihn drüben am anderen Saalende entdeckte. Er saß am Tisch einiger Mädels, hatte seinen Arm um eine von ihnen gelegt und er unterhielt sich angeregt. Mich hatte er anscheinend total vergessen. Ich ging enttäuscht zurück an meinem Tisch, schluckte maßlos fünf oder sechs Biere in meine Kehle hinein, spülte noch mit einigen Klaren nach und hatte, wie man so dahinsagt, den Kanal gestrichen voll. Ich musste bedauerlicher Weise feststellen, dass die Zeit der Freundschaft aus unserer Kindheit längst nicht mehr das war, was uns früher verbunden und zusammen gehalten hatte. Viel war nicht mehr davon übrig geblieben. Ich hatte weder Wut, noch Zorn auf ihn. Nur eine große Traurigkeit und Melancholie, wahrscheinlich hervorgerufen durch das Übermaß an Alkohol, welches nun doch schon eine erhebliche Wirkung zeigte, hatte von mir Besitz ergriffen. Vorn, an der Theke merkte scheinbar der Wirt meine Missstimmung.
     „Geh doch auch hinein, die haben doch alle schon etwas getrunken und da guckt keiner auf dein blauweißes Bayernhemd.“, meinte er gutmütig. Resigniert winkte ich ab.
     „Gib mir noch einen doppelten Klaren und dann bestelle mir bitte eine Taxe. Am besten den Taxi- Voigt aus Oberbärenburg.“
Er kam an meinem Tisch, hob die Schnapspulle hoch empor und ließ einen Doppelten mit hohem Strahl in mein Glas hinein pullern. Desinteressiert guckte ich ihm zu. Dann goss ich den Inhalt des Glases in mich hinein.
     „Schenk noch mal nach und dann die Rechnung bitte.“
Er goss mir noch einmal das Glas voll, weit über den Eichstrich hinaus bis zum Rand.
     „Der geht auf Kosten des Hauses, damit deine Traurigkeit vergeht.“
Etwas umständlich rechnete er die Biere und Schnäpse zusammen, die auf meinem Bierdeckel als Striche und Kreuze den Nachweis über mein Getrunkenes erbrachten.
    „Den Deckel von meinem Kumpel rechne auch mit auf ...“ Das Wort 'Freund' wollte nicht mehr über meine Lippen kommen. Ich bezahlte meine Zeche, bedankte mich beim Wirt, zog meine inzwischen getrocknete und verknitterte Jacke an und begab mich nach draußen. Den Hut hatte ich absichtlich drinnen auf dem Stuhl liegen gelassen, denn er war ja Schuld an meinem beschissenen Unglück.
   „Möge sich künftig ein anderer mit dir herumärgern.“, murmelte ich noch vor mich hin. Nur wenige Minuten musste ich draußen warten, dann kam der Taxivoigt aus Oberbärenburg mit seinem alten Opel angefahren.
    „Hallo Franzl. Du bist's. Hast wohl keine abbekommen heute Abend?“
Er hatte mich gleich wiedererkannt. Ich war ja oft genug bei ihm, damals noch, vor meiner Lehre, im Winter und ich hatte immer den Schnee geräumt und die Wege bestreut, vor seiner Pension.   
   „Ach, ich habe mir die Klamotten versaut, durch den Regenguss herzu. Schau nur, wie ich aus seh'.“   
    „Wo soll's denn hingehen?“, fragte er mich, als wir losfuhren.
       „Fahr mich bitte zur Baukahre. Ich schlafe bei meinen Großeltern.“
Als ich schließlich bei der Baukahre ausgestiegen war und bezahlt hatte, nahm ich ein paar kleine Kieselsteine und warf sie oben gegen das Schlafzimmerfenster. Nach ein paar Minuten ging oben das Kerzenlicht an. Das Fenster wurde geöffnet und die verschlafene Stimme meiner Großmutter erklang.
     „Wer ist denn da?“
     „Ich bin's. Der Franz. Kann ich bei euch schlafen?“
     „Warte. Ich komme gleich runter.“
Sie kam die Treppen herunter geschlürft, dann klapperte unten die Tür und ich wurde eingelassen. Sie hatte eines ihrer hübschen Spitzenhäubchen auf dem Kopfe und mit ihrer Brille auf der Nase sah sie beim Kerzenschein wie die Frau Holle persönlich aus. Lächelnd trappelte ich hinter ihr die Treppe hoch.
   „Du meine gute Oma. Wenn ich dich nicht hätte ...“, schnurrte ich sie an.
   „Ach geh'. Du stinkst genau so nach Bier und Rauch, wie dein Großvater, wenn er aus der Kneipe kommt.“
Sie legte mir eine Wolldecke und ein Kopfkissen auf das alte Sofa.
   „So. Nun leg dich hin und lass mich schlafen. Morgen früh ist die Nacht zu Ende.“
Ich drückte ihr noch einen deftigen Schmatz auf ihre Wange.
     „Ach geh. Alter Schnurrkater. Leg dich zur Ruh' und heb' dir deine Schmuserei für deine Liebste auf.“, kicherte sie in sich hinein.
Am nächsten Morgen besah sie sich den Schaden, gab mir vom Großvater, der einen guten Kopf größer war als ich, ein Hemd, welches natürlich viel zu weit war.
     „Musst halt die Ärmel hochkrempeln. Bis nach Hause wirst du schon kommen.“
Wir frühstückten noch zusammen und Großvater stopfte sich danach seine Pfeife und stieß den Rauch zu kleinen Kringeln in die Luft, wie damals schon, als ich noch seine Kunststückchen bewunderte. Alt waren sie geworden, die zwei Leutchen, in diesen vergangenen vier Jahren, seit ich damals meine Lehre begonnen hatte und dann zur Armee ging. Schließlich verabschiedete ich mich, lief hinunter zur Haltestelle Riedelmühle und fuhr mit dem Bus nach Hause. Mein Vater war zunächst erbost und zornig, als er seinen versauten Anzug betrachtete. Ich schlug ihm vor, dass er von meinem Sparbuch Geld abheben sollte, damit er sich einen neuen kaufen konnte. Damit war wieder alles in Ordnung und der Burgfrieden war wieder hergestellt.
    Am nächsten Nachmittag, da klingelte es an unserer Wohnungstür und Hannelore stand draußen. Sie wollte mein Versprechen einlösen. Ich hatte sie prompt vergessen. Also zog ich rasch meine Uniform an und wir beide trabten los.
     „Deine Schwester Brigitte geht wohl nicht mit?“, fragte ich sie.
     „Och, die hatte keine Lust. Ist auch besser so.“, strahlte sie mich an. Sie war schon ein schönes, schwarzhaariges Mädchen, etwas hochgeschossen für ihre sechzehn Jahre, sehr schlank, um nicht mager zu sagen und für meinen Geschmack etwas schmalbrüstig. Ich hatte kein besonderes Inter-esse, mich mit diesem Mädchen auf irgend ein Abenteuer einzulassen. Außerdem hatte ich es ja zu Hause versprochen, keinen Ärger im Hause zu machen. So versuchte ich, entgegen meiner jugendlichen Natur, brav und gesittet zu bleiben. Während des Films ergriff sie meine Hand und hielt sie fest in der ihren und ich ließ sie gewähren, ohne in eine Flirtpanik hinein zu geraten. Ein bisschen Händchen halten kann ja nicht schaden, dachte ich und ließ sie gewähren, denn es war mir trotz alledem keinesfalls unan-genehm. Dann auf dem Heimweg, ergriff mich doch ein bisschen die Leidenschaft und auch die Neugier auf dieses Mädchen, weil sie sich gar so sehr an mich schmiegte und ... ein Eisklotz war ich weiß Gott nicht und wollte ich auch nicht sein. Als ich sie küsste, musste ich feststellen, dass sie noch völlig unerfahren war. Ihre Kusserwiderung war irgendwie noch zu kindhaft und naiv, so; als würde sie ihren großen Bruder küssen. Kein bisschen Glut kam aus ihrem Munde und obwohl ihr Körper bei meiner Umarmung er-schauerte, so spürte ich doch zugleich eine gewisse innere und ängstliche Abwehr.
    'Junge, lass die Hände von der Kleinen, das kann ins Auge gehen ...', dachte ich mir und ich ließ von ihr. Anständig und gesittet gingen wir Hand in Hand nach Hause und ich verabschiedete mich kurz von ihr.
     'Der Fuchs geht nie in der Nähe seines Bau's wildern', fiel mir wieder mein Spruch ein, über welchen mein Vater so herzlich gelacht hatte. Meine Zurückhaltung zu ihr habe ich nicht bereut, weil man doch nie wissen konnte, wie solch ein junges Mädel auf eine erste Liebesaffäre reagieren würde. Mei-nen und ihren Eltern konnte ich jedenfalls mit reinem Gewissen in die Augen blicken. Als in den nächsten Tagen mein Urlaub zu Ende ging, brachte sie mich noch hinunter zur Bushaltestelle. Ich vermied es, ihr einen Abschieds-kuss zu geben, weil ich diesen kurzen Flirt für beendet betrachtete. Außer-dem eilten meine Gedanken schon wieder voraus ...
 
                                                                         *
 
     Am Torgelower Bahnhof erwartete mich schon meine Soldatenbraut Ilona und ich war wieder in guten Händen und 'unter Kontrolle'. Wir verbrachten noch den ganzen Nachmittag bei ihr zu Hause und dann begann wieder mein verhasster Drögeheider Alltag. Drei Jahre Dienstzeit waren doch für einen jungen Menschen eine verdammt lange und harte Zeit. Nur wenige Tage später sollte mich schon wieder mein 'Soldatenunglück' treffen. Das lag allerdings ausschließlich an mir selbst, weil ich Widerstand leistete und meine Klappe nicht halten konnte. Während meines Urlaubs hatten wir einen strammen, neuen Unterleutnant bekommen. Frischgebacken von der Offi-ziersschule und bis unter die Haarwurzeln scharf darauf, uns beweisen zu müssen, was er konnte, wer er war, oder zumindest sein wollte. Als wir eines Morgens wieder zum Frühsport 'ausgetrieben' wurden, zog ich meinen Pullover über das Trikot. Es war doch schon merklich kühl geworden in den Nächten. Als wir gerade loslaufen wollten, rief mich dieser 'Möchte - gern - offizier', den ich noch gar nicht richtig kannte, zu sich.
   „Genosse. Ziehen sie sofort ihren Pullover aus, sie Frostmotte.“
   „Ich bin etwas erkältet. Genosse Unterleutnant.“
   „Runter damit, hab' ich gesagt!“
   „Leck mich doch am Arsch. Zwerg Nase!“, schrie ich in meinem Frust zurück, denn ich hatte mir wirklich eine Erkältung zugezogen. Diesem Angeber war ein furchtbar, langer Riechkolben in sein Gesicht hineinge-wachsen und er musste wohl mehrere Male „Hier“ geschrieen haben, als die Nasen verteilt wurden. Ich wandte mich von ihm ab und lief meinen Kamer-aden hinterher und als wir dann unseren Lauf beendet hatten, stand er immer noch am gleichem Fleck und wieder schrie er mich an:
    „Sie dort ... Wie heißen sie!“
Er hatte seinen Bleistift und den Notizblock aus der Brusttasche hervorgeholt und ich erwiderte kurz und trotzig:
    „Schreib' auf. Gefreiter Hecht.“
Dann drehte ich mich um, ließ ihn einfach stehen und kehrte ihm den Rücken. Mir war durch meine unverschämte Reaktion natürlich sofort klar geworden, dass wieder einmal eine 'Knastwolke' über meinem Haupt schwebte und dass es ein böses Nachspiel geben musste, denn ich hatte den Zorn dieses 'Offizierneulings' hervorgerufen. Durch diese überlange Dienstzeit kam es immer wieder vor, dass einige von uns durchdrehten und rebellierten. Das war für uns Soldaten ganz normal. Schon beim Morgen-appell bekam ich seine Rache zu spüren. Hauptmann Morawin und unser Dicker, Stabschef Oberleutnant Keil, sie standen vor der Front mit meinem Unterleutnant 'Zwerg Nase' an ihrer Seite und sie schritten gemeinsam die Front ab. Schließlich blieben sie vor mir stehen.
     „Gefreiter Lorber, alias Hecht. Drei Schritt vortreten!“
Ich trat die drei befohlenen Schritte nach vorn und stand stramm, wie eine junge Eiche vor ihnen.
    „Kompanie stillgestanden. Ich bestrafe den Gefreiten Lorber mit zwei Ta-gen leichten Arrest wegen Ungehorsams und Belügen eines Vorgesetzten.“
    „Rührt euch! Diensthabender, führen sie den Arrestanten ab!“
Unser Alter hatte mich, während er seinen Urteilsstab über meinem Haupt zerbrochen hatte, mit keinem Blick gewürdigt.
Rums! Da war es wieder einmal um mich geschehen. Ich machte meine Ehrenbezeugung, wendete auf meine Hacken und marschierte neben meinem neuen Freund 'Zwerg Nase' quer über den Kasernenhof, dem Knastbau entgegen. Leichter Arrest bedeutete immerhin, ich durfte irgend eine Arbeit verrichten und zwei Tage, na ja. Was bedeuteten sie schon? Entweder den Kasernenhof kehren und fegen oder andere Reinigungsarbeiten, wie Zellen schruppen oder ähnliches. Das widerwärtigste war allerdings, wenn man zum Kloakenreinigen beordert wurde. Am zweiten Tag durfte ich mit zum Küchen-dienst, Kartoffel schälen und Gemüse putzen, sowie natürlich mit den Küchenfrauen schäkern. Das ließ ich mir schon gefallen. Da ich ein ziemlicher Witzbold war, so erzählte ich ihnen allerlei Witze und Zoten und ihr Gelächter drang bis hinaus auf den Kasernenhof. Es war ein sehr ange-nehmer Küchendienst geworden. Als Dank spendeten sie mir Kuchenränder und ich versteckte dieselben unter meiner Uniformjacke. Mit der einen Hand hielt ich sie unten zu, damit sie nicht herausrutschen konnten. Als mein Wachposten mit mir nach Beendigung des Küchendienstes über den Kaser-nenhof dem Arrestgebäude zustrebte, da kam mir doch prompt, wie auf Bestellung, mein Dicker, der Stabschef Oberleutnant Keil, entgegen. Irgend-wie schwante mir dabei schon schreckliches und als ich an ihm vorüber schritt, legte ich die rechte Hand an die Hosennaht und meinen Kopf hatte ich ihm im rechten Winkel zugewendet. Im exakten Stechschritt, immer darauf bedacht, dass meine Kuchenrester nicht aus der Uniformjacke herunter-rutschen konnten, marschierte ich an ihm vorüber. Es gehörte zur Dienst-vorschrift, dass, wenn man keine Kopfbedeckung trug, den militärischen Gruß mit beiden Händen an der Hosennaht, sowie den Kopf angewinkelt zum Vorgesetzten, vollzog, indem man wie eine Marionette an ihm vorbei exer-zieren musste. Als ich bereits mein Zeremoniell beendet hatte, rief er mich barschen Tones zurück und er brüllte mir, als wäre ich hochgradig schwer-hörig in die Ohren:
     „Sie können wohl nicht ordentlich grüßen? Zurück mit ihnen und ... einen ordentlichen Gruß will ich sehen!“
Er wusste nur all zu genau, dass ich etwas unter meiner Uniformjacke versteckt hielt. Eine kalte Wut kroch in mir empor, bis zum Kopfe hinauf und es hätte nicht viel gefehlt, da wäre ich wie eine geschüttelte Sektflasche hochgegangen. Mein Begleitposten flüsterte mir leise zu:    
  „Komm mach' keinen Scheiß. Du machst alles nur noch schlimmer.“
Also machte ich auf der Stelle kehrt, ging einige Schritte zurück und stakte steifen Schrittes wieder auf ihn zu. Drei Meter vor ihm führte ich beide Hände an die Hosennaht, winkelte meinen Kopf zu ihm und versuchte an ihm noch einmal vorbei zu exerzieren. Es muss wohl recht jämmerlich und grotesk ausgesehen haben, wie meine schönen und schmackhaften Kuchenresteln unten durch die Uniformjacke rutschten und auf die Erde des Kasernenhofes purzelten. Wir durften ja im Arrest kein Koppel tragen und da lag mein Zusatzabendbrot im Staube meines Angesichts. Die Stimme des Stabschefs überschlug sich förmlich und nahm eine unnatürlich hohe Stimmlage an, als
wolle er mir ein soprangesteigertes Soldatenliedchen darbieten.     
 
„Ja sind sie denn total wahnsinnig geworden. Kuchen klauen in der Küche ...“
    „Genosse Oberleutnant. Ich habe nicht geklaut. Das sind doch Kuchenrän-deln!“, schrie ich nun empört zurück.
Mit dieser heftigen Gegenantwort hatte ich mich natürlich ungehörig im Ton vergriffen.
     „Halten sie ihr aufsässiges Maul. Ich bestrafe sie zusätzlich mit noch zwei Tage schweren Arrest. Wegtreten!“
    „Du fettes Taigarindvieh. Leck mich doch ...“, murmelte ich unhörbar vor mich hin.
     „Sagten sie noch etwas?“
Ich schüttelte meinen Kopf.
     „Nein Genosse Oberleutnant. Ich habe nichts gesagt.“
     „Na, dann ist's ja gut. Bevor sie in ihre Zelle zurückkehren, räumen sie hier noch diesen Dreckhaufen weg, den sie verursacht haben.“
Ich holte unter Bewachung einen Eimer, Besen und Schaufel, um meine Kuchenrester wegzuräumen. Dieser Sadist hatte sogar auf mich gewartet und er trat nun schadenfroh grinsend mit seinen blankgeputzten Stiefeln auf den Kuchenrestern herum, damit ich sie nicht mehr verwerten konnte. Wut, Enttäuschung und Verzweiflung hatten von mir Besitz ergriffen über diese entmenschte Demütigung, die ich über mich ergehen lassen musste. Das hatte mit militärischer Strenge und Erziehung nichts mehr zu tun. Es war reine Schikane und Unterwerfung von Untergebenen. Einige dieser Offiziere versuchten mit allen Mitteln ihrer Machtbefugnisse, das Rückgrat der Sol-daten zu brechen, um sie zu einem Gehorsam zu erniedrigen, der die Grenze zu einer bodenlosen Unmenschlichkeit weit überschritt.
   Von nun an nannte ich dieses Drögeheide, welches mir immer mehr ver-hasst wurde:
 
                                     „Das Grab meiner Jugend.“
 
Beim nächsten Ausgang kaufte ich mir zwei Abstreichkalender, wo ich nun jeden Tag, den ich hinter mich gebracht hatte, mit einem großen, roten Kreuz wegstrich. Den zweiten Kalender versteckte ich wohlweislich, weil ich damit rechnen musste, dass der erstere bei einer Spindrazzia gefunden werden konnte. Ein Berliner Kamerad von mir konnte wunderbar Gitarre spielen und dazu singen. Günther Wittholz war sein Name. Durch ihn erlernte ich einiger-maßen das Gitarrespiel und ich schrieb für ihn das Lied vom Lagerfeuer in folgendes kleine Taigalied um. Bald schon machte dieses Lied im gesamten Standort die Runde. Überall wurde es gesungen und unsere Offiziere befahlen ihren Truppen, dieses „Machwerk“ zu unterlassen und verboten es strikt. Trotzdem lebte es fort und wurde heimlich weitergesungen. Das war damals meine 'kleine Rache' gegen die Offizierskaste. 
 
 
         „Wenn das Lagerfeuer brennt,
          schenk' ich dir mein Kakihemd
           und die Uniform dazu,
           dann hab' ich Ruh'.
          Dann gibt es keine Wache mehr
 und auch kein U.v.D.
          Darauf freu' ich mich gar zu sehr,
          wenn ich euch nicht mehr seh'.
 
          Wenn das Lagerfeuer brennt,
          schenk' ich dir mein Kakihemd
 und die Uniform dazu,
 dann hab' ich Ruh'.“
 
Wir sangen dieses Sehnsuchtslied immer dann, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe war, sonst hätte man mich wahrscheinlich wieder in den Karzer gesteckt und davon hatte ich erst mal bis zur Oberkante genug ...
 
                                                                    *
 
    In Vorbereitung der Wahlen der Nationalen Front, das war der Bund der Vereinigung aller demokratischen Parteien und Organisationen, wurden in unserem Standort auch sogenannte Pflichtveranstaltungen durchgeführt, an denen wir natürlich geschlossen teilnehmen mussten. Dort wurden uns die Kandidaten für unseren militärischen Wahlbezirk vorgestellt, die wir am Wahltag zu wählen hatten. Ein frohes Soldatenlied auf den Lippen, so mar-schierten wir hinüber zum Kulturzentrum. Drinnen waren Stuhlreihen aufge-stellt und es hatten etwa drei- bis vierhundert Mannen Platz gefunden. Oben, auf der Bühne saßen einige 'Raupenschlepper', das waren die höheren Offiziere ab Major. Wir nannten sie so in unserem Soldatenjargon, weil sie silberngeflochtene Schulterstücke trugen. Sogar eine 'Goldraupe' saß mit dort vorn. Goldraupen, das waren die Generale und sie trugen golden geflochtene Schulterstücke. Ein Generalleutnant, Vincenc Müller war sein Name, wurde uns vor-gestellt. Er war Mitglied der National Demokratischen Partei Deutschlands und sollte von uns für die Volkskammer gewählt werden. Als Stabchef der Kasernierten Volkspolizei war er eingesetzt worden und er berichtete uns, dass er als 1. Adjutant bei Generalfeldmarschall Paulus gedient hätte und dass er dabei gewesen wäre, wie Paulus seine sechste Armee freiwillig im Stalingrader Kessel an die Rote Armee übergeben hätte, um weitere sinnlose Opfer zu vermeiden. Er wollte uns noch davon berichten, wie Paulus und er im Nationalkomitee 'Freies Deutschland' gegen den Hitlerfaschismus gekämpft hätte. Dazu kam es dann allerdings nicht mehr, denn das Peinliche an der Sache war, dass wir im Zuge des Polit.- Unterrichts vor etwa einem viertel Jahr den sowjetischen Monumentalfilm 'Die Stalingrader Schlacht', als sogenannte Pflichtveranstaltung ansehen mussten und vielen von uns war dieser aufrüttelnde Film noch sehr gut im Gedächtnis haften geblieben. Sowjetische Frontberichterstatter hatten die Gefangen-nahme von Paulus dokumentarisch festgehalten. Da war natürlich nichts, aber auch gar nichts von einer 'freiwilligen Kapitulation' zu sehen gewesen. General Paulus, der noch am 31. Januar zum Generalfeldmarschall befördert worden war, als Dank von seinem Führer, weil er das sowjetische Ultimatum einer Kapitulation am 7. Januar noch strikt abgelehnt hatte, kam mit seinem Führungsstab mit erhobenen Händen aus dem Stabsbunker und ... er wurde gefangen genommen.
Diese unfreiwillige Kapitulation war durch der Roten Armee erzwungen worden, weil ihre militärische Übermacht zu erdrückend und vernichtend für Paulus gewesen war.
     Dieser Kriegsverbrecher hatte weit über zweihunderttausend Soldaten 'seinem Führer' sinnlos geopfert. Sie waren verhungert, erfroren und elen-dig krepiert in den Schützengräben des Stalingrader Kessels. Als nun mehrere Soldaten diese Argumente in die Diskussion einbrachten, kam die-ser Generalleutnant Vincenc Müller in arge Bedrängnis. Mit solch einem de-tailgetreuen Sachwissen hatte er wahrscheinlich nicht gerechnet. Es gab Rede und Widerrede und schließlich kam es zum großen Eklat besonderer Güte. Einer der Soldaten wusste besonders gut Bescheid.
    „Am 2. Januar wurdet ihr doch mit vierundzwanzig Generalen und neunzig-tausend Mann gefangen genommen. Was soll da dieser Scheiß von Kapi-tulation?“
Weit vorn in den ersten Reihen sprang ein anderer Soldat auf und schrie zornentbrannt hinauf zur Bühne:
     „Warum leben sie noch und sitzen dort oben? Mein Vater ist in Stalingrad elend kaputt gegangen und ihr Schweine habt ihn verraten und verrecken lassen ...“
Ein unwahrscheinlicher Tumult war entstanden. Mehrere Ordner ergriffen den wutentbrannten Soldaten und schleiften ihn gewaltsam aus dem Saal hinaus. Er schlug wild um sich und schrie:
   „Diese Scheißuniform trag' ich nie wieder, wenn dieses Nazischwein Offizier bei uns ist ...“
Als man ihn schließlich abgeführt hatte, trat allmählich wieder Ruhe ein. Die Wahlversammlung wurde sofort abgebrochen und wir marschierten ohne Tritt und ohne ein Lied auf den Lippen, hinüber zu unserer Kaserne. Nachdenklich waren wir schon geworden, wir Soldaten in unserer kakibraunen Uniform, die auch dieser ehemalige 1. Adjutant Generalleutnant Vincenc Müller trug.
    Später dann, als gewählt wurde, da standen drüben im selben Saal einige offene Wahlkabinen. Keiner von uns benutzte sie, weil wir sowieso von unseren Offizieren und von der Wahlkommission beobachtet wurden. Ich erinnere mich noch recht gut an diese Situation. Wir konnten nicht jeder für sich, einzeln ins Wahllokal hinüber gehen, sondern wir mussten draußen antreten und dann marschierten wir, ein frohes Soldatenlied singend, dorthin, um unsere militärisch - sozialistische Wahlpflicht gewissenhaft zu erfüllen. Dieser Müller wurde ordentliches Mitglied der Volkskammer und er war sicherlich mit mindestens 99,8 % gewählt worden.
Sein Generalfeldmarschall Paulus jedoch lebte ab 1953 un-geschoren in allen Würden und Ehren, oben auf dem weißen Hirsch in Dresden in Saus und Braus in seiner Prunkvilla, die ihm der Arbeiter - und Bauernstaat wohlwollend geschenkt hatte und er wurde Tag und Nacht, rund um die Uhr, von Eskorten der Deutschen Volkspolizei zum Schutze vor dem Volk bewacht, weil man ihn sonst mit aller Wahrscheinlichkeit gelyncht hätte. Auch dieses Erlebnis war für mich ein Stückchen Geschichte aus meiner Dröge-heider Zeit und die ersten Widersprüche keimten in mir auf. Ich wusste damals allerdings nicht so recht, wie ich sie einordnen sollte, denn diese stän-digen Polit.- Unterrichte, die wir damals schon als 'Rotlichtbestrahlung' bezeichneten, ließen in unseren jungen Köpfen letztendlich keinen Platz für politische Zweifel. Uns wurde der sogenannte 'Klassenstandpunkt' einge-hämmert und wir glaubten auch fest daran, dass der westdeutsche Imper-ialismus besonders angriffslustig und aggressiv sei, denn jeden Tag wurde uns dieses Feindbild von früh bis spät Abends vor Augen gehalten.
 
                                                                     *
 
     Noch im gleichen Jahr hatte ich ein besonderes persönliches Erlebnis mit einer sogenannten „Goldraupe“. Generalmajor Hermann Rentzsch hatte sich zur Herbstinspektion angemeldet. Da war Leben in unseren Kasernen ange-sagt. Es wurde geputzt, geflimmert und gestriegelt. Kein Stäubchen durfte ir-
gend wo umherliegen und unser Kasernenhof, beziehungsweise der Exer-zierplatz musste jeden Tag zweimal im großen Karomuster gerecht werden. Wie ein riesengroßes Schachbrett sah er aus und wehe dem, der es wagte, darüber hinweg zu laufen. Täglich war großes Kragenbinden waschen ange-sagt. Blendend weiß mussten sie oben am Kragen hervorstechen und auch unsere Schuhe und Stiefel wichsten und putzten wir mehrere Male täglich. Es war die reinste Horrorzeit, diese Vorbereitung auf die Herbstinspektion.
    Dann, als schließlich die Stunde der Ankunft der Inspekteure nahte, da war ausgerechnet ich mit einigen Kameraden zur Schlagbaumwache vergattert worden. Das hieß: Wenn der General mit seinem Gefolge kam, dann mussten sie an unserem Schlagbaum vorüberfahren. Da war natürlich die Aufregung doppelt groß. Etliche Male probten wir diesen Empfang. Dann, nach stundenlanger Wartezeit näherte sich von weitem die Wagenkolonne des Generals und unser Diensthabender, Unterleutnant 'Zwerg Nase' ließ die gesamte Wachmannschaft antreten. Sie stand in Reih' und Glied vor dem Wachhäuschen und natürlich hatte ausgerechnet ich unmittelbaren Dienst am Schlagbaum. Generalmajor Rentzsch war unser Divisionskommandeur von Prenzlau. Als er langsam an uns herangefahren war, stieg er aus seinem Tschaika aus und unser Unterleutnant ließ die Truppe strammstehen.
     „Wachmannschaft stillgestanden! - Präsentiert das Gewehr! Zur Meldung an den Genossen Generalmajor - die Augen rechts!“
Ruck zuck!
Wir standen wie eine Eins, die Mannschaft in Reih und Glied und ... ich armes Soldatenschweinchen allein und einsam dort vorn am Schlagbaum. Oh Gott, wie mir die Knie schlotterten. Mächtigen Düsengang hatte ich und unserem Unterleutnant seine Nase war vor Erregung noch länger und spit-zer geworden. Er machte mit seiner schnarrenden, leicht überschlagenden Stimme Meldung und der General begrüßte uns:
   „Guten Tag Genossen Wachsoldaten!“
   „Guten Tag, Genosse Generalmajor!“, donnerten unsere Stimmen ihm entgegen.
Wir standen immer noch mit präsentiertem Gewehr vor ihm, als mich mit einem Mal mein kleiner innerer Teufel zu reiten begann.
   „Genosse Generalmajor. Gestatten sie, dass ich eine Meldung mache.“, stotterte ich los und mein präsentiertes Gewehr, welches ich mit meinen Fäusten umklammert hielt, begann hin- und her zu beben. Der General zog seine Augenbrauen hoch und musterte scharf und eingehend mein Gesicht. Dem Wachoffizier befahl er:
     „Lassen sie rühren!“
     „Gewehr ab. Rührt euch!“
Dann wandte er sich wieder mir zu.
     „Wissen sie denn nicht, dass man mit präsentiertem Gewehr nicht sprechen darf?“ Seine Frage klang etwas bissig und mir wurde plötzlich ganz mulmig und weinerlich zumute.
     „Was gibt es denn zu melden?“
Hinter meinem Rücken hörte ich, wie unser Unterleutnant aufgeregt durch seine Nase schniefte und er begann zu keuchen, als stünde er kurz vor einem schweren asthmatischen Anfall. Ich fasste noch einmal all meinen Mut zusammen:
   „Genosse Generalmajor. Ich soll ... ich soll ihnen viele Grüße von ihrem Vater übermitteln ...“
Der General sah mich starr an, als würden ihm seine Augen aus dem Gesicht herausfallen. Er verzog keine Miene und zunächst fand er keine Worte für mein vorlautes und unmilitärisches Verhalten und für meine Dreistigkeit. Schließlich, nach dem er sich wieder etwas gefasst hatte, wendete er sich unserem Unterleutnant zu:
      „Genosse Unterleutnant. Wer ist dieser Mann?“
     „Das ist der Gefreite Lorber aus der S3 Kompanie“, stammelte er sichtlich geknickt. Man sah ihm an, dass er fix und fertig war und ich rief in meiner großen Not dazwischen:
    „Aus Schmiedeberg, Genosse Generalmajor. Aus Schmiedeberg.“
Ich glaubte feststellen zu können, dass sich sein strenger Blick ein ganz klein wenig aufhellte.
     „Wir sprechen uns noch ...“, antwortete er kurz und knapp. Ehrenbe-zeugung, wieder stramm stehen unsererseits, rein in seinen Tschaika und vorüber war der Spuk.
     „Lorber. Sie dreifach gehörntes Rindviech. Sie Auerochse. Sind sie denn total übergeschnappt? Was ist denn in sie gefahren und wie können sie es wagen, den General so voll zu labern? Das gibt noch ein böses Nachspiel für sie, das verspreche ich ihnen. Sie ..., sie Oberlandestroddel.“
Meinem Unterleutnant begannen die Zähne aufeinander zu klappern und es klang, als würde ein hohes Fieber durch seinen gepeinigten Körper hindurch jagen, so, als hätte er einen grippalen Schüttelfrost. Geifer hatte sich in seinen Mundwinkeln gebildet und er sah kreidebleich aus im Gesicht. Verbis-sen kurbelte er am Feldtelefon und als sich am anderen Ende der Kompa-niechef meldete, überschlug sich seine Stimme und aufgeregt erstattete er Meldung über diesen ungeheuren Vorfall, den der Gefreiter Lorber provo-ziert hatte. Kaum zehn Minuten waren verstrichen und schon kam unser Zugführer mit dem Kübelwagen angebraust. Er brachte gleich einen neu vergatterten Soldaten als Wachablösung mit und ich 'Depp' durfte in den Kübelwagen einsteigen. Dann, im Dienstzimmer meines Kompaniechefs begann im Beisein des Stabchefs sowie des Polit.- Offiziers ein äußerst strenges Verhör. Dort gab ich nun den Grund und die Ursache meines un- militärischen Verhaltens zum Besten. Der Vater des Generalmajors, welcher, wie auch meine Eltern in Schmiedeberg wohnte, war mit meinem Vater in einem Skatclub und da er bei meinem letzten Urlaub erfahren hatte, dass ich oben bei Prenzlau dienen würde, kam er zu uns auf Besuch und wir unterhielten uns lange und ausführlich. Unsinniger Weise bat mich dieser alte Herr, seinem Sohne viele Grüße auszurichten, wenn ich ihn mal zufällig über den Weg laufen würde. Er hätte ihn schon über zwei Jahre nicht mehr gesehen. Treuherzig sah ich meinem Kompaniechef in die Augen und völlig entmutigt fragte ich:
      „Was hätte ich denn tun sollen, Genosse Hauptmann?“
      „Das Maul hätten sie halten müssen. Ihr dummes Maul. Sie hätten um eine Audienz bitten müssen. Vielleicht hätte er sie sogar empfangen.“
Nach einer Weile des Stillschweigens, fuhr er in sehr barschem Tone fort:
    „Lorber. Wissen sie, dass sie noch um einen Grad blöder sind, als dieser Soldat Schweyk? Wenn das auf meine Kompanie zurückfällt, dann ziehen sie sich ganz warm an, denn dann marschieren sie für mindestens vierzehn Tage in den Bunker. Ist ihnen das klar?“
    „Zu Befehl. Genosse Hauptmann.“, erwiderte ich kleinlaut und blickte zu Boden.
    „Und beim nächsten Scharfschießen, lasse ich sie auf den Mond böllern, ohne Rückfahrkarte. Und nun treten sie ab, sie notorische Oberpfeife und raus hier, damit ich sie nicht mehr länger ertragen muss.“
Ich muss gestehen, dass ich völlig konfus und entnervt war. Zerknirscht und niedergeschlagen schlug ich kraft- und saftlos meine Hacken zusammen, machte auf dem Absatz kehrt und schlich hinüber in unseren Schlafsaal. Als ich dann auf der Bettkante saß, fragte ich mich, was da wohl über mich gekommen war und ich überdachte meine aussichtslose Lage.
    'Wenn die Herren Offiziere sich so sicher gewesen wären, hätten sie mich doch gleich eingebunkert. Vielleicht wollten sie erst mal abwarten, ob sich da noch irgend etwas daraus entwickeln könnte, was sie nicht vorher sehen konnten?' Sie waren wohl viel zu gerissen und auf den eigenen Vorteil bedacht, um in diesem extremen Fall voreilig zu handeln. Der General hatte ja gesagt, dass wir uns noch sprechen würden und das hatte ich meinen Vorgesetzten ebenfalls mitgeteilt. Tage zuvor hatte ich schon meine Kamera-den voll geeimert, dass ich den General persönlich gut kennen würde, obwohl dies nicht im geringsten stimmte. Man hatte mich sogar ausgelacht und verspottet und nun war mir nichts anderes übrig geblieben, um mit meiner soldatischen Untat einiges zu retten. Das hatte ich nun davon von meiner dämlichen Prahlerei. Als schließlich meine Kameraden nach Dienst-schluss in den Saal kamen, da ging natürlich ein Gegröle und Gejohle los. Schadenfroh grinsten sie mich an und ich schämte mich in Grund und Boden. Hier hatte ich wohl keine all zu gute Nummer abgezogen. Ich hatte wieder einmal, wie man im Soldatenjargon spricht, die Schnauze gestrichen voll, bis zur Oberkante. Ich hatte mich mit meinem Schicksal schon total abgefunden und war mit meinen Gedanken schon wieder im Knast, als etwa eine Stunde später unser Spieß, Hauptfeldwebel Bräunlich in den Saal geflitzt kam. Er machte einen langen Hals, wie eine Giraffe und suchte mich. Laut rief er in den Saal hinein:
     „Wo steckt denn der Lorber?“
     'Jetzt ist's passiert. Jetzt geht's in den Bunker', glaubte ich zu ahnen, sprang hoch und meldete mich etwas zerknirscht.
   „Du sollst hinüber ins Offizierscasino kommen. Der General erwartet dich. Zieh dir deine Ausgangsklamotten an und hier hast du noch eine neue Kragenbinde. Hast du deine Latschen ordentlich geputzt? Taschentuch einstecken?“ An alles dachte mein Spieß. Ganz freundschaftlich hatte er mich plötzlich mit „Du“ angequatscht. Nun war natürlich die Aufregung riesengroß. Nicht nur bei mir, sondern vor allem bei meinen Kameraden. Ihre Lästermäuler hatten sich schlagartig geschlossen und ihnen wuchsen Stiel-augen aus ihren Gesichtern. Wir alle konnten dieses 'Wunder' noch gar nicht richtig begreifen. Wie im Trance zog ich mich um und ich schritt dann aus dem Schlafsaal hinaus, über den frisch gerechten Exerzierplatz hinüber ins Offizierscasino, so, als liefe ich auf frischen Eiern. Meine Vorgesetzten standen im Kaserneneingang, starrten mir hinterher und keiner von ihnen wagte sich, mich zusammen zu scheißen, weil ich ihre frisch gerechten Karos zertreten hatte. Draußen vor der Tür überprüfte ich noch einmal meine Uniform, rückte meine Schirmmütze gerade und begab mich schüchtern und vorsichtig hinein. Der General saß inmitten des Raumes an einem ovalen Tisch und er hatte sein Generaljackett aufgeknöpft, so dass sein Unterhemd zu sehen war. Seine bestiefelten Beine lagen leger überkreuz auf einem daneben stehenden Stuhl. Als er mich bemerkte, winkte er mich, ohne aufzustehen, zu sich heran und bevor er mich ansprach, nahm er noch seine Füße vom Stuhl herunter und schloss langsam und bedächtig seine Generaljacke. Steif und ungelenk schritt ich auf ihn zu und knallte meinen Hacken zusammen.
     „Gefreiter Lorber meldet sich, wie befohlen zur Stelle!“
Etwas müde winkte er ab und sagte leise:
     „Lass das und setz' dich zu mir. Wie war doch gleich dein Name?“
Er schien wohl meinen Namen nicht richtig verstanden zu haben.
      „Franz Lorber. Genosse Generalmajor. Gefreiter Lorber aus Schmiede-berg.“
       „Ja, ja, ich weiß. Das hast du mir ja schon unter die Nase gerieben. Hast wohl einen mächtigen Anschiss dafür bekommen?“
    „Zu Befehl. Genosse Generalmajor. Ich wurde sofort von der Wache abgelöst und wahrscheinlich marschiere ich für meinen groben Unfug noch in den Bau ...“
    „Na ja. Besonders klug und militärisch hast du dich nicht verhalten. Aber Courage hast du bewiesen. Das war schon irgendwie imposant, was du da abgezogen hast. Dein Unterleutnant, dieser arme Strick hat ja fast einen Herzanfall erlitten.“
Belustigt schaute er mich an. Er hatte graublaue Augen und irgend wie bemerkte ich den Anflug eines warmen Schimmers in ihnen.
    „Hast du schon zu Abendbrot gegessen?“, fragte er mich kurz. Ver-schüchtert verneinte ich.
     „Na, dann speisen wir gemeinsam ...“
Er hob seine rechte Hand und schnipste mit den Fingern, so, wie man einen Ober in der Kneipe heran winkt. Fast geräuschlos deckten einige Soldaten mit grünen Kragenspiegeln den Tisch ein. Sie waren bei den rückwärtigen Diensten und gehörten zu seiner Leibmannschaft. Nebenan an den anderen Tischen saßen seine Begleit - und Stabsoffiziere. Ansonsten war das Offizierscasino wie leergefegt. Die Basisoffiziere von unserem Standort hat-ten an diesem Abend scheinbar Casinoverbot.
Belustigt dachte ich im Stillen:
    'Wenn der General mit seinem Schmiedeberger Gefreiten zum Abendbrot diniert, dann habt ihr Specksäcke Sendepause.'
Als die Soldaten den Tisch eingedeckt hatten, gingen mir die Augen über. Solche Spezialitäten und Kostbarkeiten hatte ich bisher noch nie zu sehen bekommen, geschweige denn, gegessen. Scheinbar amüsiert beobachtete er mich.
 „Komm Junge. Hau ordentlich rein. Morgen gibt es wieder Kasernenfraß ...“, lachte er mir ins Gesicht.
Sogar vom Kaviar durfte ich kosten und erst, als er mich darauf aufmerksam gemacht hatte, nahm ich mir ein kleines Löffelchen davon. Ich schaute genau hin, wie er seine Serviette in den Uniformkragen steckte und ich tat es ihm, so gut ich dazu imstande war nach, denn so vornehm mit Serviette hatte ich noch nie gegessen. Dann, während wir speisten, begann er sein Gespräch mit mir.
     „Aus Schmiedeberg bist du also und du kennst meinen alten Herrn persönlich?“
    „Jawoll. Ihr Vater und der meinige, sie spielen zusammen im Skatverein und als ich im letzten Urlaub zu Hause war, da kam er auf Besuch zu uns.“
     „Lorber? Der Name ist mir kein Begriff. Hab' ich noch nie gehört.“
    „Wir sind Zugezogene und stammen von drüben aus dem Böhmischen. Aus Graupen, gleich unter dem Mückentürmchen, wenn es ihnen ein Begriff ist.“
   „Und ob. Als junge Burschen sind wir oft mit unseren Fahrrädern hinüber gefahren, um das gute böhmische Bier einzukaufen. Es schmeckte bedeu-tend besser, als das unsrige, hatte mehr Prozente und es war auch billiger.“
Er schien über seine Vergangenheit nachzudenken, winkte schließlich ab und meinte:
     „Was soll's. Es ist schon eine Ewigkeit her.“
Um unser Gespräch wieder auf Schmiedeberg hin zu führen, sagte ich:
     „Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Sie sind ihrem Vatel wie aus dem Gesicht geschnitten.“
Der General lächelte bei meinem Vergleich.
   „Ja ja. Der Apfel fällt nicht weit vom Birnenbaum. Mein alter Herr, wie geht es ihm denn ... und was macht die alte GISAG? Ich habe dort den Beruf eines Maschinenschlossers erlernt ...“ Dann erzählte er weit ausholend, dass er als junger Kerl zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er hatte sich nicht freiwillig gemeldet, wie viele andere Schmiedeberger. Die erste Hälfte des Russlandfeldzuges hatte er miterlebt. Dann, im Kampf um Kursk 1943 lief er mit noch einem Kameraden zur Roten Armee über. Er hatte den heimlichen Rat seines Vaters befolgt und dann kämpfte er an der Seite der Sowjetarmee als Propagandist. Mit dem Lautsprecher rief er in vorderster Front die deutschen Soldaten auf, den Krieg zu beenden und ebenfalls überzulaufen. Nach dem Zusammenbruch des Hitlerfaschismus besuchte er eine sowje-tische Militärakademie in Moskau und er war von Anbeginn, seit der Gründung der Deutschen Volkspolizei dabei. Gebannt lauschte ich seinen Worten. Er konnte alles so wirklichkeitsnah und lebendig schildern. Das war ein ganz anderer Lebensverlauf, als bei diesem 1. Adjutanten von Paulus, diesen Generalleutnant Vincenc Müller und man merkte meinem General schon an, dass er einer von uns war. Seine Abstammung als Arbeitersohn war schon recht deutlich zu erkennen. Immer dann, wenn er mit dem Er-zählen ins Stocken geriet, nahm er die Flasche eisgekühlten Wodka, welche in einem Sektkübel mit Eiswürfeln neben ihm stand und dann goss er langsam und bedächtig unsere 'Sto Gramm Gläser' voll. Er trank den Wodka
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nicht etwa mit einem großen Schluck in sich hinein, sondern er schlürfte ihn genießerisch Schluck für Schluck und schloss dabei seine Augen. Bereits nach dem dritten Glas begannen für mich die Kristallleuchter oben an der Decke ganz merkwürdig zu tanzen. Auf dem Tisch standen zwei Teller. Einer war mit kleinen Speckwürfelchen angehäuft, und auf dem anderen lagen dünne Schwarzbrotschnitten. Er ermahnte mich immer wieder, zuzu-langen.
     „Komm Junge. Greif zu, damit du mir nicht wegsackst. Das habe ich in der Sowjetunion gelernt. Es saugt den Alkohol auf.“
Besonders gefiel mir an ihm, dass er mich immer Junge nannte. Es flößte mir großes Vertrauen ein und löste etwas von meiner inneren Verspannung.
Ich weiß nicht mehr, wie oft wir diese verdammt großen Gläser geleert hatten. Auch konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich des Nachts über den Kasernenhof in mein Bett hinein geschliddert war. Eines wusste ich jedoch am nächsten Tage. So gut und so fest hatte ich schon ewig lange nicht mehr gepennt. Noch in der gleichen Nacht gab es einen deftigen Nachtalarm. Es gehörte wohl zur Inspektion, die Truppen auf ihre nächtliche Kampfbereitschaft zu überprüfen. Auf Weisung des Kompaniechefs ließ man mich ab ruhen und von dem ganzen Trubel bekam ich absolut nichts mit. Am Folgetag nahm unser Divisionsgeneral die große Parade ab. Der ganze Standort Drögeheide mit all seinen Waffengattungen exerzierte im Parade-schritt an ihm und den anderen ranghohen Offizieren vorüber. Es war für mich ein außerordentlich erhebendes Gefühl, als ich an ihm vorbeimar-schierte und ihm noch einmal für einige Augenblicke ins Gesicht sehen durfte. Mir war natürlich klar, dass er mich bei dieser Masse von Stahl-helmgesichtern nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich hatte er sogar unsere Begegnung schon wieder vergessen. Bei meinen Kameraden und Vorge-setzten war ich natürlich ab sofort der absolute 'King' geworden. Mein Kompaniechef, Hauptmann Morawin, der mich einige Tage später zu sich berief, legte mir während dieses Gesprächs die Hand auf meine Schulter und er meinte schmunzelnd:
     „Lorber. Sie haben mehr Schwein, als Verstand bei dieser Sache ge-habt. Ich hätte nie daran geglaubt, dass ihre Geschichte auf Wahrheit beruhen könnte ... und ihr beide seid direkt aus einem Ort und ihr kennt euch?“
Ich bejahte seine Fragen und nach einer ganzen Weile wollte er noch von mir wissen
     „Und wie ist er privat, der General?“
Ich hörte gar nicht auf mit dem Erzählen und ich berichtete ihm die ganze Story, die mir mein General so spannend dargelegt hatte und ... ich flunkerte noch allerlei hinzu.
Ein halbes Jahr war seit diesem Erlebnis vergangen und keiner sprach mehr über mein damaliges vorlautes und abenteuerliches Verhalten gegenüber dem General und unserem anschließenden gemeinsamen Abend. Am 1. Mai
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1955 mussten wir, wie immer bei einem Staatsfeiertag vor gehisster Fahne zum großen Appell antreten. Völlig überraschend und unvermutet musste ich vor die Front treten und ich wurde zum Unteroffizier befördert. Ich weiß nicht, ob es allein auf Grund meiner funkerischen Qualitäten geschehen war, oder ob etwa mein General mich nicht vergessen hatte und seine Hand im Spiel hatte? Vielleicht genügte es auch schon, weil ich mit ihm 'so gut bekannt' war? Meiner bisherigen militärischen Disziplin jedenfalls hatte ich dieses außerordentliche Glück nicht zu verdanken, dessen war ich mir sicher. Auf alle Fälle war ich nun aufgestiegen, in die allerkleinste Stufe der Hierarchie des Militärs und ich war nun ein sogenannter „Gurkenschalenträger“, wie wir heimlich unsere Unteroffiziere aufwärts nannten. Ein ganz winzig kleines Befehlsarschlöchlein war ich geworden. Diese Beförderung brachte mir natür-lich eine Vielzahl von Verbesserungen und Erleichterungen in meinem Kaser-nendasein ein. Ich erhielt von nun an achtzig Mark mehr Löhnung. Das angenehmste für mich aber war, dass ich mit sofortiger Wirkung aus diesem großen Saal ausziehen durfte. Ich zog zu zwei anderen Unteroffizieren in ein Dreibettzimmer um und was besonders wichtig war, ich hatte, wenn es mein Dienst erlaubte, immer verlängerten Ausgang, bis früh um fünf Uhr. Auch mehr Urlaub gab es nun. Allerdings brachte mir diese Beförderung auch mehr Verantwortung, bedeutend mehr Aufgaben, mehr Pflichten und vor allem auch mehr Ärger ein, weil mir meine ehemaligen Soldatenkameraden, mit denen ich zwei Jahre lang zusammen gedrillt worden war, nun selbst gehorchen mussten und Neider gab es zur Genüge. Hinter der vorgehaltenen Hand sprach man sicherlich nicht nur Gutes von mir. Obwohl es mir mitunter selbst unangenehm und blöd vorkam, auch die Dienstvorschrift beim Grüßen musste mir gegenüber, von meinen ehemaligen Kumpels ein-gehalten wer-den. Natürlich versuchten sie mitunter, wenn kein höherer Vorgesetzter dabei war, mich zu verscheißern, indem sie die rechte Hand, wie zum Gruße hochhoben und während ich den Gruß erwiderte, kratzten sie sich am Hinterkopf oder rückten ihr Käppi zurecht. Das nahm ich ihnen jedoch nicht übel und wenn wir zusammen in der Kneipe saßen, lachten wir auch mal gemeinsam über diese kleinen Späße, denn wir waren trotz allem Freunde geblieben. ' Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps', war meine Devise und damit lag ich genau richtig. Im Herbst wurde eine stattliche Anzahl meiner Mitgenossen, die ihre drei Jahre abgeleistet hatten, entlassen. Ihr tägliches Kalenderabstreichen hatte für sie endlich sein Ende gefunden. Neue Muschkoten, so wurden die Neuankömmlinge genannt, zogen ein und dieser Druck, durch die eigene Kompanie mir gegenüber, ließ nun immer mehr nach und ich gewöhnte mich sehr bald an meine neue Dienststellung und ich wurde sogar ein kleiner straffer Kommandeur, ein Miniatur-generälchen, wie mich meine alten Kameraden am Biertisch spaßhalber nannten.
 
                                                                  *
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    Im Herbst fuhren wir für drei Wochen in den Oderbruch zum Kartoffel-ernteeinsatz. Golzow hieß dieses Bauerndorf. Die Offiziere und natürlich auch wir Unteroffiziere wurden bei Bauersleuten einquartiert und unsere Soldaten waren in einer großen Scheune untergebracht worden. Wenn ich nicht gerade U.v.D. hatte, verbrachte ich meine Abende meistens bei meiner Bauernfamilie 'Finger'. Ja, so hießen sie wirklich. Sie hatten ein allerliebstes Töchterchen. Elvira hatte ein feuerrotes Lockenköpfchen und ihre Sommer-sprossen machten ihr Gesicht noch lieblicher und anmutiger, als es schon war. Ich nahm an den Abenden meistens meine Gitarre mit, wir tranken hausgemachten Obst- und Beerenwein und es gefiel schon den Bauers-leuten, wenn ich sie mit meinem Gesang unterhielt. Für mich gab es nichts schöneres, als Lieder zu singen, meine Gitarre zu zupfen und bisschen im Mittelpunkt zu stehen. Am liebsten trällerte ich mein Lieblingslied von Hans Albers, 'die Reeperbahn'.
 
         Silbern klingt und springt die Heuer,
         heut' speel ick det feine Oos.
         Heute ist mir nichts zu teuer,
morgen geht die Reise los.
 
         Langsam bumm'le ich ganz alleine,
         die Reeperbahn zur Freiheit rauf.
         Kommt dann mal 'ne recht blonde, recht feine,
die gable ich mich auf ...
 
         Komm doch, liebste Kleine, sei die meine,
sag' nicht nein.
         Du sollst bis morgen früh um Neune,
meine kleine Liebste sein,
         und ist dir's recht, na dann bleib' ich dir
treu sogar bis um zehn.
         Hak' dich unter, wir wollen zusammen
         mal bummeln geh'n.                                    
 
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins,
         ob du' n Mädel hast oder auch kein's.
         Amüsierst du dich, denn das findet sich,
         auf der Reeperbahn nachts um halb eins,
         wer noch niemals in lauschiger Nacht,
         einen Reeperbahnbummel gemacht,
         ist ein armer Wicht, denn er kennt dich nicht.
         Mein Sankt Pauli, Sankt Pauli, bei Nacht ...
 
        
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Kehr' ich heim im nächsten Jahre,
         braun gebrannt, wie'n Hottentott.
         Hast du deine blonden Haare
         braun gefärbt, vielleicht auch rot.
        
         Grüßt dich dann mal ein fremder Junge
         und du gehst vorüber und kennst ihn nicht.
         Kehrt in dir die Erinnerung wieder,
         Wenn leis' er zu dir spricht:
 
Komm doch liebste Kleine,
         sei die meine, sag' nicht nein ...
 
 
Die Bauersleute, die von früh morgens bis spät am Abend schwer schuften mussten, sie schunkelten und sangen gemütlich mit und die kleine Rothaar-ige zerfloss, wie ein Stück Butter auf einer heißen Ofenplatte dahin. Ich wusste natürlich, welche Wirkung besonders dieses Lied auf die jungen Mäd-chen hatte. Die Schirmmütze des Fingerbauern hatte ich verwegen auf meinem Kopf gesetzt und ich merkte immer mehr, wie sich das Finger-mädchen in mich verguckte. Ich muss gestehen, dass ich in meiner Jugend nicht nur gern sang, sondern ich versuchte auch einige Künstler zu paro-dieren, was mir mitunter recht gut gelang. Am liebsten waren mir dabei Hans Moser, Theo Lingen und Heinz Rühmann. Von ihnen gab es die herrlichsten Witze, die ich mir von meinem Vater zu Hause abgelauscht hatte, denn er war genau solch ein Unikum, wie ich. An diesem Abend war es wieder einmal um mich geschehen und mein Herz schlug mir bis zum Halse empor. Die Blicke dieser kleinen Rothaarigen hatten mich doch ein bisschen in Wallung gebracht. Der süße Obstwein, den ich wie Wasser in mich hinein getrunken hatte, machten mich ganz wirr im Kopfe und diese blitzenden Augensterne trugen auch nicht gerade zum klaren Denken bei. Irgendwie war ich nicht mehr so richtig Herr meiner Sinne. Draußen war es inzwischen recht dunkel geworden und eine laue Herbstnacht lud die jungen Paare zum Turteln ein. Als ich oben in meiner Kammer angekommen war, die Bäuerin hatte mich die steile Treppe hoch begleitet, aus Angst, ich könnte mit meinem Weinrausch die Treppe hinunterstürzen, da hörte ich unten im Hofe leise meinen Namen rufen:
     „Hallo Franz. Hörst du mich?“
Elvira, dieser kleine Feuerschopf wartete unten ungeduldig auf mich. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie gar so sehr in mich verknallt wäre. Also begab ich mich nur auf meinen Socken laufend nach unten und ich versuchte ganz leise und behutsam aufzutreten, damit die alten Holztreppen nicht all zu sehr zu knarren begannen. Drüben, am Rande des Bauernhofes stand ein Pferdewagen, welcher noch halb mit grünem Futter oder Grumbt beladen
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war. Also stiegen wir dort hinauf, herzten uns und wühlten uns ins weiche Gras hinein. Zu meinem Glück hatte ich damals noch keinen Heuschnupfen und so konnte ich sie ungehindert küssen und lieben, ohne ständig niesen zu müssen. Der Mond, dieser immer lächelnde, neugierige Kerl dort oben, sah uns beiden zu. Nur ab und zu schob er sich verschämt lächelnd eine Wolke vor's Gesicht.
    Leider war schon wenige Tage später unser Ernteeinsatz beendet. Wir stiegen wieder auf unsere Fahrzeuge und die Bauern und vor allem die Mädchen standen am Rand der Dorfstraße, winkten uns zu und liefen noch hinter uns her, als wir längst schon in einer dichten Staubwolke, die unsere Fahr-zeuge aufgewirbelt hatten, verschwunden waren.
      Die Eintönigkeit des Kasernenlebens war wieder zu unserem Alltag geworden. Ilona war glücklich und froh, dass endlich die Zeit meiner Umher-reiserei zu Ende gegangen war. Der Winter zog wieder ins Mecklenburgische Land hinein. Barfröste hielten die sandige Erde umklammert und nur ganz wenig Schnee bedeckte die weiten Ebenen. Endlich näherte sich mein Weihnachtsurlaub und es kam wieder einmal zu ernsthaften Auseinan-dersetzungen und Streitigkeiten mit Ilona. Sie wollte unbedingt, dass ich endlich einmal die Weihnachtsfeiertage mit ihr, bei ihren Eltern verbringen sollte.
     „Hast du vergessen, wie ich im vorigen Jahr zu dir hinaus kam, am Heiligen Abend, als du Wache schieben musstest? Und jetzt, wo du Weihnachten Urlaub hast, da lässt du mich wieder allein. Ich glaube du liebst mich gar nicht mehr so richtig.“
Ihre Stimme bebte vor Aufregung und es trieb ihr die Tränen ins Schmollgesicht.
    „Ja, ja. Und ich durfte dafür sechs Tage im Bau abbrummen.“, antwortete ich ebenso wütend und störrisch zugleich. Überreden ließ ich mich auf keinem Fall, denn Weihnachten gehörte nach wie vor meinen Eltern und Geschwistern. Das Maß war wieder einmal voll für mich und ich fuhr, ohne mich von ihr zu verabschieden, heimwärts. Richtig wütend war ich auf sie und ihre Eltern geworden, weil sie meine heimatlichen Gefühle weder akzep-tieren, noch begreifen wollten. Ich hatte mich eben noch nicht von meinem Elternhaus abgenabelt, um hier in Torgelow ein neues Leben beginnen zu können und ich hatte auch nicht die Absicht, es tun zu wollen. Ihr Anspruch auf mich wurde immer fordernder und ausgeprägter. Selbst wenn ich unvorhergesehene Dienste durchführen musste, kam es zu diesen Rei-bereien zwischen uns. Vielleicht war es bei ihr auch schon eine gewisse Vorahnung und Ängstlichkeit, dass sie mich eines Tages ganz verlieren könnte oder sie vermutete meine kleinen Seitensprünge und Entgleisungen, die ich mir jedoch in keinster Weise hatte anmerken lassen. Bereits am dritten Tag meines Weihnachtsurlaubs kam eine Karte von ihr:
    „Herzliche Weihnachtsgrüße sendet dir deine Ilona. Viele liebe Grüße auch
an meine zukünftigen Schwiegereltern.“
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Woher sie wohl meine Heimatadresse wusste? Bestimmt hatte sie in meinen Sachen herumgeschnüffelt, als ich wieder einmal bei ihr übernachtet hatte. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich ihre übertriebene Zudringlichkeit stark nervte. Natürlich war meine Mutter von dieser Nachricht hellauf begeistert.
     „Ich bekomme bald eine Schwiegertochter und unser Junge heiratet in Kürze ...“, erzählte sie überall herum. Als ich nach meinem Urlaub wieder in Torgelow aus dem Zug ausstieg, stand Ilona bereits am Bahnsteig und sie tat so, als hätte es zwischen uns beim Abschied nie einen Streit gegeben. Zu Hause hatte ich mir fest vorgenommen, unsere Beziehung zu beenden, aber als ich sie so vor mir stehen sah, da gingen all meine guten oder schlechten Vorsätze wieder zu Bruche. Auf alle Fälle war ich mir im klaren darüber geworden, dass ich kein 'Seefahrer' werden würde, der hier in Torgelow seinen ewigen Anker auswerfen wollte, um im sicheren Hafen der Ehe einzufahren.
 
                                                          *
 
   Im Frühsommer des kommenden Jahres fuhren wir mit unseren Flakge-schützen hinauf nach Prora - Zingst zum erneuten Scharfschießen. Bereits dort oben begann eine große Werbekampagne für die Weiterverpflichtung von uns Spezialisten. Mindestens zwei Jahre wollte man uns erneut aufbür-den. Auf keinem Fall ließ ich mich darauf ein. Sogar eine fahrbare '5o Watt Station', der Traum eines jeden Funkers, wurde mir angeboten. Das hätte eine Dienstversetzung nach Prenzlau mit sich gebracht. Auch die Möglichkeit eines Studiums an einer Offiziersschule wurde mir nahe gelegt. All diese Angebote schlug ich aus. Wieder nach Hause wollte ich, nichts anderes. Aber ein schönes, neues Abenteuer stand mir bevor, dort oben, am schönen Ostseestrand. Ein Großteil dieses Strandes war ja militärisches Sperrgebiet und wenn wir Ausgang hatten, gingen wir natürlich dorthin, wo auch bade-lustige Zivilisten und vor allem 'Badenixen' anzutreffen waren. So lernte ich durch reinen Zufall während eines Ausgangs eine wunderhübsche, blonde Strandbiene kennen. Sie hieß Sylke. Wir Soldaten hüpften in unseren Turn-hosen umher und spielten Volleyball. Als ich einen Ball, der nahe an der Ausgrenze angeflattert kam, abwehren und zurück schmettern wollte, musste ich notgedrungen einige Schritte zurückspringen, kam dabei ins Stolpern und stürzte unglücklich oder auch zu meinem Glück, rückwärts, mitten in die Arme dieser Schönen. Diese Situation war natürlich an Peinlichkeit kaum noch zu übertreffen. Sie, die wohl in der Sonne etwas geschlafen oder vor sich hin geträumt hatte, kreischte erschrocken auf. Mit aller Form meines jugend-lichen Anstandes und Charme, versuchte ich mich bei ihr zu entschuldigen und ich bot ihr an, ihre Sandburg ausbessern zu helfen, die ich ja zum großen Teil, ohne es gewollt zu haben, zerstört hatte. Dabei hatte sich in meinem eroberungssüchtigen Hinterköpfchen schon wieder dieser kleine Eigennutz-gedanke fest gekrallt. In ihrem Strandanzug sah sie formvollendet aus und
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mich beschossen schon wieder diese verflixten kleinen Amorengelchen mit ihren Pfeilen und Bögen. Treffsicher waren sie schon, diese unsichtbaren Götterleins der Liebe. Scheinbar hatten sie auch einige Pfeilchen auf sie abgefeuert, denn trotz ihrer anfänglichen Hochnäsigkeit und Kratzbürstigkeit, gewann ich doch ziemlich rasch ihre Sympathie. Ich hatte derart den reu-mütig Zerknirschten gemimt, so dass sie sich doch recht bald von mir erweichen ließ. Ich durfte die zerstörte Strandburg mit ihr gemeinsam erneuern. Meine Volleyballkameraden glotzten neidisch zu uns herüber und machten natürlich ihre frivolen Späßchen und Witzeleien. Aber das störte mich herzlich wenig, war es doch nur der Neid der Besitzlosen, der zu uns herüber schwappte. Nachdem unser gemeinsames Bauwerk einigermaßen gut gelungen war, ich hatte inzwischen einige Male, rein zufällig natürlich, ihre Händchen berührt, rannte ich los, zum nächsten Eisstand und kehrte mit zwei riesigen Eisportionen zu ihr zurück. Hurra! Ich hatte gewonnen! Ge-nüsslich schleckten wir unser Eis in der glühenden Sonne und mein Sieg wurde dann noch mit ihrer Bitte gekrönt, ob ich bereit wäre, ihr den Rücken mit Sonnenschutzöl einzureiben. Na und ob! Mädchenrücken einölen war doch meine Lieblingsbeschäftigung seit heute, seit soeben. Von nun an trafen wir uns mindestens zweimal wöchentlich, wie es mein Ausgang erlaubte und so war diese kurze Strandbekanntschaft zwar wunderschön und überaus romantisch geworden, aber bei weitem nicht intensiv genug, um sich darin grenzenlos verlieren zu können. Es war schon etwas wunderbares, wenn wir an den Abenden am Strand lagen, Hand in Hand und dabei beobachten konnten, wie die Sonne sich mit den Wellen des Meeres umarmte, um dann im Untergehen weit draußen am endlosen Horizont silbern zu ertrinken. Diese Sonnenuntergänge im Meer waren wohl mit die schönsten Naturer-lebnisse, die ich jemals empfunden hatte. Soldatenliebe war wohl damals zu meiner Zeit - heute wird es wohl nicht viel anders sein - unvereinbar mit dem Wort Treue und ich fühlte mich pudelwohl in meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Vielleicht war dieses gewisse Austoben auch notwendig für meine Entwicklungsphase, damit ich später einmal ein einigermaßen guter Ehemann werden sollte. So glaube ich es zumindest vom heutigem Stand-punkt her, einschätzen zu können.
     Dann, als wir zum letzten Mal zusammen saßen, war für uns beide klar geworden, dass es gute und schöne Stunden waren, die wir gemeinsam erlebten. Mehr hatten wir beide nicht erwarten können, dafür war unsere Zeit zu kurz gewesen und darum war es auch ein Abschied ohne größere Gefühlsausbrüche und ohne tiefere Emotionen geworden. Wir gingen Hand in Hand am Strande entlang, schwiegen vor uns hin und wussten, dass wir uns mit aller Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen würden, denn ich hatte ihr erzählt, dass ich bereits im nächsten Frühjahr meine dreijährige Dienstzeit beenden würde.
     „Es war schön mit dir. Bleib' so, wie du bist und tschüs.“
Das waren ihre letzten Worte, als wir auseinander gingen. Wehmut kam kei-
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ne auf in mir, vielmehr war es ein leichtes Glücksgefühl, dass ich dieses Mädchen kennen lernen und auch ein klein wenig lieben durfte. Wir gingen auseinander, blieben noch einige Male stehen, winkten uns zu und für mich waren sehr schöne Erinnerungen zurückgeblieben an einen lie-ben Men-schen, dort, am schönen Ostseestrand.
 
              *
 
Am 18. Januar 1956 wurde die Kasernierte Volkspolizei in die Nationale Volksarmee umgewandelt und bereits zehn Tage später, am 28. Januar wurde die DDR in den Bund der Warschauer Vertragsstaaten aufgenommen. Diese Maßnahmen waren mit aller Wahrscheinlichkeit schon langfristig vorbereitet, denn bereits in den ersten Februartagen wurden wir völlig über-raschend neu eingekleidet. Unsere kakibraune Uniformen hatten nun aus-gedient und wir erhielten, wie früher die alte Wehrmacht, feldgraue Dienst-bekleidung. Nicht nur die Uniformen hatten sich grundlegend geändert, sondern auch die Dienstvorschriften. Sie waren präziser und bedeutend härter geworden. Eine der ersten Maßnahmen, die mich selbst mit betrafen, waren, dass der zeitlich unbegrenzte Ausgang der Unteroffiziere verändert wurde. Nicht mehr, wie bisher bis früh um 5.oo Uhr, sondern spätestens um 2.oo mussten wir wieder in unserer Kaserne sein. Die Kampfkraft und Einsatzfähigkeit der Nationalen Volksarmee sollte dadurch gestärkt werden, allerdings sehr zu unserem Nachteil. Wir merkten nun tagtäglich, wie die militärischen Zügel straffer geführt wurden und wir selbst, die Unterführer, muss-ten die Zügel gegenüber unseren Untergebenen ebenfalls straffen.
     Mitte Februar nahmen wir an der ersten großen Gefechtsübung der Warschauer Vertragsstaaten im Lausitzer Gebiet „Nochten“ teil. Das war die härteste Zeit, die ich jemals bei der Fahne durchleben musste. Gemeinsam mit den Truppen der Sowjetischen Armee, mit polnischen und tschechischen Militärverbänden wurden unter kriegsmäßigen Bedingungen drei Wochen lang, im strengsten Winter frontähnliche Zustände geschaffen. Wir buddelten uns im tiefgefrorenen Boden Erdlöcher und bauten Unterstände, sowie Schüt-zengräben aus. Nun hatten es unsere Kanoniere bedeutend besser, als wir. Sie wurden ständig in Bewegung gehalten, während wir, die Funker und Telefonisten in unseren Erdlöchern kauerten und ständig den Funkverkehr aufrechterhalten und sichern mussten. Angenehm dabei war, dass unmittel-bar, ungefähr einhundert Meter von uns entfernt, eine sowjetische Einheit lag. Diese 'Dowarischis', wie wir sie nannten, versorgten uns ständig mit Wodka, den wir in unsere Feldflaschen umfüllten. Natürlich gegen dementsprechende Bezahlung. Von nun an tranken wir unseren heißen Tee nicht mehr pur, sondern gemischt mit dieser aufheizenden, wohltuenden Zutat.
Mit unseren Feldstechern konnten wir bei gutem Wetter von weitem erken-nen, wie die oberste Generalität und Walter Ulbricht mit seinem Gefolge auf großen Schautribünen, welche natürlich fußbodenbeheizt waren, unserem 
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Kriegsgespiel zusahen. Sogar ein Atompilz mit Tausenden Litern Diesel und anderen Zutaten, war imitiert worden und während wir Soldaten in Schutz-anzügen mit den sowjetischen, polnischen und tschechischen Kampfgenos-sen im Hurrabrüllen und Anstürmen gegen unseren unsichtbaren Feind wett-eifernd anrannten, applautierten wohlwollend unsere obersten Herren dort oben auf ihren Tribünen völlig ungeschützt und beglückt, weil sie doch die 'Sieger' dieser Schlacht waren. Uns Entlassungskandidaten hatte man aller-dings mit dieser irrsinnigen Winterschlacht bei Nochten, die letzten Zähne gezogen und es gab wohl kaum noch einen von uns, der bereit gewesen wäre, sich noch weitere zwei Jahre länger zu verpflichten. Nach reichlich drei Wochen kamen wir völlig entkräftet und ausgemergelt von den Strapazen in unsere Kaserne zurück.
 
                                                               *
 
     Nur wenige Wochen nach dieser Großübung verletzte ich mich beim dienstlichem Judotraining derart, so dass ich etwa vierzehn Tage im Lazarett zu Prenzlau medizinisch versorgt werden musste. Ich war derart unglücklich zu Boden gegangen, so dass mein Trainingspartner mit seinem ganzen Körpergewicht auf meine Ferse krachte. Mein Fußgelenk war angeknackst und ich bekam einen Stützverband und tägliche Gymnastikübungen sowie andere Therapien verabreicht. Anschließend kam ich nach Bad Saarow ins Militärkrankenhaus zu einer Genesungskur. Das schönste bei diesem Kran-kenhausaufenthalt waren natürlich die hübschen Krankenschwestern. Ich weiß nicht, ob es an ihren weißen Kitteln lag, aber eine war wunderhübscher als die andere. Bis ich wieder einigermaßen hergestellt war, zog der April in's Land. Ilona bedrängte mich immer wieder in ihren Briefen, dass ich mich nun endlich entscheiden müsste, denn mein Entlassungsmonat Mai rückte immer näher. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn ich mich noch zwei Jahre länger verpflichtet hätte. Die länger dienenden Unteroffiziere und Soldaten auf Zeit hatten die Berechtigung und den Vorzug erhalten, außerhalb der Kasernen wohnen zu dürfen. Sie erhielten sogar einen dienstlichen Telephonanschluss, damit sie bei einem etwaigen Alarm oder Ernstfall sofort erreichbar waren. Ilona rechnete fest damit, dass ich länger dienend zu ihr ziehen würde. Allerdings ließ ich mich auch mit diesem Lasso nicht einfangen. Meine Freiheit, die ich schon förmlich riechen konnte und die ich so sehnsuchtsvoll herbei gesehnt hatte, sowie mein zu Hause, war mir wichtiger, als alles Glück dieser Erde. Fast bis zum letzten Tage gab sie den Kampf um unsere gemeinsame Zukunft nicht auf. Von zwei Seiten wurde ich attackiert und ich glaubte fest daran, dass sie sich mit meinen Kompanie-offizieren in ein Komplott eingelassen hatte, um mich doch noch überzeugen zu können. Ich ließ mich nicht mehr umstimmen, denn in meinem Ab-streichkalender waren nur noch wenige Tage frei.
     Dann war es endlich soweit. Der 15. Mai 1956 war der lang ersehnte Tag
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meiner Entlassung. Durch diese Umbildung zur Nationalen Volksarmee mussten wir zwei Monate länger dienen, als es vorgesehen war. Meine offizielle Zeit war ja schon am 15. März abgelaufen. Am letzten Abend vor meiner Entlassung holte ich meinen Kalender aus dem Spind hervor, setzte mich auf die Kante meines Betts und strich diesen verdammt heiß ersehnten letzten Tag mit einem großen Kreuz durch. Drei Jahre, zwei Monate und fünf Tage. Das war eine verflucht lange Zeit für mich gewesen und ich fragte mich, woher ich wohl diese Willenskraft genommen hatte, um diese Zeit so gut überstehen zu können. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen und wälzte mich unruhig hin und her. Unaufhaltsam hämmerte es nun in meinem Hirn: „Frei sein, richtig frei ...“ Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich am nächsten Morgen meine Zivilsachen aus der Kleiderkammer abholte. Ein Geruch von Mottenkugeln stieg mir in meine Nase hoch. Aus meinen alten Klamotten war ich ja längst schon heraus gewachsen und sie passten mir schon lange nicht mehr. So hatte ich in meinem letzten Urlaub zusammen mit meiner Muttel neue Sachen für mich eingekauft. Sie bestand darauf, dass ich mir auch einen Hut zulegen sollte, dieses Mal einen braunen, aber einen wasserechten. Ganz langsam und bedächtig zog ich mich an und mit jedem zivilen Kleidungsstück, das ich nun anzog, kam zugleich ein kleines Stück-chen 'Menschenwürde' und 'Menschwerdung' in meinem Körper zurückge-krochen. Damals, am 1o. März 1953 hatte ich dieses individuelle 'Mensch-sein' am Eingangstor der Kaserne Großenhain abgestriffen. Nun kehrte es wieder zurück und ich konnte wieder frei durchatmen. Die ganzen Jahre lag dieses 'Soldatensein' wie ein riesengroßer, schwerer Stein auf meiner Brust, der mich auch manchmal zu erdrücken drohte. Als ich mich bei meinem Spieß, Hauptfeldwebel Bräunlich verabschiedete, guckte er mich so sonder-bar an. Wir zwei waren schon seit längerer Zeit zum 'Du' übergegangen.
    „Ich habe noch zwölf Jahre ab zu schruppen. Bis dahin bin ich ein alter Mann ...“, sagte er etwas verträumt.
    „Dafür bekommst du mal eine gute Ehrenpension.“, hatte ich ihm noch erwidert. Ich glaube nicht, dass er bei unserem Abschied besonders glücklich gewesen ist. Draußen, an der Eingangstür unserer Kaserne standen der Stabschef Oberleutnant Keil, mein Kompaniechef Hauptmann Morawin, so-wie mein Spezie, Unterleutnant 'Zwerg Nase'. Meine Hand bot ich ihnen nicht zum Abschied, aber meinen braunen Hut zog ich vor ihnen, verbeugte mich leicht und galant und rief ihnen laut und deutlich zu:
     „Habe die Ehre, meine Herren.“
Glücklich und zufrieden mit mir selbst trabte ich mit meinem Köfferchen und der Aktentasche beim Schlagbaum vorbei, dem Bahnhof Torgelow entgegen. Meine Gitarre hatte ich, wie früher meinen Karabiner, über den Rücken gehangen. Dort, am Bahnsteig stand schon mein Soldatenmädchen Ilona mit roten, verweinten Augen.
    „Bitte, bitte komm doch wieder.“, flehte sie mich an, obwohl auch sie wusste, dass es eine Trennung für immer werden sollte. Ich versuchte sie zu
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trösten, denn auch mir fiel dieser Abschied weitaus schwerer, als ich gedacht hatte und am liebsten wäre ich noch einen Tag bei ihr geblieben. Wir lagen uns in den Armen und es sollten unsere letzten gemeinsamen Minuten werden. Eine Liebe war gescheitert an ihren unüberwindlichen Widersprü-chen. Ilona konnte sich nicht trennen von ihren Eltern und ihrem Bäckerei-geschäft und mich zog es unwiderstehlich nach meinem 'zu Hause'. Von ihren Eltern hatte ich mich schon vor zwei Tagen verabschiedet.
    „Ach, Ilonamädchen. Mach' es uns doch nicht noch schwerer, als es zu ertragen ist. Komm', behalt' mich in guter Erinnerung ...“
Noch einmal berührten sich unsere Lippen. Dieser allerletzte Kuss schmeck-te so salzig, wie die Wellen im Meer. Ich riss mich von ihr los, sprang auf den anfahrenden Zug auf und winkte ihr noch zu, bis sie aus meinen Blicken entschwunden war. Der Fahrtwind zerzauste mir mein Haar, als ich noch aus dem Fenster zurückblickte und er trieb mir die Tränen aus den Augen. Ob es wirklich der Fahrtwind gewesen war? Wer weiß es schon? Meinen Hut hatte ich längst schon vom Kopfe genommen, sonst hätte ihn vielleicht auch noch der Fahrtwind fortgerissen, hin zu ihr, als Andenken. Irgendwie tat ich mir ja selbst leid. Eine schöne und wundervolle Zeit war es schon gewesen mit ihr und meine Gefühle ließen sich nicht so einfach wegwischen. Ilona war aus meinem Blickfeld entschwunden. Die Kiefernwälder huschten an mir vorüber, vorn pfiff die Lokomotive ihr lustiges Reiselied und dann, auf der Fahrt von Torgelow, über Berlin nach Dresden, holte ich mein kleines Notizbüchlein hervor und ich schrieb für sie dieses Gedicht, das sie nie zu lesen bekam. Oder hatte ich es nur für mich selbst geschrieben?
 
 
 
Heimfahrt ...
         Mir war, als ob ich schwebe,
als ich im Zuge saß
und ich vergaß
         fast - dass ich doch noch lebe.
Ich dacht' an meine Süße,
         an ihren Abschiedskuss.
         Endgültig ist nun Schluss,
         trotz ihrer Abschiedsgrüße. 
 
So fuhr ich in die Ferne,
sie winkte mir noch zu.
Ich fand sie nicht, die Ruh',
wär' bei ihr noch so gerne.
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Wenn ich sie nun vergäße,
         vielleicht werd' ich dann still.
         Weil ich vergessen will,
dass gern ich bei ihr säße.
 
         Den Kuss von ihrem Munde,
er schmeckte bittersüß -
in ihrem Paradies,
         da ging ich noch zu Grunde.
 
         Schon gut, dass ich abreise,
         auch kehr' ich nie zurück.
Nur einen Augenblick,
denk' ich an sie noch leise.
 
Nun fahre ich nach Haus'.
Wirst bald vergessen sein,
ach du, mein Mägdelein,
vorbei ist es und aus.
 
                                                
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Heimkehrer
 
 
     Es war schon ein eigenartiges, prickelndes Gefühl, welches über mich gekommen war, seit ich in diesem Zug saß, vor allem auch deshalb, weil es nun mein endgültiger Aufbruch von Torgelow nach Hause werden sollte. Nie wieder dorthin zurückkehren zu müssen, in diese verlorene, verwünschte Taiga, wo ich über drei Jahre in eine Uniform eingezwängt und immer nur Befehlen gehorchend, leben musste. „Jawoll und zu Befehl!“, waren die eingebrannten Worte, die mich in den vergangenen Jahren ständig begleiteten. Dieses Mal konnte ich direkt über Berlin fahren und die Bahnpolizisten, die immer noch die Züge kontrollierten, gingen achtlos an mir vorüber. Irgendwie tat mir diese Nichtbeachtung gut und ich fühlte mich wohl dabei. Die Wiesen und Äcker hatten längst schon ihr grünes Farbenkleid angezogen und wenn ich hinaus aus dem Fenster blickte, wie im rasenden Tempo die Landschaften an mir vorüber huschten, da merkte ich schon, wie das Blut in meinen Adern immer mehr zu pulsieren begann. Ich glaube, mein Blutdruck war weit über das Normalmaß angestiegen und meine innere Umwandlung zu einem jungen, zivilen Menschen, der nun wieder über sein Leben selbst bestimmen konnte, vollzog sich zwar langsam und dennoch immer intensiver. Als ich mir dann in Eberswalde, wo der Zug eine kurze Zeit Aufenthalt hatte, am Bahnsteigkiosk ein paar Flaschen Bier holen wollte, da kamen mir doch zwei Offiziere entgegen. Unwillkürlich hob sich meine rechte Hand automatisch von selbst hoch und ich grüßte die beiden. Sie beachteten mich natürlich in keiner Weise und ich blieb stehen, blickte ihnen hinterher und lachte kopfschüttelnd lauthals über mich selbst.
     'Mein lieber Mann. Hier musst du aber noch viel lernen, bevor du wieder ein richtiger Zivi bist.'
In meinem Abteil waren einige Landser zugestiegen. Sie hatten mich scheinbar durchs Fenster beobachtet, wie ich diese Offiziere gegrüßt hatte.
    „Bist wohl etwas neu in der Zivilbranche?“, fragte mich einer von ihnen.
    „Drei Jahre Taiga, oben in Drögeheide, da ist man schon irgendwie eingeschliffen, um nicht zu sagen verblödet. Bevor das alles abbröckelt von einem, da vergehen wahrscheinlich noch einmal drei Jahre.“
     „Das kann ich nicht so gut beurteilen. Bin erst knapp zwei Monate beider Truppe.“
     „Na, da habt ihr ja noch einiges vor euch. Viel Spaß dabei.“
In Bernau stiegen sie dann aus. Sie mussten hinüber nach Straußberg, zu einem Lehrgang. Ich sah ihnen noch hinterher, wie sie mit ihren Rucksäcken den Bahnsteig entlang liefen.
     „Ach, ihr armen Kerle. Ihr ahnt ja noch gar nicht, was noch über euch einstürzen wird ...“
Ich ließ nun alles auf mich zukommen. Gedanken über meine Zukunft hatte ich mir noch keine gemacht. Meine letzte Löhnung sowie mein Überbrückungsgeld knisterte und klimperte in meiner Geldbörse und ich freute mich schon ganz sehr auf mindestens vier Wochen 'Nichts tun'. Doch bereits nach vierzehn Tagen war mir die Lust am herumlungern vergangen. Ich hatte mich rechtzeitig beim Wehrkreiskommando zurückgemeldet und bereits dort versuchte man, mir eine Arbeitsstelle zu vermitteln. Die Kreisleitung der Freien Deutschen Jugend suchte einen Mitarbeiter für das Landjugend-bereich des oberen Osterzgebirgskreises. Bereits wenige Tage später war ich 'Landjugendbeauftragter' für dreihundertundvierzig Mark Netto monatlich. Ich bekam einen zweirädrigen 'Dienstwagen' in Form eines Fahrrades und so fuhr ich Abend für Abend hinauf ins Gebirge nach Hermsdorf, Schönfeld, Seyde, Rehefeld bis hinauf nach Geising, Liebenau und Fürstenwalde. Auch die Orte Altenberg, Hirschsprung, Falkenhain, Johnsbach, sowie Dönschten und Oberbärenburg gehörten zu meinem Betreuungsbezirk. Meine neue Tätigkeit bereitete mir große Freude und ich hatte den Eindruck, dass mich die Jugendclubs und FDJ Gruppen akzeptierten und anerkannten. Mit meiner Musikalität war es mir möglich, immer wieder für Stimmung zu sorgen, so dass die Jugendabende nie langweilig wurden. Lichtbildervorträge, Literatur-abende und Lesungen auch von meinen eigenen Gedichten, waren beliebte Themen. Ein großer Nachteil bestand darin, dass ich ausschließlich mit meinem Dienstfahrrad unterwegs sein musste und dass mein Monatsgehalt nie ausreichte, um meine bescheidenen Bedürfnisse zu befriedigen, denn ich musste ja von meinem Gehalt, einhundert Mark Kostgeld zu Hause abgeben. Ab und zu benötigte ich auch wieder ein neues Kleidungsstück, denn durch mein ständiges 'mit dem Fahrrad unterwegs sein', waren schnell meine Klamotten heruntergewirtschaftet. Meine Eltern sahen meine hauptamtliche FDJ Arbeit als ein brotloses Gewerbe an. Es wäre nur eine 'Herumtrei-berarbeit', schimpfte mein Vater und ich merkte es ihm schon an, dass er mit meinen finanziellen Möglichkeiten mehr, als unzufrieden war. Auf Grund eines Gehaltserhöhungsantrages wurde mein Lohn auf dreihundertfünfundsechzig Mark aufgestockt. Das war meine zu erreichende Höchstgrenze.
    In einen meiner zu betreuenden Orte, nahe an der tschechischen Grenze war zwischen der männlichen Dorfjugend und den Grenzsoldaten, die immer zum Tanze aufkreuzten, eine regelrechte Fehde ausgebrochen, weil sich die Mädels mehr zu den uniformierten Burschen hingezogen fühlten, als zu den eigenen Dorfjünglingen. Es hatte sogar schon einige Male zu ordentlichen Keilereien geführt. Die FDJ Sekretärin, die zugleich Dorfschullehrerin war, rief die FDJ Kreisleitung um Hilfe an, damit dieser Konflikt bereinigt werden konnte. Wer wurde als sogenannter Friedenrichter eingesetzt? Natürlich der Lorber. So richtig wohl fühlte ich mich nicht in meiner Haut. Also sattelte ich meinen Drahtesel und fuhr, nachdem
wir einen Jugendabend terminlich vereinbart hatten, hinauf in das besagte Dorf. Der Saal in dieser Kneipe hatte sich schon ganz gehörig angefüllt mit der Dorfjugend. Auch die Grenzsoldaten mit ihrem Kulturoffizier waren erschienen. Es war gar nicht so einfach, diese ortsfremden Hähne von den Dorfhühnchen fern zu halten und einige Liebschaften waren nicht mehr ver-meidbar und rückgängig zu machen, weil sie schon zu sehr miteinander verbunden waren. Aber eines erreichten wir, die meisten Dorfjungens hatten sich an diesem Abend bereit erklärt, künftig aktiver am kulturellen Leben des Dorfes teilzunehmen und das wiederum gefiel natürlich auch den Mädels. Eine Volkstanzgruppe wurde am gleichen Abend gegründet und für den Jugendchor hatten sich auch etliche Burschen eingetragen. So versuchten nun die eifersüchtigen Dorfbuben die Grenzsoldaten auszu-booten. Ich hatte mit meinen Vorschlägen ziemlich ins Schwarze getroffen. Der Dorffrieden war wieder einigermaßen hergestellt. Ich nahm also meine Gitarre, ein Akkordeon war ebenfalls vorhanden - bei der Fahne hatte ich das Musizieren mit diesem Instrument wieder erlernt - und es wurde ein richtig gemütlicher Jugendabend. Während ich Akkordeon spielte, nahm Lena, diese dunkelhaarige, bebrillte FDJ- Sekretärin und Dorfschullehrerin meine Gitarre und begleitete mich und wir sangen gemeinsam Jugendlieder und auch Schlager. Tanz und Gesellschaftsspiele trugen dazu bei, dass es immer schöner und ausgelassener wurde. Begünstigt wurde mein Erfolg, dass der Kulturoffizier mit seiner Truppe rechtzeitig unserem Jugendabend den Rücken kehrte. Dann, als unser Jugendabend zu Ende gegangen war, wollte ich mich zu sehr später Stunde auf mein Fahrrad schwingen und ich musste erschrocken feststellen, dass am Vorder- sowie auch am Hinterrad die Luft entwichen war. Man hatte die Ventile abgeschraubt. Irgend ein Bösewicht hatte sie scheinbar geklaut. Nun war guter Rat teuer. Was tun zu so später Stunde? Ohne Luft in den Pneus konnte ich nicht losfahren und die Karre schieben, bis nach Hause? Da wäre ich mindestens drei Stunden unterwegs gewesen. In der Gaststätte übernachten, kostete Geld und Geld war eine außerordentliche Rarität in meinem faltenreichen Geldbeutel. Doch Lena, eigentlich hieß sie Helene, wusste Rat.
   „Du kannst, wenn du möchtest, bei mir auf dem Sofa übernachten ...“
    „Meinst du, ob das geht? Ich will dich nicht ins Gerede bringen.“
    „Ich wohne allein und du bist doch ein anständiger Kerl, oder?“
Ich befleißigte mich, ihr recht zu geben.
   „Natürlich. Da brauchst du keine Angst zu haben und morgen früh, bevor das Dorf aufweckt, nehme ich meinen Drahtesel und dann mache ich mich rechtzeitig auf die Socken. Vielleicht bekomme ich in Altenberg zwei Ventile, damit ich nicht die ganze Strecke laufen muss.“
Lena, die FDJ Sekretärin und Dorfschullehrerin bewohnte zwei kleine Kämmerchen. Ihr Wohnbereich war zugleich Küche und Arbeitszimmer. Vorn, am Fenster stand ein alter Schreibtisch, Lehrbücher, Schulhefte und anderes Lesematerial lagen wohlgeordnet auf der rechten Seite. Eine kleine Reiseschreibmaschine stand daneben, mit einem halb beschriebenen und eingespannten Papierbogen. Als ich einen Blick darauf warf, konnte ich ein halbfertiges Gedicht lesen, das sie geschrieben, aber noch nicht vollendet hatte.
      „Du schreibst Gedichte?“, fragte ich interessiert.
     „Ja, nur so für mich. Das solltest du aber nicht lesen.“, rügte sie mich und nahm das unfertige Gedicht an sich.
    „Ich schreibe ebenfalls Gedichte, schon seit einigen Jahren.“
      „Ach so? Trage mir doch einmal eines vor.“
      „Erst, wenn du mir deines zeigst.“
Etwas widerwillig reichte sie mir ihre noch unfertigen Verse. Von ihrem 'Allein sein' und von ihrer ungestillter Sehnsucht hatte sie geschrieben. Es war ein recht trauriges Gedicht.
Dann trug ich ihr ein Liebesgedicht von mir vor, welches ich 1954 während meiner Armeezeit geschrieben hatte.
 
Herzliebste Du ...
 
Sehnen und träumen
bei goldenem Wein.
Lieben und schäumen
und wieder allein.
 
Heut' fließen Tränen -
weinen und stöhnen.
Findest auch du,
heut' keine Ruh' ?
 
Hoffen und Zagen,
trauriges Klagen.
Alles vereint,
wie es mir scheint.
 
Herzen, sie lieben,
Tränen versiegen.
Gib endlich mir Ruh',
Herzliebste du ...
 
Sie hatte sich auf's Sofa gesetzt und lauschte meinen Versen.
    „Das hast du aber sehr stimmungsvoll ausgedrückt. Du warst wohl sehr unglücklich damals?“
      „Na ja, wie das eben so ist, wenn man allein ist.“
Nach einem Weilchen, als ich mich ein wenig bei ihr umgesehen hatte, fragte ich sie:
     „Du liebst wohl deinen Beruf sehr ...?
     „Es war schon immer mein Wunsch, mit Kindern zu arbeiten. Ich bin restlos glücklich und zufrieden.“
      „Und du lebst ganz allein hier? Ohne Partner?“
     „Ich sagte doch. Ich bin glücklich und zufrieden. Ich brauche keinem Manne die Hemden bügeln und die Socken waschen.“ Ihre Antwort klang etwas schroff und kratzbürstig.
      „Na ja. Dein Gedicht klang jedenfalls nicht so ...“
Sie brach dieses ihr unangenehme Thema brüsk ab und bat mich, ich solle doch bitte vor die Tür gehen, damit sie sich waschen könnte. Links neben der Schlafzimmertür war ein kleines Waschbecken mit fließend Wasser an der Wand angebracht. Ihr Zimmer war äußerst einfach und sparsam eingerichtet, um nicht zu sagen, sogar etwas ärmlich und altmodisch. Irgendwie pass-ten die alten Sachen sogar zu ihr. Ich ging vor die Tür und zündete mir einen Glimmstengel an. Nach etwa zehn Minuten rief sie:
      „Kannst wieder rein kommen. Ich bin fertig.“
Als ich wieder eingetreten war, hatte sie sich bereits in ihr Schlafkämmerchen zurück gezogen. Die Türe war noch einen ganz kleinen Spalt geöffnet.
     „Ich habe dir das Sofa etwas zurechtgemacht. Schlaf recht schön.“, rief sie leise zu mir herüber.
       „Danke, ebenfalls.“, gab ich ebenso leise zur Antwort.
Eine Wolldecke und ein Kopfkissen lagen auf dem Sofa, sowie ein frisches Handtuch. Auf dem Tisch stand eine bereits geöffnete Flasche Bier und daneben lagen ... meine zwei Fahrradventile. Zunächst verschlug es mir die Sprache. Wortlos wusch ich mich und als ich nach einem Weilchen meine Fassung wieder gefunden hatte, nahm ich kurzentschlossen meine Decke und das Kopfkissen und begab mich, ohne ein Wort zu sagen, zu ihr ins Kämmerchen hinüber. Ich setzte mich an ihren Bettenrand und sie sah mich beim Schein der Nachttischlampe erschrocken und mit großen Augen an.
     „Ich wollte doch nur, dass du nicht in dieser stockdunklen Nacht mit deinem Bierkopf irgendwo verunglückst ...“
    „Ist schon gut. Na komm. Rück' ein Stückchen zur Seite, oder soll ich die ganze Nacht hier sitzen bleiben?“
     „So war das aber nicht gemeint ... Du hattest mir doch versprochen ...“
     „Und du hast mir meine Ventile geklaut.“, lachte ich ihr ins Gesicht.
Kurzentschlossen schlug ich ihre Decke zurück, rutschte darunter und nahm sie ganz zärtlich in meine Arme. Lena, die bestimmt schon die fünfundzwanzig überschritten hatte, sagte leise und ängstlich:
     „Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen. Es ist das erste Mal.“
Ich glaubte ihr sogar dieses Geständnis, denn sie war mir bereits drüben, im Jugendclub, man möge mir diesen Vergleich verzeihen, wie eine zurückgebliebene ältere Jungfer vorgekommen, obwohl sie den ganzen Abend auch sehr ausgelassen und lustig gewesen war. Ihr ganzes inneres Wesen, ihre Naivität zeigte mir diese Unberührtheit.
     Früh, am anderen Morgen, als ich wach geworden war, saß sie bereits draußen am Tisch und starrte aus dem Fenster. Eine Kaffeekanne und ein paar Butterschnitten mit Marmelade hatte sie schon zurecht gemacht. Wir frühstückten still und schweigsam, ohne ein Wort miteinander zu sprechen und wir vermieden es, uns anzusehen. Irgendwie war es eine peinliche Situationen für uns beide geworden und ich hatte in meinem Inneren widersprüchliche Gefühle, weil ich nun meinte, die Situation schamlos ausgenutzt zu haben. Dann, nach einer Weile ergriff sie das Wort:
     „Du, ich danke dir für diese Nacht. Ich werde wohl darüber ein Gedicht schreiben. Es war schön mit dir. Aber bitte, vergiss' es wieder ganz schnell und sprich mit niemand darüber und ... komme auch nicht mehr her zu mir.“
Nachdenklich war ich geworden bei ihren Worten. 'Was mag in dieser jungen, einsamen Frau vorgehen?' Ich wollte ihr noch etwas erwidern, doch sie unterbrach mich.
     „Sag' bitte nichts. Ich wollte es ja so. Ich hatte wohl etwas zu viel ge-trunken, gestern Abend - obwohl ich sonst nie trinke. Vergiss' deine Ventile nicht ...“ Ein verlorenes Lächeln huschte über ihre Lippen, dann stand sie abrupt auf, strich mir über mein Haar und sprach ganz leise:
     „Bitte geh' jetzt ...“
Ganz seltsam war mir mit einem Male zumute geworden. Wie sollte ich diese Frau verstehen können? Was ging wohl in ihrer Seele vor? Ich hatte mich in meinen bisherigen wenigen Liebschaften nie darum gekümmert, was im Seelenleben der Frauen vorging. Hier war es ganz anders. Ich packte kopfschüttelnd meinen Kram zusammen, nahm meine Gitarre und die zwei Ventile, zündete mir noch eine Zigarette an und ging ohne von ihr Abschied zu nehmen, nach unten. Ich brachte es einfach nicht fertig, ihr noch einen Kuss geben zu wollen. Auch hatte ich gehofft, dass sie mit nach unten käme. Nachdem ich mein Fahrrad wieder in Ordnung gebracht hatte, blickte ich noch einmal hinauf zu ihrem Fenster. Hinter dem Vorhang konnte ich ihre Umrisse erkennen. Nur ihre Hand kam kurz zum Vorschein, so, als wollte sie mir noch einmal zuwinken.
Ich schwang mich in den Sattel meines 'Dienstwagens' und radelte langsam hinunter ins Tal, bis ich in Schmiedeberg angekommen war.
     Mit meinen Vater kam es seit einiger Zeit immer mehr zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Mein Geld langte weder hinten, noch vorn und meistens war es schon eine Woche vor dem nächsten Gehaltstag aufge-braucht. Ich war ganz einfach nicht in der Lage, mit meiner finanziellen Lage richtig umgehen zu können. Das letzte Kostgeld war ich meinen Eltern auch schon schuldig geblieben. Durch die vielen abendlichen Jugendveranstaltungen, an denen ich teilzunehmen hatte, blieb es natürlich nicht aus, dass mein Zigarettenverbrauch anstieg und auch manches Bierchen mehr in mich hinein floss und das strapazierte gröblichst meinen überaus sehr dünnen Geldbeutel. Die einhundert Mark Kostgeld taten mir schon ganz enorm weh. Noch mehr weh tat es wohl meinen Eltern, wenn mein sowieso schon geringer Unkostenanteil nicht pünktlich geleistet wurde. Mein Sparguthaben war ebenfalls schon auf ein Minimum zusammen geschrumpft. 
    „Entweder du suchst dir eine ordentliche und vernünftige Arbeit, wo du nicht Abend für Abend durch die Gegend ziehst, wie so ein Vagabund, oder du ziehst aus!“, teilte mir mein Vater eines Tages knallhart und kategorisch mit.
     „Wo soll ich denn hin?“, fragte ich schockiert und entmutigt.
     „Das ist mir doch scheißegal. Ziehe nach Oberbärenburg zu deinen Großeltern, geh' wieder zur Armee oder hau' meinetwegen ab nach dem Westen. So jedenfalls geht es mit dir nicht mehr weiter.“
Er musste schon sehr verzweifelt gewesen sein, dass er mir solche harten Worte ins Gesicht schleuderte. Ich hatte ihn noch nie so wütend und aufgebracht erlebt. Es war ja auch ein Hungerlohn, den er nach Hause brachte und Mutter war damals mit ihren dreiundvierzig Jahren bereits Invalidenrentnerin und sie hatten ja noch die zwei Buben, meine Brüder zu versorgen. Obwohl ich mich damals noch nicht so richtig in die Lage meiner Eltern hinein versetzen konnte, oder auch wollte, später dann, als ich selbst verheiratet war und eine Familie ernähren musste, da begriff ich, was es bedeutete, jeden Pfennig zweimal umdrehen zu müssen, bevor man ihn ausgab. Während meine Eltern ein kümmerliches Dasein fristeten, hatte ich es fertig gebracht, innerhalb eines halben Jahres mein Sparkonto bis auf einige wenige Mark abzuräumen. Es musste schon sehr frustrierend für sie gewesen sein, dass ich mich damals so wenig für ihre Sorgen interessierte. Als ich noch bei der Armee war, hatte man ihn bei der Wismut entlassen. Kurz vor meiner Heimkehr von der Armee waren meine Eltern nach Schmiedeberg umgezogen, weil sie eine größere Wohnung für uns fünf benötigten. So waren auch sehr schnell ihre eigenen kleinen Ersparnisse aufgebraucht worden, denn als ehemalige Vertriebene mussten sie sich ja auch alles neu anschaffen. Die letzte harte Aussprache mit meinen Eltern brachte ihre berechtigte Forder-ung zur Geltung. Ab sofort sollte ich einhundertfünfzig Mark Kostgeld monat-lich abgeben. Ich hatte, als ich bei der FDJ Kreisleitung anfing, einen Arbeitsvertrag mit einer Kündigungszeit von einem viertel Jahr unterschrieben und diese Frist musste ich bedingungslos einhalten. Da ich inzwischen auch Mitglied der SED geworden war, versuchte man mich mit einem sogenannten Parteiauftrag binden zu können, indem man mir versprach, dass ich zu einem Studium der FDJ Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ delegiert werden sollte. Nach reiflicher Überlegung, sowie ausgiebigen Gesprächen mit meinen El-tern, lehnte ich dieses verlockende Angebot ab.
    Am 21. Februar 1957 traf uns alle ein harter, familiärer Schlag. Einer meiner liebsten Menschen, mein Großväterchen aus Oberbärenburg, an dem ich so sehr gehangen hatte, verstarb an seiner schweren Zuckerkrankheit im Kreiskrankenhaus Dippoldiswalde. Dieser plötzliche, unfassbare Tod - er war gerade sechsundsechzig Jahre alt geworden - ging mir besonders nahe. Wenige Tage zuvor, als ich ihn im Krankenhaus besuchte, bat er mich, ich solle unbedingt seinen Fotoapparat mit bringen. Als ich wieder bei ihm war, 
 
bat er eine Krankenschwester, dass sie uns beide fotografieren sollte. Einen Tag später schlief er für immer ein. Er hatte wohl vor-ausgeahnt und gewusst, dass es ein Abschied für immer werden sollte. Er hinterließ mir dieses Bild zum ewigen Andenken an ihn. Wir sollten jedoch nicht zur Ruhe kommen. Wenige Wochen später, am vierundzwanzigsten April des gleichen Jahres, verstarb mein Settenzer Großvater in Wiesbaden. Mein Vater hatte den Antrag gestellt, für einige Tage in den Westen fahren zu können, um an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen zu können. Diesem Antrag wurde nicht stattgegeben. Er wurde abgelehnt. Daraufhin begab er sich zum Partei-sekretär des Betriebes. Wütend und voller Zorn warf er sein Parteidokument auf den Tisch. Der Parteisekretär, ein gewisser Horst D ... , erwiderte ihm kaltblütig und lakonisch:
    „Wir werden es nicht zulassen, dass sich ein Genosse von uns, drüben beim Klassenfeind der Gefahr aussetzt, verhaftet und eingesperrt zu werden. Das müsstest du doch wissen und auch verstehen, dass wir deinem Antrag zu deinem eigenen Schutz nicht stattgeben können und wenn du trotzdem darauf bestehst, dann müssen wir dich in die Produktion versetzen. Das gilt übrigens auch, wenn du dein Dokument nicht wieder an Dich nimmst ...“
Viele Jahre später, als mein Vater selbst verstorben war, fand ich in einem kleinen Notizheft unter anderem diese Aufzeichnungen. Solch eine brutale politische und auch wirtschaftliche Erpressung und Knebelung konnte er sich nicht widersetzen. Stillschweigend nahm er sein Parteibuch wieder an sich und begab sich geduckt und niedergeschlagen an seinen Arbeitsplatz. Seine Funktion als Parteigruppenorganisator, legte er jedoch sofort nieder. Ich habe mir dieses Erlebnis, als er am gleichen Abend zu Hause weinend zusammenbrach, tief eingeprägt. So spürten wir in der eigenen Familie, wie sich dieses System in die Herzen der Menschen einkrallte, wie es unsere Seelen versteinern und verkümmern ließ. Dies war eine der absoluten Negativseiten, wie sich die Parteidiktatur auf die kleinen Leute in der DDR auswirkte.
 
                                              *
 
   Mitte März lief meine Kündigungszeit bei meiner FDJ- Dienststelle ab und ich bewarb mich als Gießereihilfsarbeiter im VEB GISAG Schmiedeberg. In meinem ursprünglichen Beruf als Feinmechaniker wollte ich auf keinem Fall arbeiten. Mit meiner neuen Freundin Ursula, aus Schmiedeberg überwarf ich mich schon kurze Zeit später. Ich hatte sie durch meine FDJ Tätigkeit kennen gelernt. Ihre übereifrige, politische Aktivität hatte schon immer einen gewis-sen Widerspruch in mir erweckt. 'Ihr Jugendclub', den sie damals in Schmie-deberg mit ins Leben gerufen hatte, ging ihr über alles. Während unserer relativ kurzen Beziehung, ging sie kein einziges Mal mit mir zum Tanz. Immer nur hatte sie ihre Jugendarbeit im Sinne. Den großen 'Rest' gab es ihr wahr-scheinlich, als ich meine hauptamtliche Tätigkeit als Jugendfunktionär aufgab. Der Gießereihilfsarbeiter Franz war ihr scheinbar nicht mehr gut genug.
    Nun war ich also Gießereihilfsarbeiter, mit einem Grundlohn von 1,24 Mark pro Stunde plus Leistungszuschläge. Trotzdem verdiente ich immer noch bedeutend besser, als bisher. Auch merkte ich es an meinem Geldbeutel, weil nun diese enormen Unkosten durch die vielen, fast allabendlichen Veranstaltungen weg fielen. In dieser Beziehung hatten meine Eltern schon recht behalten. Pünktlich konnte ich nun mein Kostgeld in zwei Raten monatlich abgeben und es gab mit meinen Eltern keine Probleme mehr. Für mich persönlich war es allerdings eine ungeheuer körperliche und vor allem auch geistig - seelische Umstellung. Im Zweischichtbetrieb Tag für Tag achtdreiviertel Stunden lang dieses flüssige Eisen zu zweit auf der 'Strecke' entlang zu schleppen, um es dann ganz langsam in die bereitstehenden Gussformen einzugießen, das war keine lebenserfüllende Aufgabe für mich. Die unerträgliche Hitze und dieser ätzende, beißende Gestank der ständig hochsteigenden Dämpfe, brannten in meiner Brust und ließen mich kaum richtig durchatmen. Die Handformer und wir Eisenschlepper und Gießer schufteten unter diesen fast schon sklavenhaften Verhältnissen, um einen einigermaßen guten Verdienst herauszuschinden. Der Beschluss der Partei und Regierung, die Norm in allen Industriebetrieben um zehn Prozent zu erhöhen, degradierte uns Produktionsarbeiter immer mehr zu lebendigen Maschinen, denn diese zehn Prozent wurden ausschließlich auf Kosten unserer Knochenarbeit erbracht. Damals gab es für uns noch den 'Achtdrei-viertel Stunden Tag' und die 'Sechstage Arbeitswoche'. Jede vollendete Gussform, jeder einzelne Guss forderte seinen Tribut von unseren geschun-denen Körpern. Nach vier Wochen war ich am Ende meiner Kraft.
    „Entweder ich bekomme eine andere Arbeit zugeteilt, oder ich höre wieder auf und suche mir etwas anderes ...“, beklagte ich mich bei meinem Vater. Meine Hände waren geschwollen und die Blasen im Inneren meiner Handflächen heilten überhaupt nicht mehr ab. Die Arme schmerzten unsäglich, so dass ich überhaupt keine Lust mehr verspürte, an meinen schichtfreien Abenden in eine Gaststätte oder einmal zum Tanze zu gehen. Nach meinem Arbeitstag sank ich wie gerädert ins Bett und schlief, bis mich der nächste Schichtanfang wieder in diese verdammt dunkle, stinkige Halle trieb. Oft dachte ich nun an meine verpassten Chancen bei der Armee und auch bei der FDJ Kreisleitung. Bestimmt wäre ich bei einem mehrjährigen Studium glücklicher geworden. Vielleicht wäre es auch besser für mich gewesen, mich länger zu verpflichten, um eines Tages in diesem Bäckereigeschäft dort oben in Torgelow einzusteigen? Oder hätte ich die Offizierslaufbahn einschlagen sollen? Täglich haderte ich mit meinem Unglück, denn nun war ich ein regelrechter Kuli geworden. Nur noch Muskelkraft war hier gefragt. Mein Geist und meine Seele wurde immer unempfindlicher. So, wie die vielen anderen auch, war ich ein schwitzender, nach Schweiß stinkender Gießerei-arbeiter geworden, dessen dunkles und verdrecktes Gesicht bis zur Unkennt-
lichkeit entstellt wurde. Dies kam daher, weil wir uns mit unseren graphitgeschwärzten Händen den herunter rinnenden Schweiß aus unseren Gesichtern abwischen wollten. Bereits nach wenigen Tagen hatte ich dort, wo die zugeschnürten hohen und derben Gießereischuhe keinen Schutz mehr boten, unzählige kleine Brandwunden, weil das flüssige Eisen, wenn es nicht zielgenau in die kleinen Öffnungen hineingegossen wurde, nach allen Seiten wegspritzte. Da konnte man nicht einfach loslassen und davonrennen. Da galt nur eines: Die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, bis die Pfanne restlos ausgegossen und der Guss vollendet war. Aus Schaden wird man klug und so wurde dann die nächste Gusspfanne noch sorgfältiger ausgegossen. Hoch über unseren Köpfen rollte quietschend der schwere Gießerei-kran und trug die tonnenschweren Lasten hin zu den Temperöfen, wo diese spröden, noch nicht schmiedbaren Gussstücke getempert werden mussten, damit sie später weiterverarbeitet und schmiedbar wurden.
    'War das nun mein Sozialismus, wie ich ihn mir erträumt und wie man ihn mir vorgegaukelt hatte?' 
     Einen Monat war ich schon auf dieser Höllenstrecke. Es war wirklich eine der miesesten und erbärmlichsten Arbeiten in der gesamten Gießerei und jeder, der hier anfing, musste auf dieser Strecke seine Bewährungsprobe bestehen. Es gab aber auch einzelne Kumpels, die sich an diese Arbeit gewöhnt hatten und die dabei blieben. Das waren aber ganz robuste, muskulöse Klötzer, denen diese Schinderei nicht so viel auszumachen schien, wie mir schmalschultrigen 'Feinmechanikerbubi.' Lange hielten es dort jedenfalls nur die wenigsten aus. Entweder man biss sich durch, bis es eines Tages ein besseres Angebot in der Gießerei gab, oder man gab auf und kehrte dieser verstaubten Dreckhalle für immer den Rücken. Drüben, am Plattenband arbeiteten die Schwerstverdiener. Das waren Kerle, so breit, wie Kleiderschränke, die solch eine Knochenarbeit von jung auf gewöhnt waren. Vor allem viele ehemalige Kumpels aus dem Wismutbergbau waren dabei. Dort, an diesem Plattenband ging es noch weitaus monotoner und stupider zu und wirklich nur die allerhärtesten konnten diese Arbeit längere Zeit verrichten. Sie wurden angetrieben durch einen gleichmäßigen automatischen Rhythmus des immer laufenden Fließbandes. Wer hier tagaus, tagein schuf-tete, hatte zwar am Monatsende fast das Doppelte in seinem Klingelbeutel, aber sie waren schon nach einigen Jahren so ausgelaugt und verbraucht, weil diese erbärmlichen giftigen Dämpfe, die ununterbrochen hochstiegen und eingeatmet werden mussten, die Kraft aus ihren zermarterten Körpern aussog. Diese 'Arbeitsroboter' hatten an ihren Formmaschinen Aluminiummarken mit ihrer Personennummer hängen und jede fertig geformte und gegossene Form wurde mit solch einer Marke versehen. Da gab es schon einen sogenannten Konkurrenzkampf zwischen einigen ganz Wilden, die unbedingt zu den Besten gehören wollten. Wir nannten dieses Plattenband die 'Vampirstrecke' der Gießerei. Wenn manchmal oben auf dem Schmiedeberger Friedhof, in der Nähe des Bauvereins das Totenglöcklein läutete, dann blieben wir nachdenklich stehen und es hieß es mitunter: 
   „Wieder hat die Gießereihölle einen unserer Kumpels aufgefressen ...“
Meine Arbeit als Streckenhandgießer verrichtete ich nicht mehr mit vollem Bewusstsein, sondern es hatte sich ein bestimmter Automatismus meines Körpers bemächtigt, der meinen Schmerz und auch mein verzweifeltes Sein einfach ausschaltete, wenn ich diese Halle betrat. Ich war nicht mehr 'Ich selbst', sondern nur noch ein verschwitztes, gepeinigtes 'Etwas', das willenlos diesem immer wiederkehrenden Arbeitsrhythmus gehorchend, mit seinem Spannemann eine Gusspfanne nach der anderen durch die Halle schleppte und goss und goss und goss. In unseren kurzen Pausen, schlangen wir im Speisesaal stupide vor uns her klotzend, unsere Mahlzeiten hinunter, pafften schnell noch eine Zigarette und weiter ging diese nicht enden wollende Tortur.
     In der Schmelzerbrigade am Kupolofen wurde ein Begichter gesucht. Das sind jene Leute, welche die riesengroßen Kupolöfen mit Schrott, Roheisen und mit Koks füttern, damit sie auf der anderen Seite beim Abstich das flüssige Roheisen ausspucken. Ich meldete mich beim Brigadeleiter Kurt Glatzer und wurde angenommen. Diese Arbeit war weitaus interessanter aber körperlich keineswegs leichter. Aber ich war nicht mehr mitten drin in dieser dampfenden Giftküche. Nun musste ich allerdings in drei Schichten arbeiten. Hinten, im Schrottbereich beluden wir die Loren manuell mit unseren bloßen Händen mit Schrott, Roheisenbarren und Koks. Ein genau abgewogenes Quantum von Silizium und Mangan wurde als Zu-satz beigegeben. Die Zusammensetzung musste exakt stimmen, sonst wäre der Guss unbrauchbar geworden. Der produzierte Ausschuss wurde uns nämlich am Monatsende abgezogen. Je besser und sorgsamer wir arbeiteten, desto fülliger waren dementsprechend auch unsere Lohntüten. Deshalb waren wir stets bemüht, äußerst genau zu arbeiten. Nach dem exakten Wiegen wurden die Loren noch mit Steinkohlenkoks angehäuft, nach vorn geschoben und neben dem Kupolofen in den Aufzug eingehangen. Dann wurde die Fuhre hochgezogen und in den unersättlichen Schlund hineingeschüttet.
     Für die Nachtschicht hatte ich mich schon sehr bald zum Bodenmacher qualifiziert. Wenn gegen dreiundzwanzig Uhr bei Schichtschluss der Ofen gezogen wurde, war es die Aufgabe des Bodenmachers, zunächst die Unmasse der heißen, noch glühenden Schlacke, sowie das noch flüssige Resteisen und den glühenden Koks mit einem Wasserschlauch zumindest oberflächlich abzukühlen. Dann wurden die tonnenschweren Abfallreste per Hand weggeräumt und mit Schubkarren nach draußen auf den Hof, auf den dafür vorgesehenen Abfallplätzen transportiert. Wenn diese schwere Kno-chenarbeit vollbracht war, musste der zentnerschwere Bodendeckel des nächstfertigen Kupolofens, den die Ofenmaurer Tags zuvor ausgemauert hatten, hochgehoben werden, indem man darunter kroch und mit dem Rücken diesen Deckel so weit hoch hob, bis man den schweren Eisenriegel mit der freien Hand etwas vorschieben konnte. Dann wurde dieser Riegel mittels eines schweren Vorschlaghammers soweit eingeschlagen, bis er zum Anschlag gebracht werden konnte. Schließlich musste der Bodenmacher in die 8o mal 8o Zentimeter große Öffnung halb hinein kriechen, um den Deckel mit Schamotte abzudichten und dann musste die Spezialsandmischung per Schaufel in die Öffnung eingebracht werden. Mit einem Handstampfer wurde der Boden schräg nach vorn zu den eingemauerten Abstichlöchern für das flüssige Gusseisen fest gestampft. Zwei Abflussrinnen wurden zum Schluss mit einer Kratze eingearbeitet. Diese Arbeit musste äußerst sorgfältig und gewissenhaft durchgeführt werden, denn der Boden dieses Kupolofens musste volle zwei Schichten durchhalten. War der Boden nicht fest genug eingestampft, dann kam es schon vor, dass das flüssige Eisen sich durch den Sand hindurch fraß und der Ofen ging im wahrsten Sinne des Wortes 'durch'. Zuerst war es nur ein winzig kleines weiß flüssiges Rinnsal. Doch schon Sekunden später schoss mit einem breiten Strahl das flüssige Eisen unten durch. Der eiserne Deckel war durchgeschmolzen. Eine ganze Schicht und auch der Verdienst ging dann uns allen verloren und aufwendige Reparaturarbeiten waren dadurch erforderlich. Wen von uns Nachtschichtar-beitern dieses Unglück zweimal betraf, der war weg von dieser Arbeit und musste eine schlechter bezahlte, niedere Arbeit durchführen.
    Früh, gegen drei Uhr wurde der vorbereitete Kupolofen durch ein Gebläse, mittels Feuerholz und Holzkohle angeheizt. War dann genügend Glut im Ofen, dann wurde die Öffnung mit Hochofen - Schamottsteinen zugemauert und mit Keramikmasse ausgefüllt. Der Abschluss dieser Arbeit bestand darin, dass die schwere Eisentür gewaltsam mit dem Vorschlaghammer zugeschla-gen wurde und zu guter letzt wurde der starke Eisenriegel ebenfalls mit kräftigen Hammerschlägen zugeschoben. Nun war Eile angesagt, damit die Glut mit Holz und anschließend mit einigen Loren Koks angefüttert werden konnte. Anderthalb Stunden vor Schichtbeginn wurde dann der Ofen mit der vorgesehenen Roheisenmischung und dem Schrott und Zusätzen begichtet, so dass bereits eine viertel Stunde nach Schichtbeginn, der erste Abstich erfolgen konnte. Für uns Nachtarbeiter war es immer ein besonderes Erfolgserlebnis, wenn der Technologe die erste positive Gussprobe per Telefon bestätigte. Es war der Beweis dafür, dass wir ganze Arbeit geleistet hatten. Der Ofen war auf die notwendige Schmelztemperatur gebracht worden und die Gussanalyse war im Normbereich. Diese Nachweise wurden in unseren individuellen Leistungskarteien durch den Brigadeleiter eingetragen, die dann die nötige Grundlage für unsere Lohnberechnung erbrachten. Ein außeror-dentliches Kontrollsystem machte es somit möglich, dass bei Ausschuss immer diejenigen zur Verantwortung gezogen wurden, die Schluderarbeit geleistet hatten. Für schlechte Arbeit gab es einen guten Hunderter weniger in der Lohntüte. Warum ich das alles so genau schildere? Ich glaube schon, dass man diese unerhört schwere Arbeit im Gießereibetrieb für unsere Nachkommenschaft festhalten sollte, wenn man vielleicht auch heute, aus der Sicht einer ganz anderen Zeitgeschichte diese, unsere damalig primitive Arbeit belächeln mag. Wir Schmelzer waren schon ein selbstbewusstes und stolzes Völkchen. Waren wir doch die erste Brigade des Betriebes, die mit dem Titel: „Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet wurde. Auch darüber möge man heute lächeln. Es war eben die Zeit, die uns damals geformt hat und in der wir lebten. Ich glaube, es ist keine Schande, wenn ich einiges aus dieser Zeit niederschreibe.
    Wir unternahmen gemeinsame Tagesfahrten mit unseren Ehepartnern und besuchten Theaterveranstaltungen im Kulturhaus Freital. Kegelnachmittage mit unseren Frauen und vieles andere mehr sorgten dafür, dass wir immer mehr zusammen wuchsen. Gerhard Melzer und ich, wir spielten Akkordeon und ich hatte mir inzwischen ebenfalls ein gut erhaltenes gebrauchtes Instrument zugelegt, ja und dann hatte ich ja auch noch meine Gitarre. Unser Brigadeleiter Kurt, bastelte sich einen Schlagteufel zusammen. Dieses 'Radauinstrument' bestand aus einem Besenstiel, an welchem einige Rasseln und andere Lärmgeräte angebracht worden waren. Damit stampfte er im Rhythmus zu unserer Musik mit dem Besenstiel auf den Boden auf und so entstand unsere kleine Musikband. Sie wurde anlässlich eines Brigadeabend - wiederum mit unseren Ehefrauen - zu einer ganz großen Überraschung. Später kauften wir uns von unseren Leistungsprämien ein richtiges kleines Schlagzeug und wir wurden eine gefragte Musikgruppe auch für die andere Brigaden. Unsere kleinen Erfolge ließen uns immer mutiger werden. Wir legten uns noch einen richtig guten und teuren Mundharmonikasatz zu. Kurt spielte die kleine Melodieharmonika, Gerhard spielte die doppelte Begleitung und ich die ebenfalls doppelte große Bassharmonika. Da die Betriebsfest-spiele noch im gleichen Jahr stattfinden sollten, übten wir jeden Tag, oben auf den Böden unserer Wohnhäuser, sehr zum Verdruss mancher Hausbe-wohner. Und dann war es endlich soweit. Kurt und seine Frau Hilde hatten für uns drei Musikanten gleiche Westen genäht. Wir nannten uns: „Die Opti-misten.“
    Als wir in unserem Kulturhaus dann oben auf der Bühne standen und das Scheinwerferlicht uns anstrahlte, da schlotterten uns ganz schön die Knie und die Schweißperlen standen uns auf der Stirn, schlimmer noch wie beim Eisenschmelzen. Ganz still war es im großen Saal geworden und Kurt gab sein Auftaktzeichen und dann wir legten los und belegten auf Anhieb den ersten Platz beim Kulturausscheid.
    Mein Leben begann mir wieder Freude zu bereiten. Die Arbeit gefiel mir zusehends, denn auch mein Körper hatte sich inzwischen an diese Schwerstarbeit gewöhnt und auch mein Geist und mein seelisches Gleichgewicht wurde immer stabiler. In einer Brigadeversammlung wurde ich zum Kulturob-mann gewählt und das entsprach irgendwie meinen   inneren Wertaus-gleichvorstellungen. Auch mit meinen Eltern gab es keine wesentliche Konflikte mehr. Wenn es Lohnabschlagszahlung gab, erhielten sie pünktlich einhundert Mark Kostgeld und vierzehn Tage später, bei der Spitzenlöhnung erhiel-ten sie die restlichen fünfzig Mark und ich konnte sogar monatlich wieder ab und zu einige Märker auf's Sparbuch schaffen. In dieser Zeit hatte
 
ich mich einigen Jugendlichen in Schmiedeberg angeschlossen. Besonders imponierte mir ein junger Bursche, der außerordentlich gut singen konnte. Dieser Lothar Gläser hatte ein einmaliges musikalisches Talent. Über Radio Luxemburg hörte er die Rock n' Rolls von Elvis Presley und Bill Harley, sowie von anderen aus dem westlichen Ausland. Er imitierte diese Stars so echt nach, dass es eine Freude war, ihm zuzuhören. Er sang diese englischen Hits so stilecht nach, obwohl er selbst kein einziges Wort englisch spre-chen konnte. Schon bald nahm ich meine Gitarre mit und wir zwei mit unserer Jugendclique zogen über die Dörfer. Wir sangen in Kneipen, auf Jahr-märkten, in den Pausen der Tanzveranstaltungen, eben überall dort, wo sich die Jugend wohlfühlte. Damals, zu unserer Zeit war jedes Wochenende Jugendtanz angesagt. Da gab es noch keine Diskotheken wie heute. Überall spielten die Musikkapellen zum Tanze auf. Mein Brigadier musste mächtig hinter mir her sein, damit ich unsere eigene Band nicht vernachlässigte. Natürlich standen wir zwei, Lothar und ich im Mittelpunkt und ich gestehe ohne Übertreibung, die Mädels rissen sich förmlich um uns, denn wir konnten nicht nur gut singen, wir sahen auch einigermaßen gut aus.
     An einem Abend, wir hatten wieder einmal unsere Schau abgezogen, oben im Obernaundorfer Gasthof, da lernte ich ein schwarzhaariges Mädel kennen. Katharina hieß sie und sie stammte aus einer deutsch - ungarischen Umsiedlerfamilie. Nach dem Tanze begleitete ich sie nach Hause und da war auch schon unser Unglück geschehen. Sie war Verkäuferin im Obernaun-dorfer Konsum und als ich einige Monate später mit meinem Bruder Manfred in diesen kleinen Laden hineinkam, um etwas Trinkbares zu kaufen, da stand dieses schwarzhaarige Mädchen hinter der Ladentheke, starrte mich an und fing mit einem Mal ganz schrecklich zu weinen an. Natürlich hatte ich sie gleich wieder erkannt.
     „Was ist los mit dir, Mädchen? Weshalb heulst du denn so?“, fragte ich erschrocken und nichts ahnend. An ihren Namen konnte ich mich nicht mehr erinnern.
     „Ich ..., ich bekomme ein Kind von dir.“, fing sie zu stottern
an. Manfred, dieser zwölfjähriger Lausbub hatte natürlich mitgehört, stieß mich in die Seite und grinste mich unverschämt an. Er wusste ganz genau, was die Glocke für mich geschlagen hatte.
    „Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich sie, weil mir im Moment nichts besseres einfiel.
     „Weißt du es denn nicht mehr? Ich habe immer gedacht, du würdest dich wieder einmal beim Tanz blicken lassen?“
    „Du musst schon entschuldigen, aber ich habe deinen Namen nicht mehr so richtig in Erinnerung ..., mit Namen hab' ich so meine Probleme ...“, brummelte ich verlegen vor mich hin.
     „Kathi heiß' ich. Katharina Würzberger.“
Sie wandte keinen Blick von mir.
     „Wie du heißt, weiß ich noch. Du bist doch der Franzl? Nur deinen Familiennamen hast du mir damals nicht genannt.“
    „Wir sind die Lorbers aus Schmiedeberg und wir wohnen auf dem Molchgrund 32 T.“, meldete sich Manfred keck und vorlaut.
     „Du halte deinen Schnabel, sonst wartest du draußen vor der Tür.“
   „Hugh. Großer Bruder. Ist ja schon gut. Ich sag' nichts mehr.“
     „Das ist nämlich Manfred. Einer meiner Brüder.“, stellte ich ihn kurz vor. Dieser Lümmel machte sogar eine Verbeugung vor ihr und strahlte sie dabei himmlisch an.
      „Das ist aber ein niedliches Bürschel.“
Nach einer kleinen Pause fragte sie zaghaft:
   „Und ... wie soll es nun weitergehen, mit uns beiden? Meinen Eltern habe ich noch nichts geschrieben. Sie sind sehr religiös und katholisch. Ich habe mächtige Angst, es ihnen beizubringen.“
Kurzentschlossen erwiderte ich:
    „Ich komme heute Abend hoch zu dir, sagen wir so, um zwanzig Uhr? Dann besprechen wir alles. Bist du einverstanden?“
Kathi lächelte mich an. Ihr Mund zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen angefüllt.
    „Na komm schon. Lass' es gut sein und heul' nicht mehr. Bis heute Abend, tschüs.“
Ich schnappte meinen Bruder und dann verließen wir eiligst den Laden. Manfred blieb noch einmal stehen, winkte ihr zu und rief:
    „Mach's gut Schwägerin.“
    „Du kriegst gleich paar ordentliche hinter die Löffeln, du vorlauter Knirps. Lerne erst Mal ordentlich pinkeln, bevor du über anderer Leute Kinder quatscht.“, knurrte ich ihn an. Er aber feixte vor sich hin und sang laut auf der Straße: 
     „Hurra, ich werde Onkel. Ein Onkel werd' ich sein ...“
Mir jedoch war weiß Gott nicht nach Singen zu mute.
   „Wenn wir nach Hause kommen, dann hältst du den Schnabel, sonst gibt's was.“, drohte ich ihm. Ein unerhört mieses Gefühl hatte sich in meiner Magengegend angesiedelt, so, als ob ich etwas Verdorbenes gegessen hätte. Als wir dann zu Hause angekommen waren, hatte er immer noch dieses schiefe Grinsen in seinem Gesicht.    
    „Was ist denn los mit dir. Hat dich etwa ein Affe gebissen?“, herrschte ihn unsere Mutter an, als wir dann bei Kuchen und Kaffee beisammen saßen und er immer noch so dämlich und allwissend vor sich hin feixte. Mit leuchtenden Augen prustete er los:
      „Ich werde Onkel und Franzi hat eine angeknallt!“
Nun war es also heraus und meine Eltern saßen am Tisch, als wäre Ostern und Weihnachten auf einen Tag verlegt worden und dann brachen beide in ein unsagbares Gelächter aus und Manfred wieherte aus vollem Herzen mit. Nein, nein. Zum Lachen war mir weiß Gott nicht zu mute. Ich saß am Tisch und mein Gesicht verzog sich, als hätte Mutter mir Essig anstatt Kaffee in die Tasse eingegossen.
     „Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt?“, fragte ich leise und geknickt, als sie sich wieder etwas beruhigt hatten.
     „Na warum wohl? Du wirst Vater und wir werden Großeltern. Wer ist denn das Mädchen? Warum hast du sie uns vorenthalten und verheimlicht? Bringe sie doch mal mit zu uns.“
   „Er hat sie doch erst einmal gesehen.“, quatschte unser Kleiner schon wieder dazwischen.
     „Mach dich hinüber in's Kinderzimmer.“, brüllte ich ihn an und heulend verzog er sich endlich. All zu gern hätte er noch mehr erfahren, von dieser für ihn so interessanten Geschichte. Dann, als wir allein waren, erzählte ich meinen Eltern, wie und was eigentlich geschehen war. Nach einer Weile des Besinnens stand mein Vater auf. Er hatte seine Hände auf den Rücken verschränkt, ging in die Küche hinüber und kam gleich wieder zurück ins Wohnzimmer. Unruhe hatte ihn erfasst.
     „Bringe sie mit zu uns und wenn sie ein anständiges Mädel ist, dann heiratest du sie und merke dir. Wir Lorbers sind keine Lumpenhunde. Ist dir das klar?“
    „Nichts ist klar!“, erwiderte ich trotzig. „Erstens muss geklärt werden, ob ich überhaupt der künftige Vater bin und zweitens, wer weiß, ob wir überhaupt zusammenpassen. Zu einer Heirat gehört doch wohl etwas mehr als nur das Gerede von Ehre und Pflichtgefühl. Du musst mich schon fragen, wie es hier drinnen in mir aussieht.“
Mit meiner Faust schlug ich mir gegen die Brust, dort wo mein Herz schlug.
    „Hier drinnen muss doch auch ein Gefühl sein. Ich liebe dieses Mädel nicht. Ich kenne sie ja kaum!“, schrie ich ihn verzweifelt an.
     „Zum Andonnern jedenfalls hat es gereicht!“, schrie er nun zurück und zwar noch etwas lauter, als ich.
    “Dann musst du sie eben kennen lernen und das mit der Liebe, mein Junge, das hättest du dir schon früher überlegen müssen. Alles umreißen, was dir in die Quere kommt, das kannst du ...“
Nach einigen Minuten des Schweigens, er hatte sich ans Fenster gestellt und starrte hinaus, sagte er laut und bestimmend:
     „Morgen Abend bringst du sie mit zu uns und stellst sie uns vor. Am Wochenende fährst du mit ihr zu ihren Eltern und machst Klarschiff.“
Mit seiner rechten Hand fuhr er energisch durch die Luft, so, als wolle er einen Schlussstrich unter diese unleidliche Debatte ziehen. Für ihn war das Thema beendet.
     „Wir Lorbers sind keine Lumpen ...“, wiederholte er beim Hinausgehen seine Worte und er begab sich hinunter in den Schuppen, um Holz zu hacken. Das tat er immer, wenn er zu viel Zorn im Bauch verspürte. Damit wollte er sich abreagieren, damit sein Jähzorn nicht überhand nehmen konnte.
Eigentlich wollte ich nun in die HO Gaststätte hinuntergehen, um meine
 
Verzweiflung einfach weg zu spülen, aber ich hatte es ja dieser Kathi versprochen, hochzukommen, um mit ihr alles zu besprechen und außerdem musste ich ja für diese Aussprache einen klaren Kopf behalten. Also begab ich mich gegen neunzehn Uhr auf den Weg zu ihr.
      „Bleib anständig ...“, rief mir Mutter noch hinterher.
Ich machte einen ziemlich großen Umweg und dieser besinnliche Spaziergang dort hinauf tat mir außerordentlich gut, meine strapazierten Nerven kamen wieder einigermaßen zur Ruhe und ich wurde wieder ein wenig ausgeglichener. Mit einer leichten Verspätung kam ich schließlich dort oben an. Sie wartete schon ungeduldig auf mich und wollte mir gleich um den Hals fallen.
    „Sachte sachte, mein Mädel. Bring' mich doch nicht gleich um.“, sagte ich leise zu ihr und wehrte sie leicht ab.
     „Ich hatte schon Angst, dass du nicht kommen würdest.“
     „Was ich verspreche, das halte ich aus.“, erwiderte ich kurz.
Dann gingen wir hinauf in den Gasthof „zur Schmiede“, nicht etwa Hand in Hand, sondern nebeneinander, jeder stillschweigend für sich, seinen eigenen Gedanken folgend. Drinnen setzten wir uns ganz hinten an einen Ecktisch und ich bestellte beim Wirt, dem alten Rühle Otto, zwei Bier und zwei Klare. Im Gaststättenraum saßen nur drei oder vier Gäste vorn an einem runden Tisch und sie spielten Skat. Kathi saß ruhig neben mir und nippte zaghaft an ihrem Bierglas, während ich das meinige mit einem großen Schluck hinunter goss. Den Klaren schickte ich gleich hinterher.
     „Meinen kannst du auch gleich mittrinken. Ich mag keinen Schnaps.“ 
     „Ist mir auch recht.“ Schwups war der zweite ebenfalls in meiner Kehle verschwunden.
     „Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich der Vater sein soll?“, fragte ich unvermittelt und starrte sie an.
     „Na, weil ich mich dir hingegeben habe, damals nach dem Tanz, auf dem Heimweg.“
     „Und wer gibt mir die Garantie, dass ich in dieser langen Zeit auch wirklich der einzige war?“
     „Ich habe keinen anderen Mann gehabt. Vor dir ging ich mit einem Jungen aus Kipsdorf, aber das war einige Wochen vor uns beiden.“
Ihre Offenheit schockierte mich schon etwas.
      „Wie lange vor uns?“, bohrte ich meine Frage in sie hinein.
    „Einige Wochen ...“, erwiderte sie leise und stockend. Sie schlug ihre Augen nieder und vermied es, mich anzusehen.
      „Wo bist du denn eigentlich zu Hause und wo wohnen deine Eltern?“
      „In Tharandt wohnen sie und ich bin hier in Obernaundorf bei Liebschners in Logie.“
      „Und warum bist du fort von zu Hause?“, wollte ich weiter von ihr wissen.
       „Meine Eltern sind streng katholisch und mein Vater war immer so grob zu mir. Er warf mich hinaus ...“
     „Warum denn das? Man wirft doch seine Tochter nicht so ohne weiteres hinaus?“
Zunächst versuchte sie meiner Frage auszuweichen.
     „Na los. Mach schon und erzähle mir alles haargenau. Hast du etwas verzapft? Ich erfahre es so wie so.“
   „Es war wegen eines verheirateten Mannes ... Aber ich wusste nicht, dass er Frau und Kinder hatte.“
    „So so. Und nun willst du mich mit deinem Lasso einfangen. Wann hast du eigentlich diesen Kerl das letzte Mal zu sehen bekommen?“
     „Er hatte mich noch zweimal besucht, seit ich hier in Obernaundorf wohne.“
Ich geriet immer mehr in Widersprüche und meine Zweifel wurden ständig größer.
     „Vielleicht bist du gar von ihm schwanger geworden?“       
Sie schüttelte nur den Kopf und fing wieder zu weinen an.
     „Hör endlich auf mit dem Geflenne.“, herrschte ich sie an.
    „Am kommenden Samstag fahre ich mit dir zu deinen Eltern. Aber das hat noch nichts zu bedeuten. Erwarte also nicht zu viel von mir. Du bist zwar ein hübsches Mädchen, aber für eine Heirat kennen wir uns doch zu wenig, das musst du doch einsehen. Oder? Dass ich mit zu deinen Eltern fahre, fasse es bitte nicht als Zusage oder gar als ein Versprechen auf.“
Sie nickte kleinlaut. Irgendwie tat sie mir ja auch leid, aber noch mehr Mitleid hatte ich wohl mit mir selbst. Ich war hier in eine Situation hineingeraten, mit der ich noch nicht so recht fertig werden konnte. Eines jedoch war mir an diesem Abend schon klar geworden. Die große Liebe zwischen uns beiden würde es kaum werden. Zu meinen Eltern hatte ich sie am nächsten Tag nicht mitgenommen. Erst wollte ich bei ihrer Familie in Tharandt Klarheit schaffen. Allerdings wusste ich immer noch nicht, wie ich dieses Problem bewältigen sollte. Am nächsten Samstag, gegen neun Uhr fuhren wir mit der Bimmelbahn nach Freital und dann mit dem Autobus weiter nach Tharandt hinüber. Sie hatte ihren Eltern Bescheid gegeben und in einem Telegramm kurz ihre Lage geschildert. Ziemlich kühl und unpersönlich wurde ich will-kommen geheißen. Es war fast schon ein frostiger Empfang. Frau Würz-berger hatte bereits den Tisch eingedeckt. Es gab Knödel mit einem gut riechenden Fleischgericht. Ich war ziemlich hungrig geworden und als ich etwas voreilig zulangen wollte, stieß mich Kathi unterm Tisch mit ihrem Fuße an. Die ganze Familie faltete die Hände zum Gebet. Katharinas Vater betete laut das 'Vater unser', während die Frauen leise mit murmelten.
Ich faltete meine Hände nicht, sondern legte sie auf den Tisch übereinander, schwieg und betrachtete das Karomuster der Tischdecke. Ich war schon vor längerer Zeit, als ich noch bei der Armee diente, aus der Kirche ausgetreten. Ich respektierte zwar den Glauben ihrer Eltern, war aber nicht bereit, mich einem Gebet zu beugen. Nachdem ihr Vater zum Abschluss laut sein 'Amen' verkündet hatte, konnten wir endlich mit dem Essen beginnen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich ziemlich verunsichert fühlte, denn während ich versuchte mit kleinen Häppchen mein Hungergefühl zu mäßigen, stellte ich fest, dass Katharinas Mutter, ein kleines schwarzhaariges und abgearbeitetes Frauchen, mit vielen grauen Strähnen im Haar und unzählig kleinen Fältchen im Gesicht, mich ständig von der Seite beobachtete. Nachdem wir gespeist hatten, nickte der alte Würzberger seiner Frau kurz zu. Sie sprang auf, huschte zur Kredenz hin und reichte ihm sein Zigarrenkästchen. Er bot mir eine an und begann selbst zu rauchen. Zuvor hatte er das Spitzchen seiner Zigarre abgebissen und zu Boden gespuckt. Wieder stand seine Frau auf, hob es auf und legte es in den Aschenbecher, der vor ihm stand. Dankend lehnte ich ab. Irgendwie war mir dieser Mensch unsym-pathisch und er kam mir wie ein Despot in seiner Familie vor.
   „Ich rauche keine Zigarren. Wenn sie mir es jedoch gestatten, so möchte ich mir doch lieber eine Zigarette anzünden.“
Wir schmauchten still, jeder seinen Gedanken nachhängend ein Weilchen vor uns hin, während die Frauen das Geschirr abtrugen und draußen, in der Küche mit dem Abwasch begannen. Dann sah er mich an und plötzlich sprach er wie aus heiterem Himmel:  
    „Du willst also unsere Kathi zur Frau nehmen. Sie bekommt ja ein Kind von dir, wie sie uns im Telegramm kurz mitteilte ...“
Prüfend sah mich dieser alternde Mann mit hochgezogenen Augenbrauen an und als die beiden Frauen wieder aus der Küche herüberkamen, nahmen sie neben uns am Tisch Platz. Ich überlegte, was ich ihm wohl antworten sollte. Mit seiner konsequenten Frage hatte er mich irgendwie in die Enge getrieben.
     „Wir kennen uns ja kaum. Ich glaube, wir müssten uns erst einmal näher kennen lernen.“, versuchte ich seiner direkten Frage auszuweichen. Sein Gesicht hatte eine dunkelrote Farbe angenommen und seine Stirnadern schwollen sichtlich an. Wie ein dunkles Gewittergrollen überrollten mich seine Worte, so, als wolle er mich zu Boden drücken.
    „Das kann doch wohl nicht wahr sein. Habe ich da richtig hingehört? Ihr kennt euch noch gar nicht richtig und bockt schon miteinander herum und zeugt noch dazu ein Kind?“
Er wandte sich seiner Tochter zu und fuhr sie an:
     „Hast du uns nicht schon genügend Schande ins Haus gebracht, du elen-diges Stück? Und nun bringst du uns auch noch so einen Hallodri heran-geschleppt, der nicht einmal weiß, was sich gehört, wenn er unser Mädel schwängert?“
Seine Frau, diese Ärmste kroch sichtlich in sich zusammen und bekreuzigte sich. Mir wurden diese Vorwürfe und sein ganzes herrisches Getue mit einem Male zu viel. Ich war wohl auch noch zu jung, um die Sorgen und Ängste dieser Eltern richtig begreifen und verstehen zu können. Langsam erhob ich mich.
     „Es wird wohl das beste sein, wenn ich jetzt gehe. Ich wollte sie erst einmal kennen lernen, als Grundlage für später sozusagen ..., aber unter diesen Umständen möchte ich mich jetzt verabschieden.“
    „Ja. Gehen sie. Gehen sie schon und denken sie über ihre begangenen Sünden nach und auch darüber, was sie uns angetan haben.“
Katharina saß am Kachelofen, hielt ihre Hände vors Gesicht und fing wieder zu heulen an. Kurz verabschiedete ich mich, gab ihrer Mutter die Hand und bedankte mich für die Bewirtung.
   „Es tut mir leid, Frau Würzberger. Aber einen Hallodri brauche ich mich nicht schimpfen zu lassen. Leben sie wohl Herr Würzberger.“
Er hatte meine Hand, die ich ihm reichte, abgewiesen, drehte sich um und stand mit dem Rücken zu mir, was wohl bedeuten sollte, dass ich nun seine Wohnung verlassen sollte. Als Katharina mich hinausbegleiten wollte, schrie er sie an:
     „Hier wird geblieben. Der Herr wird wohl allein den Ausgang finden ...“
Ich legte noch meine Hand auf ihre Schulter und verdrückte mich still nach draußen. Mit seinem Verhalten hatte er die letzte Möglichkeit einer eventuellen Annäherung weggeworfen. Ich lief ich den ganzen Weg von Tharandt bis nach Freital hinüber und natürlich war ich im Innersten tief aufgewühlt und beleidigt. In mächtige Familienkonflikte war ich hier hineingeraten. Dieser alte Herr war mit aller Wahrscheinlichkeit ein Tyrann seiner Familie und er dulde-te keinerlei Widerspruch. Auch nicht von mir. Er hatte sich durch meine Widerrede in einen unglaublichen Zorn hineingesteigert und ein weiteres Miteinanderreden erschien mir als unmöglich. War es nun richtig oder falsch, wie ich mich verhalten hatte? Sollte ich klein beigeben, einfach kuschen und dieses Mädel heiraten, ohne innerliche Regung für sie? Nicht einmal bei Ilona in Torgelow ließ ich mich zu solch einem Schritt, der doch für ein ganzes Leben sein sollte, hinreißen. Könnte so etwas überhaupt gut gehen?
Als ich Stunden später in Freital - Hainsberg in den Bimmelzug stieg, war ich mir endgültig darüber klar geworden. Eine Ehe mit Katharina kam für mich auf gar keinem Fall in Frage. Zu Hause warteten schon voller Spannung meine Eltern auf mich. Ruhig hörten mir beide zu, als ich von meinem Besuch bei Würzbergers berichtete.
    „Mit diesen Problemen musst du nun ganz allein fertig werden. Da kann dir niemand dabei helfen. Auf alle Fälle war es gut von dir, dass du den Weg zu ihren Eltern gefunden hast. Das war anständig von dir.“, lobte mich mein Vater. Er war bedeutend ruhiger geworden. Wahrscheinlich hatten meine Eltern während meiner Abwesenheit ebenfalls konfliktreich debattiert.
     „Ich werde meine Alimente zahlen, wie es sich gehört und dann lasse ich rechtzeitig einen Vaterschaftstest machen. Wenn ich diese Frau heirate, würde ich ein Leben lang unglücklich werden und nach ein paar Jahren liefe
ich davon.“     „Das mit dem Vaterschaftstest ist gar nicht so einfach. Ich glaube, da muss die Kindesmutter zustimmen. Wenn sie es ablehnt, machst du sowieso den August.“
Katharina hatte in Obernaundorf ihre Arbeitsstelle gekündigt und ihr Logie bei der Familie Liebschner aufgegeben. Sie wohnte wieder bei ihren Eltern in Tharandt. Vielleicht hatte ihr Vater seine Hartherzigkeit ihr gegenüber überwunden und sie hatte es nun besser bei ihren Eltern? Für mich ging nun das alltägliche Leben weiter, ich arbeitete in meiner Brigade, versuchte mein kleines Sparguthaben wieder etwas aufzufüllen, doch an meinen freien Wochenenden schmofte ich immer noch auf den Tanzböden, wie einstmals der Tangomax.
   Anfang April gingen wir jungen Kerle gemeinsam nach Kipsdorf in die Gaststätte 'Tellkoppe' zum Tanz. Drinnen standen wir zunächst ein Weilchen an der Bar und unsere Blicke glitten durch den Saal. Ganz hinten links an einem Tisch saßen mehrere tanzfreudige Mädchens und mir stach sofort so ein blondes, zierliches Wesen in die Augen. Eigenartig. Man kommt herein, schaut und kann seinen Blick nicht mehr abwenden, von einem Menschen-kind, das man zuvor noch nie gesehen hat. Auch sie schaute zu uns herüber und unsere Blicke trafen mit dieser unsichtbaren Linie aufeinander, die für unser späteres Leben entscheidend sein sollte. Ich bin heute noch fest davon überzeugt, dass es die ganz große Liebe auf den ersten Blick gibt, dass dieses 'in sich Hineinschauen' für uns beide eine Vorbestimmung gewesen sein musste. Unsere Blicke verfingen sich in solch einer wundersamen Weise ineinander, so, als wären sie durch eine überirdische Kraft gelenkt und gesteuert worden. Kaum hatte die Musik begonnen, da erhob ich mich spontan, ohne zu überlegen und ich schritt langsam über den Saal auf sie zu. Sie stand ebenfalls auf, ohne zu wissen, dass ich sie zum Tanze holen wollte, und kam direkt auf mich zu, so, als hätte sie schon auf mich gewartet. In der Mitte des Saals trafen wir aufeinander und ohne ein Wort zu sprechen, nahm ich sie in meine Arme und wir tanzten hinweg aus dieser Welt. Wir sahen niemand mehr neben uns und es war, als würde ich mit ihr ganz allein in den Himmel hineinfliegen. Unsere Augen, meine braunen und ihre wunder-sam blauen Sternchen, sie verschwammen wie ein Regenbogen ineinander und wir tanzten immer noch, als die Musik längst schon zu Ende gegangen war. Ringsum an den Tischen spendete man uns Beifall. Wir hatten gar nicht gemerkt, dass wir durch unser Solo in den Mittelpunkt der anderen jungen Leute geraten waren. Es war ihnen wohl aufgefallen, dass hier etwas außer-gewöhnlich wundersames und einmaliges vor sich ging und dann, als wir es schließlich doch mitbekamen, dass nur noch wir zwei, ganz allein auf der Tanzfläche waren, fingen wir beide an zu lachen und ich führte sie zu ihrem Tisch zurück.
     „Der nächste Tanz gehört doch wieder mir?“, flüsterte ich ihr zu und lächelnd nickte sie. An diesem Abend ließ ich keinen einzigen Tanz vergehen, ohne sie in meine Arme zu schließen. Dann, in der großen Pause, die Musiker mussten ja auch einmal zur Ruhe kommen, da bat ich sie, mit mir ein Weilchen an die frische Luft zu gehen. Mein Herz war mit einem Mal so grenzenlos übervoll und ich hatte nur noch den einzigen Wunsch, dieses Mädchen in meine Arme zu schließen, um es nie, nie mehr loslassen zu müssen. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Mein Gott. Was war plötzlich mit mir geschehen? Mir war, als wäre dieses Mädel gerade vom Himmel herunter gestiegen, direkt in meine Arme hinein und ich spürte von Anbeginn, dass sie die einzige war, die ich mein junges Leben lang gesucht hatte. Dieser Blitz traf mich so urplötzlich und völlig unerwartet. Mitten ins Herz traf er mich. Als ich sie draußen ganz zart und behutsam in meine Arme nahm und den ersten Kuss auf ihre bebenden Lippen hin hauchte, flüsterte ich ihr zu:
      „Mädchen, du bist die Frau meines Lebens ...“
     „Ach, das haben sie bestimmt schon mehreren gesagt. Das glaube ich ihnen nicht.“
Sie sprach mich nach unserem ersten Kuss immer noch mit 'Sie' an.
     „Bitte glaube mir. Ich war noch nie so glücklich, wie in diesem Augenblick. Ich mag dich so sehr, dass ich die ganze Welt umarmen möchte. Wie heißt du eigentlich?“
     „Annemarie ...“
     „Und ich bin der Franz ...“
     „Ich weiß. Der mit der Gitarre.“, ergänzte sie mich lächelnd. „Ich habe dich und deinen Freund schon öfters gesehen. Ihr zwei singt wirklich gut.“
Drinnen, im Saal, begann wieder die Musik aufzuspielen und wir tanzten und tanzten, bis uns ganz schwindelig vor Glück wurde. An diesem Abend trank ich nur noch ganz wenig. Dieses unbeschreibliche Erlebnis wollte ich auf gar keinem Fall im Alkoholrausch in mich aufnehmen. Meine Freunde am Tisch hatten längst schon mitbekommen, dass ich hin und hergerissen war und sie belächelten mich dementsprechend.
     „Den hat es total erwischt. Ich glaube, er dreht noch durch, heute Abend.“, orakelte Lothar, der neben mir saß. Dann, als der Tanzabend zu Ende gegangen war, wartete ich draußen auf meine Angebetete. Ich freute mich schon ungemein auf unseren zweisamen 'Nach Hause Weg'. Ein baumlanger Kerl stellte sich vor ihr hin und entriss ihr den Regenschirm, den sie in der Hand trug. Ich hatte schon drinnen bemerkt, dass er sie ständig anstarrte, jedoch er kam immer zu spät, wenn er sie zum Tanze auffordern wollte. Kurzentschlossen trat ich auf ihn zu.
     „Komm Kumpel, mach keinen Scheiß und gib den Schirm von meinem Mädel her.“
     „Sie kann ihn ja bei mir abholen.“, grinste er mich an und er hielt ihn so hoch über seinen Kopf, so dass er für mich unerreichbar wurde.
     „Jungs, haltet doch mal meinen Mantel und Hut, ich glaube, diese Bohnenstange braucht eine ordentliche Abreibung.“
Obwohl es nicht meine Art war, mich auf der Straße herum zu prügeln, aber hier war Handeln angesagt. Ich musste etwas tun für die Kleine. Nachdem mir meine Freunde Hut und Mantel abgenommen hatten, sprang ich kurzentschlossen diesen langen Lulatsch, der fast einen Kopf größer war als ich, an und schleuderte ihn mit einem geschickten Judohüftschwung zu Boden. Als er vor mir auf dem Rücken lag, drückte ich ihm meine Faust ins Gesicht, ohne zuzuschlagen.
    „Wenn du noch einmal mein Mädel belästigst, ich mache aus deiner Fressage ein Brett.“, knurrte ich ihn an. Dann ließ ich ihn los, nahm ihm den Schirm ab und putzte mich ab und meine Kumpels zollten mir durch ihren Beifall Applaus. Mit dem Schirm in der Hand stolzierte ich nun auf mein Mädchen zu. Jedoch, als ich mich bei ihr einhaken wollte, rief sie zornig und enttäuscht:
     „Mit solch einen Raufbold geh' ich nicht.“
Sie hakte sich bei ihren Freundinnen ein und ich ... stand allein auf der Straße, mit dem erkämpften Regenschirm in der Hand. Ich hatte mich für sie herumgeprügelt und sie ließ mich einfach stehen. Erst lief ich der Meute hinterher und als sie sich einmal nach mir umschaute und mich sah, hakte sie sich in der Mitte ihrer Freundinnen ein, so dass es für mich unmöglich war, an sie heran zu kommen. Vor lauter Zorn und Wut riss ich ein paar frisch geplanzte Straßenbäumchen aus. Ich rüttelte so ungestüm an den Planz-pfählen, bis sie nachgaben. Dann warf ich diese jungen Bäumchen in den Straßengraben. Kurz vor Schmiedeberg überholte ich die Meute, rannte an ihnen vorbei, auf und davon ... Zu meinem Unglück war die HO Gaststätte und auch das Hotel zur Post schon geschlossen, sonst hätte ich mich noch weiß Gott wie, voll laufen lassen.
     Lange Zeit habe ich diese Kleine nicht wiedergesehen. Doch dann, eines Abends, als ich wieder zum Tanze ging, da sahen wir uns und sie lachte mir voll ins Gesicht. In meiner Angst,  wieder auf sie herein zu fallen, ging ich hinaus zur Garderobe, nahm meinen Hut und Mantel und verließ spontan das Tanzlokal. Nicht noch einmal wollte ich mich von diesem kleinen Hexlein zum Fallobst machen lassen. Wenn ich mit meinen Freunden im Bus war, um zum Tanz zu fahren, dann kam es auch vor, dass sie in Naundorf mit ihrer Mädchenclique zu stieg. Stur, wie ich war, stieg ich an der nächsten Haltestelle wieder aus, lief zurück nach Schmiedeberg und besoff mich sinnlos. Ich wollte dieses Mädchen vergessen und aus meiner Seele reißen, aber es wollte und wollte mir nicht gelingen. Wie ein spitzer Stachel hatte sie sich in mein gequältes Herz hineingebohrt und jedes Mal, wenn ich sie wiedersah, begann es in meiner Brust zu brennen und dieser nicht löschbare Brand, stieg empor bis in mein Hirn.
 
                                              *
 
   Weihnachten 1957 stand vor der Türe. Ich hatte von Katharina ein Tele-gramm erhalten. Ihr Sohn, Detlef Franz, war am neunzehnten Dezember geboren worden. Einen Tag später, nach meiner Frühschicht, fuhr ich nach Dippoldiswalde zum Weihnachtseinkauf. Mit zahlreichen Geschenkpäckchen beladen, stieg ich in den Bus ein, um wieder nach Hause zu fahren. Kurz, bevor er losfuhr, stieg noch rasch dieses kleine blonde Hexl zu, das immer noch in meinem Kopfe herumspukte und das mir so weh getan hatte. Bewusst oder auch unbewusst setzte sie sich direkt mir gegenüber, auf einen noch freien Sitzplatz, obwohl auch noch andere Sitzplätze unbesetzt waren. Uns beiden, als wir uns bemerkten, stieg die Röte ins Gesicht und ich spürte, wie mein Schädel zu glühen begann. Mein Sternchen war wieder einmal vom Himmel herunter gefallen und dieses Mal, direkt vor meine Füße.
     „Hallo, wie geht's?“, versuchte ich so unbekümmert wie möglich zu fragen.
     „Gut geht's mir. Und dir?“
Sie lächelte mich wieder so an, wie damals schon und guckte auf meine vielen Geschenkpäckchen, die auf meinem Schoße lagen.
     „Spielst wohl den Weihnachtsmann?“, fragte sie mich.
   „Na ja. Für meine Eltern und Geschwister. Ich habe zwei jüngere Brüder und die warten ganz besonders auf so etwas.“
Dann schwiegen wir wieder, schauten durch die Scheibe hinaus auf die vorbeihuschende Straße und wir konnten unsere Gesichter im Halbdunkel des Spiegellichts erkennen. Wir suchten auf diesem Umweg unsre Blicke und ich konnte deutlich erkennen, wie sie mich beharrlich durch das Fensterglas beobachtete und plötzlich zog mich dieser unsichtbare Magnet wieder zu ihr hin. Ich streckte meine Hand nach ihr aus und es war, als hätte sie bereits darauf gewartet. Als ob es die selbstverständlichste Sache dieser Welt wäre, kam sie mit ihrer Hand der meinen entgegen und wir hielten uns ganz, ganz fest. Wir schwiegen und blickten wie gebannt auf unsere verschlungenen Hände, die sich so fest hielten, als hätten sie Angst, sich wieder zu verlieren. Ja und dann kam ihre Haltestelle Naundorf. Ich musste ja eigentlich bis nach Schmiedeberg weiterfahren. Aber, es sollte wohl so sein ... Ich raffte meine Päck-chen zusammen und stieg mit ihr aus. Draußen, an der Haltestelle stand im Dunklen ein junger Mann und er kam auf uns zu.
     „Hallo Annemarie. Ich habe auf dich gewartet.“, begrüßte er sie und es hatte den Anschein, als ob er sie umarmen wollte, doch sie wehrte ihn ab, indem sie schützend und abweisend die Hände von sich gestreckt hielt. Es war Werner Mickan, der FDJ Sekretär vom VEB GISAG Werk. Annemarie drehte sich zu mir hin und sie sah mich hilfesuchend und ratlos an.   
    „Guten Abend, Werner.“, begrüßte ich ihn kurzentschlossen. „Hast du mal Feuer für mich?“
Ich steckte mir eine Zigarette an und bot ihm ebenfalls eine an. Werner sah auf uns beide und er wusste nicht, was hier geschehen war. Nachdem ich einige Züge geraucht hatte, sagte ich kurz und trocken.
     „Danke Werner. Komm Annemarie, lass uns gehen ...“
Er stand da, als hätte ihn ein Autobus angefahren. Kein Wort brachte er über seine Lippen. Mein Sternchen aber, das ich auf so wundersame Weise wiedergefunden hatte, nahm mir zwei Päckchen ab, hakte sich bei mir ein und wir gingen an ihm vorüber, glücklich, traumverloren, wie auf einer Wolke dahinschwebend. Über eine Stunde benötigten wir für diese kurze Wegstrecke nach Obernaundorf hinauf, die man bei normalen Bedingungen gut und gern in zehn Minuten bewältigen konnte. Aber unsere Bedingungen waren eben nicht normal, denn wir blieben immer wieder stehen, umarmten uns trunken vor Glück und unsere Lippen wollten sich endlich satt küssen, weil sie doch auf diese Zärtlichkeiten so lange verzichten mussten. Unsere Münder waren verhungert und ausgetrocknet, so, als wären wir eine ganz lange Zeit durch eine heiße, brennende Wüste dahin gewandert und jeder Kuss war für uns wie ein erlösender Regentropfen. Je mehr ich den Tau ihrer Lippen erschmeckte, um so durstiger wurde ich und ihr erging es ebenso. Nun hatten wir sie wieder gefunden, unsere Oase, in der nun unsere unge-stillte Sehnsucht aufs neue erblühen konnte. Doch bereits auf halben Wege verspürte ich den Drang in mir, ihr mit aller Offenheit mein unglückseliges Geheimnis offenbaren zu müssen. Ich schluckte einige Male und dann brach es aus mir hervor und während ich ihre Hände festhielt. Jedoch anschauen konnte ich sie nicht dabei.
      „Ich muss dir etwas ganz Schlimmes sagen, mein Kleines.“
Wir blieben stehen, ganz nah beieinander, so dass ich ihren warmen Atem spüren konnte.
     „Ich bin gestern Vater geworden. Katharina, eure ehemalige Verkäuferin hat mir ein Telegramm geschickt.“
Anni, wie ich sie von nun an nannte, legte ihre Hand auf meinem Mund, damit ich schweigen sollte, denn es war kein Sprechen mehr, was da aus meinem Munde hervorbrach. Es war ein lautes, trockenes Schluchzen.
    „Ich weiß. Ich weiß alles. Katja und ich, wir waren befreundet. Was ist es denn?“
    „Ein Junge. Und du verzeihst mir und willst trotzdem mit mir gehen?“
    „Ich mag dich ganz, ganz sehr und ... du hast mich doch nicht betrogen. Es war ziemlich dumm von mir damals in Kipsdorf, als ich dich so abblitzen ließ. Es tat mir ja selbst leid, hinterher. Aber dann war es ja zu spät und du bist mir immer ausgewichen, wenn wir uns einmal sahen.“
       „Und das mit dem Mickan Werner?“
     „Ach, das war doch nur eine flüchtige Bekanntschaft. Als ich dich im Bus neben mir sah, hatte ich ihn schon längst vergessen.“
     „Und nun habe ich dich wieder, mein blonder Engel und ich lasse dich nie wieder los.“
Oben angekommen, hielten wir uns noch beim Schein der Straßenleuchte ganz eng umschlungen. Am liebsten wäre ich die ganze Nacht so mit ihr stehen geblieben.
     „Jetzt muss ich aber wirklich gehen.“, mahnte sie mich.
     „Holst du mich morgen um die gleiche Zeit vom Bus ab?“
Widerstrebend trennte ich mich von ihr und ich sah ihr noch nach, bis sie im Vorhäuschen verschwand. Sie kam noch einmal einen Schritt zurück und blieb stehen. Auf ihrem Handrücken drückte sie einen Kuss und dann schnippste sie ihn mir mit ihren Fingerchen zu. Ich fing ihn auf und drückte ihn symbolisch an meinem Mund. Mit Sicherheit war ich vor Glück bisschen wirr dort oben in meinem Dachstübchen geworden, denn ich ließ mitten auf der Straße einen ganz tollen und lauten Jauchzer aus meiner Brust heraus. Dann nahm ich meine Weihnachtspäckchen und rannte hinunter nach Schmiedeberg, zum Molchgrund hin. Als ich zur Wohnungstür hinein kam, ließ ich die Päckchen fallen, schnappte mir mein Muttchen und wirbelte sie durch die Küche.
     „Sei nicht so albern, dummer Kerl. Bist wohl total närrisch geworden. Bringst mich noch ganz außer Atem. Gestern wärst du vor Unglück fast aus dem Fenster gesprungen und heute hüpfst du wie eine junge Dohle umher. Hast du etwa im Lotto gewonnen?“
      „Ja, ja , ja!“, schrie ich mein Glück aus mir heraus.
     „Ich hab' mein Mädel wiedergefunden. Ihr wisst schon, die Kleine, die mich damals in Kipsdorf stehen ließ, wegen meiner Keilerei. Ich hab' euch doch schon von ihr erzählt.“
Mein Vater, der soeben aus dem Wohnzimmer in die Küche herüberge-kommen war, fasste sich an seinen Kopf und brummelte:
     „Was denn? Schon wieder mal verliebt, mein Sohnemann? Das ist doch wohl kein Grund, gleich durchzudrehen.“
     „Hast du eine Ahnung, Vatel. Das ist ein Mädchen, welches man im Leben nur einmal findet. Und ich habe sie wieder gefunden ...“
     „Na, wenn das mal gut geht. Und wenn sie erfährt, dass du gestern Vater geworden bist und von nun an jeden Monat Unterhalt zahlen musst, husch, ist sie wieder fort.“
     „Sie weiß es ja schon. Sie hat es schon gewusst, bevor ich es ihr richtig erklären konnte.“
     „Na, da muss sie aber mächtig in dich verknallt sein, wenn sie das so einfach wegsteckt.“
      „Wir beide sind verknallt. Bis hinter die Ohren ...“
Ich holte meine Gitarre aus dem Zimmer und sang mir die Seele frei. Der schönste Tag in meinem bisherigen Leben ging seinem Ende zu und während ich einschlief, umarmte ich mein Kopfkissen und knüllte es ganz sehr zusammen. Noch im Hinüberträumen dachte ich, es wäre mein Mäd-chen Anni, das in meinen Armen läge. Am nächsten Tag, als meine Frühschicht zu Ende war, zog ich mich rasch um und fuhr schnurstraks nach Dippoldiswalde, um mir im Friseursalon Schöpe die Haare schneiden zu lassen. Anni war nämlich in diesem Friseurgeschäft angestellt. Sie war ganz aus dem Häuschen, als ich zur Tür hineinkam. Herr Schöpe, der Juniorchef forderte mich nach einer Weile höflich auf:
      „Der nächste bitte ...“  
      „Danke. Ich möchte von dem Fräulein dort bedient werden. Ich warte so lange, bis sie frei für mich ist.“, antwortete ich ebenso höflich und zeigte auf meine Kleine. Darauf hin bat er etwas missmutig und kopfschüttelnd einenanderen Herren auf den Friseurstuhl. Dann endlich war Anni mit ihrem Kunden fertig, bedankte sich artig für das Trinkgeld und es wurde der allerbeste Haarschnitt, den ich jemals auf meinem Kopfe verspürt hatte. Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter und dann durchschüttelte mich wieder eine siedend heiße Woge, als sie mit ihren Händen durch mein Haar fuhr und sie ließ sich sehr, sehr viel Zeit für mich. Inzwischen war es siebzehn Uhr dreissig geworden. Um achtzehn Uhr hatte sie Feierabend. Also setzte ich mich auf einen freien Stuhl und wartete auf sie.
    „Haben sie noch einen Wunsch?“, fragte mich wiederum der Juniorchef Manfred Schöpe.
    „Nein Danke. Ich möchte hier auf meine Freundin warten dürfen, wenn sie es gestatten.“
Etwas verwirrt guckte er mich an, bis er schließlich begriff, dass Annemarie meine Auserwählte war. Feuerrot war sie angelaufen in ihrem hübschen Gesichtchen und Frau Schöpe, die Friseurmeisterin, saß vorn an der Kasse und hatte uns scheinbar schon eine ganze Weile beobachtet. Sie lächelte in sich hinein und sagte schließlich:
     „Na, Annemarie. Machen sie heute etwas früher Feierabend, damit ihr Bräutigam nicht gar so lange warten muss. Morgen früh noch ein halber Tag und dann machen wir erst einmal unsere verdiente Weihnachtspause. Husch, husch. Na gehen sie schon.“
Mit hochrotem Kopf bedankte sie sich bei ihrer Meisterin, stürzte nach hinten in den Umkleideraum und so hatten wir eine viertel Stunde für uns gewonnen. Als wir dann endlich Hand in Hand über den Weihnachtsmarkt schlenderten, begegneten wir noch ihren einstigen Verehrer Werner Mickan. Sicherlich hatte er die Absicht, sie abzufangen, um eine Aussprache herbei zu führen. Als er jedoch sah, wie vertraut wir zusammen gingen, verzog er sich hastig auf die andere Straßenseite.
     „Die Alte muss doch spinnen ...“
     „Wieso?“, fragte ich.
     „Na ja. Du bist doch nicht mein Bräutigam.“ Lachend schüttelte sie ihr blondes Köpfchen. 
    „Aber es klang doch gar nicht so schlecht und es wäre schön, wenn es so sein könnte. Oder?“
Sie kniff mich in meinen Arm und wir lachten unser Glück laut auf den Weihnachtsmarkt hinaus und die Leute blieben stehen, sahen uns an und manche lächelten und verstanden scheinbar unsere Freude. Es war nun schon der zweite Tag, dass wir zusammen im Bus saßen. Dieses Mal aber nebeneinander und ganz dicht rückte sie an mich heran. Natürlich hatten sich auch unsere Hände längst schon wieder zusammengefunden.
    „Meine Muttel hatte sich gestern schon Sorgen gemacht, weil ich so spät von der Arbeit heimkam. Ich sagte ihr, dass mich ein Bekannter nach Hause begleitet hat und dass es heute ein bisschen später werden könnte, das weiß sie nun.“
Am nächsten Tage, es war Samstag und Anni hatte nur bis Mittag arbeiten müssen, da klingelte ich nachmittags an ihrer Wohnungstür. Eine fast ha-gere, sehr streng aussehende Frau kam heraus.
     „Sie wünschen?“
     „Mein Name ist Lorber. Könnte ich bitte einmal Anni sprechen?“
     „Lorber? Sie sind also dieser Lorber.“ Es war wie ein lautes und beinahe schon entsetztes Aufschreien, das sie von sich gab. Sie knallte die Türe einfach vor meiner Nase zu und ließ mich stehen. Ich wusste gar nicht, wie mir geschehen war. Noch einmal zu klingeln, dazu fehlte mir ganz einfach der Mut. So stand ich immer noch vor der Tür und rätselte vor mich hin, sollte ich nun bleiben oder wieder gehen? Nach einigen kurzen Minuten kam Anni heraus zu mir. Ganz verheult sah sie aus und sie war kaum in der Lage, einen voll-ständigen Satz zu formulieren.
    „Es hat mächtigen Krach gegeben. Meine Mutter will mir verbieten, dass ich mit dir gehe und ... sie hat mir sogar angedroht, dass ich nach Freital zu meinen Großeltern ziehen müsste.“
      „Wieso denn das?“, fragte ich erschrocken.
      „Na, wegen der Kathi und eurem Kind ...“
Entsetzt starrte ich sie an. Zunächst hatte es mir die Sprache verschlagen. Mit solch einer Konsequenz hatte ich in keinem Falle gerechnet. Sollte so unser kaum begonnenes Glück zu Ende gehen und war mir dieses einzigartige Mädchen bereits wieder verloren gegangen, bevor ich sie richtig gefunden hatte?
      „ ... und was soll nun werden, mit uns?“, fragte ich sie total entmutigt und niedergeschlagen.
    „Wenn du mir versprichst, das du mich immer ganz, ganz sehr lieb haben wirst, dann halte ich zu dir, egal, was auch immer kommen mag und wenn ich wirklich nach Freital muss, dann besuchen wir uns eben so oft wie möglich gegenseitig.“
     „Das verspreche ich dir für alle Ewigkeit und morgen komme ich zu euch und ich stelle mich deiner Muttel. Soll sie mir ins Gesicht sagen, dass ich es nicht wert bin, ihre Tochter lieben zu dürfen. So hartherzig kann doch kein Mensch sein.“
   „Sie ist nicht hartherzig, aber sie hat natürlich mächtige Angst um mich. Das musst du doch auch verstehen.“
Ganz sachte strich sie mir mit ihrer Hand übers Gesicht, drückte mir noch einen Kuss auf die Wange und sagte leise:
   „Ich muss jetzt wieder hinein, sonst wird alles nur noch schlimmer.“
     „Wann soll ich denn morgen kommen?“
Sie dachte kurz nach.
    „Komme morgen gegen fünfzehn Uhr zum Kaffeetrinken. Vielleicht kann ich sie bis dahin etwas besänftigen.“
Dann stand ich allein vor dem Haus und ich ging langsam die Dorfstraße hinunter. Gestern war ich noch jubeljauchzend talabwärts gerannt und heute erschien mir unsere Lage fast aussichtslos. Wenn ihre Mutter es wahrmachen sollte und ihre Tochter nach Freital zu ihren Großeltern schicken würde, dann, so waren meine ersten Gedanken, werde ich mir ebenfalls in Freital eine Arbeit suchen.
     Am nächsten Tage, Mutter hatte mir aus ihrer Sammlung eine schöne Topfblume ausgesucht und zurechtgemacht sowie in Weihnachtspapier eingewickelt. Sie sagte noch, bevor ich ging:
   „Lass dich nicht unterkriegen mein Junge und bleibe standhaft. Wenn es wirklich deine ganz große Liebe ist, dann musst du darum kämpfen wie ein Löwe.“
      „Aber friss sie nicht auf, deine Schwiegermutter. Sie könnte dir sonst im Halse stecken bleiben.“ Mein Vater war schon wieder zu Späßen aufgelegt.
Am Abend zuvor hatten meine Eltern zwei Flaschen selbstgemachten Obst-wein aufgemacht und Mutter erzählte mir ihre Liebesgeschichte, als sie beide selbst noch so jung gewesen waren, wie ich. Ihre Eltern waren Geschäftsleute und als sie das erste Mal ihren Franz nach Hause bringen wollte, da hatte es ebenfalls einen Riesenkrach gegeben. Als nämlich ihr Vater davon erfuhr, dass dieser Franz auf einem Auge erblindet und noch dazu ein arbeitsloser Tischlergeselle war, da fing er an zu toben:
    „So einen Nichtsnutz, so einen einäugigen bringst du mir nicht ins Haus. Der passt ganz und gar nicht in unsere Familie.“
Aber Adelheid, ihre Mutter hatte sich letztendlich ihm gegenüber durchgesetzt.
     „Du solltest, mehr an das Glück deiner Tochter denken und nicht nur an dein Geschäft und an das Geld, dieses verdammte.“
Aufmerksam hatte ich ihr zugehört und während sie mir ihre Geschichte erzählte, hatte sie nach der Hand meines Vaters gegriffen.
   „Und nun hab' ich diesen alten Rettich schon dreiundzwanzig Jahre auf den Hals.“
    „Ein alter Rettich und ein holziges Kohlrabi passen aber ganz gut zusammen, oder?“, lachte er ihr ins Gesicht. So wie diese beiden, so sollte es bei uns auch einmal werden. Glücklich verheiratet sein und ein paar Kinderchen, das war mein großer Wunsch geworden, vor dem ich bisher immer wieder ausgerissen war.
    „Kämpfe um dein Glück, so wie wir damals gekämpft haben, gelt Franz?“
 
                                              *
 
Samstag früh war ich noch einmal nach Dippoldiswalde gefahren und ich hatte eine riesengroße Pralinenschachtel für Anni und eine etwas kleinere für ihre Muttel eingekauft. Im Uhrengeschäft erwarb ich noch eine wunder-schöne Damenarmbanduhr. Zu Hause angekommen, öffnete ich Annis Pralinenschachtel und ich entnahm ein größeres Schokoladenstück. Sorgfältig und kunstgerecht wickelte ich die Armbanduhr ins Goldpapier ein. Oben auf legte ich eine Photographie von mir mit der Widmung:
     „Für immer und ewig
                    Dein Franzl.“
Am nächsten Tag, es war Sonntag, der dreiundzwanzigste Dezember, da konnte ich es kaum noch erwarten, bis die vereinbarte Uhrzeit immer näher rückte. Mir war, als sei die Uhr stehen geblieben, so langsam rannen die Minuten dahin. Fast eine halbe Stunde ging ich unten, beim Ortseingang auf und ab, weil ich zu zeitig losgegangen war und dann stand ich endlich wieder vor der Wohnungstür. Kurzentschlossen klingelte ich und dieses Mal kam Anni selbst heraus.
   „Komm schon, komm. Sie wird dich nicht gleich auffressen.“, begrüßte sie mich mit einem versteckten Küsschen. Mein Mädchen war ebenso aufgeregt, wie ich selbst. Sie ging hinter mir her und schob mich ... in die Höhle des Löwen. Drinnen, am Tisch, welcher schon mit Kuchen und Kaffee eingedeckt war, saß Frau Bartke, Annis Mutter. Man konnte ihr ansehen, dass ihr mein Besuch äußerst unangenehm war. Ihr leicht angegrautes Haar hatte sie streng nach hinten gekämmt und ihre undurchsichtige Miene musterte mich, diesen unerwünschten Gast, der sich nun zwischen ihr und ihrem Töchterchen drängeln wollte. So stand ich vor ihr, ziemlich ungelenk, wie ein Konfirmand und ich hielt ihr die Hand zum Gruße hin, in die sie widerstrebend und zaghaft einschlug. Ich merkte es ihr an, wie sie vor innerer Erregung zitterte und bebte.
    „Na setzen sie sich schon, wenn sie nun schon einmal da sind.“ Mehr forsch, als freundlich erklangen ihre Worte.
     „Hier diese Blumen sind für sie und diese Praline ebenfalls, weil doch morgen Heiliger Abend ist ...“
Aufgeregt nestelte ich am Papier herum. Anni stand immer noch hinter mir und beobachtete uns beide mit hochrotem Kopf.
    „Na setz dich schon.“, flüsterte sie mir zu und schob mich auf den bereitstehenden Stuhl. Dann setzte sie sich neben mich. Nun saß ich also zwischen diesen beiden Frauen, zwischen der grantigen Mutter und ihrem liebreizenden Töchterlein.
    „Links und rechts ein Rosenstöckel und in der Mitte ein Mistböckel ...“, versuchte ich die trotzdem noch etwas angespannte Lage ein klein wenig aufzulockern.
   „Wenn sie das so sagen, ich will ihnen bestimmt nicht widersprechen.“, erwiderte Frau Bartke zweideutig und ich musste mir eingestehen, dass ich mir selbst mit diesem blöden Spruch keinen guten Gefallen getan hatte. Dieser Vergleich, der so plötzlich über meine Lippen gerutscht war, schien ihr trotz der ungewohnten Lage nicht zu missfallen, denn ein boshaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Anni goss unsere Tassen mit Bohnenkaffee voll - das war damals noch eine absolute Rarität und ich nahm mir umständlich ein
 
Stück vom Weihnachtsstollen und begann, wie die anderen beiden auch, zu essen. Nachdem wir fertig waren, tupfte sie sich mit einer Serviette den Mund ab. Dann sah sie mich wieder mit ihrem strengen, durchbohrenden Blick an und begann zu sprechen:
    „So junger Mann. Nun wollen wir beide erst einmal zusammen Faktura reden. Sie möchten also mit meinem Mädel eine Liebschaft anfangen, obwohl ihr unehelicher Sohn erst vor wenigen Tagen geboren worden ist. Wollen sie nun das gleiche mit meiner Tochter wiederholen, um dann abermals feige davon zu laufen?“
      „Mutti! Du hast mir doch versprochen ...“
      „Sei still. Jetzt rede ich! Mein Mädel ist gerade erst mal siebzehn Jahre jung.“
Ich spürte, wie sich ein fester, trockener Kloß in meinem Hals bildete und ich begann einige Male kräftig zu schlucken und zu hüsteln. Mein Mund war total ausgetrocknet.
     „Könnte ich bitte ein Glas Wasser bekommen? Ich kriege mit einem Mal schlecht Luft.“
Sie stand selbst auf und reichte mir ein Glas Leitungswasser. Nachdem ich einige Schlucke zu mir genommen hatte, wurde mir etwas leichter.
    „Ich versichere ihnen, dass das ein unglückseliger Zufall gewesen ist. Ich war mit ihr bei ihren Eltern und habe dort klipp und klar gesagt, dass ich sie nicht heiraten werde, weil ich sie nicht liebe. Das war doch wohl nicht feige von mir. Ihre Tochter, liebe Frau Bartke ... vom ersten Augenblick an, wo ich sie das erste Mal sah, da hat der Blitz bei mir eingeschlagen. Es hat mich voll erwischt.“
      „Uns beide ...“, ergänzte mich Anni leise, aber bestimmt.
    „Und ich verspreche ihnen beiden. Niemals werde ich sie enttäuschen.“
Auch meine Stimme hatte zu beben begonnen, während ich diese Worte hervor würgte. Es war keine dahergeredete Floskel. Noch ehrlicher konnte kein junger Mann der ganzen großen, weiten Welt seine Liebe so offenbaren, wie ich es tat.
     „Bitte, bitte Mutti. Sag ja zu uns. Ich will und kann nicht von ihm lassen.“ Diese letzten Worte von ihr klangen bittend und fordernd zugleich und ich spürte, wie sie mit mir gemeinsam um unser Glück zu kämpfen begann. Ruhe war eingetreten. Keiner von uns fand die passenden Worte, um aus dieser Situation heraus zu finden. Dann nach einer Weile begann sie zu sprechen: 
     „Auch ich hatte als junges Mädel einen unehelichen Sohn. Daher weiß ich, wovon ich spreche ...“ Ihre Stimme wurde laut und beinahe schrill. „Wissen sie eigentlich, wie schwer es für eine alleinstehende Mutter ist, solch einen Balg großzuziehen? Was es an Kraft und Energie kostet, wenn immer und überall das Geld fehlt? Wissen sie, welche Entbehrungen so etwas mit sich bringt und zwar ein Leben lang?“

 

 

„Mein Mann, Annemaries Vater ist an der Front gefallen, am sechzehnten Februar 1943. Annemarie war gerade mal zwei ein halb Jahre alt. Und so war ich wieder allein, mit zwei Kindern. So etwas darf meinem Mädel nie widerfahren. Nie. Hören sie.“ Ihre Augen begannen zu glühen und mir war klar, dass diese Mutter wie eine Löwin um ihre Tochter kämpfen würde.
„Sie soll es eines Tags besser haben, als ich es hatte und sie soll auch nicht eines Tages sitzen gelassen werden.“
Diese letzten Worte erklangen, wie eine Drohung, obwohl sie ihre Stimme gesenkt hatte und sehr leise sprach. Ihr abgehärmter Mund presste sich zu einem ganz schmalen Strich zusammen und ihr eingefallenes Gesicht schien noch kleiner zu werden, so, als ob es in sich zusammenschrumpfen würde. Diese Frau litt unter schrecklichen Seelenqualen, in ihrer entsetzlichen Angst um ihr ein und alles. Das fühlte ich instinktiv und irgendwie konnte ich sie sogar verstehen. Sie tat mir unendlich leid, in diesem Augenblick.
       „Ich werde euch nie enttäuschen, liebe Frau Bartke.“, presste ich noch einmal aus mir heraus und ich kam mir vor, wie ein gedemütigter Sünder vor dem jüngsten Gericht. Diese Frau, die mit ihren Mittvierziger Jahren, schon so faltenreich und angegraut war, musste viel erlebt und durchlitten haben und sie hatte ganz sicher sehr, sehr schwer an ihrer Bürde zu tragen. In meiner Aufregung hatte ich total vergessen, meiner Anni ihr Geschenk zu überreichen. Ich hatte es ganz einfach auf die Kommode abgelegt und nun reichte ich es ihr nachträglich, um die geladene Atmosphäre ein bisschen aufzulockern.
        „Würdest du bitte einmal hineinschauen?“, bat ich sie. Zaghaft öffnete sie dieses Päckchen und sie schrie vor Freude auf, als sie das Bild mit der Widmung in ihren Händen hielt. Sie konnte nicht umhin, mir mit einem Küsschen zu danken und ihre Mutter sah zu und lächelte sogar ein wenig. Sicherlich nicht wegen mir, sondern weil sich ihre Tochter so maßlos freuen konnte.
      „Dort, die große Praline... komm, iss sie doch gleich, damit ich weiß, ob sie dir auch schmeckt.“  
Nun war die Überraschung und Freude noch weitaus größer, als sie ihre Armbanduhr in den Händen hielt. Ihre Mutter schüttelte nur mit dem Kopf, sagte jedoch kein Wort mehr dazu. Vielleicht dachte sie gar, dass ich mir die Zuneigung ihrer Tochter mit solch einem wertvollen Geschenk erkaufen wollte. Ich merkte nun, dass es ihr allmählich zu viel wurde, mit „unserem Glücklichsein“ in ihrer Gegenwart. Diesen ersten Besuch wollte ich auf gar keinem Fall zu lange hinaus dehnen. Sie hatte mir doch ganz gehörig die Leviten gelesen und ich war froh, daß ich trotz allem, meinen Einstand so gut überstanden hatte. Also erhob ich mich nach einem Weilchen, dankte für ihr freundliches Entgegenkommen und fragte sie:
      „Frau Bartke, darf ich wiederkommen? Und sie sind mir auch nicht mehr böse?“
 
Der Anflug eines kleinen Lächelns schien über ihr Gesicht gleiten zu wollen.
         „Das weiß ich noch nicht. Aber gut, wenn sie mich gar so herzlich darum bitten, dann soll es eben so sein.“
         „Mutti, du bist meine allerbeste und allerliebste.“, jubelte mein Mädchen. Aber so richtig wohl fühlte ich mich erst, als ich draußen vor der Haustür meine Kleine in die Arme nehmen konnte, um sie ganz herzlich abzupusseln. Von nun an sahen wir uns jeden Tag. Wenn ich aus der Frühschicht kam, holte ich sie am Spätnachmittag vom Bus ab. Kam ich aus der Nachtschicht, dann führte mich mein Weg früh nach Obernaundorf und ich wartete, bis sie auf Arbeit ging. Dann begleitete ich sie zum Autobus hinunter und selbst, wenn ich Spätdienst hatte, da fuhr ich mitunter vormittags rasch nach Dippoldiswalde und besuchte sie kurz im Friseursalon und wenn ich zur Türe hineinkam, steckten die anderen Friseusen ihre Köpfe zusammen, tuschel-ten miteinander und kicherten über uns. Nur der Juniorenchef guckte mitun-ter etwas grimmig drein. Vielleicht hatte auch er gar ein Auge auf sie geworfen. Aber dies störte mich alles herzlich wenig. Hauptsache war, dass wir uns jeden Tag sehen konnten.
Meine Gitarre hatte ich längst schon an den Nagel gehangen und ich verspürte auch nicht die geringste Lust, mit Lothar, meinem ehemaligen Sangesfreund auf die Dörfer zu ziehen. Dieses Lotterleben gehörte meiner Vergangenheit an und ich fühlte mich außerordentlich wohl dabei. Mit mei-nem Brigadeleiter, Kurt Glatzer sprach ich auch über meine finanziellen Probleme. Zu ihm hatte ich absolutes Vertrauen. Er bekam längst schon mit, dass ich ein festes Mädel hatte. Geld verdienen war nun mehr, denn je in den Mittelpunkt meiner Zukunftspläne gerückt, denn ich musste ja jeden Monat fünfundsechzig Mark Unterhaltskosten für meinen Sohn, den ich noch nie gesehen hatte, berappen. Für die Kindesmutter war es bestimmt zu wenig, für mich aber, war es schon ein herber finanzieller Einschnitt. Da wir die erste Brigade im Gießereibereich waren, die den Titel: “Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“ verliehen bekommen hatte, schlug mir mein Bri-gadeleiter folgendes vor:
       „Wenn du dich verpflichtest, sechs Wochen einen Reservedienst bei der Nationalen Volkarmee abzuleisten, kannst du dich bei mir zum Abstecher qualifizieren.“
Solch eine Verpflichtung war für ihn außerordentlich wichtig für die Ab-rechnung seiner gesellschaftlichen Brigadearbeit und Abstecher waren die bestbezahltesten Arbeiter im Schmelzbereich.
Obwohl ich eigentlich genug hatte vom Militär, aber diese Arbeit reizte mich unwahrscheinlich. Nach mehreren ausgiebigen Gesprächen mit Anni, konnte ich sie doch davon überzeugen, dass es für unsere Zukunft wichtig sein konnte und obwohl mir das Torgelower Armeeleben noch tief genug in den Knochen saß, es waren ja gerade mal zwei Jahre verstrichen, so sagte ich doch kurzentschlossen zu und schon am zweiten Mai ging es nach Gera,
 
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zum Reservedienst. Als Abschiedsgeschenk hatte ich mir etwas ganz beson-
deres ausgedacht. Mit meiner Waldbärenburger Oma vereinbarte ich, dass sie am kommenden Sonntag bei den Eltern in Schmiedeberg verweilen sollte. Den Zweitschlüssel für ihre Wohnung überließ sie natürlich mir. Ich vertraute ihr an, dass ich mit Anni, die sie ja inzwischen auch schon kennen gelernt hatte, ein paar Stunden ganz allein sein wollte. Ein wunderschöner und kostbarer Samstagnachmittag lag vor uns und mein Mädchen gab mir alles, was eine liebende Frau zu verschenken hatte, ihren noch unberührten, jungfräulichen Körper. Ein neues, fürchterliches Unwetter, von dem ich noch nichts erahnen konnte, ballte sich über mein Haupt zusammen. Bereits am nächsten Tage, als ich sie wieder besuchen wollte, stand ihre Mutter wie ein Racheengel in der Tür und voller Abscheu und Zorn fuhr sie mich an:
    „Herrrr Lorber!“ Dieser Herr klang besonders hart und knorrig. „Sie brau-chen gar nicht erst versuchen, zu uns herein zu kommen. Für sie ist meine Wohnung und meine Tochter ab sofort tabu. Verstehen sie? Tabu! Ich will sie nicht mehr sehen. Was haben sie mit meinen Mädel gemacht? Sie elendiger Wüstling!“ Fassungslos stand ich vor ihr. Erstarrt und beschämt zugleich.                                              „Frau Bartke. Ihre Tochter ist doch kein Kind mehr. Sie wird in diesem Jahr achtzehn Jahre und ich will sie heiraten.“, schrie ich sie an. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals aus purer Wut oder aus Verzweiflung diesen Ausbruch aus mir heraus geschrieen hatte.
               „Ab nächste Woche bin ich für knapp zwei Monate bei der Armee. Wissen sie, warum ich das tue? Damit ich anschließend eine besser bezahlte Arbeit bekomme und wenn sie unser Glück zerstören, dann erschieße ich mich dort!“
Diese Worte waren kein Bluff. Sie waren durchaus ernst gemeint und vielleicht hätte ich es auch getan. Meine Stimme überschlug sich und mir war, als flöge mir meine Schädeldecke weg. Dann sagte ich noch, schon ein klein wenig ruhiger geworden:
      „Dass sie ein Leben lang unglücklich sein mussten, dafür können doch wir Jungen nichts. Haben sie doch Erbarmen mit ihrer Tochter und mit sich selbst....“
Dann kehrte ich auf den Absatz um und rannte wie irrsinnig die Dorfstraße hinunter und als ich in Schmiedeberg angekommen war, ging ich ins „Hotel zur Post“, setzte mich an einen Ecktisch und soff mir die Gurgel voll, denn nüchtern war dieser Zustand für mich nicht mehr zu ertragen. Nach etwa einer Stunde stand plötzlich meine Mutter neben mir, zog mich hoch und sagte leise:   „Komm nach Hause. Dein Mädel ist bei uns. Sie ist oben ausgerückt und heult sich die Augen aus. Sie denkt, du hättest dir etwas angetan.“            
Sie zog mir meine Geldbörse aus meiner Jackentasche, bezahlte meine Zeche und schleppte mich nach Hause. In dieser einen Stunde hatte ich mehr getrunken, als sonst an einem ganzen Abend. Mein Vater war in den Garten hochgegangen, obwohl es schon zu dunkeln begann. Er wollte von diesem Theater, wie er meinte, nichts hören und nichts sehen. Anni erwartete
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mich schon mit einem ganz verquollenem Gesicht und als sie mich in ihre Arme schloss, heulten wir drei, einschließlich meiner Mutter zum Erbarmen. Ich war natürlich viel zu sehr besoffen, um noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Mein Mädchen schlief diese Nacht bei uns in meinem Bett und ich wurde auf Grund meines Rausches ausquartiert, aufs Sofa. Am nächstem Tage, ganz früh schon, begaben wir uns wieder hinauf, zu ihrer Muttel. Ganz kleinlaut war sie geworden, diese sonst so strenge Frau. Sie musste wohl eine Wahnsinnsangst ausgestanden haben und sie hatte sicherlich diese Nacht kein Auge zugemacht.
        „Bitte mach so etwas nie wieder.“, bat sie flehend ihre Tochter.
         „Und du zerbrich unsere Liebe nicht. Wir gehen nicht auseinander, da kannst du noch so sehr dagegen reden.“, antwortete Anni resolut und ziemlich laut.
          „Ich bin alt genug und weiß selbst was ich zu tun und zu lassen habe.“ So viel Standvermögen hätte ich diesem kleinen blonden Persönchen gar nicht zugetraut.
          „Es ist ja gut. Ich werde mich künftig nicht mehr einmischen, in euere Probleme. Du hast ja recht und ... jeder ist eben selbst seines Glückes Schmied.“
Zwar merkte ich ihre Überwindung bei diesen Worten, aber sie konnte nun nicht mehr anders. Sogar mit 'Franz' hatte sie mich angesprochen und das war schon sehr bedeutungsvoll für mich, denn von nun an war ich ein stets 'Willkommener Gast'. Viel, viel später, als wir schon verheiratet waren, erfuhr ich von ihr, dass mein liebes Schwiegermütterchen, damals in ihrer großen Angst um ihr Töchterchen, bei der Deutschen Volkspolizei sogar ein poli-zeiliches Führungszeugnis über mich erstellt haben wollte, was sie natürlich nicht bekam und beim Jugendamt des Rates des Kreises zog sie ebenfalls Erkundigungen über mich ein, weil diese dümmlichen Dorfklatschmäuler und Tratschtanten aus dem Oberdorf erzählten, ich hätte nicht nur für ein Kind, sondern für drei zu bezahlen. Das war natürlich eine übelste Verleumdung und an für sich wollte ich vors Gericht ziehen, gegen diese Leute. Aus meiner heutigen Sicht sage ich mir. Wer konnte ihr dieses Misstrauen und ihre Angst verübeln? Sie hatte nichts anderes getan, als um das vermeintliche Glück ihrer Tochter zu kämpfen. Zu ihren Gunsten muss ich heute einschätzen, dass ich eine der besten Schwiegermütter bekam, die es überhaupt jemals geben konnte.
Wenig später kam dann also unser Abschied und ich fuhr für die nächsten sechs Wochen nach Gera in die Garnison. Bereits am sechzehnten Mai bekam ich den ersten Brief. Ich hatte meinem Mädchen jeden Tag geschrieben. In einem ihrer Briefe teilte sie mir mit, ihr wäre jeden Tag so schlecht und sie befürchte, dass sie wahrscheinlich schwanger sei und sie wolle alles versuchen, um diese von ihr ungewollte Schwangerschaft zu unterbrechen. Warum wollte meine Unglückskette kein Ende nehmen? Als ich die ersten Zeilen las, war ich so glücklich gewesen, dass sie von mir ein
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Baby bekommen würde und nun diese Angst, dass ihr etwas zustoßen könnte, mit dieser vorgesehenen Abtreibung. Ich setzte mich hin und schrieb ihr einen ganz ernsthaften, ausführlichen Brief, indem ich versuchte, ihr klar zu machen, eine Abtreibung käme einem Ende unserer Beziehung gleich. Mir blieb nur eines, ihr guten Mut zuzusprechen und ihre meine Liebe zu ver-sichern. So ist es nun einmal im Leben. Damals, mit dieser Katharina wollte und konnte ich keine Lebensverbindung eingehen und hier musste ich immer und immer wieder um mein Glück kämpfen. Nun war es wohl mit aller Wahrscheinlichkeit geschehen und mein Mädel war schwanger geworden. Es war ja mein Wunsch gewesen, an diesem Nachmittag in Waldbärenburg, ein Kind zu zeugen. Sie sollte ganz die Meine werden und außerdem hatte ich Angst und Bedenken, dass sie mir in den nächsten sechs Wochen, aus welchen Gründen auch immer, wieder entgleiten könnte. Ja, ja. Es war ziemlich egoistisch und selbstsüchtig von mir, ihr gleich beim ersten Mal so etwas anzutun, aber mein Wunsch, sie für immer an mich zu binden, war stärker als alle moralischen Tabus und Vorbehalte.
Ich hatte meinem Kommandeur den Brief vorgelegt und wegen dieser famili-ären Dringlichkeit um Pfingsturlaub gebeten. Das Glück war mir hold und mein Antrag wurde genehmigt. Als ich nach Hause kam, teilte mir meine Mutter mit, dass Anni und ihre Mutter in Somsdorf an der Hochzeit ihrer Cousine Ruth teilnehmen würden und ich solle baldigst nachkommen. Bereits in den frühen Morgenstunden fuhr ich mit der Bimmelbahn hinunter nach Hainsberg. Ich hatte gehofft, sie würde mich am Bahnhof abholen. Weit gefehlt. Missmutig wartete ich noch ein Weilchen und erkundigte mich schließlich, wo wohl dieses Somsdorf läge und dann begab ich mich schweren Herzens allein auf den Weg. Als ich in die nächsten Straßenkurve einbog, hörte ich ein Kichern hinter meinem Rücken und da kam sie mit noch einem Mädchen angeschlichen. Sie hatten sich schon ein ganzes Weilchen vor mir versteckt gehalten und mich heimlich beobachtet. Überglücklich wollte ich sie nun in meine Arme nehmen, um ihr einen herzhaften Schmatz aufzudrücken.
      „Doch nicht hier mitten auf der Straße. “ sagte sie etwas verschämt.
      „Na macht schon, ihr zwei Verliebten. Ich stelle mich hinter euch, damit ihr ungestört seid.“ Forderte Lilo, ihre andere Cousine uns lachend auf und so kam ich doch noch zu meinem Begrüßungsküsschen.
      „Das ist mein Freund Franz, der Vater unseres zukünftigen Kindes und das hier ist Lilo, meine Cousine.“ Stellte sie uns gegenseitig vor. Erleichtert atmete ich auf. Also hatte sie sich mit ihrem Zustand schon einigermaßen abgefunden. Ich hakte mich bei den beiden Mädels ein und wir stiegen den steilen Weg nach Somsdorf hinauf. Oben angekommen, begrüßte mich Frau Bartke äußerst nett und freundlich. Ich weiß nicht, ob es dort schon aus ihrem ehrlichen Herzens kam, oder wegen der vielen Hochzeitsgäste. Jedenfalls, diese Hürde war erst mal schon genommen, denn ich muss eingestehen, ich hatte mächtigen Schiss vor dieser ersten Wiederbegegnung. Eine wunder-
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schöne Hochzeitsfeier stand uns bevor und als dann alles vorüber war und wir wieder in Naundorf landeten, ließ Annis Mutter nicht all zu lange auf sich warten.
       „So. Und nun ist es doch passiert mit euch beiden. Ich hab es ja geahnt, dass das nicht gut gehen konnte, mit euerer närrischen Verliebtheit. Und nun wollt ihr mich also zur Großmutter machen? Wie soll es nun weitergehen mit euch?“
Das klang bei weiten nicht mehr so streng, wie noch vor einigen Wochen.
       „Übrigens. Ihren Brief, Franz. Annemarie hat ihn mir zum Lesen gege-ben. Sehr vernünftig, was sie da geschrieben haben. Ist das auch wirklich ihre ehrliche Meinung?“   Sie hatte also immer noch einige Zweifel an meiner Aufrichtigkeit. Das war ja auch kein Wunder, denn bis vor einiger Zeit hatte ich im Raum Schmiedeberg und Umgebung keinen all zu besonderen Ruf genossen, denn Lothar und ich, wir waren schon zwei üble Draufgänger gewesen, die nicht nur zum Singen über die Dörfer zogen.
        „Wir werden so bald, als möglich heiraten.“, antwortete ich nach einer Weile. Ich habe mir schon in etwa ausgerechnet. Das Kleine müsste Ende Dezember, Anfang Januar zur Welt kommen ...“
        „Ich hatte, als sie es mir erzählte, dass sie wahrscheinlich schwanger sei, mächtig geschimpft mit ihr. Was ihr beide da angestellt habt, das müsst ihr nun auch gemeinsam ausbaden. Wann wollt ihr denn konkret heiraten? Annemarie wird ja am dreißigsten Juli gerade mal achtzehn Jahre alt.“
        „In dieses Bad springe ich gerne. Na, auf alle Fälle noch in diesem Jahr.“
        „Ihr bestimmt einfach über mein Schicksal, ohne mich zu fragen, ob ich überhaupt heiraten möchte.“, erwiderte Anni scheinbar entrüstet und lachte dabei.   
        „Na und? Willst du mich heiraten?“, fragte ich sie überglücklich, weil ich doch ihre Antwort bereits wusste.
Bestimmend in den kommenden Gesprächen war natürlich meine zukünftige Schwiegermutter.
        „Mit einem dicken Bauch sieht eine Braut nicht so sehr gut aus. Ich wäre schon dafür, dass ihr bereits im August heiratet, oder spätestens im Sep-tember.“   Das waren Worte für mich, als würden alle Glocken der Welt auf einmal erklingen.
       „Nach der Hochzeit wohnt Annemarie bis zur Entbindung natürlich bei mir.“, bestimmte Annis Mutter. Hier duldete sie keinen Widerspruch. „Und sie Franz wohnen weiterhin bei ihren Eltern, denn für uns alle reicht mein Wohnraum nicht.“   Sie hatten ja nur dieses kleine Wohnstübchen mit Kochnische und oben die winzig kleine Schlafkammer.
       „Gleich nach unserer Hochzeit beantrage ich eine Wohnung für uns.“
       „Aber nicht in Schmiedeberg.“, widersprach Anni. „Ich möchte hier oben in Naundorf bleiben. Vielleicht wird irgend etwas frei?“
Eine eigene Wohnung, das wäre natürlich ein Glücksfall für uns. Aber damals,
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in den fünfziger Jahren war Wohnraum einer der größten Mangelzustände in der DDR. Viele junge Ehepaare mussten für längere Zeit getrennt bei ihren Eltern wohnen, oder sie lebten so zusammengepfercht, dass es oftmals zu Konflikten kam, die sogar viele der jungen Ehen zerbrechen ließen und die Wartelisten für den Erhalt einer Wohnungszuweisung waren unendlich lang. Ja und dann legten wir gemeinsam unseren Hochzeitstermin fest. Es sollte der neunte August sein, nur wenige Tage nach Annis achtzehnten Geburts-tag. Beglückt wegen der baldigen Vermählung und doch etwas traurig wegen unserer Trennung, fuhr ich wieder nach Gera, um die restlichen Reserve-dienstwochen herunter zu schruppen und dann, am achtzehnten Juni war ich endlich wieder zu Hause. Mein Brigadeleiter Kurt Glatzer hielt sein Ver-sprechen nur teilweise. Er konnte wegen mir keinen anderen Abstecher um-setzen oder gar entlassen. Aus diesem Grunde wurde ich als Springer eingesetzt. Immer dann, wenn Not am Manne war, durch Urlaub oder Krankheit, durfte ich am Ofen arbeiten. Das ganz große Geld, wie ich es mir erhofft hatte, blieb also trotzdem aus. Als ich meine Eltern kurzfristig davon informierte, dass wir schon sehr bald, in wenigen Wochen heiraten würden, da hatte ich natürlich Anni mit nach Hause genommen. Bei meinen Eltern löste ich mit dieser Überraschung jedoch eine Riesenaufregung aus.
     „Ja seid ihr denn total übergeschnappt? Wie stellt ihr euch das eigentlich vor? Wie sollen wir in solch einer kurzen Zeit eine Hochzeit ausrichten? Das kostet doch alles einen Haufen Geld und der Polterabend ... und wo wollt ihr eigentlich wohnen? Gespart hast du nicht viel und Möbel habt ihr auch noch keine, von einer Wohnung ganz zu schweigen.“   Natürlich hatten sie nicht unrecht und ihre Argumente waren kaum widerlegbar und meinem Vater schwollen sichtlich die Stirnadern an.  
      „Man kann doch wohl erwarten, dass der Sohn solch eine wichtige Ange-legenheit mit seinen Eltern rechtzeitig berät und bespricht. Oder? So etwas kann man doch nicht von heute auf morgen übers Knie brechen.“
      „Doch. Man kann.“, erwiderte ich trotzig. „Da gibt es gar nichts mehr zu überlegen. Anni bekommt ein Baby und das soll verheiratete Eltern haben. Punkt aus und Schluss.“   Nun war auch ich etwas heftiger geworden. Mussten sich denn die Alten überall einmischen? Waren wir nicht selbst alt genug, um unsere eigenen Entscheidungen treffen zu können?
       „Aha. Daher weht also der Wind. Das hätten wir uns ja gleich denken können. Sag mal. Hast du nicht schon mit den einem genug zu zahlen?“
       „Nun reicht es aber. Ihr wisst genau, dass das damals eine ganz andere Geschichte gewesen ist. Anni und ich, wir lieben uns und unser Baby wird ein gewolltes Kind. Mein Gott. Im August werde ich vierundzwanzig Jahre alt. Ihr habt doch oft genug gesagt, ich solle mir bald ein eigenes Nest bauen und jetzt ist es so weit. Basta.“    Ruhe war wieder eingetreten in unserer Familie. Vater ging hinunter in den Keller und holte zwei Flaschen Beerenwein und dann erläuterte ich ihnen unseren Plan.
     „Wir legen keinen all zu großen Wert auf eine pompöse Hochzeit, wie ihr
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sie damals für Thea ausgerichtet habt.“ Sie war inzwischen von ihrem Manne wieder geschieden und hatte nun für zwei Kinder zu sorgen.
      „Polterabend wird es keinen geben. Darauf können wir großzügig ver-zichten. Annis Muttel ist eine arme, alleinstehende Frau und ihr habt auch schon genug in euere vier Kinder hineingesteckt. Wir feiern nur im engsten Familienkreis. Klammheimlich sozusagen. Annis Muttel und ihr. Wir feiern oben in Naundorf.“ 
     „Und meine Großeltern aus Hennersdorf, die laden wir auch ein.“, ergänzte mich Anni, die bis dahin geschwiegen hatte. 
     „Und die Thea? Die könnt ihr nicht auslassen.“ Meine Bärenburg - Omi lag für längere Zeit im Krankenhaus. Mit ihr war auch nicht zu rechnen. Also kamen wir gerade Mal auf sieben Personen, das Brautpaar mit eingerechnet und natürlich meine zwei Brüder. 
      „Es muss ja nicht sein, dass sich die ganze bucklige Verwandtschaft auf unsere Kosten durchfrisst. Das Geld benötigen wir für dringendere Sachen. Und ihr braucht euch keine Gedanken zu machen, unsere Hochzeit finan-zieren wir auch selbst.“   Nun wurde es doch noch ein schöner Abend, denn ich hatte meine Eltern, die selbst ständig Geldsorgen hatten, einigermaßen beruhigt und beschwichtigt. Mutter gab mir aus ihrem Vorrat einen Anzugstoff, den sie von Verwandten aus dem Westen geschickt bekommen hatte. Er war ursprünglich für meinen Vater angedacht. Beim Burthschneider in Schmie-deberg ließ ich mir meinen Hochzeitsanzug zurechtschneidern. Anni und unsere zwei Mütter, sie fuhren bald darauf nach Freital und suchten ein schönes, aber preiswertes Hochzeitskleid für meine Braut aus. Und dann war es endlich so weit. Sicherlich hatte meine Anni in ihren Jungmädchenträumen eine andere Vorstellung von ihrer Vermählung, aber für unsere dama-ligen Verhältnisse ging es nicht anders. Mein Brigadier Kurt Glatzer, den ich eingeweiht hatte, gewährte mir eine Woche Urlaub und was ganz besonders wichtig war, er hielt dicht. Keiner aus meiner Brigade erfuhr etwas davon, sonst wäre wohl am Polterabend der Teufel los gewesen. Auch Anni hatte ihre Chefin eingeweiht und bekam ebenfalls eine Woche Urlaub. Wir heirateten oben in Kipsdorf, im Standesamt. Es war Annis Wunsch gewesen, weil wir uns dort oben, damals zum Tanz kennen gelernt hatten, als ich mich für sie auf der Straße herumgeprügelte. Dieses kleine bisschen Romantik wollten wir uns beide zugestehen. Unsere Flitterwochen, oder besser gesagt unsere 'Flittertage' verbrachten wir oben in der Baukahre, in der Wohnung meiner Großmutter, die immer noch im Krankenhaus lag. Dann waren auch diese schönen Tage zu Ende und der Alltag holte uns wieder ein. Anni fuhr jeden Tag nach Dippoldiswalde ins Friseurgeschäft Schöpe. Durch die Kaltwellenpräparate, die so schrecklich rochen, fing sie immer öfters an zu brechen und die Arbeit wurde für sie zur Qual und schließlich wurde sie krankgeschrieben. Ich arbeitete wie ein Besessener, leistete außer meiner Schmelzerarbeit noch Überstunden in anderen Abteilungen und hatte mich sogar mit einer Pfeife auf Knastertabak umgestellt. Zigaretten wollte und 
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te ich mir nicht mehr leisten. Eines Tages, als Thea mit ihren zwei Kindern zu unseren Eltern auf Besuch kam, da wurde es doch zu eng für uns alle. Mein Vater forderte mich auf, zumindest für diese Zeit nach Obernaundorf hoch zu ziehen. Sehr wohl fühlte ich mich nicht dabei, als ich meine Schwiegermutter darum bat, mich 'Heimatlosen' aufzunehmen. Aber sie sah meine Notlage ein und wir rückten zusammen. Uns jungen Leuten war es natürlich mehr als recht. So nahe konnten wir gar nicht zusammenrücken, wie wir es gern gewollt hätten. Ich meldete mich freiwillig zum Dauernachtdienst in meiner Brigade. Natürlich gab es bei einigen Kollegen mächtigen Stunk, weil ihnen dadurch der Nachtzuschlag verloren ging. Aber Kurt Glatzer setzte sich durch, weil er meine Probleme kannte. Meine Schwiegermutter ging am Tage ihrer Tätigkeit im Pflegeheim nach, Anni war durch ihre Krankschreibung zu Hause und ich hatte durch meine ständigen Nachtdienste am Tage mein junges Frauchen um mich. Das konnte uns beiden schon gefallen. Unser großes Glück war, dass mein Vater ehrenamtlich im Wohnungsausschuss des Rates der Gemeinde mitarbeitete. Anfang November erhielten wir eine Wohnungs-zuweisung im Bauernhaus der Familie Pastel Rudolph, direkt gegenüber von Annis Muttel.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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                   Alltagsgeschichten ...
 
 
 
                              - Vorwort -
 
 Sicherlich werden meine Alltagsgeschichten nicht so kurzweilig zu lesen sein, wie vielleicht die vorhergehenden Kapitel meiner Erzählungen. Alltags-geschichten, was könnten sie wohl schon bedeuten und welchen interes-santen Inhalt sollten sie wohl beinhalten? Alltagsgeschichten, das sind doch diese allgemeingültigen Banalitäten und Ereignisse, die jeder Mensch mehr oder weniger selbst erlebt hat. Alltagsgeschichten, das sind Widerspie-gelungen von Problemen und Konflikten, die wohl in jeder jungen Ehe zur Genüge vorkommen und die braucht man doch nicht aufzuschreiben, damit sie alle Leute lesen können. Ich jedoch schreibe sie auf, für mich selbst und für meine Kinder, weil ich meine Lebensgeschichte und die meiner Frau noch einmal nachempfinden und auch durchleben möchte, denn besonders dieses Kapitel ist mir ganz innig ans Herz gewachsen, weil ich meine Erinnerungen in einer Zeit schreibe, wo meine Welt längst nicht mehr in Ordnung ist. Ich durchlebe in Gedanken unsere glückliche, aber auch schwere Zeit von damals noch einmal ganz intensiv, weil mir nicht mehr all zu viel davon geblieben ist. Der Wunsch, gemeinsam in Liebe und Würde alt zu werden, blieb uns schon sehr zeitig durch den Ausbruch der schweren Krank-heit meiner Frau versagt ... 
 
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         Gleich in den ersten Tagen des Monats Dezember 1958 wurde unsere 'neue Altbauwohnung' durch uns beide vorgerichtet und instandgesetzt. Nicht so, wie heute mit modernen Tapeten und Kunststoffplatten an den Decken und Wänden. Wir haben damals noch mit Kalk gestrichen und gepinselt. Der Vorteil bestand in einer gründlichen Desinfektion und der Nachteil war, dass man jeden missratenen Pinselstrich deutlich erkennen konnte. War der Kalkanstrich nach einigen Stunden genügend eingetrocknet, dann wurden diese altmodischen Muster, die heute kein Mensch mehr für seine Wohnung verwenden würde, mit einfachen und unschönen Farben aufgewalzt. Als unsere Räume endlich fertig gemalt worden waren, standen wir andächtig davor und wir waren unsagbar stolz und auch zugleich glücklich über unser entstandenes Erstlingswerk. Allerdings war an den Händen, in den Haaren und in unseren Gesichtern mitunter mehr Farbe aufgekleistert, als an den Wänden selbst. Mein Vater, ein gelernter Tischler von Beruf, zimmerte uns die Gardinenkästen zurecht, während meine und Annis Mutter fachkundig 
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Maß nahmen und für billiges Geld in Dippoldiswalde Gardinenstoffe einkauf-ten. Bis in die tiefen Nächte hinein nähten die Beiden, damit wir das erste gemeinsame Weihnachtsfest in unserer neugestalteten Wohnung erleben konnten. Unten im Schmiedeberger Möbelkonsum erstanden wir auf Raten eine sehr guterhaltene, gebrauchte Polstermöbelgarnitur, sowie ein Radio-gerät - Marke 'Olympia'. Die Heimleiterin, oben aus dem Pflegeheim Naundorf, lieh uns auf unbestimmte Zeit vier Küchenstühle sowie einen Küchentisch und meine Eltern überließen uns ihren alten ovalen und ausziehbaren Wohnzimmertisch, den sie oben in ihrer Gartenlaube abgestellt hatten. Tante Anna, aus Geising war vor einiger Zeit verstorben und ihr Ehemann, Onkel Karl wurde wegen angeblicher Spionage für mehrere Jahre ins Bautzener Gefängnis geworfen. Die Wohnung hatte man zwangsgeräumt und die Möbel wurden in eine alte Scheune untergestellt. Meine Großmutter, Tante Annas Schwester, hatte bei den Stadtbehörden rechtlich erwirkt, dass sie über das Mobiliar verfügen könnte. Als nachträgliches Hochzeitsgeschenk überließ sie uns die Küchenkredenz, worüber wir natürlich sehr glücklich waren. Unsere Schlafzimmermöbel bestanden aus zwei unterschiedlichen Bettgestellen und zwei Nachtschränkchen. Glücklicherweise hatte Anni sich schon vor unserer Zeit, von ihrem Lehrlingsentgelt einen Kleider – und Wäscheschrank zusammengespart und gekauft. So wurde unsere Wohnung mit jedem Tage heimischer und angenehmer und obwohl wir arm wie die Kirchenmäuse waren, unsere Herzen waren unendlich reich an Glück-seligkeit. Sicherlich hatte mein Frauchen, die nun immer molliger wurde, in ihren Jungmädchenträumen, nicht nur bedeutend mehr von dieser einfachen und ärmlichen Hochzeit erwartet, sondern auch von ihrer Wohnkultur, aber es war wohl unsere Zeit, die nichts anderes zuließ. Uns erging es ja auch nicht allein so, sondern fast alle jungen Ehepaare fingen unter ähnlichen primi-tiven Bedingungen ihr gemeinsames Leben an. Für die heutige Zeit natürlich unvorstellbar. Man muss dabei eben auch berücksichtigen, dass, als wir 1958 heirateten, der zweite Weltkrieg, welcher dieses Deutschland und ganz Euro-pa in solch ein unvorstellbares Elend gestürzt hatte, gerade erst vor dreizehn Jahren beendet worden war. Hilfe konnten wir deshalb weder von meinen Eltern, die ja Heimatvertriebene aus dem Sudetenland waren, noch von Annis Mutter erwarten, denn auch sie war ja ebenfalls eine verarmte Kriegswitwe. Der Bauernhof ihrer Eltern drüben in Hennersdorf, war durch die durchziehenden sowjetischen Truppen im Mai 1945 bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden und nur, was sie am Leibe trugen, nannten sie ihr eigen. Also auch sie hatten durch diesen Krieg alles verloren. Nur ihre Heimat ..., die war ihnen noch geblieben. Das Gute in unserer jungen Ehe war, dass wir beide unter ärmlichen Bedingungen aufwuchsen und keine großen Ansprüche an das Leben stellten. Da wir nun mitten im Winter Einzug hielten, fehlte es natürlich an Heizmaterial. Zum Glück bekamen wir noch die vollen Brennstoffbezugskarten für das Jahr 1958. Wenn ich Nachtdienst hat-
 
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te, dann klaute ich jedes Mal einige Scheite Brennholz, ein kleines Säckchen Holzkohle und ganz kleine Steinkohlenkoksstückchen. Zum Glück blieben diese kleinen Diebereien am 'Volkseigentum' unbemerkt, oder mein Briga-dier, Kurt Glatzer, wollte es mit Absicht nicht sehen. In der damaligen Zeit wurden schon die kleinsten Vergehen am 'Volkseigentum' äußerst streng geahndet. Mitten im Winter ging ich hinaus in den Wald und suchte kleine, abgestorbene Fichten, sogenannte Winddörren, die ich mit meinen Händen aus der gefrorenen Erde herausriss und mit den Wurzeln in den Hinterhof schleppte. Sogar das dürre Reisig wurde zerhackt und zu kleinen Bündeln zusammengebunden, damit wir etwas zum Anzünden hatten. Feueranzünder waren viel zu teuer für uns, denn jede gesparte Mark zählte doppelt und dreifach. Unsere Wohnung war nicht unterkellert und unwahrscheinlich fuß-bodenkalt und da wir uns damals noch keinen Teppich leisten konnten, strickte uns Annis Muttel jede Menge Schafwollsocken, die wir an den Abenden gleich doppelt anzogen. Im Schlafzimmer war die innere Wetter-wand an besonders frostigen Tagen mit einer starken Eisschicht überzogen. In den Betten froren wir ja nicht, weil wir uns immer eng zusammen kuschelten, da schlief es sich doch besser. Unser Nachbar, wo Annis Muttel noch wohnte, war ein außerordentlich argwöhnischer Mensch. Da er unsere große Not kannte, glaubte er mit Wahrscheinlichkeit, dass wir uns an seiner Holzmiete, die hinter seinem Hause stand, gütlich tun würden. Da er vor vielen Jahren draußen im Steinbruch Buschmühle Sprengmeister gewesen war, kannte er sich mit explosiven Gemischen gründlich aus. Eines Abends krachte es im Nebenhaus und der Kachelofen von Kroschwalds flog auseinander. Berger Karl hatte, wie wir später erfuhren, einige Holzscheite ausgebohrt und eine kleine Prise Pulver hineingeschüttet und dann ver-schloss er die Bohrungen wieder und wartete gespannt, bis es bei uns krachen würde. Aber es krachte eben wo anders in seiner Nachbarschaft. So sehr uns auch die Not drückte, Diebstähle dieser Art kamen für mich nicht in Frage. Mein kleines Dickerchen, wie ich sie nun immer scherzhaft und liebevoll nannte, wurde mit jedem Tag rundlicher und molliger. Oft legte ich meine Hände auf ihren ballonähnlichen Bauch und wenn unser Kleines zu strampeln anfing, da konnte man ganz deutlich erkennen, wie unförmig an manchen Stellen Annis Bauch wurde.
     „Der kleine Strolch will raus. Es wird wohl zu dunkel dort drinnen.“, scherzte ich und es gab für uns nichts Schöneres, als dieses „Werden“ täglich beobachten zu können. Weihnachten und Silvester verlebten wir ganz ruhig und besinnlich. Vater hatte uns aus seiner Kaninchenzucht einen Weihnachtsbraten geschenkt. Meine Schwiegermutter kochte, buk und briet für uns in diesen Wochen. Dann, am zwölften Januar, des Nachts gegen früh schon, begann Anni in ihrem Bett zu stöhnen und zu jammern. Zum Glück schlief ihre Muttel seit einigen Nächten bei uns auf dem Sofa. Ich hatte sie darum gebeten, denn ich wollte um Gottes Willen nicht allein diese Verantwortung übernehmen, wenn es plötzlich losgehen sollte. Sie schickte mich hoch ins Altersheim wegen des Telephons. Zu unserer Zeit damals, gab es so gut wie keine privaten Telephonanschlüsse. Also rannte ich hinauf und klingelte die Heimleiterin heraus. Unser Hausarzt, Doktor Peter Seifert aus Schmiedeberg, war in weniger als zwanzig Minuten zur Stelle. Er war zwar ein etwas barscher, aber dennoch ein hervorragender Land - und Hausarzt. Nachdem er mein Dickerchen gründlich untersucht hatte, meinte er:
     „Es hat noch gute Weile, junge Frau, aber da die Wehen schon eingesetzt haben, wird es wohl besser sein, wir bestellen den Krankentransport und schicken das junge Frauchen ins Krankenhaus nach Dippoldiswalde und dem jungen Mann würde ich am liebsten eine Kreislaufspritze verabreichen, so, wie er aussieht.“ Dann klopfte er mir freundschaftlich auf die Schulter und sagte schmunzelnd:   „Nur keine Angst, mein Guter. So lange ich praktiziere, es ist noch keines drin geblieben, denn was rein ist, muss auch wieder raus.“
'Der kann gut Späße machen' lächelte ich ihn süßsauer und etwas verkrampft an. Es hatte wieder stärker mit dem Schneien begonnen und der Doktor wollte sicher gehen, weil es zu uns hoch im Winter immer sehr beschwerlich für die Autos war. Es dauerte auch nicht all zu lange und der Kran-kentransport stand draußen, vor der Türe. Anni weinte bitterlich, als sie auf die Trage gelegt wurde. Ihre Tasche war schon einige Tage zuvor fertig gepackt worden. Ja, und dann saßen wir beide, Annis Muttel und ich allein in der Stube. Tagelang hatten wir hoffnungsvoll auf diese Stunde gewartet. Jetzt, als es endlich so weit war, da waren wir beide fix und fertig. Dieses Warten, diese Ungewissheit war eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich damals als 'werdender Vater' durchleben musste Ich hatte mir einige Tage Urlaub genommen und jede Stunde lief ich hinauf ins Pflegeheim, um drinnen im Krankenhaus, die Entbindungsstation anzurufen. Ich merkte selbst, wie ich den Mitarbeitern der Zentrale im Krankenhaus mit meinen ständigen Anfragen auf die Nerven ging. Dann, ich glaube, es war in der zehnten Stunde vormittags, da erfuhr ich, dass wir ein kleines Mädchen bekommen hatten. Als ich mit meiner Schwiegermutter in den Müttersaal hineinkam - es war ein großes Zehnbettzimmer - da lag meine Anni in ihrem Bett, etwas bleich im Gesicht und abgekämpft, aber mit einem glücklichen und zufrie-denen Lächeln auf ihren Lippen.
     „Gib mir ein Kussel. Wir haben ein kleines Mädel bekommen.“, flüsterte sie mir zu. Wir durften etwa zwanzig Minuten bei ihr bleiben und als dann die Schwester kam, um die Besuchszeit zu beenden, fragte Anni.
     „Kann mein Mann mal kurz unser Töchterchen sehen?“   
     „Aber selbstverständlich, Frau   Lorber. Kommen sie.“, forderte sie mich auf. „Warten sie bitte hier, ich hole ihre Kleine heraus.“ Dann kam sie, mit so einem kleinen Bündel auf ihrem Arm und als sie ein klein wenig ihr Gesichtchen frei machte, oh! Wie erschrak ich da. Ein winziges verrunzeltes 'Etwas' lag dort drinnen, ganz rot im Gesicht, mit unzählig vielen kleinen Fältchen und diese kleinen Fingerchen waren so erschreckend winzig und zerbrechlich. Aber einen dunklen Wuschelkopf hatte sie schon, unsere Klei-
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ne. Wir hatten, als Anni noch zu Hause war, festgelegt, wie unser Kleines heißen sollte. Ein Bub sollte Gerhard, Franz heißen. Der Rufname sollte nach ihrem gefallenen Vater eingetragen werden. Sollte es dagegen ein Mädchen sein, dann hatten wir uns auf den Namen Evelyn, Annemarie geeinigt. Etwas verunsichert fragte ich die Krankenschwester: „Sagen sie mal Schwester, unsere Kleine ..., ist die etwa krank?“
       „Wie kommen sie denn darauf? Sie ist zwar etwas klein geraten, aber sie ist doch vollkommen gesund.“
       „... Und die vielen Falten im Gesicht? Bleiben die etwa?“
       „Na, sie sind mir ja Einer. Sie haben wohl noch nie ein frischgeborenes Baby gesehen? In ein paar Stunden ist die Kleine pausbäckig und kugel-rund.“
       „Na, dann ist ja alles gut.“, stöhnte ich erleichtert auf.
Der Schreck war mir doch ganz gehörig in die Glieder gefahren. 
       „Darf ich noch mal ganz kurz zu meiner Frau rein? Nur für eine halbe Minute.“, bat ich sie.
       „Ihr Männer seid doch alle gleich. Einer wieder andere.“, wandte sie sich lachend an meine Schwiegermutter.
       „Na dann machen sie schon. Aber nur ganz kurz.“ Rasch begab ich mich noch einmal hinein zu meiner Liebsten.
       „Ich danke dir, du, mein Herzel. Ich danke dir ganz sehr, weil du uns so ein hübsches, kleines Mäderle geschenkt hast.“, beschwindelte ich sie, ohne rot zu werden. Als ich sie am nächstem Tage wieder besuchte, lag unser kleines Töchterchen bei ihr im Wochenbett und Anni stillte sie gerade. Erleichtert und glücklich konnte ich nun feststellen, dass sich die Prophe-zeiung der Krankenschwester voll und ganz erfüllt hatte. Ein allerliebstes Mädchen, das an der Brust ihrer Mutter ganz kräftig saugte, rundlich und rosig und vor allem ...'ohne Fältchen' im Gesicht, lag in den Armen meiner lieben Frau. Nach reichlich einer Woche kam sie endlich wieder nach Hause zu mir, mit unserer Kleinen. Schon in der kommenden Nacht musste ich feststellen, dass längst nicht alles Gold war, was da glänzte. Ein kleiner, unbändiger Schreihals war hier in unsere Familie hineingeboren worden und ich war schon nach wenigen Nächten sichtlich genervt. Wir hatten ja kein Kinderzimmer und als Dreischichtarbeiter benötigte ich natürlich auch ein gewisses Quantum an Schlaf.
      „He, Ich bin nun da. Kümmert euch gefälligst um mich ...“, schien sie mit ihrem schrillen Stimmchen uns und die Welt anzuschreien. Bartke Omi, wie ich nun meine Schwiegermutter nannte, hatte sich zu einer wahren Welt-meisterin im Verwöhnen entwickelt und ... wenn sie einmal nicht zugegen war, hatte ich es natürlich doppelt und dreifach auszubaden. Sobald jedoch die Oma zur Türe hereinkam, wurde unsere Kleine ruhig, weil sie wohl erahnte und fühlte, dass sie gleich auf dem Arm genommen würde und ihre Verwöhnstunde beginnen sollte.. Hinzu kam, dass Bartke Omi, die völlig unmusikalisch war, unserer Kleinen laut und lange ihre Kinderliedchen vor-
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sang, so dass mir manchmal fast die Ohren davonflogen. Aber was ein guter Vater werden will, der gewöhnt sich eben an alles und so erging es auch mir. Wenn es ganz schlimm wurde, dann holte ich meine Gitarre von der Wand und sang mit meiner Schwiegermutter gemeinsam diese Kinderlieder und so wurde ihr Solo etwas abgeschwächt und unser 'Kinderkonzert' war dadurch etwas besser zu ertragen. Wie lautet das alte bewährte Sprichwort?
       „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein, dagegen sehr.“ 
Ich hatte mich schließlich so an die neuen Umstände gewöhnt, dass, wenn unsere Evi einmal nicht schrie oder gar schlief, mir dieses Geschrei irgendwie fehlte und als unsere Kleine dann sogar ihre ersten Stäubchen bekam, da standen wir alle um sie herum und wir bildeten uns ein, sie würde uns schon erkennen und uns anlachen. Was mir allerdings gar nicht so sehr gefiel, war, dass nun die Kolleginnen und Freundinnen meiner Schwieger-mutter von nun an, fast täglich bei uns ein und aus gingen. Das zehrte schon ganz gehörig an meinem Nervenkostüm. Vor allem dann, wenn diese Altwei-berschar um das Kinderbettchen herum standen und mit ihren kindhaftem Geplapper, welches unsere Kleine noch gar nicht verstehen konnte, uns jungen Eheleuten den allerletzten Nerv zogen.
       „Ja wo ist denn unsere Kleine, ja, wo ist sie denn? Hast du auch schon schön Pipi gemacht?“
Ich verzog mich dann ab und zu hinüber in Schwiegermutters Wohnung, um ein Stündchen schlafen zu können. Ich war wohl noch zu unerfahren und oftmals auch zu unausgeschlafen, nach meiner schweren Schichtarbeit im Gießereibetrieb. Bereits einige Wochen später hatte sich bei meiner Frau eine Brust entzündet. Mit dem Stillen musste sie nun aufhören, weil sie noch dazu leichte Temperatur bekam. Ihre Milch musste mit einem Gerät abge-saugt werden. Mit Quark, Leinsamen und anderen Hausmittelchen gelang es schon nach einigen Tagen, die Entzündung abklingen zu lassen, doch ihre Muttermilch versiegte zusehend. Das wiederum löste bei unserer Kleinen Verdauungsstörungen aus. Bauchkneiperchen und fürchterliches Wehge-schrei war die Folge. Ihr Bäuchlein wurde mehrere Male am Tage und auch des Nachts mit Kümmelöl eingerieben. Immer in der Uhrzeigerrichtung, we-gen des Darmsystems. Wenn ich ab und zu unsere Kleine säubern 'durfte', oder besser gesagt musste - freiwillig tat ich es bestimmt nicht - dann hätte ich mir am liebsten eine Klammer an die Nase gesteckt, denn eingekackt hatte sie zwar wie eine Kleine, aber sie roch schon, wie eine ganz Große. Mein Gott, da waren mit einem Mal soviel neue Probleme zu bewältigen, die wir in unserer Verliebtheit gar nicht vorausahnen konnten. Zu unserer da-maligen Zeit, da gab es auch noch keine Haushaltstechnik, wie es heute von jeder jungen Frau als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Die Wäsche musste vorgekocht und mit der Hand ausgewaschen werden. Schon ein eigenes Waschbrett war damals eine kleine Errungenschaft in einem neuen Haushalt. Solch ein Waschbrett und andere Küchengeräte, hatten wir als Hochzeitsgeschenke von Freunden und Nachbarn bekommen und über jede
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Kleinigkeit war die Freude riesengroß gewesen. Jetzt merkten wir täglich, wie lebensnotwendig all diese kleinen Gerätschaften für uns waren. In den ersten Monaten unserer Ehe hatte ich ein unwahrscheinliches Schamgefühl ent-wickelt, denn ich begab ich mich still und heimlich hinaus ins Waschhaus, um meine Gießereiunterwäsche selbst auszuwaschen, bis es eines Tages die Frauen merkten und mich dafür mächtig ins Kreuzfeuer nahmen. Wer nun glaubt, dass es in einer so jungen Ehe völlig konfliktfrei und problemlos verlaufen würde, der irrt sich gewaltig. Ohne, dass ich es mit einer böser Absicht getan hätte, so beschwor ich doch die erste und auch ernsthafte Ge-witterstimmung zwischen uns beiden herauf. Es sollte doch mehr eine schalkhafte Geste, als ein niederschmetterndes Urteil bedeuten, was ich nun heraufbeschworen hatte. Annis Kochkünste waren damals noch recht unge-eignet, um in übergroßem Jubel ausbrechen zu müssen und genussvoll speisen zu können. Durch die außerordentlich gute böhmische Küche meiner Mutter, war ich natürlich unerhört gaumenverwöhnt gewesen und eines Tages wollte mir mein kleines Küchenwunder eine ganz besonders große Freude bereiten. Ein wohlriechender Bratengeruch stieg mir in die Nase und ich schnupperte schon begierig, bis der Gulasch mit Kartoffelknödeln auf dem Tische stand und außer meinem maßlosen Appetit verspürte ich auch noch einen mächtigen Heißhunger, denn Gulasch mit Knödeln war eine meiner Lieblingsspeisen. Aber oh weh: Was sollte denn das wohl sein, was mir da auf meinem Teller entgegendampfte? Die Fleischstückchen waren noch ziemlich hell und nur ungenügend durchgebraten. Und die Knödel? Jeder einzelne Bissen wurde mehr und mehr in meinem Munde und je kräftiger ich kaute, desto zäher wurde diese undefinierbare Masse. Einen richtigen „Knödelklantsch“ hatte meine Superköchin zubereitet. Erwartungsvoll saß sie am Tisch und sah mich strahlend an, denn es war ihr erstes selbstständig zubereitetes Essen, ganz ohne Hilfe ihrer Mutter und obwohl ja bekanntlich die Liebe durch den Magen geht - wenn ich damals schon ein verständ-nisvoller - ausgereifter Ehemann gewesen wäre, hätte ich ohne zu murren, ihre zubereitete Speise hinuntergewürgt. Sicherlich wäre ich daran weder erstickt oder gar gestorben. Mir fiel jedoch in dieser Situation nichts geschei-teres ein, als einfach aufzustehen, und nach draußen zu gehen. Ohne ein Wort zu sagen und spontan, wie ich schon immer gewesen bin, holte ich einen Hammer sowie einen Nagel und dann nahm ich den inzwischen zu Stein gewordenen Knödel, stieg auf einen Stuhl und nagelte dieses unför-mige 'Etwas' an die Oberkante des Türrahmens, so, wie manch aber-gläubische Menschen ein Hufeisen anbringen. Dort hing er nun, aber er brachte mir kein Glück. Ich weiß nicht, was mich zu dieser dümmlichen Torheit verleitet hatte. Es kam einfach über mich und es sollte als ein Spaß aufgefasst werden, ohne auch nur im geringstem, mein Herz und meinen Verstand einzuschalten. Anni, meine Gute starrte mit großen Augen auf mich und auf mein vollbrachtes Werk. Wortlos sah sie zu und sie wurde ganz bleich voller Scham und Zorn. Sie erhob sich und nahm unser kleines Baby
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aus dem Kinderwagen. Dann sagte sie kurz und trocken.
„So, das war’s. Ich ziehe wieder zu meiner Muttel. Du kannst ja in Zukunft unten in Schmiedeberg bei deiner lieben Mutter essen ...“
Sie schlug die Türe hinter sich zu und ich stand allein im Wohnzimmer. Ich sah ihr noch durchs Fenster hinterher, wie sie mit riesengroßen Schritten hinüber zu ihrer Mutter eilte. Jetzt erst wurde mir voll bewusst, dass ich ihr gegenüber eine riesengroße Schweinerei begangen hatte. Mit einer Zange zog ich den eingeschlagenen Nagel wieder heraus und „klatsch“, fiel dieser längst ungenießbar gewordene Knödel, der ja der Stein des Anstoßes gewe-sen war, laut auf den Fußboden herab. Dass sie aber deswegen mit unserer Tochter die Flucht vor mir ergriffen hatte, war mir dennoch unbegreiflich, denn bisher schien in unserem kurzen Eheleben immer die Sonne. Es hatte bis auf ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, keine wesentlichen Meinungs-verschiedenheiten gegeben und wir hatten es uns zur Gewohnheit werden lassen, diese Unklarheiten mit einem Küsschen aus dem Weg zu räumen. Dieses Mal jedoch hätte mein 'Mundspitzen' wohl kaum Erfolg gehabt. Ich räumte den Tisch ab und trug das inzwischen kaltgewordene Essen hinüber in die Küche. Auf dem Küchentisch lag ihr noch aufgeschlagenes Kochbuch.
Eine reichliche halbe Stunde wartete ich ungeduldig auf sie, in der Hoffnung, dass sie bald wieder kommen würde, doch sie kam nicht. So zog ich in mei-ner Sturheit meine Jacke über, schrieb einen Zettel und legte ihn auf den Tisch:
                  „Bin in Schmiedeberg bei meinen Eltern“, und dann stakte ich los. Zu Hause angekommen, fragten sie mich, wo denn Anni mit unserer Kleinen sei. Aufgeregt und niedergeschlagen zu gleich, erzählte ich nun wahrheits-getreu von unserem Zerwürfnis. Ein unwahrscheinliches Donnerwetter braute sich über meinem Haupt zusammen.
             „Ja bist du denn total verblödet? Da hast du schon solch ein uner-hörtes Glück, so ein Mädel zu bekommen und obendrauf so ein hübsches Baby und du benimmst dich wie ein Elefant im Porzellankasten. Ach was, wie ein Trampeltier stampfst du auf der Seele deiner Frau herum. Das war fies und beleidigend von dir. Recht hat sie getan, dass sie dir davongelaufen ist, du Ekelpaket.“     
Das war eine Standpauke von meiner Mutter, die ich mir für die Zukunft ganz dick hinter meine Ohren schreiben konnte und mein Vater war natürlich nicht minder aufgebracht. Zornentbrannt stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie:
              „Scher dich hinauf zu deiner Frau und Kind. Bitte sie anständig um Verzeihung, wie es sich gehört und nun raus mit dir. Komme mit deiner Familie wieder oder gar nicht.“
              'Mein Gott, was hatte ich hier in meiner Leichtsinnigkeit und Über-heblichkeit heraufbeschworen?'
Beschämt und schweren Herzens trabte ich wieder hinauf nach Obernaun-dorf. Zu Hause angelangt, lag der Zettel, den ich für sie geschrieben hatte, immer noch auf dem Tisch. Den Schlüssel hatte ich wohlweislich in der Korri-
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dortür stecken lassen. Kurz einfügen möchte ich, das dies damals, zu un-serer Zeit absolut kein Problem war. Auf dem Dorfe ließen die meisten Leute ihre Türen unverschlossen, wenn sie für eine geraume Zeit ihre Wohnungen verließen. Das war eben ganz anders, als heute, in dieser unsteten und gefährlichen Welt, wo Diebstähle und Einbrüche an der Tagesordnung sind. Wie schon erwähnt, ich hatte ja gehofft, dass sie nach einer gewissen Zeit wieder zu mir zurückkommen würde. Aber da hatte ich mich wohl gründlich getäuscht und verrechnet. Während ich mitunter sehr impulsiv werden konnte, so war sie, wenn es darauf ankam, ein außerordentlich harter Dickschädel. Was blieb mir reuigen Sünder wohl anderes übrig, als klein beizugeben. Bedrückt und mit schlechtem Gewissen begab ich mich schließlich hinüber, zu Schwiegermuttern. Sie öffnete die Tür und hatte wie-der einmal ihr überstrenges Gesicht aufgesetzt. Ich wusste schon, wenn sie so eigenartig ihr kleines Doppelkinn hervorstreckte, dann war Alarm ange-sagt.
             „Komm rein!“, sagte sie kurz. „Hast du etwas zu sagen?“
Ich nickte, schritt an ihr vorüber und wollte Anni, die auf einem Stuhle saß, bei der Hand nehmen. Sie jedoch zuckte zurück und sah an mir vorbei.
             „Na, komm schon und sei wieder gut. Ich weiß ja, dass ich großen Mist gebaut habe. Komm wieder nach Hause oder soll ich vor dir auf die Knie fallen?“
Sie jedoch stand auf, trat zum Fenster hin und sah immer noch stillschwei-gend hinaus, so, als ob es dort draußen irgend etwas interessantes zu sehen gäbe. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.
                     „Nu sei nicht so stur und höre auf zu dickschen. Ihr seid nun einmal verheiratet und gehört zusammen ...“,ermahnte Bartke Omi sie. Jedoch mein blonder Dickkopf blieb immer noch abgewandt von mir und stumm. Ich zuckte mit den Schultern, stand kurzentschlossen auf, dann nahm ich unser kleines Töchterchen auf den Arm und verließ die Wohnung. Ich war noch nicht richtig an unserer Haustür angekommen, da hörte ich trippel, trappel, wie meine Anni hinterhergerannt kam und sie riss mir unsere Kleine förmlich aus den Händen und ging endlich als erste wieder in unsere Wohnung hinein. Drei Tage hielt dieses frostige Eheunwetter an, bis sie dann endlich wieder mit mir zu sprechen begann. Ich musste sie wohl zutiefst verletzt und gedemütigt haben. Das hatte ich natürlich nicht gewollt und es sollte meine erste große Erfahrung und Lektion in unserer jungen Ehe sein, dass die geliebte Frau, kein untergeordnetes Wesen, sondern ein Mensch mit eigenen Gedanken, Gefühlen sowie auch   mit eigenen Wünschen und Vorstellungen war. Bisher war mein Leben nach meinem Willen oder besser gesagt vorwiegend nach dem Willen anderer verlaufen, die höher standen, als ich. Das war in meiner Lehrzeit so gewesen, als auch später in den drei Jahren meiner Rekrutenzeit. Ja und dann mein Junggesellenleben, da hatte ich ebenfalls keine all zu großen Probleme zu bewältigen. Ich arbei-tete gut, gab mein Kostgeld meistens pünktlich ab, trieb mich auf den Tanz-
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böden herum und versoff gedankenlos meine restlichen Moneten. Die Mutter wusch und kochte für mich und wenn ich nach Hause kam, war für mich meine Welt geordnet. Nun musste ich begreifen lernen, dass man nicht nur aus Liebe heiraten konnte und alles sollte wie bisher weiterlaufen. Weitaus mehr wurde nun von uns Beiden abverlangt. Unsere Ehe sollte Bestand haben und zwar ein Leben lang. Ein eigener Hausstand bedeutete eben mehr, als nur Geld nach Hause bringen und die Beine auszustrecken. Ver-antwortungsvolles Miteinander und vor allem Verständnis für den anderen und auch viel Geduld waren erforderlich. Von Grund auf musste dieses 'Miteinander' erlernt werden. Das alles wurde mir in jenen Tagen klar, als Anni kein einziges Wort mit mir sprach. Das Allerschlimmste, was mir hätte widerfahren können, wäre, wenn sie unsere Heirat bereuen würde. Davor hatte ich in unserer ersten Krise die größte Angst. Was konnte ich denn erwarten von diesem jungen Frauchen? Als sie sechzehn Jahre alt war, lernte ich sie oben in Kipsdorf kennen. Und als sie gerade mal siebzehn   Jahre geworden war, da gingen wir schon fest zusammen. Wenige Tage, nach dem sie ihren achtzehnten Geburtstag hatte, heirateten wir schon. Sie war doch noch eine ganz junge, unerfahrene Hausfrau und Mutter und es war wohl für sie, wie eine zweite Lehrzeit. Das alles war mir erst so richtig klargeworden, wenn ich nachts neben ihr lag und wenn mich mein schlechtes Gewissen nicht zur Ruhe kommen ließ. Als sie dann, nach drei Tagen des Stillschweigens endlich wieder zu sprechen begann, waren ihre ersten Worte:                        
        „Mach so etwas nie, nie wieder mit mir. Nie mehr.“
Mir war klar geworden, was diese Worte zu bedeuten hatten und ich glaube, es gelang mir mit ihrer Hilfe, mich ganz gewaltig zu ändern. In den kommen-den Jahrzehnten wurde sie zu meinem wahrhaften Ruhepol und mit ihrer liebevollen, ruhigen Art half sie mir, über viele Höhen und Tiefen in meinem Leben hinweg. Aber unsere Probleme wurden indessen keinesfalls geringer. Die Geldsorgen erdrückten uns und manchmal wussten wir nicht, wovon wir die Kindernahrung und die Milch kaufen sollten. In ganz schlechten Monaten, wie zum Beispiel im März, weil der Februar relativ wenig Arbeitsstunden mit sich brachte und wo mitunter auch die Ausschussquoten besonders hoch waren, da brachte ich gerade mal vierhundertfünfzig Märker nach Hause. Beim Jugendamt hatte ich eine Verminderung der Unterhaltszahlung durch-gesetzt, weil ich ja nun selbst verheiratet und ein eigenes Kind zu versorgen hatte. Die Ratenzahlungen für unsere Möbel mussten ebenfalls pünktlich, jeden Monat überwiesen werden. Da gab es keinerlei Aufschub und von meinen Eltern hatte ich keinerlei Unterstützung zu erwarten und Annis Muttel? Sie verdiente als pflegerische Hilfskraft in diesem Altersheim nicht einmal dreihundert Mark bar auf die Hand. So blieb uns nichts anderes übrig, als dass Anni oben im Pflegeheim Naundorf Aushilfsstunden als Reinigungskraft leistete. Unsere Kleine brachten wir dann bei guten Nachbarsrentnern unter, die sie in dieser Zeit liebevoll betreuten. So hielten wir uns einigermaßen über Wasser. Am Heiligen Abend 1962 schickte ich Anni, nachdem wir gemein-
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sam unseren im Wald geklauten Tannenbaum angeputzt hatten, hinüber zu ihrer Muttel. Ich hatte eine ganz besondere Überraschung langfristig vorbe-reitet. Ohne ihr etwas zu sagen, brachte ich in der vergangenen Pilzsaison Unmengen von Frischpilzen in beide Gaststätten, 'Hotel zur Post' sowie in die 'HO Gaststätte' Schmiedeberg. Obwohl wir das Geld dringend benötigt hätten, so ließ ich es mir keinesfalls auszahlen, sondern in speziell dafür angelegten Notizheftchen ließ ich mir die Gutschriften gegen Unterschrift eintragen. Dann, kurz vor Weihnachten zahlte man mir die für damalige Begriffe, stattliche Summen aus. Im Schmiedeberger Möbelkonsum hatte ich bereits im Frühsommer einen Fernsehapparat bestellt und obwohl ich noch längst nicht auf der Bestellliste dran gewesen wäre, der Filialleiter, Willi Henniger, ein guter Freund meiner Eltern, drückte beide Augen zu und zog mich vor. Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest holte ich unseren vom Pilzgeld gekauften Fernsehapparat Marke ' Berolina' ab und verstaute ihn oben beim alten Dörre Franz, der bei den Pastelbauern ein Zimmer bewohn-te. Eine Antenne hatte ich mich schon besorgt und oben auf dem Spitzboden behelfsmäßig angebracht. Rasch holte ich den Fernsehapparat herunter und schloß ihn an. Das Bild war stark verzerrt und es hatte auch noch sehr viel Schatten. Ich ließ den Apparat laufen und begab mich hinüber zu meiner Schwiegermutter, um die beiden Frauen und unsere Evelyn zu holen. Drau-ßen, vor der Tür verband ich ihnen die Augen mit ihren Kopftüchern und dann führte ich sie herein. Den Fernseher hatte ich zuvor ganz leise eingestellt, sodass sie nichts hören konnten. Dann führte ich sie beide zum Sofa und bat sie, sich hinzusetzen.
            „So und nun könnt ihr euere Tücher wieder abnehmen.“
Diese unbändige Überraschungsfreude kann ich nur schwer beschreiben und schildern. Wir waren in Obernaundorf die dritte Familie, die nun solch ein wertvolles Gerät besaß. Ab und zu waren wir mal am Abend ins Pflegeheim hochgegangen, um einen alten Film ansehen zu können. Anni und ihre Muttel wollten gar nicht begreifen, dass wir nun ein eigenes 'Heimkino' besaßen und vor allem, dieses Gerät war schuldenfrei und völlig ohne Raten erworben hatte. Es war schon zu jener Zeit damals ein besonderer Status für einen DDR Bürger aus dem einfachen Volk, ein Fernsehgerät zu besitzen. Schließ-lich zeigte ich ihnen meine entwerteten Gutschrifthefte von den beiden Gaststätten. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich oben, auf dem Spitzboden die Antenne so eingerichtet hatte, bis wir ein einigermaßen gutes Bild empfangen konnten. Natürlich in 'Schwarz - weiß' und nur ein einziges Programm, aber wir konnten 'Fernsehen'. Dass wir Lorbers einen Fernseher hatten, wurde ganz schnell zum Dorfgespräch und von nun an war bei uns an den Abenden meistens Hochbetrieb. Gute Freunde und Nachbarn luden sich mitunter selbst ein zum ' kollektiven Fernsehabend.' 
 
 
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Unsere Tempergießerei hatte einen Patenschaftsvertrag mit dem VEB Gießereianlagenbau Torgelow und die Betriebsgewerkschaftsleitung organi-sierte einen Erfahrungsaustausch. Drei Kollegen aus unserer Brigade - weil wir die Besten im Sozialistischem Wettbewerb waren - durften mit hinauf nach Mecklenburg fahren, um daran teilzunehmen und da ich der Kulturob-mann unserer Brigade war, fiel die Wahl unter anderem auch auf mich. Aus der eisernen Reserve unserer Familienkasse durfte ich mir einhundert Mark mit auf die Reise nehmen und ich versprach Anni, das Geld durch Ein-schränkungen beim Rauchen baldigst wieder aufzusparen. Wir fuhren mit zwei PKW s hinauf. Es war schon sehr interessant, einmal einen anderen Gießereibetrieb kennen zu lernen. Wir besuchten einige Brigaden und stellten fest, dass sie ähnliche Probleme, wie wir hatten. Materialmangel überall und vor allem schlechter Koks aus Polen. Er war viel zu schwefel-haltig und er beeinflusste die Gussqualität im negativen Sinne. Westdeutsch-land hatte uns aus unbekannten Gründen die Lieferungen des Steinkohlen-kokses sehr stark reduziert. Unsere Ingenieure und Technologen versuchten Braunkohlenkoks einzusetzen. Jedoch scheiterten diese Versuche immer wieder daran, weil die notwendige Schmelztemperatur nicht erreicht werden konnte. Schlechte Qualität und Ausfallstunden drückten in dieser Zeit un-wahrscheinlich auf unser persönliches Lohngefüge. Die Torgelower Schmel-zer hatten einen Ausweg aus dieser Misere gefunden. Mit einem gut durchdachten Verbesserungsvorschlag entwickelten sie ein Gebläse, wo-durch mit Hilfe einer ständigen Sauerstoffzufuhr die notwendige Temperatur hochgetrieben wurde und die Qualität des Tempergusses war gesichert. Ein relativ einfaches Verfahren, nur ... darauf kommen musste man eben. Diese Verbesserung, die wir später auch bei uns einführten und anwendeten, brachte uns nicht nur hohe Einsparungsprämien, sondern auch unser Lohn begann wieder anzusteigen. Wir konnten durch diese Maßnahme weitgehend auf Importkoks aus der BRD verzichten. Als Abschluss dieses Erfahrungs-austausches war noch eine langweilige Konferenz vorgesehen. Ich sprach mit meinem BGL Vorsitzenden und mit Kurt, dass sie mich von dieser Kon-ferenz entbinden sollten, mit der Begründung, ich wollte noch kurz ein paar gute Freunde aus meiner Armeezeit besuchen. Meiner Bitte wurde ent-sprochen und in drei Stunden musste ich wieder zurück sein, weil wir noch am gleichem Abend zurückfahren wollten. Also machte ich mich auf die Socken und stiefelte los. Ich hatte, ohne schlechte Absichten zu haben, den Wunsch, in der Bäckerei wieder einmal Mohnzöpfe einzukaufen und natürlich war ich neugierig darauf, wie es Ilona und ihren Eltern ging. Ich schlenderte durch die Straßen Torgelows und die Erlebnisse von damals drangen wieder in mich ein, so, als ob es erst gestern gewesen wäre. Dort, die Straße hinüber nach Drögeheide, zum 'Grab meiner Jugend'. Sie war nun viel breiter angelegt worden und eine starke Asphaltschicht bedeckte sie, wahrscheinlich wegen der schweren Militärtechnik. Und hier das Filmtheater und das Kul-turhaus, wo ich mit meinen Kameraden immer zum Schmofen hingegangen
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war. Es ist doch eigenartig bei solchen Erinnerungen. Die schlechten Erleb-nisse werden oftmals in den Hintergrund verdrängt, während die Guten mehr im Gedächtnis haften bleiben. Und dann, plötzlich stand ich vor 'meiner Bäckerei'. Kurzentschlossen öffnete ich die Tür und begab mich hinein. Die Ladenklingel schrillte immer noch so grell, wie damals und nach einer kurzen Dauer kam ein kleines, dickes Mopselchen mit einem Konditorhäubchen auf dem Kopf und mit einer weißen, bestickten Schürze aus der Backstube nach vorn.
          „Sie wünschen bitte?“, fragte sie, ohne mich weiter zu beachten. Ein klein wenig hatte es mir schon die Sprache verschlagen. War sie es wirklich? Sie hatte sich zu einem kleinen Pfannkuchen entwickelt.
           „Zwei Mohnzöpfe hätte ich gern, so wie immer.“
Das Pfannküchlein zuckte jäh zusammen. Sie blickte hoch und starrte mich an, als ob ihr der Heilige Geist persönlich erschienen wäre.
           „Der Franz ist da ... Ja, bist du's denn wirklich?“
Fassungslos stand sie hinter dem Ladentisch und ihre Arme sanken nach unten. Dann, als sie ihren ersten Schock überwunden hatte, rief sie laut nach hinten:
            „Muttel. Komm doch mal schnell nach vorn. Schau mal, wer hier ist.“
Ihre Mutter kam nach vorn geeilt und war nun ebenso erschrocken, wie auch erfreut.
             „Na so etwas. Das ist doch der Franz. Wo kommen sie denn her? Dass wir sie noch einmal zu sehen bekommen?“ Ilona hängte rasch ein Schild draußen vor die Tür:
             „Vorübergehend geschlossen.“
Dann zogen sie mich nach hinten. Drinnen plärrte ein kleiner Säugling in der Wiege und ein etwa zweijähriger Bub saß mitten in der Stube auf dem Fußboden und spielte mit seinem Holzauto.
         „Das sind meine zwei Kleinen.“, sagte sie stolz und sie sah mich an dabei. Ein Ehering an ihrer rechten Hand verriet mir, dass auch sie sich in festen Händen befand und verheiratet war. Sie bemerkte, wie sehr ich sie soeben gemustert hatte.
           „Der Meinige ist Feldwebel drüben in Eggesin. Er kommt fast jeden Abend nach Dienstschluss nach Hause.“
Ihre Muttel kochte rasch einen Kaffee und stellte etwas Gebäck auf den Tisch.
            „Und wo ist ihr Mann, wenn ich fragen darf?“
Sie winkte ab und mit Tränen in den Augen berichtete sie mir, dass ihr Gatte im vorigen Jahr einem Krebsleiden erlegen war. Ilona ergänzte sie:
             „Wir mussten uns einen Gesellen nehmen, sonst hätten wir das Geschäft schließen müssen. Im nächstem Jahr übernimmt mein Mann das Geschäft, wenn er entlassen wird. Er ist Koch von Beruf ...“ Sie ließ mich kaum zu Wort kommen und plapperte in einem fort, genau noch so, wie ehemals.
             „Nu lass doch den Franz auch mal zu Wort kommen. Wie geht es
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ihnen?“, wurde sie von ihrer Mutter unterbrochen. Ich erzählte ihnen von meiner kleinen Familie, sowie von meiner Arbeit und die Zeit verging, wie im Fluge.             
             „So, nun muss ich mich aber sputen, damit ich nicht zu spät komme.“
Ich drückte ihre Muttel noch einmal ganz herzlich und Ilona umarmte mich. Ganz feuchte Augen hatte sie bekommen.         
            „Es hat eben nicht sollen sein, mit uns beiden, damals ...“
Ich konnte nicht anders und drückte ihr einen langen Kuss auf ihre immer noch so roten und vollen Lippen.
               „Lebt wohl, ihr Beiden und viel, viel Glück!“
Dann eilte ich davon. Meine zwei Mohnzöpfe hatte ich vergessen und liegen gelassen. Als wir wieder heimwärts fuhren, schaute ich wohl etwas verträumt aus dem Fenster unseres PKW.
                „Bist doch plötzlich so ruhig geworden, mit einem Mal.“, fragte mich Kurt Glatzer und sah mich prüfend von der Seite an.
                 „Ach, naja. Die alten Armeezeiten sind wieder in mir hochge-kommen. Drei Jahre kann man nicht so einfach wegwischen. Da kommt man schon wieder ein bissel ins Grübeln.“
Versonnen blickte ich hinaus auf die Mecklenburger Landschaft und ließ sie an mir vorüberziehen. 'Torgelow adieu - wir werden uns wohl nie wieder sehen' lächelte ich in mich hinein: 'Es ist tausendmal besser, ein guter Guss-schmelzer zu sein, als ein schlechter Bäckergeselle ...' Froh war ich, dass es nun wieder heimwärts ging. Als ich einige Tage später am Kupolofen stand, als Ersatzabstecher, da kam über die Meisterstube von der Par-teileitung ein Anruf für mich. Ich sollte sofort, ohne Aufschub oben im Parteibüro erscheinen. Kurt, mein Brigadeleiter löste mich ab. Als ich in das Zimmer der Parteileitung eintrat, da saßen dort drinnen zwei mir völlig unbekannte Personen.
         „Setz dich.“ Forderte mich Horst Dietrich, unser Parteisekretär auf. Ohne große Vorrede kam er zur Sache.
         „Die zwei Genossen sind von der Kreisleitung. Sie wollen mit dir ein Kadergespräch führen“
Die Beiden stellten sich kurz vor. Dann begann der eine ohne Umschweife:
         „Wir möchten, dass du bei uns Mitarbeiter für Kulturarbeit wirst ...“
         „Wieso kommt ihr gerade auf mich?“, unterbrach ich ihn.
          „Du bist der richtige Mann für uns. Du bist ein guter Kulturobmann                                                                                    in einer der besten Brigaden unserer Industriebetriebe und du bist im Zirkel Schreibender Arbeiter tätig. Deine Beiträge und Gedichte in der Sächsischen Zeitung haben wir immer sehr aufmerksam gelesen. Wir brauchen einen guten und jungen Genossen, der unsere Brigaden in den Betrieben führen kann. Du weißt doch: Sozialistisch arbeiten, lernen und leben“.         „Ich muss mir das alles gründlich überlegen und mit meiner Frau besprechen. Das kommt so völlig überraschend für mich. Lasst mir ein paar Tage Zeit für meine
Entscheidung.“
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Bereits zwei Tage später hatte ich mich entschieden und ich war überzeugt, dass ich das Richtige tun würde. Ich sagte zu und am dreizehnten Oktober 1962 wurde ich, so nannten sie sich in ihrer parteilichen Überheblichkeit, ein 'Berufsrevolutionär'. Einen geregelten Feierabend gab es nun nur noch selten. Am 1. März 1963 wurde Anni im Pflegeheim fest eingestellt, als Stationshilfe. Vier Wochen hielt sie tapfer durch, dann konnte sie nicht mehr. Das Leid und Elend, mit welchem sie nun täglich konfrontiert wurde, quälte ihre Seele so sehr, dass sie nachts nicht mehr durchschlafen konnte. Ich bekam echte Angst um sie und bat die Heimleiterin um ein Gespräch. Anni wurde in das Küchenbereich umgesetzt und sie war in eine sehr gute Truppe hinein geraten. Die leitende Köchin war eine gewisse Melanie Pöpperl, eine etwas altmodisch wirkende Landfrau, die immer mit ihrer Nase schnupfte, als würde sie an einer Erkältung leiden. Elfriede Hesse, die zweite Köchin wurde bald darauf die beste Freundin meiner Frau. In den letzten vier Wochen dort oben auf Station, hatte Anni das Lachen nahezu verlernt. Nun kam es wieder und sie freute sich jeden Tag auf's neue, wenn sie zur Arbeit ging. Sie war wöchentlich dreißig Stunden tätig und obwohl auch ihr Verdienst sehr gering war, so spürten wir doch eine deutliche Verbesserung in unserer Haushalts-kasse. Unser kleiner Schreihals hatte sich inzwischen zu einem richtig quir-ligen Zwerg entwickelt. Unten, im Dorf wohnte die kleine Isolde Liebschner. Beide waren nur wenige Tage auseinander geboren worden und von klein auf waren diese Beiden unzertrennliche Freundinnen. Diese Kleine, mit ihrem viel zu breitem Mund und den abstehenden Ohren kam fast täglich hoch zu uns und die Mädchen spielten ständig zusammen. Isolde war die Kessere von beiden und noch um einen Zahn aufgeweckter als die Unsrige. Dieser kleine Lockenkopf entwickelte sich zu einem wahren Quecksilberchen. Einmal wollten sie uns eine besonders große Freude bereiten. Wir hatten Dielenböden in unseren Wohnräumen und Isolde kam auf den 'klugen' Gedanken, bei uns zu bohnern, damit alles schön blank aussehen sollte. Sicherlich wollten sie uns mit ihrem besonderen Fleiß überraschen. Leider konnten diese beiden emsigen Zwerge den Bohnerwachs nicht von der Schuhcreme unterscheiden und so schmierten sie einen Teil unseres Wohn-zimmerfußbodens mit brauner Schuhcreme ein. Meine Schwiegermutter lachte herzlich, als sie die Bescherung sah, Anni heulte aus Verzweiflung und ich fluchte wie ein Rohrspatz und dann machten wir Drei uns an's Werk und schruppten den Fußboden wieder blank und sauber. Ich erinnere mich, wie ich die kleine Isolde eines Sonntags voller Zorn und Abscheu - Anni hatte oben im Heim Küchendienst - aus unserer Wohnung hinauswarf. Beide spielten im Wohnzimmer mit Evelyns Puppenstube. Wir hatten uns erst vor kurzem einen schön gemusterten, roten Teppich zugelegt. Als ich in's Wohnzimmer hineinkam, strömte mir ein äußerst widerlicher Gestank entgegen. Isolde, dieses kleine Ferkelchen, hatte in ihrem Spieleifer zwar ihre Höschen heruntergezogen, aber voll auf den Teppich gekackt.
          „Nun hau bloß ab. Du alte Saubutte und komme ja nicht wieder!“, zank- 
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zankte ich mit ihr und warf sie hinaus.
Ach, wie die Kleine heulen konnte und unsere Evi heulte laut mit, weil sie mit ihrer Freundin nicht mehr spielen durfte. Laut schreiend lief Isolde die Dorf-straße hinunter und ich durfte nun total genervt, den versauten, schmutzigen Teppich wieder säubern. Alle Fenstern riss ich auf und ich wusch und schruppte und dann hängte ich den Teppich hinaus auf die Teppichstange und ließ ihn in der Sonne trocknen. Noch am gleichen Nachmittag klingelte es an der Tür. Das kleine Scheißerle Isolde strahlte mich an.
         „Darf ich jetzt wieder herein kommen, zur Evi? Ich bin auch wieder ganz, ganz sauber und ich mache es auch nicht wieder.“
Sie himmelte mich derart bittend an, dass ich einfach platt war und natürlich nicht nein sagen konnte. Ich hatte begonnen, mir mit Genehmigung unser-es Bauern, Herrn Pastel eine Kaninchenzucht anzulegen. Ich baute und werkelte, bis ein schöner, großer Kaninchenstall mit zwölf Boxen fertig war. Mein Vater hatte mir aus seiner Zucht zwei trächtige Häsinnen geschenkt und von den Naundorfer Bauern der umliegenden Gehöfte erhandelte ich mir weitere Tiere, so dass die zwölf Boxen bald nicht mehr ausreichten und ich gezwungen war, einen weiteren Großstall anzubauen. Allerdings sehr zum Verdruss unseres Pastelbauern, der nun neidisch und zugleich misstrauisch geworden war. Er dachte wohl, ich würde ihm aus der Scheune sein Heu und Getreide stibitzen. Er hatte mir gegen ein geringes Mietgeld im Hinterhof einen Schauer überlassen, wo ich mein Heu und Stroh einlagern durfte. Sämtliche Parkwiesen konnte ich bewirtschaften, die oben dem Heim gehörten, und es war schon eine äußerst anstrengende und aufwendige Schinderei, die Wiesen per Hand mit der Sense zu mähen und zu Heu wer-den zu lassen. Am meisten ärgerte sich unser Bauer, als er erfuhr, dass ich viele meiner schlachtreifen Kaninchen an die Bäuerliche Handelsgenossen- schaft für gutes Geld verkaufte. Völlig unbegründet wollte er mir dieses kleine Stückchen Land, wo meine Ställe erbaut worden waren kündigen, wegen angeblicher Eigennutzung. Es ist wohl eine Eigenart vieler Bauersleute, et-was missgünstig auf andere Mitmenschen zu schauen. Dieser Streit endete schließlich vor Gericht, weil er nicht beweisen konnte, dass er diesen kleinen Platz auf seinem großem Hofe wirklich benötigte. Seit dieser Zeit war kein gutes Einvernehmen mehr möglich. Meine Fernsehantenne war ständig in eine andere Richtung verdreht. Pastels hatten zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Gerät und es war wohl der blanke Neid, der ihn zu solch einen Unsinn veranlasste.   Das   Waschhaus wurde neuerdings abgeschlossen und wir mussten den Waschhausschlüssel, oben in ihrer Wohnung förmlich erbetteln. Jeden Tag erdachten sich die Bauersleute neue Repressalien ge-gen uns aus.
Anni und ich, wir wollten unbedingt noch ein zweites Kind. Evi war ja inzwischen schon fünf Jahre alt. Nach einigem Probieren wurde Anni wieder schwanger und am vierzehnten Dezember 1964 wurde unser kleines Söhn-
chen Udo geboren. Ich nannte ihn immer Nikita, weil er total haarlos war. Ein
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wunderbar, drolliges Kerlchen hatten wir uns da zusammengebastelt. Evi war ganz stolz auf unseren Kleinen. Doch dann, als er gerade mal acht Wo-chen alt war, da bekam er eines Nachts einen ganz schlimmen Erstickungs-anfall. Ganz blau war er im Gesicht angelaufen. Unser Hausarzt, Doktor Seifert, der auch gleich kam, klingelte oben die Heimleitung heraus und unser Udo wurde telephonisch dringlichst ins Dresdner Krankenhaus Johannstadt eingewiesen. Als der Krankentransportwagen mit ihm davon fuhr, standen wir fassungslos draußen im Hof und das Martinshorn schallte so grausam durch die Dunkelheit. An einen Schlaf war in dieser Nacht natürlich nicht mehr zu denken und als wir am nächstem Tage unseren Kleinen besuchten, da lag er in seinem Bettchen hinter einer Glasschei-benwand und an seinem Mund war eine Sauerstoffmaske angeschlossen. Er wurde künstlich ernährt und bekam Infusionen. Der Stationsarzt wollte oder konnte uns noch keine exakte Auskunft geben.
         „Kommen sie morgen wieder, da wissen wir ganz bestimmt genaueres. Ihr Kleiner muss erst ordentlich untersucht werden. Aber sie müssen mit al-lem rechnen. Es besteht Lebensgefahr. Sie sehen ja, dass wir ihn an eine Sauerstoffmaske anschließen mussten.“
Grausam war es für uns, zusehen zu müssen, wie unser kleiner Sohnemann so leiden musste und vielleicht sogar dem Tode geweiht war. Am nächsten Tage teilte man uns mit, dass ein Luftröhrenschnitt mit Einsatz einer Kanü-le unumgänglich und lebensnotwendig sei. Unser kleiner Bub hatte eine gutartige Fistel in der Luftröhre und immer, wenn er Luft holte, zog es sie an der erkrankten Stelle zusammen, weil dort die Wand zu dünn und entzündet war. Schweren Herzens gaben wir unsere Einwilligung für diese komplizierte Operation, aber es war die einzige Chance, unseren Kleinen eines Tages wieder gesund werden zu lassen.
Das Leben zu Hause musste ja irgend wie weitergehen und im darauf folgenden Juli fuhren wir nach sechs Ehejahren das erste Mal mit unserem Töchterchen in den Urlaub nach Kühlungsborn, am großem Haff. In einem Bauernhof, in welchem einige Zimmer für die Urlaubsgäste eingerichtet waren, bezogen wir Quartier. Das Klo, welches draußen im Hof in einem Holzhäuschen primitiv ausgebaut worden war, erinnerte mich sehr an meine Kindheit, damals in Wüstenbilow. Direkt neben uns stand eine große, alte Windmühle. Anni und Evelyn sahen das erste Mal in ihrem Leben ein Stück des großen, weiten Meeres. Das große Haff ist eigentlich nur eine abgeschnürte Meeresbucht der Ostsee. Dieser Urlaub hatte uns außer-ordentlich gut getan. Finanziert hatte ich ihn durch die Veröffentlichung meiner Gedichtsserie „Sonettenkranz“. Diese Serie, die ich über das Leiden des vietnamesischen Volkes durch die USA Barbarei geschrieben und in der Sächsischen Zeitung veröffentlicht hatte, brachte mir doch ein reichliches Honorar ein. Hier begann eigentlich meine literarische schöpferischste und auch glücklichste Zeit im Zirkel Schreibender Arbeiter.
 
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         Unser Bub erlebte seinen ersten Geburtstag dort drinnen im Johann-städter Krankenhaus. Ein Jahr war nun schon vergangen, seit er damals mit akuter Lebensgefahr eingewiesen worden war und wenn wir ihn besuchten, war er zwar lustig und er lachte uns an, aber seine Bezugsperson war eine der Krankenschwestern, die ihn ständig umsorgte, als ob er ihr eigener Sohn gewesen wäre. Wenn wir ihn zu uns auf den Arm nahmen und diese Schwester kam vorbei, dann wurde er zappelig und unruhig, streckte seine kleinen Händchen nach ihr aus und er wollte unbedingt zu ihr. Er betrachtete sie wohl als seine Mutter. Wir waren für ihn zu fremden und ungewohnten Personen geworden. Das tat uns und besonders Anni sehr weh, weil er sich so von uns entwöhnt und innerlich entfernt hatte. Diese Krankenschwester war so sehr vernarrt in ihm, so dass sie uns sogar in einem Gespräch darum bat, ihn zur Adoption freizugeben. Da sie selbst keine Kinder hatte, wollte sie ihn als ihr eigenes annehmen. Welch eine Zumutung für die leiblichen El-tern! Als wir unseren kleinen Nikita dann endlich nach so langer Zeit wieder zu uns nach Hause nehmen durften, da war es schon für unseren Kleinen doppelt schwierig, mit dieser neuen Situation fertig zu werden und sich einzu-gewöhnen. Die ersten Tage und Nächte war er sehr unruhig und er schrie ununterbrochen. Ihm fehlte wohl das vertraute Gesicht und die Stimme seiner 'Pflegemutter'. Nach einigen Tagen jedoch wurde er immer ruhiger und zutraulicher und schließlich fühlte er sich pudelwohl in seiner richtigen Fa-milie. Es war auch gut und wertvoll, dass er schon so ein großes Schwes-terchen hatte. Wir banden ihm immer ein Halstuch um, weil er ja nun ein Kanülenträger war und immer etwas schleimte. Superglücklich waren wir nun, weil unsere Familie wieder komplett und vereint war. Jährlich mussten wir zweimal zur ärztlichen Kontrolle nach Dresden und der Heilungsprozess machte gute Fortschritte.
Unsere Große ging nun schon zur Schule und Manfred, mein mittlerer Bru-der hatte sich für fünfundzwanzig Jahre verpflichtet, bei der Nationalen Volks-armee zu dienen. Seinen schönen Beruf als Heizungsinstallateur hatte er für seine Karriere als Berufssoldat aufgegeben. In dieser Zeit waren wir beiden Brüder besonders eng verbunden. Claus Dieter, der Kleinere, war ein Einzelgänger und Eigenbrötler. Er hatte keine all zu große Bindung zu meiner Familie und suchte sie auch nicht. Das mag wohl daran gelegen haben, weil ich schon Vierzehn war, als er geboren wurde. So hatten wir kaum eigene Kindheitserlebnisse. Wenn Manfred auf Urlaub kam, dann verbrachte er die ersten Tage immer bei uns und als er wieder einmal zu Besuch war, fragte er unsere Evi, wie es denn in der Schule sei und ob die Lehrer auch schön folgen würden.
„Nun zeige mir doch mal, was du schon in der Schule gelernt hast.“ Stolz holte sie ihre Schulhefte hervor und zeigte sie ihm. Plötzlich fing er zu prus-
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ten an und konnte sich vor Lachen kaum noch beherrschen.
         „Hört mal alle her, was euere Kleine da geschrieben hat.“
Wir setzten uns alle zu ihm und hörten zu:
         „In einem kleinen Höschen, da wohnt ein kleines Möschen...“ Er musste den Satz einige Male unterbrechen, weil er ihn vor Lachen nicht in einem Zuge vorlesen konnte. Zunächst wollte ich nicht so richtig glauben, was in ihrem Heftchen darinnen stand. Die Kinder sollten wohl den Satz ihrer Lehrerin, den sie ihnen diktierte, in ihren Heften niederschreiben und es sollte wohl heißen:
         „In einem kleinen Häuschen, da wohnt ein kleines Mäuschen...“ Unsere Große hatte das „Eu“ mit einem „Ö“ verwechselt und so kam dieser spaßige Satz zustande. Weder ihrer Lehrerin, noch uns Eltern war diese Buchsta-benverwechslung bei der Heftkontrolle aufgefallen. Das war natürlich eine der unvergesslichsten Stilblüten, die nur ein naives Kindchen hervorbringen konnte. Das Heft verwahrten wir gut und ich glaube, es ist heute noch im Besitz unserer Tochter, die nun selbst schon dreifache Großmutter geworden ist. Als ich wieder einmal, wie jeden Tag, oben in den Parkwiesen Gras für meine Kaninchenzucht mähte - Evi half mir immer beim Zusammenrechen des Grases, ich hatte ihr speziell für diese Arbeit einen kleinen Kinderrechen gekauft - da fragte sie mich aus heiterem Himmel:
         „Du Pappi, Wie kommen eigentlich die kleinen Kinder zustande?“
Zunächst war ich um eine Antwort verlegen. Wie sollte ich es diesem kleinen Würmchen so erklären, dass sie es auch verstehen konnte? Diese Märchen vom Klapperstorch waren doch schon längst nicht mehr glaubwürdig und aktuell. Die Kinder in der Schule wussten doch längst schon, wie das alles vor sich ging. Ich nahm also meine Kleine und wir setzten uns ins Gras und ich zupfte zwei Grashalme aus der Wiese
         „Sieh mal. Das ist ein Hühnchen und das hier ein Hähnchen ...“
Wenn man die ausgereiften Grasähren mit den Fingern nach oben abstrich, dann bildete sich entweder ein kleine, lange Grasgarbe, oder ein kürzeres, dickeres Grasbüschel. Beide hielt ich nun zwischen meinen Fingern und dann versuchte ich es ihr zu erklären:
         „Siehst du, wenn diese zwei Gräser zusammen kommen, dann wächst ein neuer Grashalm aus der Erde“
Evi guckte mit großen Augen auf meine Hände und schüttelte ihr kleines Köpfchen.
„Das versteh' ich nicht.“
         „Ach komm, ich erkläre es dir später.“, antwortete ich ihr. Sichtlich froh war ich, dieses Thema beenden zu können. Vielleicht war Anni und meine Schwiegermutter dazu besser imstande, als ich. Wir rechten das Gras zusammen, stopften es in einen großen Korb und ich hockte ihn mir auf. Dann begaben wir uns zu den Kaninchenställen. Ich hatte sowieso die Absicht, noch eine Häsin zuzulassen. Also steckte ich meine rheinische
Schecke zum Rammler hinein.
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         „So nun pass' auf. Jetzt haben die beiden sich gern und machen Ring-kampf und in ein paar Wochen haben wir ganz kleine, junge Häschen. Wenn sie nackt in ihrem Nest liegen, werde ich sie dir zeigen.“
Evi nickte altklug mit ihrem Köpfchen, so als hätte sie nun alles verstanden.
         „Habt ihr auch Ringkampf gemacht, als ich geboren wurde?“
         „Nun ist's aber genug mit deiner Fragerei. Kümmere dich lieber um deine Spielsachen und Schulaufgaben!“, antwortete ich etwas genervt. Doch bereits am nächstem Tage kam sie mit Isolde, ihrer Freundin zu mir und bat mich.
         „Papi, zeigst du der Isolde auch mal, wie kleine Haseln gemacht werden?“
Das ging natürlich nicht, weil die anderen Häsinnen schon Junge hatten, oder bereits trächtig waren und außerdem wollte ich nicht für fremde Kinder den Aufklärer spielen. Ach, unsere kleine Priembacke, wie sie oft genannt wurde, sie war manchmal auch eine echte Heulsuse. In der Schule begriff sie manches nicht so leicht, wie vielleicht die anderen Schulkinder und besonders das Rechnen fiel ihr etwas schwerer. Auch ihre Hausaufgaben vergaß sie öfters mal. Desto größer war natürlich ihr Spieltrieb. Vielleicht hätten wir sie ein Jahr später einschulen sollen. Es konnte aber auch an uns gelegen haben, weil wir sie zu wenig unterstützten und kontrollierten. Eines Tages fand ich in ihrem Schulranzen einen Brief ihrer Klassenleiterin. Ich wurde ermahnt und aufgefordert, besser meiner Kontroll - und Unterschriftspflicht nachzukommen. Evi hatte in ihrem Klassenheft einen Eintrag erhalten, aus welchem Grund, weiß ich heute nicht mehr.
         „Komm, zeige mir doch mal dein Klassenheft. Du hast doch einen Ein-trag erhalten?“
         „Ich weiß nicht, wo ich es hingelegt habe. Vielleicht habe ich's in der Schule liegen gelassen.“
Ich jedoch kannte meine Kleine. Wenn es darauf ankam, war sie ganz schön gerissen. Ich konnte mir schon denken, dass sie es irgendwo verkramt hatte. Nachdem sie immer noch leugnete und schwindelte, bekam sie ein paar kräftige Backpfeifen von mir. ( Ja, ja ich weiß. Das hat mit Pädagogik nichts zu tun und ich gebe zu, dass meine Erziehungsmethoden nicht immer die besten waren.) Heute würde ich vieles anders machen. Heulend rannte sie hinaus auf den Hof und sie kam nicht wieder, obwohl ich sie mehrmals gerufen hatte. Also macht ich mich auf die Suche nach ihr. Inzwischen tat es mir ja auch leid, dass ich so grob zu ihr gewesen war. Drüben, in der Scheune hörte ich sie schluchzen und wimmern.
         „Was machst du denn hier, im Dunklen?“, fragte ich, als ich sie gefun-den hatte. Sie saß zusammengekauert im Heu und hatte eine Rolle Nähgarn in ihren kleinen Händen.
         „Ich wollte mich aufhängen, wegen meines Eintrages.“
Erschrocken sah ich sie an.
         „Na komm schon, meine Kleine. Es ist ja wieder gut. Jetzt zeigst du mir
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deinen Eintrag, damit ich ihn unterschreiben kann.“
         „Und du haust mich auch nicht wieder?“, fragte sie mich, immer noch schluchzend.
         „Ach wo. Nur, schwindeln darfst du auch nicht wieder. Es ist etwas ganz Schlimmes, wenn die Kinder ihre Eltern belügen. Versprichst du es mir?“
Ich nahm meine Kleine bei der Hand und sie atmete tief und erleichtert auf. Ein kleines Kieselsteinchen war wohl von ihrem Herzel heruntergepurzelt. Wir gingen hinein und sie kramte unter ihrem Kinderbett aus der Spielkiste das Klassenheft hervor. Ach, ich könnte so viele Geschichten über unsere Kin-der erzählen. Gar nicht aufhören möchte ich beim Zurückerinnern. Wir hatten unserer Großen ein Rotkäppchenkostüm für den Kinderfasching gekauft oder anfertigen lassen und als die Faschingszeit vorüber war, hatte Anni das Kostümchen wieder in den Schrank verfrachtet. Viel später, es war an einem Sommersonntag und wir saßen draußen, an der Hofeinfahrt auf unserer Gartenbank und sonnten uns ein bisschen. Bartke Omi, die bei uns stand, guckte die Dorfstraße hinunter und sagte:
         „Nee, wie manche Leute ihre Kinder 'rumlaufen lassen. Guckt doch mal, die Kleene dort unten, wie die aussieht.“
Wir standen auf und schauten auf die Dorfstraße hinunter.
„Das ist - das ist doch unsere Evi.“ Fing Anni laut an zu lachen. Das kleine Luderchen hatte so lange gesucht, bis sie ihr Rotkäppchenkostüm gefunden hatte und dann hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als hinunter zu ihrer Freundin Isolde zu laufen, um ihre kleine Modenschau vorzuführen. Und Isolde? Sie machte natürlich unserer Evi dementsprechende Konkurrenz und wollte noch schöner und eleganter aussehen. Das war wohl die angeborene Eitelkeit dieser kleinen ' Möchte gern Damen'. Kurze Zeit später kam sie zu uns hoch. Mein Gott, hatte dieses Mädel sich angescheuselt. Ein paar viel zu große Absatzschuhe von Irene, ihrer Schwester, mit denen sie ständig umzukippen drohte, sowie viel zu weite Seidenstrümpfe, die an ihren dünnen Storchenbeinchen so einzigartig faltenreich herunterhingen, hatte sie überge-streift und ein alter, hässlicher Strohhut, wahrscheinlich das alte, gute Stück ihrer Großmutter, thronte auf ihrem Köpfchen. Diese zwei Ausbunde hatten sich in der Tat gesucht und gefunden. Empört, ja sogar fast beleidigt fragte uns Isolde:
 „Warum lacht ihr mich denn aus? Gefalle ich euch etwa nicht?“
Als unser Kleiner etwa drei Jahre alt war, erhielten wir auf Grund eines Antrages einen Kindergartenplatz für ihn. In dieser Kindergemeinschaft fühlte er sich pudelwohl und er blühte sichtlich auf. Anni, die nach einer Unter-brechung wegen unseres Sohnes nun wieder im Küchenbereich des Pflege-heimes tätig war, hatte zu Hause einen festen Kundenkreis. Ihren Grund-beruf als Friseuse wollte sie 'privat', als sogenannte 'Schwarzarbeit' noch ein bisschen nebenbei ausüben und es war zugleich ein schönes Zubrot für unsere Haushaltskasse und auch für ihre eigenen Bedürfnisse eine wohltuen-
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de Zutat. Auch unser Kleiner hatte scheinbar großes Interesse am Haar-schneiden gefunden. Er nahm eines Tages klammheimlich die Haarschnei-deschere an sich, versteckte sie in seiner kleinen Umhängtasche und tat sich im Kindergarten wichtig damit: 
„Meine Mutti ist nämlich Friseuse und ich bringe es auch schon sehr gut und wenn ich groß bin, dann will ich auch eine Friseuse werden, wie meine Mutti.“
Wahrscheinlich beschäftigten sich die Kindergärtnerinnen an diesem Tag zu sehr mit sich selbst, oder sie tranken nebenan gerade Kaffee. Jeden-falls blieben die Kleinen längere Zeit unbeaufsichtigt und unser kleiner Auf - und Haarschneider schnitt in dieser Zeit mehreren Mädchen ihre schönen, langen Zöpfe ab. Ein Sturm der Entrüstung breitete sich über uns aus und die mit Recht verärgerten Eltern kamen nun zu uns hoch, um sich zu beschwe-ren. Ja, was sollte ich dazu wohl sagen? Noch mehr wütend wurden sie, als ich mein Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Ich fand es einfach be-lustigend, was unser Kleiner da angerichtet hatte, denn bei diesem Streich fielen mir meine eigenen Schandtaten wieder ein, die auch ich als Lause-junge einst verzapft hatte. Schuld war nicht unser Udo, sondern eindeutig das Aufsichtspersonal. Trotzdem schlossen wir die Friseurutensilien so sicher weg, damit er nicht mehr in der Lage war, sich daran zu vergreifen. Böse konnte ich unserem Nikita nicht sein. Im Gegenteil. Es löste bei allen, denen ich davon erzählte, große Belustigung aus. In einem konnte ich allerdings recht grob mit ihm werden. Er hatte die seltene Gabe, all seine kleinen Missetaten so abzuleugnen, dass ich oftmals darauf hereinfiel, ihm Glauben zu schenken. Er konnte so treuherzig gucken und außerdem so ausgekocht schwindeln, dass ich immer wieder auf ihn hereinfiel und wegen diesem Schlingel strafte ich mitunter Evi ab, obwohl sie doch vollkommen unschuldig war und dafür bitte ich sie heute noch nachträglich um Verzeihung. Dass ich manches Mal die Geduld verlor und meine Kinder versohlte, mag viel daran gelegen haben, weil wir weder ein Kinderzimmer, noch einen Raum hatten, wo sie spielen und sich austoben konnten. Alles spielte sich auf engstem Raume ab und so war es nicht verwunderlich, dass mir mitunter die Nerven durchgingen und mir die Hand ausrutschte. Dann endlich, im Dezember 197o erhielten wir nach dreijähriger Wartezeit, eine Wohnungszuweisung in die Naundorfer Siedlung Nr. 13, wo wir heute noch wohnen. Eine für damalige Begriffe wunderschöne Wohnung mit Bad und Wassertoilette und vor allem mit einem Kinderzimmer. Oben, in Naundorf hatten wir beides nicht. Wir fühlten uns wie neugeboren, so, als wäre Ostern und Weihnachten für uns auf einen Tag gefallen. Obwohl ich mit meiner Schilderung nun schon im Jahre 197o gelandet bin, so möchte ich doch noch Rückschau halten über die Zeit, wo ich als Kulturinstrukteur der SED Kreisleitung Dippoldiswalde tätig war. Ich sage es ehrlich und unverhohlen, diese neue und durchaus interessante Tätigkeit hatte mir in den ersten Jahren große Freude bereitetet. Ich kam un-
wahrscheinlich viel mit Menschen aus den Brigaden und Arbeitsgemein-
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schaften zusammen und ich war überwiegend damit beschäftigt, ihnen Hilfestellung bei ihrer Kollektiv - und Brigadearbeit zu geben. Sicherlich werden mich viele, die nun mein Buch lesen, belächeln oder gar beschimpfen. Wir hatten eben damals andere Ziele und Lebensinhalte, als die Gesellschaft von heute. Jeder Mensch hatte Arbeit und keiner wusste auch nur annähernd, wie das Wort 'Arbeitslosigkeit' überhaupt geschrieben wurde. Das meine ich natürlich sinnbildlich. Es war einer der größten Errungenschaften, dass das Recht auf Arbeit konsequent in der damaligen DDR umgesetzt wurde. Ich will den Leser meiner Geschichte nicht damit langweilen, wie das Leben dieser Kollektive und Brigaden damals gestaltet wurde, auch nach der Arbeitszeit. Interessengruppen, Hobbyschauen, wo jeder sein individuelles Hobbybe-reich - Malen, Schnitzen, Drechseln, Briefmarken sammeln und vieles andere mehr zur Schau stellen konnte. Diese Arbeitsbrigaden unternahmen gemein-same Ausflüge, Tagesreisen und Theaterbesuche. Kurzum, eine Vielzahl gemeinsamer Erlebnisse wurden organisiert und es bereitete mir viel Freude, ihnen dabei helfen zu können. Ich hatte ja Vieles davon, was ich ihnen nun übermitteln konnte, am eigenem Leibe und selbst in meiner Schmelzerbrigade erlebt. Von meinem alten Brigadeleiter, Kurt Glatzer habe ich sehr viel gelernt, vor allem auch pädagogisches Geschick, wie man mit den Menschen in diesen Gemeinschaften umgehen musste. Bevormundung und Lehrmeisterei waren völlig fehl am Platz. Was ganz wichtig war, in diesen Gemeinschaften wurde keiner allein gelassen, mit seinen Sorgen und Nöten. Sogar Hilfs-kassen wurden gebildet, wo Mitarbeiter, die in finanzielle Not gerieten, materiell unterstützt wurden. Die Menschen waren damals ganz anders, als heute, obwohl wir doch weit aus ärmer, bescheidener und auch bedürftiger lebten, als die Menschen in unserer heutigen sogenannten marktwirtschaft-lichen Wegwerfgesellschaft. Es ist doch wohl so, dass sich heute ein Jeder selbst am nächsten ist, weil die Sorgen der Anderen nur noch eine äußerst untergeordnete Rolle spielen.
         Neben meiner Brigadearbeit hatte ich auch die Aufgabe, mit den Künst-lern des Kreisgebietes eine gute Zusammenarbeit zu gestalten. Gern denke ich dabei an die unvergesslichen Zusammenkünfte mit dem Kunstkeramiker und Maler, Karl Heinz Loßnitzer aus Schönfeld und es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, als er mich mit in seine Künstlerwerkstatt hinein nahm und mich aufforderte, an der Drehscheibe Platz zu nehmen, um für mich selbst eine kleine Schale anfertigen zu dürfen. Mit sehr viel Geduld zeigte er mir, wie aus einem Stück Ton, solch ein Kunstgegenstand zustande kommt und ich war außerordentlich stolz, als ich später mein eigenes Produkt (natürlich sehr primitiv) bemalen konnte. Mit seinen wundervollen Figuren, Vasen und Tellern wanderte es schließlich in den Brennofen. Da er später noch die Glasur aufbringen musste, konnte ich meine kleine Schale mit doppelter Signatur “Lo/Lo“, auf dem Unterboden, was soviel, wie „Loßnitzer / Lorber“, bedeuten sollte, als Andenken abholen. Bei einem guten Fläschchen Wein, feierten wir mein 'Prunkstück'. Dieses Keramikschälchen stand viele
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Jahrzehnte in unserer Anbauwand, bis es schließlich eines Tages zu Bruche ging und es war schon ein recht herber Verlust für mich. Auch mit dem Holzschnitzer und Kunstdrechsler Huniek aus Geising hatte ich ähnliche, schöne Erlebnisse. Da ich mich mit diesen Künstlerpersönlichkeiten zu sehr liiert hatte, lösten diese Bekanntschaften bei meinen Vorgesetzten Kritik und Zweifel an meiner parteipolitischen Arbeit aus, weil sie die Meinung vertraten, dies sei unproduktive Zeitverschwendung. Der „Bitterfelder Weg“ stand in der Kunst - und Kulturpolitik im Vordergrund und so bemühte ich mich, künftig mehr mit den Gesangsgruppen und Jugendchören der Betriebe und Orte, sowie mit Volksmusikgruppen und Interessenzirkeln Kontakt aufzunehmen. Heute noch, nach so vielen Jahrzehnten, ist es immer wieder eine Freude für mich, wenn ich alte Bekannte aus dieser damaligen Zeit treffe und viele von ihnen, erinnern sich noch an unsere gemeinsamen Interessenstunden. Erschüttert war ich, als ich davon erfuhr, dass dieser wunderbare Mensch, Karl Heinz Loßnitzer vor kurzem verstorben ist. Der Kontakt zu meiner alten Schmelzerbrigade ist in diesen Jahren nie unterbrochen worden. Wenn meine alten Kollegen ihre Brigadefeiern begingen, kam immer eine Einladung ins Haus geflattert und wenn es meine Zeit erlaubte, ging ich mit meiner Frau zu diesen Brigadeveranstaltungen. Es waren für uns beide immer besonders schöne Höhepunkte und besonders freute es mich, dass unsere kleine Musikband nicht untergegangen war. Sie hatten ein neues musikfreudiges Brigademitglied dafür gewonnen, an meiner Stelle weiterzumachen. Ich erinnere mich noch recht gut, als wir einmal in ' Klein Tirol ' Schlottwitz eingeladen waren, als mich Kurt nach vorn bat, mir meinen alten Schnau-zenhobel in die Hand drückte und dann legten wir los, wie damals, in den alten Zeiten meiner Brigadezugehörigkeit. Diese alten Erlebnisse und Er-innerungen kann man uns nicht wegnehmen und auch nicht auslöschen. Was sollte heute wohl ein junger Mensch im arbeitsfähigen Alter mit unseren damaligen Erfahrungen anfangen können, wenn er beispielsweise als 'Leihar-beiter' an die verschiedenartigsten Firmen ausgeliehen wird? Wie sollte er eine Gemeinschaftsarbeit noch pflegen können, wenn täglich dieses Da-moklesschwert der Arbeitslosigkeit und der eventuellen Entlassung über seinem Haupt schwebt? Diesen Teil der „Vermenschlichung“ im Arbeitspro-zess gibt es nicht mehr. Er ist zu einem Stückchen Zeitgeschichte einer fast vergangenen und vergessenen Generation geworden.  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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     Roter Sumpf...
            
                            oder
 
             der „Berufsrevolutionär“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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         Bis zum Jahre 1968 verlief meine Tätigkeit verhältnismäßig konflikt - und problemlos, denn ich hatte gute Erfolge aufzuweisen. Mein einjähriges Direktstudium in Dresden bestand ich mit Auszeichnung. In den Betrieben war ich durchaus eine anerkannte Persönlichkeiten geworden und was mir außerordentlich gut tat, mit den Arbeitern der Brigaden, die ich betreute, hatte ich sehr engen Kontakt.
         In diesem Jahr entbrannte in der Tschechoslowakei ein Kampf um die Neuordnung der Sozialistischen Gesellschaft. Dubcek, Chef der Kommunis-tischen Partei wollte seine Idee eines humaneren und demokratischeren Sozialismus in seinem Lande durchsetzen. Der sogenannte 'Prager Frühling' schien auszubrechen und die Menschen in den Ostblockstaaten begannen ebenfalls aufzuatmen, in der Hoffnung, dass diese Partei - und Staatsdiktatur endlich beendet und reformiert werden könnte. Auch bei uns im Parteiapparat selbst, gab es heimliche Diskussionen, die mit der Linie Dubceks symp-athisierten. Der Absolutismus der Diktatur des Proletariats nach Leninschem Muster, sollte durch demokratische Umgestaltungen verändert und erneuert werden. Das jedoch hätte die Machtpositionen der Zentralkomitees und Politbüros der leninschen Parteien unter Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion auf's äußerste gefährdet. Das hätte zweitens zur Folge gehabt: Deutliche Abkehr und Abgrenzung von der dogmatischen Wirtschaftspolitik der UdSSR, sowie der Warschauer Vertragsstaaten und eine freizügige Öffnung hin zum westlichem Ausland. Die logische Folgerung wäre die Aufweichung des Weltsozialismus insgesamt gewesen, so, wie es Jahrzehnte später durch Gorbabatschows 'Perestroika' geschah.
         So, wie schon damals, als am siebzehnten Juni 1953 der Volkszorn der DDR Arbeiterklasse, vor allem durch die stationierten Streitkräfte der Sowjet-union und der Eliteeinheiten der Deutschen Volkspolizei, niedergeknüppelt und zusammengeschossen wurde, wie der ungarische Volksaufstand im Oktober 1956 niedergewalzt worden war, so erging es auch an diesem einundzwanzigsten August 1968 dem Volk der Tschechoslowakei. Die Truppen der Warschauer Vertragsstaaten marschierten unaufgefordert ein und Dubcek, der damalige Chef der Kommunistischen Partei der CSSR wurde brutal entmachtet. Demokratie und Sozialismus sind zwei unüber-windliche Widersprüche, die wie Feuer und Wasser aufeinander prallten, so, als würde man kaltes Wasser auf eine glühend heiße Ofenplatte ausschüt-ten wollen. An diesem einundzwanzigsten August, nachts um o1.3o Uhr, wurde ich und meine Familie jäh aus dem Schlaf gerissen. Draußen, auf dem Hofe stand ein Genosse der Kreislei-tung und klingelte Sturm.
         „Los zieh' dich schnell an. Alarmstufe I ist ausgelöst worden.“
Dieser Mitarbeiter, ein gewisser Arnold Fietz, der sich viele Jahre später das Leben nahm, wartete schon ungeduldig vor der Tür auf mich. Den ganzen Abend und die Nacht hindurch hatten wir schon unten auf der Schmiede-berger Straße, das unheimlich dröhnende Geräusch von Panzern und schwe-ren Militärfahrzeugen vernommen. Dieser plötzliche Einmarsch war streng 
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vertraulich und geheim gehalten worden. Keiner von uns konnte ahnen, was hier auf uns zukommen sollte. Auf Umwegen über Sadisdorf, Reichstädt erreichten wir schließlich unsere Dienststelle, denn auf der Hauptstraße war jeglicher ziviler Verkehr gesperrt. Als wir drinnen, im Hause der Partei mit der Lage vertraut gemacht worden waren, wurde uns mit einem Schlage klar, dass hier eine äußerst extrem gefährliche Lage entstanden war. Ein Funken-flug genügte und ein neuer furchtbarer Weltenbrand wäre entstanden und ausgebrochen. Dieser verfluchte kalte Krieg zwischen den beiden Welt-mächten und den beiderseitigen Vertragsstaaten, mit ihren unzählig vielen Atomwaffenarsenalen, konnte den Untergang der gesamten menschlichen Gesellschaft bedeuten. Im Kreis Dippoldiswalde und besonders in unserem Grenzgebiet wurde durch die Kreiseinsatzleitung der Partei der Ausnah-mezustand verkündet und ausgerufen. Mit kurzer Order über die Lage und deren Konsequenzen wurden wir noch in der gleichen Nacht in die Urlaubs-orte des oberen Kreisgebietes eingesetzt. Ich wurde mit den Urlaubsort Schellerhau beauftragt. Unsere Aufgabe bestand darin, ohne Hektik und Pa-nik, in Ruhe und Ordnung die Evakuierung aller Urlauber, ohne Ausnahme, zu organisieren und durchzusetzen. In der tschechischen Hauptstadt Prag eska-lierte der Aufstand. Führende kommunistische Funktionäre, die mit der Sow-jetunion paktierten, wurden durch die Aufständischen aus den Fenstern der Burg Hradschin und anderen Hochhäusern in die Tiefe hinuntergeworfen und ihre zerschmetterten Leichname wurden unten von den tobenden Massen zertrampelt. Die Wut und der unbändige Zorn des tschechischen Volkes hatte sich durch diese äußerst schlechten und bedürftigen Lebensverhältnisse so-wie durch die eingeschränkte Freiheit derart angestaut, wie es auch in allen anderen östlichen Ländern der Fall gewesen war. Oben, an der Grenze in Zinnwald wurden die Schlagbäume durch die ersten, einfahrenden sowje-tischen Panzer einfach niedergewalzt und die tschechischen Grenzsoldaten, sowie ihre Offiziere, die sich der rohen, brutalen Gewalt zu widersetzen wag-ten und sich entgegenstemmten, wurden brutal zusammengeschlagen und einzelne von ihnen erschoss man sogar. ( Nach späteren Berichten von Augenzeugen.) Die Urlauber in den Grenzorten begriffen zunächst den Ernst der Lage nicht. Es war ihnen unbegreiflich, warum sie ihren schönen FDGB - Erzgebirgsurlaub so abrupt abbrechen mussten. Wir, die Agitatoren und Durchpeitschenden dieser Aktion, wurden sogar von mehreren Urlaubern massiv bedroht. Gemeinsam mit den Bürgermeistern und mit den Abschnitts-bevollmächtigten der Deutschen Volkspolizei versuchten wir Tag und Nacht diese extrem komplizierte Lage in den Griff zu bekommen. An Schlaf war in dieser aufregenden Zeit natürlich nicht zu denken. Selbst die Gedanken an meine Familie wurden durch die entstandene Spannung weggedrückt und in's Unterbewusstsein verdrängt. Es hatte ja keinen Zweck, irgendwie senti-mental werden zu wollen und den Gefühlen ihren freien Lauf zu lassen. Unsere Ehefrauen wussten nicht einmal, wo sich ihre Männer aufhielten und wo sie eingesetzt worden waren. Durch die Zeitungen und Nachrichten er-
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fuhren sie von dieser außerordentlichen und bedrohlichen Kriegsgefahr, denn wenn zu diesem Zeitpunkt von der Grenze der Bundesrepublik Deutschland auch die Truppen der NATO in die Tschechoslowakei einmarschiert wären, dann hätte es unweigerlich zu einer neuen Kriegskatastrophe geführt. Sämt-liche Ferienheime und Privatquartiere wurden observiert und durchgekämmt. Gespräche wurden geführt und dort, wo keine Einsicht vorhanden war, musste der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei mit seinen freiwilligen Helfern unmittelbar eingreifen. Die Zwangsräumung wurde rigoros durchge-setzt und innerhalb von zwei Tagen waren die festgelegten Grenzorte 'urlau-berfrei' und wir wurden wieder zu unserer Dienststelle zurück beordert. Am fünfundzwanzigsten August, zu meinem vierunddreißigsten Geburtstag, er-hielt ich vier Stunden Sonderurlaub und als ich dann völlig unvermutet und überraschend vor den Meinen stand, da fielen wir uns in die Arme und wir heulten unsere aufgestaute Lebensangst aus uns heraus. Anni und ihre Muttel, sowie auch meine Eltern, sie hatten weitaus schlimmere Stunden durchgestanden, als ich, weil sie doch nicht wussten, wo ich eingesetzt wor-den war.
         „Papi. Wird es jetzt Krieg geben?“, fragte mich ängstlich und verstört mein neunjähriges Töchterchen. Ich nahm meine Große in den Arm und ver-suchte sie zu beruhigen.
„In einigen Tagen kommt euer Papi wieder nach Hause. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben.“
Unser dreijähriger Bub verstand zum Glück noch nicht, was um ihn herum in dieser verrückten Welt geschehen war. Es ist eine grausame Erkenntnis, wenn man erlebt, wie sich die eigenen Kinder schon Gedanken darüber machen, ob es Krieg oder Frieden geben wird. Wie oft hatte ich das Radio oder den Fernsehapparat einfach abgeschaltet, wenn diese Schlagworte und Parolen: „Kampf um den Frieden“ in unsere Hirne eingehämmert wurden. Vietnam war immer so weit weg von uns gewesen und nun, mit einem Mal war es so greifbar in unsere eigene unmittelbare Nähe gerückt. Durch das Machtstreben unseres 'großen Bruders' der Sowjetunion, war der Frieden auch meiner eigenen Kinder auf's äußerste gefährdet worden und ich begann, beide Großmächte gleich zu hassen. Dieses geteilte Deutschland hätten sie rücksichtslos niedergewalzt und kein Stäubchen wäre von uns übrig geblieben.
Als ich nach den wenigen Stunden, die ich bei den Meinen verbringen durfte, wieder ins Haus der Partei zurückkam, da gab es für die „roten Herren“ des Sekretariats gemeinsam mit höheren Offizieren der Sowjetarmee, sowie mit den absoluten Größen der Bezirksleitung eine ‚Sondersekretariatssitzung’. Ein internes Festessen, eine 'Siegesfeier' sozusagen. Ihre Machtpositionen waren durch die Niederschlagung des Prager Frühlings gerettet worden. Wir, die kleinen, gemeinen Parteisoldaten wurden planmäßig zu Vierundzwanzig - Stunden - Diensten eingesetzt und die restlichen bekamen bis zu unserer
Ablösung dienstfrei.
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Krolikowski, der spätere Ministerpräsident der DDR, Eidner und Stammnitz, sowie die führenden Köpfe der Bezirksleitung kamen zu dieser 'Sonder-sitzung' des Sekretariats der Kreisleitung, weil wir ja sozusagen der Krisen-kreis waren und weil bei uns der Übertritt in die Tschechoslowakei vollzogen worden war. Sie soffen gemeinsam mit den sowjetischen Offizieren, bis sie unter den Tischen lagen. Ich war in dieser Nacht zum Telephondienst eingeteilt worden und konnte nebenan aus dem Zimmer des 1. Sekretärs dieses Gegröle, die Trinksprüche und ihr wüstes Gelage hören.
Noch in der gleichen Nacht, schon in den Morgenstunden, kam es zu einem schrecklichen und unvergesslichen Ereignis. Volltrunken fuhr unser Sekretär für Agitation und Propaganda, Peter Händel, nach Dresden, wo er wohnte. Günter Eggert, ein Mitarbeiter aus Oelsa, der den Auftrag hatte, diese Or-giengesellschaft mit Speisen und Getränken zu versorgen, durfte als Dank, mitfahren. Nach Hause kam er nicht mehr!!! In seiner Volltrunkenheit rammte Peter Hähnel einen sowjetischen Schützenpanzerwagen und Günter Eggert verstarb noch am Unfallort. Er hinterließ eine Frau mit zwei Kindern. Der Fahrer selbst, weil er links am Steuer saß, trug nur einige Schürfwunden davon. Er wurde in das Bezirkskrankenhaus Arnsdorf eingewiesen, weil er angeblich einen schweren Nervenschock erlitten hatte. Wir sahen ihn nie wieder. Er wurde nach seiner Wiedergenesung in die Bezirksleitung Rostock versetzt. Dort kannte ihn ja keiner. Mit seiner reingewaschenen Weste konnte er weiterhin 'Sozialistische Agitation und Propaganda' betreiben. Wir alle wurden verpflichtet, über dieses Unfallgeschehen strengstes Stillschweigen zu bewahren. In den darauf folgenden Parteiversammlungen kam es zu schwersten Auseinandersetzungen und Vorwürfen gegenüber dem Sekre-tariat, weil einige Genossen, so auch ich, eine polizeiliche Untersuchung einforderten. Das waren natürlich naive Vorstellungen unsererseits, weil das Volkspolizeikreisamt, einschließlich der Abteilung Kriminalpolizei, die Staats-anwaltschaft und sogar das MfS, sprich Staatssicherheit, auf politischer Ebene dem ersten Sekretär untergeordnet waren. Es war damals ebenso, wie auch heute:
„Wo die Macht ist, ist auch das Recht und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“
Eine der irrsinnigsten Lehren, die das Zentralkomitee unter Führung Walter Ulbrichts, aus dem Prager Aufstand zog, war, dass bis hinunter auf Kreisebe-ne die ersten und zweiten Sekretäre ab sofort zu ständigen, natürlich 'geheimen' Pistolenträgern ernannt wurden. Wovor sie sich wohl schützen wollten? Vor wem hatten sie solch eine panische Angst. Sie ahnten wohl, dass sich der Zeitpunkt dieses siebzehnten Junis 1953 jederzeit wiederho-len könnte. Ihre Schlussfolgerungen waren allerdings eher dazu geeignet, dass sich 'die Partei' und 'der Staat' immer mehr vom arbeitenden Volk ent-fernte und distanzierte.
Bereits in dieser Zeit begann mein Vertrauen und meine Zuversicht immer mehr zu schwinden.
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In jahrelanger, mühevoller Arbeit hatte ich meine erste größere Erzählung: „Glücksucher“ fertig geschrieben. Mit einer Sondergenehmigung für den Handel hatte ich eine kleine Reiseschreibmaschine außerhalb der Bestellliste erworben.( Normale Wartezeit eineinhalb Jahre.) Der Club junger Autoren beim Schriftstellerverband Dresden hatte mir zu einer Mentorin ver-holfen. Max Zimmering, dieser großartige Mensch, Schriftsteller und Dichter, mit dem ich mich damals anfreunden durfte, hatte großen Anteil und er half mir ganz entscheidend bei der Fertigstellung meines Erstlingswerkes. Beson-ders durch seine Hilfe und Fürsprache erklärte sich der Aufbauverlag bereit, mein Buch zu drucken und zu veröffentlichen. Ein Lebenstraum schien für mich in Erfüllung zu gehen. In dieser Erzählung schilderte ich den Lebensweg eines jungen Menschen, der durch die Tragödie seiner Eltern republikflüchtig wurde. Nach vielen Irrungen und Wirrungen fand er den Weg zurück in sein Heimatland DDR. Ich hatte mir diese Figur keineswegs ausgedacht. Es gab ihn wirklich, diesen jungen Menschen. In einer Brigade der Glashütter Uhrenbetriebe lernte ich ihn kennen und als ich auch sein Vertrauen gewon-nen hatte, berichtete er mir von seinem Lebensweg. Er war einverstanden, dass ich meiner Erzählung darüber schreiben wollte. Allerdings machte ich die Rechnung ohne den Wirt. Ich hatte wohl nicht berücksichtigt, dass   ich zur Kaste der sogenannten „Berufsrevolutionäre“ gehörte und da mir meine Dienststelle wöchentlich einen bezahlten freien Tag gewährte, damit ich meine Erzählung überhaupt schreiben konnte, forderte sie nun Rechenschaft in Form einer Buchlesung von mir, was ich auch sehr gern tat. In einer Sekretariatssitzung las ich aus meinem Buch. Ich saß vorn, wo sonst der 1. Sekretär seinen Platz hatte und am Sitzungstisch hatten die „Götter des Kreises“ ihren Platz eingenommen. Ziemlich aufgeregt fing ich zu lesen an. Weit kam ich jedoch nicht mit meiner Lesung. Bereits nach den ersten fünfzehn Seiten wurde ich abrupt unterbrochen. Unser neuer Sekretär für Agitation und Propaganda, Wolfgang Ebersbach unterbrach mich.
„Genosse Lorber. Ich habe eine Frage an dich. Weshalb suchst du dir als Leitfigur für deinen Roman einen verblendeten Menschen, der unsere Republik verraten hat? Es gibt doch so wunderbare Arbeiterpersönlichkei-ten, die es wert sind, dass man über ihr Leben schreibt und berichtet. Ich finde es verwerflich von dir, dadd du über eine Republikflucht schreibst, als wäre es irgend ein Abenteuer von Jack London. Du bist politischer Mitarbeiter für Kultur des Parteiapparates und nicht irgend einer vom Kulturbund. Ist dir das eigentlich klar?“
Das Urteil war somit gesprochen und gefällt. Mein Erstlingswerk wurde geächtet und zwar in einer Art und Weise, die mich total niederschmetterte und zu Boden drückte. Der Abteilungsleiter Hellmuth Ränig wurde beauftragt, sofort Kontakt mit dem Aufbauverlag aufzunehmen, damit der Druck meines
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Buches umgehend gestoppt wird. Eine Flut von Anwürfen ergoss sich nun über mich und ich hörte längst nicht mehr, was dort vorn gegen mich vor-gebracht wurde. Völlig zerstört saß ich vor dem wütendem und geiferndem Sekretariat und die Welt, in der ich bis jetzt noch einigermaßen glücklich gelebt hatte, schien um mich herum zu versinken. Ich ließ diese Meute reden und schimpfen, stand auf, nahm mein Buch und verließ stillschweigend den Raum. Als ich zur Tür hinausging, rief mir der Erste hinterher.
„Komm zurück. Wir sind noch nicht fertig.“
„Aber ich!“, erwiderte ich leise. In meinem Büro angekommen, packte ich meine Aktentasche zusammen und begab mich, obwohl meine Arbeits-zeit noch längst nicht beendet war, nach Hause. Daheim saß ich an diesem Abend im Wohnzimmer vor dem Kachelofen. Ich hatte die Feuerungstür geöffnet und warf eine zerknüllte Seite nach der anderen hinein, in die lodern-de Glut, die gierig meine langjährige Arbeit in sich hineinschlang und auffraß. Jede verbrannte Seite - eine verlorene glückliche Stunde - jedes Kapitel eine zerbrochene Illusion. Ein Traum war in Flammen aufgegangen. Übrig blieb nur noch ein leerer Umschlag, der mich wie eine Fata Morgana angrinste. Dieses brutale Verbot, mein Buch veröffentlichen zu dürfen, ließ mich seelisch schwer erkranken und ich fand in den Nächten keinen Schlaf mehr. Stunden-lang wälzte ich mich im Bett hin und her. So vieles ging mir durch meinen Schädel. Als ich damals 1964 in Dresden ein Jahr zum Parteistudium war, da sahen wir als Anschauungsmaterial den verbotenen Film „Spur der Steine“, in welchem Manfred Krug die Hauptrolle spielte. Dieses Vorzeigen des Filmes sollte dazu dienen, uns davon zu überzeugen, wie die sozialistische Kultur durch revisionistische Filmemacher, Schauspieler und Künstler, entklassi-fiziert werden sollte und das Schlimme war, ich glaubte damals daran, dass ein Großteil unserer Kulturschaffenden die Absicht hatte, den Sozialismus in der DDR zerstören wollten. Im Großem, wie auch im Kleinem wurde die sogenannte sozialistische Kulturpolitik mit ihrer dogmatischen und immer noch stalinistischen Linie durchseucht. Rücksichtslos wurde gegen jene Kulturschaffenden vorgegangen, die eine andere Auffassung zu den Proble-men der sozialistischen Kunst und Kultur hatten. Eine Vielzahl von Künstlern und Wissenschaftlern hatten in dieser Zeit mit Petitionen Unterschriften gesammelt, weil unter anderem einem gewissen Professor Robert Have-mann, einem der bedeutenden Wissenschaftler aus Berlin, der Lehrstuhl entzogen wurde und dann obendrein schloss man ihn noch aus der SED aus. Das 'Sahnehäubchen' war, dass man ihn noch aus der Akademie der Wissenschaften ausstieß, um ihn völlig mundtot zu machen. Wolf Biermann, der Liedermacher, Manfred Krug, Stephan Heym und viele andere Persön-lichkeiten aus dem Kulturkreis der DDR stellten sich offen gegen den Be-schluss des ZK der SED in Bezug auf Robert Havemann. All diese Probleme beschäftigten mich nächtelang und raubten mir meinen Schlaf. Sogar mein kleines, unbedeutendes Büchlein war diesen 'Göttern der Allmächtigkeit' ein Dorn im Auge geworden. So wie es uns die 'Großen' in Berlin vorlebten, so
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wollten es die 'Kleinen' mit ihrer dogmatischen Parteiverherrlichung auf der Kreisebene nachahmen. Ich schlug zunächst den Weg des geringsten Widerstandes ein, indem ich mich mit einem unerhörten Anstieg meines Zigarettenkonsums zu betäuben und zu beruhigen versuchte. Ebenso stieg mein täglicher Kaffeeverbrauch enorm an. Das hatte natürlich zur Folge, dass ich immer unregelmäßiger aß und dass mein Körper regelrecht durch-giftet wurde. Ich muss gestehen, auch der Teufel Alkohol spielte dabei keine unwesentliche Rolle. Mein Nervenkostüm war bis zum Zerreißen angespannt und ich merkte, wie mich 'meine Genossen', mit denen ich jahrelang gut zusammengearbeitet hatte, immer mehr im Stich ließen und zu ächten begannen. Auch zu Hause stiegen die Spannungen zwischen mir und meiner Frau, indem ich bei den geringsten Anlässen wie eine geschüttelte Sekt-flasche hochging. Es kam immer mehr zu Streitigkeiten, weil nun auch unsere finanzielle Lage immer angespannter wurde. Meine Frau und meine Kinder hatten es in dieser kritischen Phase sicher nicht leicht mit mir. Besonders in dieser Zeit merkte ich aber, wie sehr meine Frau zu mir hielt, wie sie ihre eigenen Sorgen und Probleme in sich hinein fraß und trotzdem verstand sie es, mich immer wieder zu beruhigen und auch ein bisschen auszugleichen. Sie entwickelte ein außerordentliches Geschick, als Ruhepol zu wirken, indem sie mir immer wieder Mut zusprach und mich darin bekräftigte, mir eine ande-re Arbeit zu suchen. Eines Tages wurde von der Bezirksleitung der SED ein besonders hartgesottener, straffer Kulturfunktionär in Dippoldiswalde einge-setzt. Ein ehemaliger Kulturoffizier der NVA, der aus gesundheitlichen Grün-den ausgeschieden war. Er hatte wohl die besondere Aufgabe, mich ideolo-gisch zu durchleuchten. Die erste große Aussprache - ich werde sie wohl nie vergessen - zwischen dem Genossen Ebersbach, diesem Genossen Pichot-ta, sowie meinem Abteilungsleiter, sollte meine kulturpolitische Unfähigkeit nachweisen.
„Wieviel Kandidaten für unsere Partei hast du in den letzten zwei Jahren aus den Sozialistischen Brigaden, die du betreut hast, geworben?“, war die erste Frage an mich. Ich war entsetzt, weil man meine kulturpolitische Arbeit auf das Niveau eines „Parteikopfjägers“ herabstufen und disqualifizieren wollte. Meine Einwände über das entwickelte Niveau in diesen Brigaden, besonders in den letzten zwei Jahren, wurde überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Das Ergebnis dieser Aussprache, die mehr einem Kreuzverhör glich, war, dass ich für unfähig eingeschätzt wurde, die Kulturarbeit im Kreis weiterhin politisch führen und leiten zu können.
Als ich nach diesem anstrengenden und aufregenden Arbeitstag an der Bushaltestelle in den Autobus einsteigen wollte, um nach Hause zu fahren, wurde ringsum um mich her alles so weit entfernt und die Stimmen der Menschen wurden leiser und immer leiser. Um mich herum und in mir selbst   entstand eine unvorstellbare Leere, die schließlich in einer dumpfen Dun-kelheit endete. Das alles geschah sicherlich innerhalb weniger Minuten, die
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mir selbst, wie Ewigkeiten erschienen. Als ich aufwachte und wieder zu mir kam, lag ich im Krankenhaus. Der Verdacht eines Herzinfarktes hatte sich glücklicherweise nicht bestätigt. Die Diagnose lautete: Vegetative Distonie, sowie eine akute Angina Pectoris in Folge von seelischen Störungen und Überarbeitung. Acht Wochen benötigte ich, um wieder einigermaßen aus dieser Krise heraus zu finden. In seinem Gutachten an den ersten Sekretär der SED Kreisleitung, Bernd Kaubitzsch empfahl mein behandelnder   Arzt, dass ein Arbeitsplatzwechsel für meine gesundheitliche Wiederher-stellung dringend erforderlich sei. Meinem Wunsch, aus dem Parteiapparat ausscheiden zu können und wieder in einem Betrieb tätig zu werden, wurde nicht stattgegeben. Folge dessen wurde ich nach meiner Wiedergesundung innerhalb des Hauses umgesetzt und war nun für die Privatindustrie, für die halbstaatlichen Betriebe, sowie für die Produktionsgenossenschaften des Kreises verantwortlich. Der einzige Vorteil bestand für mich darin, dass ich nun einen verhältnismäßig regelmäßigen Feierabend hatte. Abendeinsätze kamen durch meine neue Zuordnung nur noch selten in Frage. Gesunden konnte ich allerdings auch durch diese neue Funktion nicht, weil meine innerliche Einstellung zur dieser Parteipolitik völlig durcheinander geraten war. Ich war nicht mehr in der Lage, Herz und Geist auf eine Waage legen zu können und in's Gleichgewicht zu bringen. Es wurde für mich immer mehr zu einer Gewissensfrage. 1971 begann die Zeit der sinnlosen Zerstörung der letzten kleinen Privatbetriebe, sowie der Betriebe mit staatlicher Beteiligung. Alles, aber auch alles, wollte sich dieser Staat zu eigen machen und die kleinen Betriebe, die noch einigermaßen dafür Sorge getragen hatten, dass die tausend kleinen Dinge für die Bevölkerung produziert werden konnten, sie wurden nun als Zulieferbetriebe für die Kombinate umwandelt. Was bis jetzt noch einigermaßen in der Wirtschaft und im Handel funktioniert hatte, wurde zum Dilemma in der sogenannten „Mangelwarenwirtschaft“. „Bück dich Ware“ sowie „Ware unterm Ladentisch“ wurden immer mehr zu Schlagworten der Bevölkerung. Lange Schlangen vor den Läden kennzeichneten das Bild der DDR. Walter Ulbricht, der unseren einst so guten wirtschaftlichen Anfang und Aufschwung unter Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl mit seiner stalinis-tischen Politik zu Grunde richtete, wurde durch Erich Honecker, der sich selbst zum Generalsekretär emporgeschwungen und ernannt hatte, noch weit übertroffen.
Es war kein plötzlicher Entschluss, aus eigener Kraft diesem Parteiapparat den Rücken zu kehren. Es begann eigentlich schon in mir abzubröckeln, als damals die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus, im Keime erstickt wurden, als Dubcek politisch mundtot gemacht wurde, als das große olympische Vorbild Emil Zatopek wegen seiner Zugehörigkeit zu den Zielen des Prager Frühlings, in den Schmutz getreten wurde. Hinzu kam, daß die gelebte Unmoral einiger meiner Vorgesetzten im Parteiapparat, (Alkohol – und Frauengeschichten) sowie der Tod meines Kameraden und die Ver-
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tuschung dieses Unfalls mit tödlichem Ausgang, ebenfalls unter Alkoholein-wirkung und vor allem dieses abwertende und erdrückende 'Lächerlichma-chen' meines geschriebenen Buches, mein Vertrauensverhältnis zur Partei restlos zerstörten. Was anfänglich noch wie ein kleines Rinnsal in mir dahin-sickerte, es wuchs letztendlich zu einem reißenden Strom in mir an und nichts konnte diese innere Gewalt des Entrinnens zurückhalten. Im Oktober 1971 übergab ich dem Sekretariat meine schriftliche Kündigung. Das war natürlich eine Ungeheuerlichkeit meinerseits. Ein 'Berufsrevolutionär' kündigt seine hauptamtliche Parteitätigkeit auf. Bis zu diesem Zeitpunkt waren immer poli-tische Funktionäre gegangen worden, wenn sie nicht mehr geeignet waren, oder für die Öffentlichkeit unzumutbar wurden. Das, was ich mit meiner Kündigung getan hatte, war höchster Verrat an der Sache der Arbeiterklasse und so wurde ich auch dieses letzte viertel Jahr behandelt. Ich hatte einmal   geglaubt, in diesem Hause von Freunden umgeben zu sein. Dieser Glaube war nun zu einem bitteren Trugschluss geworden. Wie Seifenblasen, die beim geringsten Windhauch zerplatzen, so stürzten alle freundschaftlichen Bindun-gen in sich zusammen. Selbst, wenn mir einige meiner Parteikollegen innerlich recht gegeben hätten, keiner hätte jemals den Mut gehabt, zu mir zu stehen, weil sie mit aller Wahrscheinlichkeit mit in diesen Strudel hineinge-zogen worden wären. Ich hatte in diesen letzten verbleibenden Wochen vor-wiegend nur noch Innendienst, wie Telephondienst, oben auf dem Boden alte Akten in Ordnung bringen und vieles andere mehr. Man hatte wohl die Absicht, mich nach draußen abzusichern und zu isolieren. Es war mir sogar recht, dass ich nicht mehr draußen in der Öffentlichkeit etwas propagieren musste, woran ich selbst nicht mehr glauben konnte. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die werktätigen Menschen in den Betrieben festgestellt hätten, weil mein gesprochenes Wort nur noch 'Gelogenes' gewesen wäre. Am einunddreißigsten Dezember 1971 war endlich mein letzter Arbeitstag. Ich räumte still in mich gekehrt, meinen Schreibtisch aus, brachte alles in Ordnung und dann begab ich mich hinein, in das Zimmer meines Wirtschafts-sekretärs, um mich von ihm zu verabschieden. Er schien durch mich hindurch zu blicken, als wäre ich eine durchsichtige Glasscheibe und meine dargebo-tene Hand übersah er. Wohlweislich hatte ich schon Wochen vorher meine Parteirentenanteile gekündigt. Sie wurden ordnungsgemäß auf mein Konto überwiesen. Damit hatte ich wissentlich und aus innerer Überzeugung einen Schlussstrich unter meine vergangenen neun Jahre gezogen, die mir auch ir-gendwie in meinem Leben verloren gegangen waren. Mein Parteibuch behielt ich, denn, wäre ich zu diesem Zeitpunkt aus der SED ausgetreten, dann hätten sie meine weitere Existenz aufs äußerste gefährdet oder gar zerstört und zerstampft. Meine Abteilungsmitarbeiter hatten wohlweislich an diesem Tag alle Außendienst. Keiner wollte mir noch zum Abschied die Hand rei-chen. Meine 'politisch - ideologische Verseuchung' hätte ja auch ansteckend sein können. Ich schlich mich davon, wie ein geprügelter Hund und trotzdem atmete ich irgendwie befreit auf. Das, was ich getan hatte, es war weder mu-
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tig, noch war es ein bewusster Kampf gegen dieses Parteiregime. Es war ganz einfach meine innere Verzweiflung und der klägliche Versuch, ein klein wenig Stolz und Selbstachtung in mir fortleben zu lassen. Einige Tage später erschien eine winzig kleine Randnotiz in der Sächsischen Zeitung, dass der Genosse Lorber aus gesundheitlichen Gründen aus dem Parteiapparat ausgeschieden sei und im Volkseigenem Betrieb GISAG Schmiedeberg, eine andere Tätigkeit aufgenommen hätte. Einen Neuanfang hatten mir diese 'Götter' beschert, der mich fast an den Rand der Verzweiflung brachte. Im letztem Kadergespräch war vereinbart worden, dass ich als Meister des Bereiches Materialverwaltung der Abteilung Maschinenbau, im VEB GISAG Schmiedeberg meine neue Tätigkeit aufnehmen sollte. Diese Arbeit hätte mich auch durchaus interessiert, weil ich ja einen Metallberuf erlernt hatte. Das Einstellungsgespräch in der Kaderabteilung, an der auch der Partei-sekretär des Betriebes teilnahm, verlief allerdings entgegen meiner Erwartun-gen. Eine Einstellung sollte mit meiner Zusage gekoppelt werden, in dem ich die Funktion des Abteilungsparteisekretärs, kurz APO Sekretär, übernehmen sollte. Dieses Ansinnen lehnte ich strikt ab, es war mir zu wider, weil ich mir in den letzten Tagen dort drinnen geschworen hatte, nie wieder Parteiarbeit zu leisten und diesem Schwur blieb ich treu. Ich hatte in diesem Betrieb keine Chance, eine andere ordentliche Arbeit zu bekommen, weil die Kaderleiterin, die Ehegattin des zweiten Sekretärs der SED Kreisleitung war. Mein Wunsch, wieder in meiner alten Schmelzerbrigade arbeiten zu dürfen, wurde mir verei-telt und ohne jegliche Begründung abgelehnt. Bereits am nächsten Tage begab ich mich intensiv auf Arbeitssuche. Von Dippoldiswalde bis hinauf nach Altenberg ging meine erniedrigende Betteltour. In jedem Betrieb sprach ich vor. Ich wollte nichts anderes als nur Arbeit, damit ich meine Familie ernähren konnte. 'Arbeit, Arbeit ...' hämmerte es unaufhörlich in meinem Schädel. Doch wo ich hinkam, ließen sich die Kaderleiter der Betriebe entweder verleugnen oder mir wurde höflich lächelnd empfohlen:
„Kommen sie bitte morgen wieder ...“
Ich hatte mich sogar im Steinbruch Buschmühle, sowie beim VEB Schrottver-wertung Schmiedeberg als Hilfsarbeiter beworben. Keine Arbeit wäre mir zu gewöhnlich gewesen. Doch überall bekam ich nur Absagen. Mir wurde immer klarer, dass für alle Betriebe im gesamtem Kreisgebiet ein Einstellungsverbot ausgesprochen worden war, vom hochheiligem 'Rat der Götter', dem Sekre-tariat der SED Kreisleitung. Den Sekretariatsbeschluss, als Meister im Maschinenbau meine Arbeit aufzunehmen, hatte ich ignoriert und abgelehnt und nun wollte man mich schmoren lassen. Von der Sache her war es nur möglich, durch einen neuen Sekretariatsbeschluss eine Arbeit zu erhalten. Ich steckte also in diesem Sumpf, in diesem erbärmlichen roten Morast bis zu den Schultern drin und ich spürte, wie er mich tiefer und immer tiefer in sich hineinziehen wollte, bis zu meiner endgültigen Selbstaufgabe oder bis zu meinem Untergang. Ich war ja bis zu diesem Zeitpunkt eine von der Öffent-lichkeit geachtete Persönlichkeit gewesen. Stellvertretender Vorsitzender
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des Kulturbundes, Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft Urania, sowie der Volkssolidarität, Volkskorrespondent und Redaktionsmitglied der Sächsischen Zeitung und noch vieles andere mehr. Diese Erniedrigungen bei meiner bettelnden Suche um Arbeit drückten meine Moral immer mehr zu Boden. Ich erhielt von nun an keine Einladungen mehr zu den anstehenden Redak-tionssitzungen der SZ, in einer Sondersitzung des Kulturbundes wurde ich während meiner Abwesenheit abgewählt, ebenso bei der Gesellschaft Urania und selbst in meinem 'Zirkel Schreibender Arbeiter' versuchte man Einfluss gegen mich zu nehmen. Nervlich völlig am Ende, begab ich mich schließlich zu meinem behandelten Arzt Medizinalrat Dr. W. Hellmund, um mich unter-suchen zu lassen. In diesem Gespräch schilderte ich ihm mein ganzes Elend und Dilemma, in welchem ich mich befand.
Er hörte mir ruhig und aufmerksam zu. Nach einer Weile des Nachdenkens sagte er leise, aber betont.
„Was du mir über deine Konflikte mit der Kreisleitung erzählt hast, das habe ich einfach nicht gehört. Dieses Gespräch hat nie zwischen uns stattgefun-den. Verstehst du? Ich will und darf davon nichts wissen. Weißt du auch warum?“
Wir waren schon seit einigen Jahren per Du und wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander Er sah mich prüfend an und ich schüttelte meinen Kopf.
. „Nein. Ich weiß es nicht.“
„Weil ich eine Arbeit für dich hätte ...“
Ungläubig sah ich ihn an.
         „Ich brauche dort oben in Naundorf, wo du wohnst, einen Heimleiter fürs Pflegeheim. Nicht irgend einen. Davon hatte ich in letzter Zeit mehr als genügend. Wie ich dich kenne, würdest du es voll angehen und packen.“
Ich saß vor ihm und ich glaube, meine Augen füllten sich mit Tränen. Beinahe vierzehn Tage war ich nun schon ohne Arbeit und mit einem Male dieses Angebot. Ich stand auf, reichte ihm die Hand und erleichtert entgeg-nete ich         „Walter. Das vergesse ich dir nie. Ich bin einverstanden.“„Denke aber nicht, dass dies eine einfache Aufgabe werden wird. Erstens: Das Heim ist baulich total heruntergewirtschaftet. Wenn wir keine Baukapazität und Sondermittel erhalten, werden wir das Haus schließen müssen. Deine Aufgabe wird es sein, mit all deiner Kraft dieses Problem zu lösen. Meine Unterstützung hast du. Zweitens: Dort oben herrscht absoluter Arbeits-kräftemangel. Das werden deine zwei Hauptaufgaben sein, die du lösen musst und drittens: Ich kann dir nicht mehr als Siebenhundertachtunddreißig Mark Brutto zahlen.“
Ohne lange zu zögern, schlug ich ein. Er hatte wohl soeben eines seiner schwierigsten Probleme für sich gelöst und meine Konflikte kamen für ihn gerade zur rechten Zeit. Das Pflegeheim Naundorf bekam einen neuen Heimleiter und ich hatte endlich wieder eine neue Arbeit und musste nicht auf die Knie fallen, dort vorn im 'Rotem Haus'. Er rief seinen Stellvertreter, Helmut
 
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Zenker zu sich und schilderte ihm kurz die Lage.
         „Nehmen sie unseren neuen Heimleiter für Naundorf mit zu sich und fertigen sie unverzüglich einen Arbeitsvertrag aus. Ich zeichne ihn gleich Blanko ab, weil ich dringend zu einer Beratung muss. Bezahlung erfolgt nach der W VII. Reizen sie bitte bis zur Höchstgrenze Siebenhunderundacht-unddreißig Mark Brutto aus.“
Bereits eine Stunde später hielt ich meinen neuen Arbeitsvertrag in den Hän-den und meine Leidenszeit war beendet.
„Na, da kann sich aber mein Alter vorn bei der Kreisleitung eine Pfeife anbrennen.“ Sprach Helmuth Zenker mehr zu sich selbst, als zu mir. 
„Ach, was geht's mich an. Ich führe nur seine Anordnung aus. Er wird schon wissen, was er tut. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg dort oben. Ich würde vorschlagen, dass ich morgen früh um sieben hochkomme und dann stelle ich dich deiner neuen Mannschaft vor.“
Sichtlich erleichtert begab ich mich auf einem Umweg hoch zur Autobushal-testelle. Einen Umweg deshalb, weil ich ganz langsam und sogar etwas ge-nüsslich am Hause der Kreisleitung vorübergehen wollte, um dann mit dem nächsten Autobus nach Naundorf zu fahren. Gegenüber der Eingangstür des 'roten Hauses' blieb ich stehen und zündete mir eine Zigarette an. Ich war überzeugt, dass man mich hinter den Fenstern beobachtete. Als ich dann schließlich aus dem Autobus ausstieg, da stürmte ich mit Riesenschritten die Dorfstraße hinauf. Anni hatte soeben ihre zweite Schicht in der Küche be-gonnen. Ich stand vorn, an der Küchentür und lachte sie an.
„Na, Du strahlst ja so. Hast du etwa eine neue Arbeit gefunden?“
Ich nickte froh.
„Rate mal wo?“
„Du bist doch nicht etwa unser neuer Heimleiter?“
Mehr spaßig, als ernst hatte sie diese mir diese Frage gestellt. Wiederum nickte ich ihr zu. Flugs rannte sie nach hinten und rief ihre Kollegin nach vorn.
           „Elfriede, komm doch schnell mal nach vorn. Der Franz fängt bei uns als neuer Heimleiter an.“
Elfriede Hesse und Anni waren durch ihre gemeinsame Arbeit zu guten Freundinnen geworden. Noch am gleichem Tage hatte es sich nicht nur im Pflegeheim, sondern im ganzem Dorfe herum gesprochen.
         „Wisst ihr schon das Neueste? Der Lorber ist drinnen, bei der Kreis-leitung rausgeflogen. Was der wohl verzapft haben mag? Und nun wird er der neue Heimleiter im Pflegeheim.“
In solch einem kleinen Ort ist es nicht verwunderlich, dass Neuigkeiten sich rascher verbreiten, als ein Grippevirus. Man muss ganz einfach damit leben können, weil es damals das einzige Vergnügen der Dorfbewohner war, über andere Leute herzuziehen und schlecht zu reden, ab und zu jedoch auch mal im guten Sinne. Und, wenn ich es mir recht überlege, wir waren auch nicht anders und tratschten oftmals mit.
 
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Das Haus
 
                 der tausend Seelen ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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         Wenn man den Naundorfer Berg dort auf dieser kurvenreichen Dorf-straße hinaufwandert und durch den Ort geht, dann sieht man schon von weitem, links oben die Turmspitze des alten Rittergutes zwischen den ural-ten, hohen Linden hervorlugen. Diese alte Turmuhr, die 1876 von einem gewissen Uhrmacher Dietrich aus Dippoldiswalde gebaut worden war, hat längst schon aufgehört zu schlagen, weil dieses in Ehren altgewordene Gebäude in den neunziger Jahren, als Pflegeeinrichtung für alte, sieche Menschen geschlossen worden ist. Dieses Rittergut, es muss wohl bereits im vierzehnten Jahrhundert erbaut worden sein, würde, wenn uns die alten Mauern ihr Erlebtes mitteilen könnten, eine Geschichte von vielen, vielen Generationen über Jahrhunderte hinweg erzählen. In der alten Chronik der Bergstadt Altenberg ist nachzulesen, dass Naundorf mit seinem Rittergut von einer gewissen Bernsteinschen Familie, der damals das halbe Osterzgebirge gehört haben musste, an die Geisinger Kölbes verkauft worden war und später, nach mehrmaligem Besitzerwechsel den Freiherrn von Bünau zuge-sprochen wurde. Der Name Naundorf wird in dieser Chronik und auch in den Kirchenbüchern von Schmiedeberg, bereits im vierzehnten Jahrhundert mehr-mals erwähnt. Bis 1945 befand sich dieses Rittergut dann im Besitz eines Dresdner Lederfabrikanten Oskar Bierling. Nach der Enteignung der Groß-grund - und Rittergutsbesitzer zogen viele heimatlose Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebene dort hinein und sie bewohnten bis zum Sommer 1949 diese alten Gemäuer. Im gleichen Jahr, anlässlich der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, also im Oktober wurde schließlich auch dieses altehrwürdige Haus in ein Pflegeheim umgestaltet. Viele der alten Schlösser und Großgrundbesitze wurden nun, nach der Enteignung und nachdem die Vertriebenen und Umsiedler später andere Wohnungen erhielten, als Pflege-heime genutzt. Somit waren erst einmal für die nächsten Jahrzehnte die Voraussetzungen geschaffen worden, die vielen alten und pflegebedürftigen Menschen unterzubringen. Leider war dabei durch den Staat versäumt wor-den, etwas für die Werterhaltung und Instandhaltung dieser Gebäude zu tun. So dauerte es nur wenige Jahrzehnte, bis diese Grundstücke dem Verfall preisgegeben worden waren. So auch das heruntergekommene Pflegeheim Naundorf.
 
                   *
 
Ich hatte sehr unruhig geschlafen in dieser Nacht. So unendlich viel hatte mein Hirn in meinem Schädel geackert und gepflügt. War meine Entscheidung richtig gewesen? Wie werde ich diese neue Tätigkeit bewäl-tigen können. Ob ich nicht mit meinen siebenunddreißig Jahren noch zu jung dafür war, ein Altenpflegeheim leiten und lenken zu können? Wie werden mich die Mitarbeiter auf - und auch annehmen? Schließlich fielen mir dann doch meine Augen vor Müdigkeit zu. Anni hatte am darauf folgenden Tag
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Frühdienst im Küchenbereich. Natürlich hatte es sich dort oben schon herumgesprochen, dass der Lorber Franz, der bei der Kreisleitung gewesen ist, als neuer Heimleiter eingesetzt werden sollte. Ob er wohl etwas ver-brochen hatte, war er aus seiner Funktion gefeuert worden? Hinter unserem Rücken wurden wieder einmal die tollsten Gerüchte in die Welt gesetzt. Anni hatte, bevor sie zur Arbeit ging, meine Sachen fein säuberlich über einen Stuhl gehangen. Sogar eine passende Krawatte hatte sie noch oben aufgelegt. Bevor sie ging, legte sie mir noch ihre Arme um den Hals.
         „Du, ich freue mich, dass du bei uns anfängst. Jetzt sind wie jeden Tag zusammen.“
Ich sah ihr noch aus dem Fenster hinterher, wie sie drüben den Berg hochstiefelte, durch den knöcheltiefen Schnee. In den vergangenen neun Jahren mussten wir so viele Entbehrungen und auch Trennungen über uns ergehen lassen. Dieses einjährige Studium in Dresden, jedes Jahr mehrere wochenlange Weiterbildungskurse und Lehrgänge, meine unregelmäßigen Dienste, die manchmal bis spät in die Nächte andauerten. Das alles hatte nun sein Ende gefunden und jetzt hatten wir die Möglichkeit, nicht nur unsere Feierabendstunden regelmäßig gemeinsam nutzen zu können, nein, wir wa-ren sogar jeden Tag zusammen auf einer Arbeitsstelle und wir konnten uns so oft wir es wollten, sehen und natürlich auch miteinander sprechen.
Helmut Zenker, der stellvertretende Abteilungsleiter wollte gegen sieben Uhr bei mir sein. Ziemlich pünktlich hupte er unten mit seinem Dienstfahrzeug, einem alten Wartburg. Ich stieg zu und er griente mich an:
„Na Franz, bist wohl recht aufgeregt?“
„Ach wo. Es hält sich in Grenzen ...“
Oben in der Steilkurve drehten die Räder durch und ich stieg aus, um ein paar Schaufeln Sand unter die Räder zu werfen. Es hatte in dieser Nacht stark zu schneien begonnen und der matschige Schnee auf der steilanstei-genden Dorfstraße behinderte doch mächtig den Straßenverkehr. Helmut Zenker hatte hinten, im Kofferraum eine Schaufel, sowie einen Eimer Sand geladen und während er langsam anfuhr, schob ich seine alte Karre noch einige Meter bergan. Ich winkte ihm zu, dass er weiterfahren sollte, sonst wäre er wohl wieder stecken geblieben. Ganz schön in's Schwitzen war ich geraten. So nahm ich die Schaufel unterm Arm und stiefelte die letzten paar hundert Meter hinauf zu meiner neuen Arbeitsstelle ‚Pflegeheim’. Zenker erwartete mich schon drinnen, an der Bürotüre und unterhielt sich mit Liesel Grumpelt, der leitenden Schwester, die mich schon erwartungsfroh begrüß-te.
         „Ihr zwei kennt euch wohl schon?“, fragte er uns.
         „Ich bin mit der Familie Lorber eng befreundet.“, erwiderte sie beiläufig. Dann zog sie mich hinter sich her und schob mich in einen länglichen Büroraum hinein.
„Das ist dein Büro und hier ..., das ist dein künftiger Schreibtisch. Deine Haushaltsgehilfin, Ilse Schosnig liegt mit einer schweren Grippe zu Hause im
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Bett.“
Einen Blumentopf mit Alpenveilchen und eine Karte, auf welcher ein herz-licher Willkommensgruß geschrieben stand, hatte sie für mich hingestellt. Diese herzliche Begrüßung tat mir außerordentlich gut. Ich wusste gar nicht mehr, wie es war, wenn andere Menschen einem noch eine Freude berei-teten. Diese vergangenen letzten Wochen waren zu einem Martyrium für mich geworden, aber nun sollte ja alles zwar nicht leichter, aber dennoch besser werden. Nachdem ich mich mit meinem zukünftigen Büro ein klein wenig vertraut gemacht hatte, führte uns Liesel, die leitende Schwester durch's Haus. Drinnen in der Küche stand Elfriede Hesse mit hochrotem Kopf vor einem festgemauerten langen, alten Küchenherd. Melanie Pöpperl guckte etwas scheu und neugierig vom Zuputzraum um die Ecke und fing vor Aufregung an, mit ihrer Nase zu schniefen. Dort drinnen hörte ich meine Anni laut lachen. Seit sie in der Küche tätig war, war sie immer gut aufgelegt und guter Laune. Heute an diesem Tag meiner Einstellung als Heimleiter, da war sie ganz besonders aus dem Häuschen. Zwei Heimbewohnerinnen halfen ihr beim Gemüsezuputz. Dann stiegen wir die Treppen hinauf zum Pflege-bereich. Liesel, die leitende Schwester, ohne Berufsabschluss, begleitete uns auch weiterhin durchs Haus. Obwohl sie nie den Beruf einer Kranken-schwester erlernt hatte, so wurde sie doch auf Grund ihrer langjährigen und praktischen Berufserfahrung als Hilfsschwester vom Kreisarzt für diese Funk-tion eingesetzt. Es gab in der damaligen Zeit keine andere Möglichkeit, weil die wenigen Fachkräfte des medizinischen Bereiches nicht bereit gewesen wären, auf dieser untersten Ebene des Sozialdienstes, nämlich in einem Pflegeheim zu arbeiten. Einige Frauen in weißen und grauen Kitteln hasteten eifrig auf den Gängen entlang und verschwanden in den Krankenzimmern. Ein eigenartiger und undefinierbarer Geruch strömte uns entgegen, obwohl wir immer noch draußen, auf dem großen Plateau standen. Als wir den ersten Krankensaal betraten, blieb ich zunächst geschockt in der Tür stehen. Zehn Betten standen dort drinnen auf engstem Raum dicht nebeneinander gereiht. Es war gerade so viel Platz zwischen jedem Bett, dass die Pflegekräfte Mühe hatten, die alten Leutchen versorgen zu können. Es waren sogar einige Betten zusammengestellt und die darin liegenden alten, siechen Menschen waren nur durch ein eingeschobenes Brett voneinander getrennt. Jetzt erst konnte ich das Seelenleben und die Gefühle meiner Frau verstehen und auch begreifen, warum sie in diesem Arbeitsmilieu so stark gelitten hatte.
Dieser eigentümliche, abgestandene Geruch nahm in den Zimmern noch an Intensität zu, obwohl die Fenster geöffnet waren. Ich hatte den Eindruck, der sich später auch bestätigte, dass sich die Decken und Wände mit den ständigen Ausdünstungen der Menschen längst schon vollgesaugt hatten. In den Betten der Schwerstkrankenzimmer lagen menschliche Wracks, gebrech-lich und völlig hilflos, die uns Eindringlinge mit ihren weitgeöffneten und eingefallenen Augen anstarrten. Einige von ihnen lagen völlig apathisch in ihren eisernen Betten, wo längst schon der ehemalige weiße Lack abgegriffen
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war. Einige dieser alten Leutchen schienen uns überhaupt nicht wahrzu-nehmen. Sie starrten zur Decke empor, nestelten unstet und nervös mit ihren knöchernen, abgemagerten Händen an den weißen Bettbezügen herum oder sie versuchten, die eingedrückten Falten glatt zu streichen. Als wir das nächste Zimmer betraten, überholten uns zwei männliche Heimbewohner mit einer Bahre. Soeben hatte wieder ein Sterbender ausgelitten. Ich konnte nicht mit ansehen, wie ein soeben Verstorbener durch die Pflegekräfte versorgt wurde und begab mich mit dem Helmut Zenker und Schwester Liesel hinaus auf den Flur. Dann kamen diese beiden Männer und trugen den Leichnam auf der Bahre schweren Schritts an uns vorüber, hinunter in ein dafür vorge-sehenes Kellergewölbe. Eines wurde mir schon in dieser ersten Stunde klar. Wer hier oben auf Station tätig war, der musste ein ganz großes Herz für diese alten und kranken Menschen besitzen und starke Nerven brauchte man für solch eine harte und aufreibende Tätigkeit außerdem. Das war nicht jeder-manns Sache. Ganz tief in meinem Inneren sagte ich mir:
„Na Junge. Das wird wohl nur eine Übergangssache für dich werden, bis du etwas besseres gefunden hast. Lange wirst du es wohl nicht hier aushalten ...“, raunte ich mir selbst unhörbar zu.
Fast einundzwanzig Jahre waren daraus geworden und ich lernte meine Arbeit lieben und schätzen, sonst hätte ich wohl nicht über zwei Jahrzehnte diese Tätigkeit verrichten können. Im hinteren Bereich, der sogenannten Station II, wohnten und lebten vor allem geistig behinderte Menschen. Armselige Individuen waren darunter, die nicht mehr wussten, was sie mit dem lieben, langen Tag anfangen sollten. Sie saßen in ihren Sesseln oder auf den alten durchgesessenen Sofas, spielten mit ihren Fingern oder rollten mit eigenartigen Bewegungen ihre Körper immer wieder im wiederkehrenden Rhythmus hin und her und gaben mitunter ganz eigenartige unartikulierte Laute von sich, die mich unwillkürlich zusammenzucken ließen. ( Nie hätte ich gedacht oder vermutet, dass viele Jahrzehnte später, meiner lieben Frau durch den Ausbruch der furchtbaren Alzheimerschen Krankheit, das gleiche Schicksal widerfahren sollte, nur mit dem einem Unterschied, dass ich sie bei mir zu Hause pflegen kann.)
Unten, im Kellergeschoss war die Niederdruckheizungsanlage unterge-bracht, die wir noch besichtigen wollten. Ein altes, verkrüppeltes Männchen hing schlafend auf der verrußten Eisentreppe des Kesselofens und eine total verstaubte Deckenlampe leuchtete nur notdürftig diesen Heizungsraum aus.
„Das ist unser alter Gläser Gustav. Er beheizt jeden Tag unseren Ofen. Wir haben keinen Hausmeister mehr. Er hat vor wenigen Wochen gekündigt und hatte auch schon einige Jahre über sein Rentenalter hinaus gearbeitet.“, erklärte uns Liesel Grumpelt die Situation. Vorsichtig, fast behutsam stieß sie ihn an und erschrocken versuchte er aufzuspringen. Jetzt erst konnte man erkennen, dass dieser Mensch am ganzen Körper schwer geschädigt war. Sein rechtes Augenlid hing durch eine frühere Lähmung an der Wange herab und seine beiden Hände waren ebenfalls sehr stark deformiert und verkrüp-
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pelt. Ein großer, einseitiger Buckel verunstaltete zusätzlich noch seinen Körper. Unwillkürlich musste ich an diesem 'Quasie modo' im Film denken, als er oben von der Kathedrale von Notre dame zum Volk hinunterschrie:
         „Warum bin ich nicht aus Stein ...?“ 
Ich reichte diesem alten, entstellten Menschen meine Hand zum Gruße hin, die er hastig und zitternd ergriff und die er gar nicht wieder los lassen wollte. Ein dankbares Lächeln huschte über seinen etwas schiefgeformten, nach einer Seite herabhängendem Mund. ‚Wer weiß’, dachte ich mir, ‚wann dieser einsame Mann, der hier in dieser halbdunklen Heizung seinen schweren Dienst tat, das letzte Mal mit einem Handschlag begrüßt worden war?’
Liesel erklärte ihm, dass ich der neue Heimleiter sei. Erfreut und zustimmend nickte er, ohne etwas zu erwidern.
Dann zum Frühstück, Helmut Zenker hatte sich schon längst wieder aus dem Staube gemacht, kam das kleine Häuflein der Unentwegten in den Personal-speiseraum zusammen. Schwester Liesel stellte mich den Frauen vor. Es waren, bis auf ganz wenige Ausnahmen Kriegerwitwen und Heimatvertrie-bene, die hier Zuflucht, Arbeit und Brot gefunden hatten. Diese kleine Truppe hielt also den gesamten Stations- und Küchenbetrieb zusammen. Unvorstell-bar, dass die wenigen Pflege- und Küchenkräfte siebenundachtzig Heimbe-wohner betreuten und versorgten. Schon am ersten Tage hatte ich das Gefühl, mich vor diesen Frauen ganz tief verneigen zu müssen, die mit soviel Selbstaufgabe und Idealismus hier in diesem Heim Dienst am Menschen taten. Als ich die ersten Worte zu ihnen sprach, stockend, noch tief beein-druckt von dem, was ich dort oben auf beiden Stationen gesehen hatte, mögen viele von ihnen wohl gedacht haben, was wird der wohl verändern können, dieser junge Schnösel, der von nichts Ahnung hat. Diese Frauen sahen in den letzten Jahren so viele Heimleiter kommen und gehen, weil diese mit den fast nicht erträglichen Missständen nicht fertig wurden, so dass sie wohl das Vertrauen verloren hatten und kaum hoffen konnten, dass sich je etwas zu ihren Gunsten ändern würde.
Bevor ich mich intensiv mit den Problemen der Buchhaltung und Haushalts-führung vertraut machen konnte, standen zunächst völlig andersartige Auf-gaben vor mir. Ich musste zunächst einige Handwerker finden, die bereit waren, auf den vereisten Dächern notdürftigste Arbeiten zu verrichten. Wenn das Eis und der Schnee zu tauen begann, dann tropfte das Tauwasser unaufhörlich in die Böden und durch die Decken hindurch, direkt in die Krankenzimmer hinein. Überall standen Schüsseln und Eimer, um diese stetig herabtropfende Nässe aufzufangen und obwohl kaum Platz in den großen Sälen vorhanden war, so wurden doch die Betten hin und hergerückt, damit sie nicht dieser Feuchtigkeit ausgesetzt waren. Ich hatte keine andere Wahl, als für die Handwerker bedeutend mehr Leistungsstunden abzurechnen, damit sich für sie dieser gefahrvolle und riskante Einsatz auf den Dächern lohnte. Mit Seilen ließen sie sich durch die Dachluken hinab, direkt an die lecken Stellen und besserten sie notdürftig aus. Nach etwa einer Woche war
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das Dach einigermaßen ausgebessert. Diese Reparaturen wiederholten sich jedes Jahr im Sommer, weil die gesamte Dachanlage derart porös war, so dass in jedem Winter neue Schäden entstanden.
 
 
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         Am zweiten Februar 1972 verstarb meine liebe Bärenburg-Omi zu Hause in der Wohnung meinen Eltern. Über zwei Jahre war sie bettlägerig gewesen und es gibt wohl nur sehr wenige Töchter und Schwiegersöhne, die sich so aufopferten, wie meine lieben Eltern. Es gab für sie gar keine große Frage. Sie nahmen unsere Bärenburg Omi einfach zu sich und pflegten sie, obwohl meine Mutter selbst durch ihre schwere Zuckerkrankheit außeror-dentlich beeinträchtigt war. Sie opferten sich Tag und Nacht auf, bis unsere Gute für immer einschlief. Ihr letzter Wille war, im Doppelgrab bei ihrem Manne erdbestattet zu werden. Zu allem Unglück kam noch hinzu, dass der Grabmacher von Oberbärenburg selbst schwer erkrankt war und mein Vater fand keinen Ersatz für ihn. Also machte er sich schweren Herzens selbst an die Arbeit, ohne uns etwas davon zu erzählen. Ganz allein, mit einer großen Flasche Korn, machte er sich an diese körperlich und seelisch schwere Arbeit, denn als er die notwendig, angeordnete Grabtiefe erreichte, stieß er auf die Skelettteile und auf den Totenschädel seines eigenen Schwieger-vaters, der am dreiundzwanzigsten Februar 1957 verstorben war und nun schon fünfzehn Jahre in dieser Grabstätte ruhte. Es muss für meinem Vater ein furchtbarer Schock gewesen sein und ich weiß nicht, ob ich ihm bei dieser Grabarbeit behilflich gewesen wäre. Vielleicht am Anfang noch, aber später hätte ich mich ganz bestimmt davon gemacht. Ich hätte es wohl kaum ver-kraften können. Nach vollendeter Arbeit kam er Abends im Dunklen schwer betrunken nach Hause. Anders wäre wohl dieses furchtbare Erlebnis für ihn nicht zu verarbeiten gewesen. Wochen vergingen und unsere Oma lag längst schon unter der Erde, als er uns eines Tages davon erzählte.
 
 
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         Ich hatte mich längst in meine Arbeit oben im Heim eingearbeitet und eingewöhnt. Vom Rat des Kreises konnte ich mit meinen Forderungen keine konkrete Hilfe erwarten. Ihnen waren finanziell die Hände gebunden. Also fuhr ich nach Dresden. Ich hatte mich bei dem Professor Max Seydewitz persön-lich angemeldet, weil ich wusste, dass er als Volkskammerabgeordneter schon vielen Altersheimen und anderen medizinischen Einrichtungen in irgend einer Art und Weise geholfen hatte. Und..., er half! Zweckgebunden für
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das gesamte Dach unseres Heimes wurden Sondermittel bereit gestellt. End-lich, im Jahre 1977 wurde das gesamte Dach rekonstruiert und erneuert. Allerdings nur mit Asbestplatten. Der Turm, der im Jahre 16o8 angebaut worden war, also etwa einhundertfünfzig Jahre jünger war, als der Altbau, wurde unter Denkmalschutz gestellt und mit Blauschieferplatten neu einge-deckt. Welch ein grotesker Widersinn. Aber auch dies war Ausdruck der Mangelwirtschaft in der damaligen DDR. Trotzdem war ich und meine Mannschaft überglücklich, dass unser Haus erhalten werden konnte, denn ein gutes Dach war die Voraussetzung für weitere Innenbaumaßnahmen. Eine Schließung unseres Heimes stand nun nicht mehr zur Diskussion. Ich hatte den Antrag bei der 'Münze Berlin' gestellt, dass die Turmkugel mit Plattgold erneuert werden sollte. Hier hatte ich mich allerdings mit meinem Wunsch-denken zu sehr übernommen und ich musste feststellen, dass es sinnlos war, mit Argumenten des Denkmalschutzes Erfolge zu erreichen. Also wurde die Turmkugel ganz einfach, nur mit Bronzefarbe bestrichen. 
Unmittelbar neben den Krankensälen, im Hinterhof, wo 1973 durch die Firma Richter Schmiedeberg ein massiver Kohlebunker errichtet wurde, stand ein riesiger hölzerner Schweinestall. Das Pflegeheim Naundorf war durch den Rat des Kreises beauflagt worden, die Lebensmittelabfallprodukte für eine eigene Tierzucht zu verwerten. Der erbrachte Ertrag der abgelieferten Schweine, vier bis fünf Stück pro Jahr, wurde dem Staatshaushalt des Rates des Kreises zugeführt, beziehungsweise die Zuschüsse wurden uns um diese einge-brachte Gesamtsumme gekürzt. Die Rattenplage im Hause, hatte durch diese Stallungen derart überhand genommen, so dass ein Abriss, natürlich mit Genehmigung des Rates des Kreises, unumgänglich geworden war. Es war sowieso eine Ungeheuerlichkeit sowie eine Zumutung, Schweinehaltung unmittelbar neben dem Heim durchzuführen. Wenn unsere Küchenfrauen früh ihre Schicht begannen, klatschten sie erst einmal laut in ihre Hände, bevor sie in die Küche hinein gingen. Husch, liefen und sprangen die Ratten oben auf den Heizungsrohren entlang, in ihre frischgegrabenen Wandlöcher hinein und während wir die entstandenen Öffnungen am Tage mit Zement wieder zu-schmierten, entstanden in der nächsten Nacht neue Rattenlöcher und erst, als wir den Stall beseitigt hatten, bekamen wir wieder einigermaßen Ruhe ins Haus. Hinzu kam, dass es damals nur Trockenklos gab und die Senkgruben waren natürlich ebenfalls ein Domizil für diese Wanderrattenplage. Für mich waren all diese neuen Probleme kaum zu überwinden. Zuviel stürzte plötzlich auf mich ein und es war unmöglich, alles auf einmal lösen zu wollen und meine Ungeduld machte mich in der ersten Zeit total unglücklich. Also erar-beitete ich mir einen Entwicklungsplan für die kommenden drei bis vier Jahre und das bedeutete, dass ich mich mit meinem 'Heimleiterdasein' doch schon irgendwie abgefunden hatte, ja, es begann mir mitunter Freude zu bereiten, wenn sich allmählich kleine und dann immer größere Erfolge einstellten. Bisher hatte ich noch nie mit solch komplizierten Aufgaben zu tun gehabt. Auch der Umgang mit den alten Leutchen auf den Stationen bereitete mir in
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der ersten Zeit, in meiner Eingewöhnungsphase unglaubliche Schwierigkei-ten. Ich musste mich schon ganz gehörig überwinden, wenn mir meine Heim-bewohner die Hände entgegenstreckten, um ein gutes Wort von mir zu hören. Das wenige Pflegepersonal hatte gar nicht die Zeit und die Möglichkeit, um sich mit den persönlichen Sorgen und Nöten der alten Menschen eingehend beschäftigen zu können. Ich machte es mir deshalb zu meinem eigenen Vorsatz, mindestens eine Stunde am Tage, oben auf den Stationen zu ver-bringen, indem ich zum Beispiel die Post und die Zeitungen selbst austrug. Dadurch zwang ich mich, mit meinen Schutzbefohlenen ständig Kontakt zu wahren.
 
 
                *
 
                    Am zehnten Februar 1982 ereilte mich ein unerwartet harter Schicksals-schlag. Einer meiner liebsten Menschen, mein Väterchen war unheilbar an einem Krebsleiden erkrankt. Sicherlich hatte diese heimtückische Krankheit viele Jahre in seinem Körper geschlummert und durch eine Virusgrippe er-lahmten seine Widerstandskräfte zusehends und die Metastasen breiteten sich blitzartig in seinem Körper aus. Der Uranbergbau forderte wiederum einen seiner Tribute. Alle seine ehemaligen Kumpels aus seiner damaligen Brigade waren schon an dieser Strahlenkrankheit verstorben. Er hatte früher, als er noch im Uranbergbau tätig war, wie seine Kollegen auch, mitunter über die sowjetischen Bergingenieure gespottet, wenn sie mit ihren Schutzanzügen und Geigerzählern hinunterkamen, alles ausmaßen, ihre Anordnungen erteil-ten, um dann ganz schnell wieder auszufahren. Diese Experten wussten nur zu gut, wie gefährlich diese Radon - und Uranstrahlungen für die Bergleute waren, die dort unten in den Stollen schufteten und mitunter auf den Erzkisten saßen, um ihre Mahlzeiten einzunehmen. Dieser Uranbergbau hatte keinen einzigen von ihnen ausgelassen. Anfang Dezember erkrankte er an dieser Virusgrippe und acht Wochen später verstarb er im Alter von siebzig Jahren. Auch sein Tod, vor allem woran er sterben musste, ist ein Stück vergangene DDR Geschichte. Er wurde feuerbestattet und oben auf dem Oberbärenbur-ger Friedhof beigesetzt. Es war sein Wunsch, dort oben, in mitten der Erzgebirgswälder zur ewigen Ruhe gelegt zu werden. Meine Mutter erholte sich von diesem Verlust nicht wieder. Durch ihre schwere Zuckererkrankung erblindete sie kurz danach und bereits nach einem halben Jahr musste sie im Dippoldiswalder Krankenhaus beinamputiert werden. Das einzige, was ich noch für sie tun konnte, ich nahm sie zu mir ins Heim und sie bekam von mir das einzige Zweibettzimmer. Es war zugleich auch das Schönste, weil dort von zwei Seiten die Sonne hereinschien. Einmal sagte sie zu mir:
          „Weißt du Franzl, ich kann zwar die Sonne nicht mehr sehen, aber ich spüre, wie sie meine Haut streichelt ...“, und während sie diese Worte sprach,
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suchte sie meine Hand und lächelte mich an, mit ihrem gütigen und so duldsamen Gesicht. Immer, wenn es meine Zeit erlaubte, begab ich mich früh zu ihr hinauf und half ihr bei Frühstücken. Als ich am fünften Dezember 1984 früh zu ihr ins Zimmer wollte, kam mir Elke Jäkel, unsere neue leitende Schwester mit geröteten Augen entgegen.
         „Deine Mutter ist so eben eingeschlafen ...“ Ganz behutsam und leise öffnete ich die Tür zu ihrem Zimmer, so, als würde sie mich noch hören können. Ich wollte sie in meinem Unterbewusstsein nicht erschrecken. Da lag sie, meine gute, herzliebste Muttel. Ihre Augen waren noch ganz leicht geöff-net und ich schloss sie für immer. Ich saß etwa eine dreiviertel Stunde an ihrem Bett, hielt ihre kalte, starrgewordene Hand und in meinen Gedanken durchlebte ich noch einmal, wie mit einem Zeitraffer unsere gemeinsamen Jahre. Nun hatte ich sie auch noch verloren. Auch sie war gerade mal sieb-
zig Jahre alt geworden.
 
 
         *
 
 
         Meine Arbeit oben im Pflegeheim Naundorf ging indessen weiter. Ende der achtziger Jahre konnten wir mit Hilfe von finanziellen Sondermitteln und   überwiegend in Eigenleistung eine große Kläranlage errichten. Somit war endlich die Basis geschaffen, um diese Krankheitsherde, nämlich die Trockenklosetts endgültig zu beseitigen. Durch die Produktionsgenossen-schaft Ausbau und Technik, sowie durch den Handwerksbetrieb Lindner Schmiedeberg gelang es uns, diese umfangreichen Rekonstruktionsarbeiten durchzusetzen. Außerdem erhielt jedes Zimmer, inzwischen waren die großen Zehnbettzimmer zu kleineren Räumen - drei bis vier Betten - umgebaut worden, Kalt - und Warmwasseranschluss mit eigenem Wasch-becken. Diese Fortschritte gehörten nun zur selbstverständlichsten Sache in unserem Haus. Ich frage, ohne provozieren zu wollen: Hätte ein Pflegeheim und dessen Personal aus den Altbundesländern jemals solche Strapazen durch jahrelangen Umbau auf sich genommen? Nach der Wende mussten wir uns belehren lassen, wie in einer Pflegeeinrichtung gearbeitet werden müsste. Unsere Pflegekräfte hatten die Möglichkeit erhalten, sich in zwei bis dreijährigen Weiterbildungskursen den Facharbeiter für Krankenpflege anzueignen. Sieben Pflegerinnen und zwei Krankenschwestern wurden durch die Betriebsakademie des Kreises ausgebildet und qualifiziert. Doch nach der 'Wende' wurden unseren Krankenpflegerinnen ihre harterarbeiteten Berufsab-schlüsse aberkannt und sie wurden wieder zu Hilfsarbeitern degradiert und dementsprechend bedeutend niedriger entlohnt.
Noch einmal möchte ich meinen Blick zurückschweifen lassen, in die ver-gangenen Jahre. Im Jahre 1985 wurde mein Kollektiv des Pflegeheimes
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Naundorf für seine aufopferungsvolle Arbeit, als eine der besten Sozial-einrichtungen des Bezirkes Dresden mit dem Orden “Banner der Arbeit Stufe III “ ausgezeichnet. 
Als ich damals dieses Pflegeheim übernommen hatte, mit all seiner Baufäl-ligkeit, kurz vor seiner Schließung und mit diesem erbärmlich, akuten Arbeitskräftemangel, da wollte ich nur eine kurze Zeitspanne dort oben bleiben, doch bereits Mitte der achtziger Jahre gab es bei uns keinen Arbeits-kräftemangel mehr. Alle Planstellen waren voll besetzt. Es hatte sich herum-gesprochen, dass in diesem Haus ein neuer Geist eingezogen war und vor allem die Jugend unserer ländlichen Umgegend fühlte sich angezogen, von dem, was sich in diesem ehemaligem alten Rittergut ständig veränderte. Mit Hochachtung sprach man nun von unserem Pflegeheim Naundorf. Auf Kreis - und auch auf Bezirksebene wurde ich gebeten, meine Erfahrungen mit Hilfe von Vorträgen darzulegen. In den Heimen Lauenstein, Seifersdorf und auch Sadisdorf half ich jahrelang, weil dort immer wieder die Heimleiter wechselten und ich gestehe es gern und ohne Überheblichkeit, diese Hochachtung, die man mir nun zollte, übrigens auch notgedrungen vom ' Roten Haus', es war für mich außerordentlich wohltuend. Das ehemals verrufene Siechenheim Naundorf war zu einer geachteten Sozialeinrichtung geworden, trotz dieser veralteten Bausubstanz. Für mich als Heimleiter war die Wirkungsstätte 'Pflegeheim' zu einem echten Lebensinhalt geworden. Man solle nun nicht glauben, dass sich dies alles im Selbstlauf entwickelt hätte. Wenn es um meine alten Leutchen ging, ein knallharter Hund konnte ich dann werden. Härteste Auseinandersetzungen mit den Behörden des Rates des Kreises, bis zum Rat des Bezirkes bedurfte es, um immer wieder finanzielle Sondermittel sowie Baukapazitäten zu erstreiten. Mein Kreisarzt, Medizinalrat Doktor Hellmund, der vor wenigen Jahren verstorben ist und dessen Grab ebenfalls auf dem Oberbärenburger Friedhof zu finden ist, hatte in all diesen Kämpfen sein Versprechen eingelöst. Immer stand er mir zur Seite, wenn ich mit meinen Ideen zu ihm kam, um unser Haus noch besser zu entwickeln und zu gestalten. Ich habe ihm zu Ehren ein Gedicht gewidmet. Auch in unserer Einrichtung selbst gab es sehr harte Streitgespräche und Auseinander-setzungen mit jenen Mitarbeitern, die ihre Arbeit am alten, kranken Men-schen zu einer abgeflachten Routinearbeit werden ließen. Natürlich war es nicht einfach, immer nett und freundlich mit den Heimbewohnern umzugehen, denn viele von ihnen wurden durch ihre chronischen Erkrankungen und Schmerzen, mitunter auch durch ihre geistige Verwirrtheit querulantisch und fast unerträglich. Wir mussten uns sogar von einzelnen Mitarbeitern trennen, deren körperliche und nervliche Substanz in den vielen Jahren ihrer Pflegearbeit erschöpft und aufgebraucht war. Wenn ich diesem Kapitel den Titel „ Das Haus der tausend Seelen“ widme, so hat das natürlich eine tiefe emotionale Bedeutung für mich. Auch darüber muss ich schreiben, weil das ständige, fast alltägliche Sterben im Pflegeheim Naundorf ein Teil unseres Lebens geworden war. Es gab eine durchschnittliche jährliche Sterbensrate
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von etwa fünfunddreißig bis vierzig Menschen. Nicht umsonst werden heute noch die Pflegeheime als die letzten Stationen des menschlichen Lebens bezeichnet. Ich glaube mich noch gut daran erinnern zu können, als ich vor vielen Jahren die Lebensgeschichte von Wolfgang Amadeus Mozart las, wie er, kurz bevor er als fünfunddreißigjähriger elendig dahinsiechte, im Jahre 1791 niederschrieb: „Der Tod ist mit Sicherheit der beste Freund des Menschen.“ Damals verstand ich seine Worte überhaupt nicht und ich schüttelte in meinem jugendlichen Unverständnis den Kopf über solch einen geschriebenen Unsinn. Doch nun, wenn ich täglich durch die Krankensäle hindurchging, an den Betten stehen blieb und erkennen musste, wie sich diese alten, gebrechlichen Leutchen mitunter quälten, bis sie der Sen-senmann, der Gevatter Tod in seine erlösenden Arme nahm und sie von ihren weltlichen Schmerzen und Qualen für immer befreite - ich glaube, hier wuchs mein Verständnis für Mozarts damaligen Worte und ich begriff, dass das Leben von Anbeginn unserer Geburt bis hin zu unserem letzten Stündlein, eine unwiderrufliche Daseinsform in sich bürgt. Ich kann für mich persönlich in Anspruch nehmen - obwohl ich nie religiös und christlich erzogen worden bin - bei vielen, vielen Menschen, die mir ans Herz gewach-sen waren, saß ich am Bett, wenn sie leise oder manchmal auch laut schreiend vor Schmerzen, von uns gingen. Hans Falladas verfilmte Erzähl-ung: „Jeder stirbt für sich allein ...“ fiel mir mitunter ein, wenn mein Blick auf diese weitgeöffneten Münder der Dahinröchelnden fiel und keiner, auch ich, konnte ihnen trotz aller Anteilnahme helfen, ihren allerletzten Weg etwas leichter zu gehen.
1992, kurz vor meinem Arbeitsende, schrieb ich für die vielen alten Men-schen folgendes Gedicht:
 
           Ein alter Mensch.....
 
           Ackerland im Gesicht,
                    zerfurcht die Stirn -
           eine Lebensgeschichte in den Falten
                    des Mundes.              
 
           Zitternde Hände,
           die noch versuchen,
           die Bettdecke glatt zu streichen.
 
           Fragende Augen
          an Vorübergehende:
                   „Wie lange noch
           werde ich sein?“
 
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        Und die Nächte,
           die oft so endlosen
           rinnen dahin,
           traumlos ...
 
           Jedes gesprochene Wort
           ist Liebkosung.
           Jede freundliche Geste,
           einer Umarmung gleich.
 
           Die Augen deuten noch:
          „Seid gut zu mir,
           ich bin’s doch wert.“
  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Man möge unsere damaligen Lebensformen und -inhalte aus heutiger Sicht belächeln oder gar beschimpfen. Unser Kampf um den Staatstitel: „Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“ war für uns nicht schlechthin zu einem politischen Schlagwort geworden. Es beinhaltete vor allem das Motiv: „Behandle die alten Menschen so, wie auch du einst im Alter behandelt werden möchtest.“ Man hätte es auch schlicht und einfach Gemeinschaftsarbeit zum Wohle unserer Heimbewohner nennen können. Dieses Gemeinwesen, welches sich ganz langsam und zart in den vielen Arbeitsjahren entwickelt hatte, schuf eine für heutige Begriffe unvorstellbare Kameradschaft zueinander, sowie eine Vertrauensgrundlage zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Nicht nur die tägliche Pflichterfüllung, sondern auch unvergessliche gemeinsame Tagesreisen, Ausflüge, Veranstaltungen, Hobbyschauen waren immer wieder besondere Erlebnisse für uns, die uns den notwendigen Ausgleich zu unserer Arbeit brachten. Diese jährlichen Einzel - oder Kollektivauszeichnungen als Bestarbeiter, Aktivist oder als besonders gutes Kollektiv, ließen die Krieger-witwen, die Heimatvertriebenen und Ausgebombten und später dann auch die jüngeren Arbeitskräfte mit ihren inneren Persönlichkeitswerten wachsen. Einst, als Pflegeheimmitarbeiter auf die unterste Stufe des gesellschaftlichen Lebens dahingestellt, war ihr Selbstwertgefühl irgendwie stärker geworden. Stolz erfüllte unsere Mitarbeiter, im Pflegeheim Naundorf tätig sein zu dürfen. Gar nicht aufhören möchte ich, aus jener Zeit zu berichten. Ja und dann kam die Wende über uns, mit all ihren Vor - und Nachteilen und sie ging natürlich auch an uns nicht vorüber. Das Schlimmste, was mir persönlich in der Nach-wendezeit widerfahren konnte, war, dass sich mein Bruder Manfred am fünf-undzwanzigsten Februar 1992 als Siebenundvierzigjähriger das Leben nahm. Als Stabsfähnrich der NVA war er zwar durch die Bundeswehr übernommen worden, jedoch er wurde zum Feldwebel degradiert und ein halbes Jahr vor seiner Pensionierung sollte er entlassen werden. Hinzu kamen unlösbare familiäre Konflikte, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Dies alles hatte mein Bruder Manfred nicht mehr verkraften können. Kurz vor seinem Tode kam er noch einmal auf Besuch zu uns und wir merkten, wie zerstört und lebensmüde er geworden war. In seinem ehemaligem Büro der Militär-akademie zu Dresden, fand man ihn ... Er hatte sich erhängt. Auch er liegt nun dort oben auf den Friedhof zu Oberbärenburg, unmittelbar über den Soldatengräbern des zweiten Weltkrieges und ein einfaches Holzkreuz ziert sein Grab. Viel zu früh ist er aus unserer Welt dahingeschieden. Aber das Leben kennt keine Gnade und kein Erbarmen. Ich glaube, jedem Menschen ist irgendwie sein Schicksalsweg vorgeschrieben und es gibt für keinem von uns weder ein Ausweichen, noch irgendein Entrinnen. Wie auf einer unsicht-baren Einbahnstraße steuern wir alle unserem Ziele zu. Dem einem ist bis ins hohe Alter viel Glück und Freude beschieden, während dem anderen mehr Leid als Freude begegnet und jene, die zu schwach sind, um sich mit Nie-derschlägen abfinden zu können, sie werden daran zerbrechen und zu Grunde gehen.
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            *
 
         Im gleichem Jahr, es war im Juni 1992, da meldete sich mein Abteilungsleiter Herr Großmann zu einem Besuch an. Doktor Hellmund, unserer ehemaliger Kreisarzt war längst schon von seinem Dienst suspendiert worden und unser Pflegeheim sollte aus dem öffentlichem Dienst ausge-gliedert werden und in den Besitz einer neu gegründeten GmbH mit dem vielversprechendem Namen „Pro Civitate“ übergehen. Eine Gruppe von Leu-ten, sogenannter 'Unternehmensberater' von drüben, hatten in diesen 'hinterwäldlichen neuen Bundesländern' eine neue und äußerst profitable Marktlücke für sich entdeckt und diese Marktlücke hieß: „Pflege - und Altersheime.“ Herr Großmann erschien mit unserem zukünftigen neuen Chef. Wenn ich mich noch richtig entsinne, war sein Haupt - oder Stammsitz drü-ben in Bochum. Nachdem mich mein Abteilungsleiter vorgestellt hatte, mit den Worten:
„Das ist unser Kollege Lorber, seit fast einundzwanzig Jahre hier oben als Heimleiter im Dienst ...,“ da erlebte ich diese unerhörte Arroganz und Borniertheit eines altbundesrepublikanischen, man möge es mir verzeihen, Wichtigtuers, oder Emporkömmlings. Dieser etwa vierzigjährige Mensch war nicht einmal dazu imstande, seine rechte Hand aus der Hosentasche zu ziehen, um meine ihm dargebotenen Hand als Begrüßung entgegen zu neh-men. Unwillkürlich musste ich zurückdenken, an die Zeit des roten Sumpfes damals, als mein Wirtschaftssekretär mir den letzten Handschlag verweigerte. Sollte ich wieder so etwas ähnliches über mich kommen lassen müssen? Wahrscheinlich hatte sich dieser 'Neue' längst schon über meine vergangene politische Funktionärstätigkeit erkundigt und solch einen „Polit. - Verbrecher“ konnte man natürlich nicht die Hand zum Gruße reichen. Für mich bedeutete diese Geste, dass von seiner Seite keinerlei Interesse an einer künftigen Zusammenarbeit signalisiert wurde. Spontan bat ich meinen Abteilungsleiter um eine ganz kurze Unterredung, die er mir auch etwas abseits gewährte und ich informierte ihn darüber, dass ich sofort nach Dippoldiswalde, zum Landrat fahren würde, um meinen Aufhebungsvertrag zu beantragen. Erschrocken   und bestürzt sah er mir hinterher. Ein spontaner und impulsiver Hitzkopf war ich immer schon gewesen in meinem Leben. Ich wendete mich kurzent-schlossen ab, ließ diese beiden Herren stehen und fuhr mit einem unvor-stellbarem Zorn im Bauch, nach vorheriger telephonischer Anmeldung, nach Dippoldiswalde zum Herrn Landrat Greif persönlich, der mich nach einer kurzen Wartezeit empfing. Ich hatte das außerordentliche Glück im Unglück, dass der Bundestag zu jener Zeit ein Gesetz des Altersübergangsgeldes für ältere Werktätige ab fünfundfünfzig Jahre beschlossen hatte. Es sollte wohl die auf uns zu kommende riesige Arbeitslosigkeitswelle etwas abschwächen und mildern. In diesem Gespräch bat ich ihn um einen Aufhebungsvertrag,
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nachdem ich ihm diese beleidigende Art und Weise der Begrüßung dargelegt hatte. Zu meinem Erstaunen hatte er vollstes Verständnis für meine Reaktion, ließ einen Aufhebungsvertrag mit sofortiger Wirkung aushändigen. Mit diesem, meinem Aufhebungsvertrag in der Tasche begab ich mich wieder hinauf zu meiner nun 'ehemaligen' Arbeitsstätte und bevor ich unten ins Büro ging, informierte ich zuerst meine Frau von dieser so plötzlichen Ent-scheidung. Unglücklich und völlig entgeistert schlug sie ihre Hände über den Kopf zusammen und stand weinend vor mir.
         „Mach dir doch bitte keine Sorgen um mich. Ich bekomme ein sehr gutes Altersübergangsgeld. Finanziell werden wir ganz bestimmt keine Sor-gen haben ...“ 
„Ach, du verstehst überhaupt nicht, worum es mir geht. Über zwanzig Jahre haben wir hier oben zusammengearbeitet und jetzt lässt du mich allein und ich bin ich hier oben ohne dich. Ein jeder Tag mit dir zusammen, war doch für uns wie ein Geschenk. Das hast du doch immer gesagt.“ 
          „Komm’ Anni. Mache es mir doch nicht so schwer. Du tust ja so, als ob wir uns trennen würden. Ich schaffe dich doch jeden Tag auf Arbeit und hole dich auch wieder ab. Die vier Stunden am Tage wirst du doch auch ohne mich auskommen, oder?“ Versuchte ich sie ein klein wenig zu trösten und aufzumuntern. Erst viel später begriff ich, dass ihr Seelenleben durch meine Entscheidung einen tiefen Einschnitt erlitten hatte. 
Anschließend begab ich mich noch einmal hinauf zu meinen Pflegestati-onen. Ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde und dann ging ich durch sämtliche Zimmer, drückte vielen meiner dreiundsechzig Heimbe-wohnern zum Abschied die Hand und auch mit meinen Arbeitskollegen, von denen wohl die meisten ebenfalls geschockt und entsetzt waren, gab es noch einen letzten Händedruck und mitunter auch eine Umarmung. Natürlich hatte ich nicht nur Freunde dort oben. Es mag auch einige unter ihnen gegeben haben, die nun schadenfroh auf ihren ehemaligen Boss herabguckten. Ja und dann stieg ich langsam die Treppen hinunter und begab ich mich hinein, ins Büro. Ich drückte diesem besagten Herrn, der immer noch im Büro saß und scheinbar auf mich wartete, meinen Aufhebungsvertrag in die Hand und als er mich fragte, was mich zu dieser Entscheidung bewogen hätte, erwiderte ich ihm kurz und knapp:
               „Das Wort Stolz ist ihnen wohl nicht geläufig ?“
Dann packte ich meinen persönlichen Kram zusammen und verließ das Haus, für immer...
 
 
 
 
 
 
 
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       Abschied vom Arbeitsleben ...
 
Der letzte Tag – ist wie ein Atemstocken.
Ich schau' noch mal, was ich ersehen kann.
Die Kehle ist wie zugeschnürt und trocken
und mich umfasst ein unfassbarer Bann.
 
Hinausgeschleudert aus dem Arbeitsraum.
Jahrzehnte sind dahin, sie sind gewesen -
und hinter mir liegt vieles wie im Traum,
ein gutes Buch, in welchem ich gelesen.
 
Ein jedes Wort erhält so viel Gewicht
und jede Geste ist wie „Fernerücken“.
Ein Händedruck, ein Blick noch ins Gesicht
         und noch ein Blick und noch ein Händedrücken.
 
Dann, hinter mir, die Tür geht leise zu.
         Da hilft kein Grollen und kein leises Grämen.
Ich wollt' ja selbst die ungewollte Ruh',
         der Tränen brauche ich mich nicht zu schämen.
 
         Jahrzehnte gab es Freude, manchmal Streit.
Es war ein ständig „auf und nieder“
und so verging zu kurz die lange Zeit.
         Nun ist's vorbei und nichts davon kommt wieder.
 
Wie Irrsinn jagt es durch mein wildes Herz.
Von meinem Fühlen lasse ich mich treiben.
         Verteilt ist Freude mit dem Wehmutsschmerz.
         Fort möcht' ich geh'n und möchte gern noch bleiben.
 
         Auch schreien möcht' ich, doch ich bleibe stumm.
So vieles möcht' ich mit mir nehmen.
Nun gehe ich und dreh' mich nicht mehr um,
was in mir bleibt, ist unerfülltes Sehnen.
 
            
 
 
 
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Meine Wege, auf denen ich gegangen bin...
 
Die endlos lange Straße,
sie mündet plötzlich in einer Sackgasse.
Da steh' ich nun vor einer Mauer,
riesenhoch und unüberwindlich.
 
Zu Ende ist mein Wandern,
dieses rastlose.
Wunde Füße habe ich mir geholt,
in all' den Jahren ...
 
Bergauf, talabwärts
und Asphaltstraßen, heiß von der Sonne.
Voll Staub dann wieder -
so wechselten sie ständig,
meine Schritte.
 
Seitengassen, im Halbdunkel
und manchmal,
erleuchtete Alleen ...
 
Jeder Schritt – ein Jahr.
Jede Wanderung – ein Jahrzehnt.
Immer müder wurde ich.
 
Plötzlich scheint sie zu Ende zu sein,
diese so lang gezogene Einbahnstraße.
Stehen bleib' ich,
noch nicht müde genug.
 
Lasst mich weitergehen,
noch ein Stückchen ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
169
 
 
 
Rentner-
          dasein ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Vorwort
 
 
 
             Lasst mich noch einmal kurz zurückblicken, auf die verflossenen zwei Jahrzehnte. Im Januar 1972 begann ich damals als Siebenunddreißigjähriger dort oben, im Pflegeheim Naundorf meine Arbeit und nun, nach fast einund-zwanzig Jahren, am dreißigsten Juni 1992 beendete ich jäh und spontan meine Heimleitertätigkeit und sieben Wochen später feierte ich meinen acht-undfünfzigsten Geburtstag. Warum ich versuche, die vergangenen Jahre so akribisch festzuhalten? Es ist meine unerklärbare Frage:
          „Wo sind sie hin, all meine Jahre? Sie sind dahingeflossen, wie ein plätscherndes Bächlein und mit jedem Jahr hat sich dieses 'Dahinplätschern' umgewandelt, in einen schnell dahinfließenden Fluss, der immer mehr, unauf-haltsam zu einem reißendem Strom geworden war und ich musste feststellen, ohne etwas dagegen tun zu können, je älter man wird, desto rascher fliegen die Jahre dahin und rinnen wie trockener Sand durch die Hände. Die Sanduhr des Lebens lässt sich nicht aufhalten. Mein Herbst war so schnell über mich gekommen und er hat mir die Kraft meines reifenden Sommers genommen. Ich hätte noch gut und gerne fünf bis sieben Jahre meine Arbeit dort oben fortsetzen können. Allerdings unter anderen Bedingungen. Aber, es hatte wohl nicht sollen sein ...
Nun war ich also ein noch ziemlich junger Vorruheständler mit Altersüber-gangsgeld. Ein Vorrentner sozusagen. Ob es mich glücklich und zufrieden gemacht hat, dieses Nichtstun? Ich qualifizierte mich gezwungenermaßen immer mehr zu einem 'Hausmann'. Solange Anni, meine Frau noch dort oben tätig war, merkte ich erst einmal, was sie nach ihrer beruflichen Tätigkeit täglich im Haushalt zusätzlich leistete.
Bereits ein Jahr nach meinem Ausscheiden, wurde auch meiner Frau gekün-digt, weil sie wegen eines Ischiasleidens vorübergehend arbeitsunfähig gewe-sen war. 'Betriebsbedingte Kündigung' nennt man heut' zu Tage wohl solch ein Vorgehen. Ich bin davon überzeugt, es war als bittere Revanche ange-dacht, für mein damaliges selbstständiges Ausscheiden. Dreißig Jahre war sie dort oben im Küchenbereich tätig gewesen und nun - ohne jegliche Verabschiedung, ohne einen Pfennig Abfindung und natürlich auch ohne ein anteiliges Weihnachtsgeld musste sie gehen. Obwohl sie doch neun Monate in diesem Jahr gearbeitet hatte, wurde sie von den gleichen „Herren“ vor die Türe gesetzt. Oh Ja! Diese Herren bundesdeutscher Unternehmensberater, wie sie sich wohl schimpfen, schrieben ein kleines Stück „Ostgeschichte“, allerdings auf ihre Art. Meiner Frau fiel sicherlich der Abschied von ihrer Arbeit noch viel schwerer, als mir im vorigem Jahr. Aber warum schreibe ich so speziell über unseren Fall? Erging es damals nicht Hunderttausenden anderen Menschen ebenso wie uns? Hat nicht diese „Treuhand“ Tausende
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und Abertausende Betriebe brutal 'abgewickelt', ohne überhaupt den Versuch zu unternehmen, den tiefen Fall der betroffenen Menschen aufzufangen? So Viele von ihnen fielen in ein dunkles Loch und fanden nie mehr aus ihm heraus. Seelische Erkrankungen, Suizide, Abstieg in die Alkohol – und Drogenszene, ja sogar ins Verbrechermilieu gerieten viele von ihnen. Doch die Zeit wird eines Tages auch dieses Ungemach wegwischen. Unsere Kinder werden sich vielleicht noch zurückerinnern an diese unrühmliche Zeit, doch unsere Enkel werden es längst vergessen haben. 
'Mein' Haus der „Tausend Seelen“ wurde einige Jahre später geschlossen. In Schmiedeberg wurde eine neue, bessere Sozialeinrichtung erbaut. Ein - und Zweibettzimmer mit wunderbar modern eingerichteten Nasszellen werden nun den alten Leutchen geboten. Aber unseren Geist und unsere Ideale hatte man wohl dort oben liegen gelassen und vergessen.
          Wenn sich der Wind in den klapprigen Asbestdachziegeln dort oben im Dach verfängt, wenn die Stürme um die Ecken der alten Gemäuer heulen und pfeifen, dann ist mir, als würden unsere „Tausend Seelen“ ihre Ge-schichten erzählen wollen. Längst schon hat auch die Turmuhr aufgehört zu schlagen und an manchen Tagen gehe ich mit meiner Frau hinauf nach Obernaundorf, auf dem Wege, wo wir vor über vierzig Jahren an jedem Baume stehen blieben, um unsere heißen Küsse auszutauschen, vorbei an unserer ehemaligen Wohnung in Pastels Bauernhaus und vorbei am ehema-ligem Rittergut. Dann bleibe ich mit ihr dort stehen, vor diesem altehrwür-digen Gebäude, in welchem wir trotz des Leides der vielen alten Menschen auch ein bisschen glücklich sein durften und ein klein wenig Wehmut befällt mich immer noch, obwohl es nun schon viele Jahre her ist, seit ich damals viel zu früh in den sogenannten Vorruhestand gegangen worden bin, denn eines wusste ich mit Bestimmtheit. Wäre ich diesen konsequenten Weg nicht selbst gegangen, diese Herren hätten mich mit aller Wahrscheinlichkeit eines Tages hinausgeworfen, weil ich mich mit all meinen Kräften gewehrt hätte, gegen diese neue erbarmungslos und ungerechte Welt ...                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     
                                                                                                     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Mein Herbst....
 
 
Die wilden Jahre sind vorbei.
Vorübergezogen sind sie,
wie Gewitterwolken am düsteren Himmel,
vermischt mit einigen Sonnenstrahlen.
 
Der Hagel prasselte mir ins Gesicht, viele Male –
und meine Lippen presste ich aufeinander,
um den Schmerz besser ertragen zu können.
Immer, immer wieder.
 
Doch manchmal verbrannte ich mir die Haut
von wohltuender Wärme der Streicheleinheiten
und doch so selten ...
 
Ein Wirr Warr wechselnder Gefühle –
immer stark nach außen
und doch auch oft,
schwach im Inneren.
 
Jetzt sind sie vorüber,
meine wilden Jahre
und Ruhe zieht ein.
So zeitig,
all zu große Ruhe ...
 
Vielleicht werde ich mich sehnen,
nach den Gewittergüssen
der vergangenen Jahre?
 
Mich fröstelt.
Herbst ist's geworden.
Endloses Blätterfallen im Wind,
dem rauen ...         
 
 
 
 
 
 
 
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          Nun, nach dem dreißigsten September 1993, da auch meine Frau für immer zu Hause ist, fühle ich mich wohler. Aber mit ihr stimmt irgend etwas nicht. Sie ist so eigentümlich ruhig, so nachsinnend geworden und ihre Fröhlichkeit, ihr klingendes Lachen, ich höre es nur noch selten. Jetzt, wo wir uns die Zeit einteilen können, wandern wir sehr viel durch das Osterzgebirge. Mein Hobby, Mineralien sammeln wird immer mehr zu einer Leidenschaft und auch Anni kann sich daran begeistern, wenn sie mit mir gemeinsam auf 'Steinsuche' geht. So oft wie möglich besuchen wir unsere beiden Kinder und Enkelkinder in Reichenau, sowie in Rehefeld und wir fahren nun jedes Jahr regelmäßig in den Urlaub.
„Nun machen wir es uns so richtig gemütlich und genießen unser junges Rentnerdasein.“, war unsere Devise geworden. Mit Freunden waren wir im vorigen Jahr in der Bayrischen Rhön und zuvor in Tirol gewesen. Der Trom-peter auf dem Königssee und vor allem sein widerhallendes Echo von den Bergen ringsumher, ließ uns wohlig erschauern. Von oben betrachtete uns der 'Watzmann' und Berchtesgaden ist sowieso eine Reise wert. Meine Anni ließ nichts aus. Sie hatte viel mehr Mut als ich. Mit Gerhard Beutel flog sie oben von der Wasserkuppe, das ist ein Trainingsgelände für Sport – und Segelflugzeuge in der Bayrischen Rhön, mit solch einem Sportflugzeug hoch in die Lüfte. Renate und ich, wir schauten ihnen hinterher und wir waren heilfroh, als sie wieder bei uns landeten. Wir fuhren in den wunderschönen Schwarzwald und in die Lüneburger Heide. Ein Stadtbummel durch Hamburg und auf der Reeperbahn begeisterte mich grenzenlos. Hier also hatte Hans Albers seine Seemannslieder gesungen und das Wachsfigurenkabinett - man muss es ganz einfach gesehen haben. Doch am schönsten war wohl unsere große Reise nach Griechenland und natürlich auch der Flug. Es war zwar nicht das erste Mal, dass wir flogen, aber dieser Wolkentraum ergriff mich auf sonderbare Weise. Und dann waren wir auf Heraklion gelandet. Acht Tage lang durften wir dieser wunderschönen griechischen Insel Kreta einen Besuch abstatten und sie kennen lernen. In der Ägäis baden zu können, war für uns so reizvoll und entzückend, so dass wir die meisten unserer Tages-ausflüge einfach links liegen ließen und stundenlang am Strand entlang wanderten, um ab und zu in die Fluten einzutauchen. Wie kleine Kinder tollten wir im Wasser umher und unser Urlaubsglück kannte keine Grenzen. Bei unseren Strandwanderungen entdeckten wir eine der schönsten Strand-oasen von Kreta, das Urlauberparadies Gouves. Eine Vielzahl von unter-schiedlichsten Palmenarten wuchsen dort und meterhohe Mittagsblumen-gesträuche, Pistazienbäume, riesige Kakteenstauden sowie viele andere botanische Seltenheiten konnten wir dort erblicken und versetzten uns immer wieder in Erstaunen. Begeistert waren wir auch von diesen unendlich langen Olivenhainen, die sich über die ganze Insel hinzogen. Die Tagesreise zur Hochgebirgsgruppe Levka Ori, sowie zu den Hochebenen mit ihren vielen geheimnisvollen Höhlen ließen wir uns natürlich auch nicht entgehen.
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Während wir die steilen Berge und Schluchten mühsam durchwanderten, dachte ich zurück an unsere herrlichen Urlaube am Schwarzen Meer und im Kaukasus, weil sich doch beide Gebirge in vielem so ähnlich sind. Müde und zerschlagen kehrten wir am späten Abend wieder in unser Hotel zurück. Am vorletztem Tage durchwanderte ich mit meiner Frau noch den Palast von Knossos und in Gedanken sah ich dort auf dem Königsstuhl immer noch den alten Sagenkönig Minos sitzen.   
         Eine gar lustige Begebenheit fällt mir noch ein. Jeden Tag, wenn wir am Strand waren, besuchten wir ein deutsches Ehepaar, welches dort unten eine Strandgaststätte besaß. Eines Tages kamen sie an unseren Tisch und erzählten uns, dass andere deutsche Gäste mich mit Ernst Mosch, dem berühmten Egerländer Blasmusikanten verwechselt hätten. Als wir wieder einmal unser Eis mit Kaffee schlürften, kamen sie zaghaft an unserem Tisch und baten mich um ein Autogramm. Natürlich konnten sie eines von mir bekommen und ich schrieb groß und deutlich meinen Namen 'Franz Lorber' auf ihre Ansichtskarte. Verdutzt guckten sie auf meine Unterschrift und dann stimmten wir alle in ein frohes und ausgelassenes Gelächter ein.  
         „Auch wenn sie nicht der Ernst Mosch sind. Trotzdem möchten wir sie heute Abend zu einem Fläschchen Wein einladen.“
Gern folgten wir dieser Einladung und es wurde ein sehr schöner stim-mungsvoller Abend. Als schließlich die Stimmung auf ihrem Höhepunkt war, fragte ich den Wirt, ob er nicht irgendwo eine Gitarre hätte. Rasch brachte er eine herbei und ich war wieder einmal so richtig in meinem Element. Viele Gäste hatten sich um unseren Tisch versammelt und sie sangen und summten mit mir gemeinsam meine Lieder, die sich weit hinaus übers Meer schwangen. Viel zu rasch waren für uns diese erlebnisreichen Tage zur Vergangenheit geworden und wir reisten mit einer alten, schrottreifen Fähre hinüber nach Santorini. Schon von Weitem konnten wir die kühne und mutige Bau - und Lebensweise der Menschen auf dieser Vulkaninsel bewundern. Ganz weit oben, an den steilsten Abhängen, die Hunderte Meter tief ins Meer abfielen, haben die Menschen ihre Häuser mitten in die erstarrten Lavafelsen hineingebaut und wenn man vom ägäischem Meer aus, diese Insel bewun-derte und bestaunte, dann sah man die vielen weißen Häuser mit ihren blauen Dächern, wie sie aus dem grauen Lavagestein hervorlugten. Als wir diese wunderschöne Vulkaninsel betraten, gab es dafür nur einen einzigen Namen: „Märchen aus tausend und einer Nacht.“ Mit kleinen Booten fuhren wir hinüber auf die schwarzen Vulkaninseln. Im Gegensatz zu den anderen grauen Felsen ragen sie pechschwarz aus dem Meer heraus und mitten drin liegt ein riesig großer Krater. Nach weiteren sechs Tagen fuhren wir wieder mit einer Fähre hinüber auf das Festland. Von weitem winkte uns schon der Hafen von Piräus zu und ich musste unwillkürlich an das Lied von Lale Andersen und Nana Muscuri denken:
         „Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen ...“ Es ist schon ein
seltsames Gefühl, wenn man diesen Hafen, den man nur vom Lied her kann-
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te, so unmittelbar zu sehen bekommt und dann - Athen, diese altehrwürdige, sagenumwobene Stadt. Wir wanderten gleich am ersten Tage empor ins Reich der Akropolis. Der darauf folgende Tag war ein Tag der Bestürzung und der Angst, die mich zutiefst erschütterte. Man könnte dafür den Spruch: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, benutzen. Wir hatten uns schon ausgehbereit gemacht und ich wollte noch einmal kurz die Toilette auf-suchen. Als ich in unser Zimmer zurückkam, war Anni, meine Frau spurlos verschwunden. Ich lief durchs Hotel, suchte sie in sämtlichen Etagen und Aufzügen. Unten, am Hotelausgang fragte ich schließlich den Portier, ob er sie etwa gesehen hätte. Nach einer kurzen Personenbeschreibung bejahte er meine Frage.
         „Frau mit weißen Haaren, dort hinunter gegangen.“, sprach er in ge-brochenem Deutsch und deutete die Richtung an, in der sie gegangen sein sollte. Ich rannte die Straße entlang. Wo sollte ich sie wohl suchen? Sie war doch noch nie allein irgend wo hin gegangen. Im ersten Moment hatte ich an eine Entführung gedacht. Einige Touristen aus meiner Gruppe, die ich auf der Straße traf, hatten meine Frau ebenfalls gesehen und sie begannen nun, mit mir gemeinsam die Suche. Nach über eine Stunde sah ich sie von weitem. Sie stand an einer Kreuzung von achtspurigen Straßen und konnte sie glücklicherweise nicht überqueren. Ich hastete auf sie zu und als sie mich erblickte, begann sie zu zittern und zu beben.
         „Du warst plötzlich weg und ich habe dich überall in Athen gesucht ...“, stieß sie erregt hervor. Ich nahm sie in meine Arme und versuchte sie zu beruhigen. Ich merkte doch, dass irgend etwas Seltsames in ihr vorging.
         „Du kannst mich doch nicht allein lassen, mitten in dieser großen ,fremden Stadt!“
„Aber Anni, ich war doch nur kurz auf der Toilette. Komm, lass uns wieder zurückgehen, ins Hotel.“
Glücklich war ich, weil ich sie endlich wiedergefunden hatte. Ich konnte mir einfach nicht erklären, weshalb sie solch einen Fremdenschock erlitt. Die letzten beiden Tage ließ ich sie nicht mehr aus den Augen und wenn ich einmal auf die Toilette musste, schloss ich unser Zimmer ab und nahm den Schlüssel an mich. Nichts war ihr mehr anzumerken, dass sie solch eine Panik durchlebt hatte. Alles war scheinbar wieder in bester Ordnung und es wurde ein wunderschöner 'Nach Hause Flug', bei strahlend blauem Himmel. Unseren Spätsommerurlaub nach Spanien sagte ich jedoch ab und wir fuh-ren mit unseren Nachbarn in die Lüneburger Heide. Ein Urlaub in Deutsch-land war mich sicherer und eigentümlicherweise begannen auch dort wieder diese seltsamen 'Weglaufeffekte' und mir wurde allmählich klar, dass irgend etwas seltsames, unerklärbares in ihr vorgehen musste, dessen ich mir noch nicht richtig bewusst war. Später dann, zu Hause stellte ich fest, dass sie ihren Haushalt vernachlässigte und nicht mehr richtig beherrschte, sie ließ einige Male die Geldbörse liegen, kaufte beim Fleischer für das Wochenende ein und ließ dann den Einkaufskorb im Laden stehen. An einem Sonntag Vor-
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mittag kochte sie die Klöße und hatte das Fleisch noch gar nicht angebraten. Mit unserem Hausarzt Doktor Preusche konsultierte ich mich und er riet mir zur einer kostenaufwendigen Sauerstofftherapie. Seine erste Diagnose: Wahrscheinlich Durchblutungsstörungen des Gehirns. Die Neurologin Frau Doktor Schuster, er hatte uns dorthin, als er nicht weiter wusste, überwiesen, behandelte meine Frau etwa ein halbes Jahr lang, mit verschiedenen Medikamenten. In einem Gespräch äußerste sie ihren Verdacht: Beginn einer Demenz vom Alzheimer Typ und sie überwies meine Frau in die Fachklinik für Psychiatrie, Sankt Marien Krankenhaus Dresden. Inzwischen war Annis Muttel, die nun schon seit einigen Jahren bei uns im Haus wohnte, sehr schwer erkrankt. Sie war bereits an beiden Hüften operiert und ihr bekamen auch beide Implantate verhältnismäßig gut. Doch dann musste sie sich einer Knieimplantation unterziehen und seit dieser Zeit begann ihr Niedergang und schmerzvoller Leidensweg. Sie war nicht mehr gehfähig und gemeinsam mit dem Pflegedienst versorgte ich sie Tag und Nacht mit Schwester Monikas Pflegedienst. Es war eine äußerst schwere Zeit für mich. Fast jeden Tag fuhr ich hinein nach Dresden, um meine Frau im Krankenhaus zu besuchen und anschließend, wenn ich nach Hause kam, versorgte ich noch meine Schwiegermutter. Immer häufiger rief sie mich nun des Nachts an, weil sie unter sich gemacht hatte, oder Schmerzmittel benötigte. Mein Glück im Unglück war, dass ich damals während meiner anfänglichen Heimleiterzeit öfters Nachtdienst am Krankenbett verrichten musste. Durch den akuten Arbeitskräftemangel blieb mir gar nichts anderes übrig, als zum Beispiel auch zusätzlich Nachtdienste zu leisten und erst, als ich eine gewisse Renate Czech einstellen konnte, wurde es für mich und für das Heim selbst besser. Aber diese praktischen Erfahrungen halfen mir, jetzt in dieser Situ-ation, meiner hilfspflegerischen Verantwortung gerechter zu werden. Meiner Anni indessen gefiel es in diesem Krankenhaus immer besser. Sie lernte dort sogar einen Patienten kennen und ich glaube, sie war sogar ein bisschen verliebt in ihn. Wenn ich ehrlich sein soll, es tat mir schon sehr weh, aber inzwischen hatte ich auch von den Fachärzten des Krankenhauses erfahren, dass sich mit aller Wahrscheinlichkeit die Verdachtsdiagnose von Frau Doktor Schuster bestätigt hatte.
„Sie müssen sich auf einen langen Leidensweg mit ihrer Frau gefasst machen. Für diese Erkrankung gibt es gegenwärtig noch keine Heilungs-chancen.“, erklärte man mir offen und ohne Umschweife. In einem ausführ-lichem Gespräch bereitete mich die Chefärztin darauf vor, wie im allgemeinen der Verlauf solch einer Erkrankung vor sich gehen würde. Als ich an diesem Nachmittag mit dem Autobus wieder nach Hause fuhr, ich schäme mich nicht, es zu beschreiben, da heulte ich vor mich hin. Eine tiefe, endlose Traurigkeit und Wehmut hatte mich erfasst. Zu Hause angekommen versorgte ich noch meine Schwiegermutter, aber ich verschwieg ihr vorläufig noch die Krankheit ihrer Tochter. Dann endlich, nach sieben Wochen konnte ich mein Mädchen wieder abholen. Sie war sogar ein bisschen traurig, als sie das Krankenhaus
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verlassen sollte. Umso glücklicher war ich, dass ich sie endlich wieder bei mir hatte. Ihr Zustand, ihre Vergesslichkeit und vor allem ihre Unbeholfenheit im Haushalt nahm immer mehr zu. Inzwischen hatte ich für sie eine Arbeits-unfähigkeitsrente beantragt, die jedoch schon vor ihrem Krankenhausauf-enthalt, ab ersten Oktober 1994 genehmigt worden war. Der Zustand meiner Schwiegermutter verschlechtere sich ebenfalls immer mehr und ich merkte, wie sehr meine Frau beim Anblick ihrer Mutter seelisch zu leiden hatte. Ach, wie bat ich meine Schwiegermutter, ihrer Tochter zu Liebe in ein Pflegeheim zu gehen, weil es sich für meine Anni so sehr zum Nachteil auswirkte und auch mir selbst wurde diese Pflege immer mehr zu viel. Nachts sprang ich oftmals aus dem Bett und hörte das Telephon klingeln. Ich rannte die Treppen hinunter und wenn ich in ihre Wohnung hineinkam, da schlief sie ruhig. Mein Nervenkostüm hatte sich schon so sehr darauf eingestellt, weil mich jede Nacht dieses 'Phantomtelephongeläute' aus dem Schlaf emporriss. Am achtzehnten Juni 1997 musste sie ins Dippoldiswalder Krankenhaus. Ein Knochenfraß im Knie hatte sie zu einer körperlich und geistigen Ruine werden lassen. Als Anni und ich sie am zwanzigsten Juni besuchten, erkannte sie uns nicht mehr. Ihre Hände waren schon ganz blau angelaufen. Sie lag fast sitzend im Bett und ihr röchelnder Atem zeigte mir, dass es zu mit ihr Ende ging. Mit weitaufgerissenen Augen starrte Anni auf ihr sterbendes Mütterchen und ich zog sie langsam und behutsam aus dem Krankenzimmer, so schwer es mir auch fiel. Ich wollte nicht, dass sie noch länger diesen schrecklichen Todeskampf, diese Agonie ihrer Mutter miterleben und ertragen musste.    Nun liegt sie auf dem Reichenauer Friedhof und unsere Tochter Evelyn versorgt in Liebe zu ihrer Omi das Grab. Was mich außerordentlich betroffen gemacht hat, dass Anni weder während des Anblickes ihrer sterbenden Mutter, noch bei der Beisetzung selbst, eine Träne vergießen konnte. Sie biss sich ihre Lippen wund und war nicht in der Lage, ihren Seelenschmerz hinauszuschreien.
 
                                    *
 
 
         Es wird wohl im Leben einer Familie kaum etwas geben, was das Leben derart verändert, wenn ein Familienmitglied, noch dazu die eigene Frau und die Mutter ihrer Kinder, geistig so sehr und unheilbar erkrankt, so dass ihre Persönlichkeit immer mehr zu Grunde geht. Der Gedächtnis-schwund und ihre Orientierungslosigkeit nahm immer rascher zu, als ich es vermutet hatte. An einen Urlaub war nun längst nicht mehr zu denken und in ein Pflegeheim wollte ich sie auf gar keinem Fall geben. Auch nicht für vierzehn Tage, denn was wäre dies wohl für ein Urlaub für mich gewesen, wissend, dass irgendwo in einem Heim meine Frau dahindarbt. Im Laufe der Zeit stellten sich Inkontinenz-probleme ein. Solange sie noch ihrer Sprache
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mächtig war, konnte sie ihren Harn - oder Stuhldrang noch einigermaßen anzeigen oder zumindest andeuten. Sie konnte mir auch noch mitteilen, wenn es bereits zu spät war und sie unter sich gemacht hatte. Dann jedoch begann diese grausame Sprachverödung. Ihr Sprachzentrum im Gehirn begann immer mehr auszusetzen und zu versagen. Sie verwechselte die Worte, wiederholte sich ständig mit ihren Äußerungen und brachte schließ-lich kaum noch einen Satz vollständig zustande und schließlich verstummte sie immer mehr, bis sie fast stumm geworden war. Längst hatte sie aufgehört, zu lesen oder in einer Zeitung zu blättern. Post und Telephon-anrufe erweckten bei ihr kein Interesse mehr.
Oh, wie verfluchte ich Gott und die Welt. Was hatte ich denn verbrochen, dass wir beide derart abgestraft werden mussten? ‚Warum gerade wir?’, stellte ich mir immer wieder die Frage und wenn ich andere ältere Ehepaare sah, wie sie Hand in Hand und miteinander plaudernd spazieren gingen, wie neidvoll blickte ich hinter ihnen her. Ach, es ist so unsagbar schwer, wenn der eigene Partner immer mehr zu einem unbeholfenen, hilflosen Menschen wird.    
         Was sollte ich wohl tun? Sollte ich meine Kinder in diese körperlich und seelisch so schwere und aufwendige Krankenpflege einbeziehen? Oder sollte ich sie außerhalb dieser Problemzone lassen? Ich brachte es nie fertig, sie zu bitten oder gar zu fordern: „Kommt. Nehmt mir doch einmal einen halben Tag Euere Muttel ab, damit ich ab und zu für ein paar Stunden frei sein kann, um auch einmal abschalten zu können.“   
Es mag unglaublich klingen. Ich habe seit nahezu dreizehn Jahren keinen einzigen freien Tag für mich in Anspruch nehmen können. Nein, nein! Das soll kein Vorwurf sein gegen meine Kinder. Wenn sie nicht von selbst darauf kommen, dass auch meine Kraft eines Tages zu Ende sein wird, ich kann sie nicht dazu auffordern. Meiner Frau gegenüber kenne ich weder ein Ekel-gefühl, noch irgend eine Abneigung, wenn ich sie säubern und reinigen muss. Mitunter kommt es vor, dass sie bei überfallartigen Durchfällen sich am ganzem Körper mit ihrem Stuhl beschmutzt. Auch will sie mir mitunter dabei helfen, sich zu reinigen und das macht alles nur noch viel schlimmer. Dann kommt es schon vor, dass ich sie anschreie und ihr ein paar auf die Hände klapse, damit sie merkt, was sie nicht tun darf. Nun hat sie inzwischen die höchste Pflegestufe III erreicht.
1999 im August bekam ich plötzlich eine Nierenkolik. Mein Hausarzt und auch mein Urologe befanden sich beide in Urlaub. Selbst in Dresden konnte mich wegen Überlastung kein Facharzt kurzfristig behandeln. Nach endlosem Herumtelephonieren hatte ich endlich im Stadtkrankenhaus Pirna Erfolg, allerdings mit dem Ergebnis: Sofortige stationäre Einweisung wegen eines vermutlichen Nierenstaus. Als die Diagnose feststand, fuhr ich trotz meiner Schmerzen wieder nach Hause und ich rief meine Tochter Evelyn an. Glücklicherweise war im Pflegeheim Pro Civitate Schmiedeberg ein Bett frei und ich konnte einigermaßen beruhigt zurück ins Krankenhaus fahren. Am dritten Tag hatte sich der Nierengrieß gelöst und ich konnte auf eigenen
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Wunsch wieder nach Hause. Glücklich holte ich meine Frau wieder zu mir, doch bereits zwei Tage später brach ich zusammen. Ein Bandscheiben-vorfall, hatte mich vollständig bewegungsunfähig gemacht. Wieder mussten meine Kinder ihre Mutter ins Pflegeheim schaffen. Nach acht Wochen war mein Leiden durch intensive Therapien und Medikamentenbehandlungen so gut wie beseitigt und ich holte sie ganz schnell wieder zu mir nach Hause. Sobald ich ein paar Schritte laufen konnte, humpelte ich jeden Tag zweimal nach Schmiedeberg, um sie im Heim zu besuchen und wie schrie sie freudig auf, als sie mich nach etwa vier bis fünf Wochen wieder das erste Mal sah. Es waren keine Freudenschreie, wie sie jeder andere Mensch von sich gibt, ihre Freudenausbrüche waren so undefinierbar, so dass ich, als ich diese Laute das erste Mal hörte, zusammenzuckte und erschrak. Doch sehr bald gewöhnte ich mich auch daran. Doch auch dieses so selten gewordene Lachen ist so still und leise geworden, so dass ich es kaum noch wahr-nehmen kann. Dann stellte ich bei ihr eines Tages ganz hellen, schleimigen Stuhl und dunkelbraunen Urin fest. Einen Tag später musste sie ins Kranken-haus Dippoldiswalde eingewiesen werden. Gallenverschluss und Bauchspei-cheldrüsenentzündung. Zwei Tage zuvor waren wir noch in Reichenau, um unsere zwei hübschen Urenkelchen zu besuchen. Zwillingsmädchen Kim und Lea. Meine Frau, die frischgebackene Urgroßmutter nahm diese zwei Babys gar nicht mehr richtig zur Kenntnis. Sie schlief ermattet auf dem Sofa unseres Enkelsohnes Silvio ein und ich erahnte schon, dass etwas Schlimmes auf sie zukam. Fast drei Wochen hing sie am Tropf und man hatte ihr durch sehr schlechte Pflege des Genitalbereiches eine schreckliche Windeldermatitis zugefügt. Nach Normalisierung ihrer Gallen - und Bauchspeicheldrüsenwerte nahm ich sie wieder heim zu mir. Das erste Mal, seit ich sie pflegte, musste ich den Pflegedienst in Anspruch nehmen, weil diese Wundpflege, mehrere Male täglich fachkundig durchgeführt werden musste. Dazu war ich allein nicht in der Lage. Nach weiteren acht Wochen hatten wir auch diese schlimme Sache gemeinsam in den Griff bekommen. Auch die dadurch entstandene Pilzinfektion war wieder weitgehend abgeklungen.
Meine Frau hat ein ganz großes Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Zuwendung. Jeden Tag, wenn es das Wetter erlaubt, gehe ich mit ihr etwa eine Stunde spazieren. Sie krallt und klammert sich in meine Hand, als hätte sie Angst, mich zu verlieren. Manchmal lacht sie schrill auf, wenn ein Auto an uns vorüber fährt und wenn sie auf der Straße einen Kinderwagen sieht, dann drängt sie hin und ist kaum aufzuhalten. Ein seltsames freundliches Lächeln huscht über ihr Gesicht, wenn sie ein kleines Baby sieht. Besonders freut sie sich, wenn uns die Rehefelder Kinder und Enkel besuchen kommen und sie unsere kleinste Enkeltochter, unsere Anna zu sehen bekommt. Ich habe ihr beigebracht, nach vielen langen Versuchen, den Namen „Anna“ auszuspre-chen. Mitunter gelingt es ihr, zwar ganz leise, aber trotzdem noch ziem-lich deutlich. Dann merke ich, wie sie sich selbst darüber freut. Es ist kein bloßes Mitleid, das ich für sie empfinde. Es ist immer noch meine große, ein-
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malige Liebe und tiefste Zuneigung für sie. Ihre Augen sind immer noch so schön, wie ehemals und sie kann so gütig dreinschauen, wenn ich gut zu ihr bin. Doch dieses strahlende Leuchten von innen heraus, es ist längst erloschen. Lange, lange schon ist in mir jedes Gefühl einer Sexualität abgestorben. Ich habe dieses Gefühl keinesfalls unterdrücken müssen. Es war einfach nicht mehr da und aus meinem Körper entwichen. Warum soll man als älterer Mensch nicht auch darüber schreiben dürfen? Es gehört doch zu unserem Leben, diese Sehnsucht nach dem Ehepartner. Wir sind heute noch sehr zärtlich miteinander, jedoch auf unsere Art. Oft sitze ich neben ihr, wenn wir gemeinsam Fernsehen. Dann greift sie nach meiner Hand und beginnt sie zu streicheln. Sie lehnt sich an meine Schulter und ein zufrie-denes leises, fast möchte ich sagen, Schnurren, gibt sie von sich, wie ein kleines, zufriedenes Kätzchen. Auch Nachts, wenn sie munter wird, streicht sie mir manchmal über mein Gesicht und ich wache auf   davon. Dreimal stehe ich jede Nacht auf und bringe sie hin zur Toilette, damit sie Urin lassen kann. Ich bin schon so darauf eingestellt, weil ich fast auf die Minute erwache. Seit meines Bandscheibenvorfalls damals vor drei Jahren, nehme ich nun Essen auf Rädern. Das ist eine große Entlastung und Erleichterung für mich. Was mir sehr, sehr fehlt, sind die Zusammenkünfte mit meinen Kindern und ehemaligen Freunden. An Geburtstagen und anderen Festlich-keiten können wir nicht mehr teilnehmen. Erstens wegen dieser akuten und völlig unvorhersehbaren Durchfallsgefahr und oftmals hat sie auch derartige starke Schluckbeschwerden während des Essens, so dass ich sie wegen Erstickungsgefahr schon mehrere Male mit dem Notdienst ins Krankenhaus schaffen lassen musste. Lieber ist es mir, wenn wir mit unseren Kindern einige Tage später, wenn wir allein für uns sind, bei Kuchen und Kaffee für ein Stündchen 'nachfeiern' können. Diesen Tumult mit vielen Gästen, ich ertrage ihn nicht mehr. Ach, wenn ich zurückdenke an die früheren Zeiten, jede Gesellschaft unterhielt ich mit meinen Witzen und Zoten und ich stand meistens im Mittelpunkt dieser Lustbarkeiten. Mein Akkordeon sowie mein Keyboard verschenkte ich vor einigen Jahren an meinen Neffen. Ich habe mir geschworen, nie wieder in meinem Leben Hausmusik zu machen, obwohl ich doch so gern musizierte und sang. Ich bin dazu einfach nicht mehr in der Lage. Ich glaube, es würde mir die Kehle zuschnüren. Abends nach einund-zwanzig Uhr bringe ich sie zu Bett. Mitunter, wenn sie nicht zur Ruhe kommt, setze ich mich an den Bettrand und singe leise ein Kinderliedchen, dann wird sie ruhig und schläft ein. Mir ist, als wäre sie mein Kind geworden. Dann beginnt meine kleine Schaffenszeit. Ich habe mir in den letzten Jahren eine umfangreiche Mineraliensammlung zugelegt. Als mein Vatel vor zwanzig Jahren starb, fanden wir oben auf dem Boden eine Kiste mit Mineralien und Erzen aller Art. Er hatte sie damals bei der Wismut eigenhändig aus dem Bergwerk herausgeholt. Meine Brüder hatten daran kein Interesse und wollten das Gestein, wie sie es nannten auf die Halde werfen. Ich lagerte diese Kiste bei mir auf dem Boden ein und eines Tages erweckte mein Inter-
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Interesse dafür. Mineralien und Fossilien ist nun eines meiner großen Hobbys geworden. Außerdem habe ich mehrere Jahre an meiner umfang-reichen autobiographischen Erzählung, „Verwehte Spuren“ sowie „Geschichten vom Jungsein und Älterwerden“, geschrieben. Meine Gedichts-anthologie: “Regenbogen“ ist ebenfalls vollendet. Sie beinhaltet in Versform, was ich als Erzählung über mein Leben aufgezeichnet habe. Ein verinner-lichter Zwang treibt mich ständig an und es ist für mich zugleich wie eine Waage, die mir den nötigen Ausgleich in meinem sicher nicht einfachen Leben bringt. Auf der einen Seite die schwere Erkrankung meine Frau, die mich manchmal fast zu Boden zwingt und auf der anderen Seite meine zwei Hobbys, die mich wieder ein klein wenig emporschwingen lassen. An meine Einsamkeit, an all diese Entbehrungen, längst habe ich mich schon daran gewöhnt und es tut auch nicht mehr so sehr weh, wie in den ersten Jahren. Wie sagte doch einmal Berthold Brecht? „Es gibt neben dir immer noch einen Einsameren, wie dich selbst ...“ Ich denke viel darüber nach, über unser bisheriges Leben und wie sie verflogen sind, meine Jahrzehnte. Sie sind wohl ein Spiegelbild meines Regenbogens geworden. Meine erste Kindheit in Graupen, unbeschwert und glücklich. Dann diese brutale Vertreibung aus unserer Heimat, sowie die hungernden aber durchaus abenteuerlichen Nachkriegsjahre dort oben in Waldbärenburg. Meine Lehrzeit und drei Jahre Kasernierte Volkspolizei. Wie war ich glücklich, als ich dann mein Traummädchen nach vielen Irrungen und Wirrungen kennen lernte. Später dann, „Der rote Sumpf“, in welchem ich hineingeriet und schließlich mein „Haus der tausend Seelen“. Mein Rentnerdasein hatte ich mir natürlich ganz anders vorgestellt. Sorgenloser und vor allem viel freier wollte ich es mit meiner Frau genießen.
„Es war schön mit Dir, mein Mädchen - diese Vierjahrzehnte mit dir gemein-sam und ... wenn ich die Wahl hätte, ich würde dich immer wieder darum bitten, mit mir durch's Leben zu gehen. Es ist schon gut, dass in all diesen vielen Jahrzehnten, unsere Ehe solch einen Bestand hatte und es ist wohl das Wertvollste, dass wir zwei unser 'Älterwerden' trotz deines schweren Leidens in tiefster Zuneigung und Liebe, so würdevoll, über uns ergehen lassen dürfen.“
So lasst mich meinen zweiten Band meiner autobiographischen Erzählung mit dem Wunsch beenden, dass es uns vergönnt sein möge, am neunten August 2008 unsere Goldene Hochzeit ganz ruhig und besinnlich mit unseren beiden Kindern begehen zu können.                              
 
 
 
 
 
 
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Unsere Goldene
 
Ach, uns're Zeit, sie ist dahingegangen.
Sie ist verstrichen und mit jedem Jahr,
hat sie ein Stückchen von uns eingefangen.
         Sie hat nicht viel gelassen, von dem, was war....
 
Mir ist nicht so, als wollte ich heut' singen.
Viel eher möcht' ich weinen heute Nacht.
Es ist in mir ein seltsam leises Schwingen,
weil an so Vieles ich hab' heut' gedacht.
 
Ach, unsre Zeit, sie ist so rasch verstrichen,
und nichts ist mehr, wie es vor Jahren war.
         Die Zeit ist glanzlos und schon fast verblichen,
         so grau, wie auch dein längst ergrautes Haar.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
                                                                                              
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Das kleine Täfelchen in uns ...
 
Da trägt wohl jedes Neugeborene,
unmittelbar nach seiner Geburt,
in sich ...,
         dieses leere, noch unbeschriebene Täfelchen,
welches wir heute Buch nennen.
 
***
 
Erster Eintrag: „Siegesschrei – ich bin!“
 
Das größte Glück,
eine vorgegebene Zeitspanne
dabei sein zu dürfen,
in diesem, unserem Weltendasein ...
 
Und je intensiver wir es nutzen,
desto fülliger
werden die Seiten unseres Buches.
 
Tristes Dahinleben
birgt die Gefahr in sich,
dass es nur zu einem ganz kleinen,
winzigen Heftchen reichen könnte.
 
Wohl dem, der es vermag,
         sein gelebtes Täfelchen, eben dieses Büchlein
nicht nur für sich selbst zu verinnerlichen,
sondern es zu öffnen,
für seine Nachkommenschaft ...
 
                  ***
 
         „Seht her!“, werden sie vielleicht einst sagen:
         „So hat er gelebt, unser Ahn!“
 
 
 
 
 
 
 
 
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        W i d m u n g
 
 
 
                     Ich widme meine dreiteilige Autobiographie
                             „Verwehte Spuren“
          „Geschichten vom Jungsein und Älterwerden“,
                  sowie meine Anthologie „Regenbogen“
                    meinen Kindern Evelyn und Udo,
                  meinen Enkelkindern Silvio, Susann,
                       Christina, Luisa und Anna
      sowie
                              meinen Urenkelchen
         Kim, Lea und Justin und Laureen
                           und all jenen,
                die noch kommen mögen ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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