Geschichten und Gedichte von Franz Lorber

Märchenstunde

Brauner Bär und weiße Taube ...

In der weiten Prärie Nordamerikas, dort, wo die Siouxindianer leben und die Bisons in riesigen, großen Herden durch das weite Grasland ziehen, da saß Abend für Abend ein Indianermädchen vor dem Wigwam ihrer Eltern und schaute versonnen in den Sternenhimmel hinein. Ihre Eltern hatten ihr den Namen ‘Weiße Taube’ gegeben. ‘Weiße Taube’ hatte kürzlich im Halbschlaf einen Traum erlebt, den sie nun nicht mehr vergessen wollte und der immer und immer wieder Einlass begehrte in ihrem kleinen Köpfchen. Ein junger Bursche, der Sohn des Häuptlings vom Nachbarstamm, sein Name war ‘Brauner Bär’, spukte seit geraumer Zeit in ihrem Kopf und immer, wenn sie Zeit hatte, dann träumte sie von ihm. Ihr allergrößter Traumwunsch war es, dass sie sich mit dem Häuptlingssohn ‘Brauner Bär’ verwandeln könnte. Am liebsten wäre es ihr, wenn sie zwei wunderbare Wildpferde werden könnten. Dann würden sie beide durch die weite Prärie dahingaloppieren, bis in den weiten Himmel hinein. Sie würde mit ihm bis in den Mond hineinfliegen, um dann wieder in das tiefe, blaue Meer einzutauchen. Alles auf dieser Welt möchte sie mit ihm gemeinsam erkundschaften. Nichts anderes würde sie interessieren. Ihre Mutter, die manchmal ihr Töchterchen beobachtete, schüttelte ihren Kopf und sie dachte still bei sich: „Was soll nur aus diesem Mädchen werden? Für nichts hat sie Interesse. Stundenlang starrt sie den Mond an und lächelt dabei so sonderbar.“ Als sie mit ihrem Mann darüber sprach, lächelte auch er und meinte: „UnserTöchterchen wird allmählich erwachsen. Sie wird wohl nach einem Manne Sehnsucht haben. Wir sollten ihr wohl bald einen jungen Häuptling aussuchen.” Bei den Indianerstämmen war es noch üblich, dass die Eltern ihren künftigen Schwiegersohn selbst aussuchten. ‘Weiße Taube’ wollte natürlich von den Heiratsplänen ihrer Eltern nichts wissen. Für sie kam nur einer in Frage und das war ihr ‘Brauner Bär’. Einmal hatte sie von weitem gesehen, wie er am Abend heimkehrte von der Jagd und er glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Es war, als sei er vom Sonnenlicht durchflutet und am liebsten wäre sie mit offenen Armen zu ihm hingerannt und hätte ihm ihre große, unendliche Liebe und Sehnsucht gestanden. Aber da er zu weit von ihr entfernt war und weil sie auch nicht den Mut besaß, einfach hinzugehen und zu sagen: ”Brauner Bär! Ich liebe dich. Willst du, dass ich deine Frau werde?” So blieb sie weiterhin einsam und stumm und flehte an den Abenden, wenn der Mond erwachte, Manitu, den großen Urvater aller Indianer an, dass er ihr helfen möge, ihren Wunsch endlich zu erfüllen. Viele Abende saß sie traurig und vergeblich dort draußen vor dem elterlichen Zelt, doch nichts geschah. Dann jedoch, der Mond begann so eigenartig zu glänzen und die hereinbrechende Nacht erstrahlte in einem silbernen Licht. Es war, als würde ein großes Wetterleuchten über die unendlich weite Prärie hinwegziehen und Manitu erschien dort oben am Himmelszelt. Sein weißes Haar umloderte sein Gesicht. Mit einem langen, wallenden Bart sah er aus, wie ein eingerahmtes Bildnis und in seiner linken Hand, die sich dem Indianermädchen entgegenstreckte, lag der gute, alte Silbermond. “Was willst du von mir?”, fragte er die weiße Taube. Seine Stimme klang dunkel und seine Worte hallten durch die Nacht. “Ach, Manitu. Urvater aller Indianer. Kannst du mich nicht glücklich machen? Ich liebe den braunen Bär so sehr, aber meine Eltern wollen mich einem anderen Manne zur Frau geben. Lieber möchte ich sterben. Am liebsten wäre es mir, wenn du uns verwandeln könntest, in zwei Wildpferde, die tun und lassen können, was sie wollen und die nicht eingezwängt sind, im Willen anderer Menschen.” Manitu schaute der weißen Taube sehr, sehr ernst in die Augen und dann erwiderte er leise: “Wenn dies wirklich dein Wunsch ist, dann will ich ihn dir erfüllen, aber du sollst wissen, es wird kein Zurück mehr geben, in die Welt der Indianer. Für immer und ewig müsstet ihr als Pferde durch die weite, endlose Prärie streifen. Ihr werdet immer zwei Pferde bleiben.” Hastig nickte weiße Taube. “Ja! Ich will!”, erwiderte sie glücklich. Manitu strich mit seiner rechten Hand langsam über den Mond hinweg, murmelte ein paar leise Worte, die wie das ferne Rauschen des Windes ertönten und dann mit einem Male verwandelte sich weiße Taube in einen wunderbaren Schimmel. Der Mond, der sich wieder oben am Himmel eingefunden hatte, lächelte ihr zu und der große Manitu war ganz plötzlich verschwunden. Nichts deutete noch darauf hin, dass er dem Indianermädchen ‘Weiße Taube’ erschienen war. Nachtfalter umschwirrten sie, als sie dahingaloppierte, in die weiten Ebenen der Prärie. “Brauner Bär! Hörst du mich? Wo bist du?”, wieherte sie laut und fragend. ‘Weiße Taube’ jedoch bekam keine Antwort und so entschloss sie sich, weiter durch die Prärie zu ziehen, um ihren braunen Bär zu suchen. Manitu hatte ihr doch versprochen, ihren Indianertraummann ebenfalls in ein Wildpferd zu verwandeln. Wochenlang zog sie dahin und ganz sehr traurig war sie schon geworden. Doch dann, eines Tages war die Prärie zu Ende und ‘Weiße Taube’ kam in ein fremdes Land. Eine riesengroße Brücke stand unmittelbar vor ihr und unter dieser Brücke stürzte ein Wasserfall in die Tiefe hinab. Sie war direkt an ein großes Meer gekommen und als sie in das tiefblaue Wasser hineinblickte, da sah sie überall flinke Delphine und viele Fische dahinschwimmen. “Hallo, ihr lieben Meerestiere!”, begrüßte sie die Fische und Delphine. “Habt ihr nicht zufällig meinen ‘Braunen Bär’ gesehen? Er hat ein ganz dunkelbraunes Fell und ist ebenso ein Wildpferd, wie ich!” Die Fischlein und Delphine im Wasser begannen zu sprudeln und zu lachen. “Na, da guck dort hinüber zum Meeresstrand. Dort steht dein ‘Brauner Bär’. Er sucht dich auch schon überall.” Als ‘Weiße Taube’ dort hinüberspähte, da sah sie ihrenTraummann, wie er sich angeregt mit einigen Delphinen unterhielt. Auch er war durch die weite, weite Prärie dahingewandert, um sein Glück zu suchen und nun, da das Land zu Ende war, fragte er ebenfalls überall, ob denn niemand dieses wunderbare, weiße Wildpferdchen gesehen hätte. Die Delphine sprangen nun vergnügt hoch und riefen, wie aus einem Munde: “Dort ist es doch, dein weißes Pferdchen!” So kam es, dass sich die beiden verwandelten Wildpferde, die eigentlich zwei junge Indianer gewesen waren, endlich zueinander fanden. Seit dieser Zeit kam es ihnen vor, als würden sie hoch in den Wolken schweben. Ganz schnell trabte ‘Brauner Bär’ hin zu seinem Schimmelmädchen. Seit jener Zeit sind die beiden Wildpferde ’Weiße Taube’ und ‘Brauner Bär’ unzertrennlich geworden. Sie brauchen sich nicht mehr zu fürchten, dass irgend jemand sie aus ihrer Zweisamkeit auseinanderreissen könnte und wenn sie zusammen durch die Prärie streifen, und wenn in den sternenklaren Nächten der Wind über sie hinwegstreicht, dann könnte man meinen, dass diese beiden irgendwo am Himmelszelt entlangtraben würden. Vielleicht sind es aber nur ein paar vereinzelte Wölkchen dort oben, die ihnen ein bisschen ähnlich sind. Die Indianereltern von ‘WeißerTaube’ ,sie schauen an den Abenden oftmals hinauf, betrachten die sonderbaren Pferdewolkenbilder und der alte Häuptling, der seine Pfeife raucht und kleine Tabakswölkchen in die Luft pafft, schüttelt sein greises Haupt und flüstert weise vor sich hin:

“Manitu hat unsere ‘Weiße Taube’ und den ‘Braunen Bär’ zu sich gerufen, weil sie dort oben wahrscheinlich glücklicher sind, als bei uns auf Erden ...”

So traben die beiden heute noch durch die weiten Ebenen der Prärie und manchmal, wenn sie in den Wolken schweben, dann betrachten sie von dort oben den Erdball und die Menschen blicken andächtig und staunend zu ihnen hinauf ...

Tschotschi, das Wolfsmädchen ...

Es soll wohl mehr als Hundert Jahre zurückliegen, als eines Nachts ein Wolfsrudel in ein Indianerdorf eindrang. Es war ein sehr, sehr strenger Winter geworden, der Schnee lag weit über einen Meter hoch und den Wölfen blieb keine andere Wahl, als ihr Futter bei den Menschen zu suchen. Während das Wolfsrudel alles Fressbare in sich hineinschlang, schlich eine alte Wölfin in ein Wigwam, erblickte einen kleinen Säugling und stahl ihn. Ihr letztes eigenes Junges war vor wenigen Tagen erfroren. So kam es, dass das kleine Mädchen von der Wölfin gesäugt und aufgezogen wurde. Es lebte einige Jahre im Wolfsrudel. Als die Jäger eines Stammes der Delawaren dieses besagte Wolfsrudel umkreist und erlegt hatten, da entdeckten sie dieses kleine verwahrloste Indianermädchen. Sie nahmen es mit, lernten ihm allmählich ihre Sprache zu sprechen, lernten ihm, wie es aufrecht gehen musste, denn bis zu diesem Zeitpunkt, kroch es auf Händen und Füßen. Diese junge Indianerfrau wurde von nun an der Name Tschotschi, Wolfsfrau genannt. Eine bildhübsche Indianerin wuchs heran und wenn sie allein draußen in der Wildnis weilte, dann erinnerte sie sich an ihre Wolfszeit und sie heulte ihre wilde Sehnsucht in die verschneiten Wälder und Berge hinaus und irgendwo weit aus der weiten Ferne kam die Wolfsantwort. Die Wölfe hatten sie gehört und der Wind trug dieses Geheul zu ihr. So war es möglich, dass sie sich trotz großer Entfernungen in der Wolfssprache unterhalten konnten. Tschotschis Pflegeeltern schimpften arg mit dem Mädchen, weil sie der Auffassung waren, es könnte die Wölfe hierher locken. So kam es, dass Tschotschi immer öfters hinaus in die Berge wanderte. Sie war eine recht gute Jägerin, lauerte irgend einem Kaninchen auf und bei einem günstigen Augenblick sprang sie hin und riss es auseinander, wie sie es als Kleinkind bei den Wölfen auch getan hatte. Wochenlang war sie manchmal unterwegs, übernachtete in Höhlen, bedeckte ihren Körper mit Zweigen und Ästen, die sie von den Bäumen abriss. Es kam auch vor, dass Tschotschi einem Wolfsrudel begegnete und sie verstand es, sich mit den Wölfen zu unterhalten und irgendwie fühlte sie sich glücklich und frei, wenn sie in ihrer Wildnis leben durfte. Für sie war es immer ein großes Unglück, wenn die Jäger einen Wolf erlegt hatten. Es war, als hätten sie ihren eigenen Bruder erschossen. Tschotschi lebte in ihrer eigenen Welt und sie fühlte sich oftmals einsam und verlassen. Ihre Blicke waren immer und immer wieder hinüber zu den Bergen gerichtet. Sie nahm die Friedenspfeife ihres Pflegevaters in die Hände und wünschte sich, dort oben in den Wolken schweben zu können, fernab vom weltlichen Dasein, denn dieser Widerspruch zwischen Mensch und Wolf, ließ diese junge Frau nicht glücklich werden. Ihre Urväter, die alten Inkaindianer hatten vor langer, langer Zeit einen Tempel mitten im Urwald errichtet. Dorthin begab sie sich immer, wenn sie von ihrer Sehnsucht fast erdrückt wurde. Sie hatte sich einen jungen Adler großgezogen und dieser war ihr bester Freund geworden. Mit ihm konnte sie sich unterhalten und geduldig lauschte er ihren Worten. Tschotschi hob ihre Arme hoch und mit einem Mal spürte sie solch eine Leichtigkeit in ihrem Körper und sie flog hoch in die Wolken hinein. Über Berge, Seen und Täler schwebte sie dahin, sie sah ihr indianisches Heimatdorf und sie konnte sogar die Wolfshöhle entdecken, wo sie als kleines Kind von ihrer Wolfsmutter großgezogen worden war. Sie sah weit hinunter und konnte erkennen, wie sich der Mond und die Sterne im Waldsee widerspiegelten. Schäfchenwolken begleiteten ihren Flug und ihr Gefährte, der Adler zeigte ihr, wie man durch die Lüfte segeln konnte, ohne sich anstrengen zu müssen. Sie spannte ihre Arme weit auseinander und glitt schwerelos dahin und ihr war, als sei sie selbst schon zu einem Adler geworden. Weit, weit unten, da entdeckte sie Herden wilder Pferde. Sie standen ganz eng beisammen und schienen sich zu unterhalten. Sicherlich hatten auch sie bemerkt, wie Tschotschi, die Wolfsfrau mit einem Mal hoch in die indianisches Heimatdorf und sie konnte sogar die Wolfshöhle entdecken, wo sie als kleines Kind von ihrer Wolfsmutter großgezogen Oft, in den Nächten, wenn der Mond und die Sterne vom Himmelszelt erstrahlten, dann erzählte sie ihm von ihren Träumen und Wünschen. Am liebsten wäre es ihr, wenn auch sie ein Vogel sein könnte, um mit ihm, dem Adler, auf und davonfliegen zu können. Dann flog Greif, ihr Adler hoch in die Lüfte, winkte ihr mit seinen Flügeln zu und schrie in seiner Adlersprache: “Krih, krih! Komm’ mit und flieh’!” Tschotschi hob ihre Arme hoch und mit einem Mal spürte sie solch eine Leichtigkeit in ihrem Körper und sie flog hoch in die Wolken hinein. Über Berge, Seen und Täler schwebte sie dahin, sie sah ihr indianisches Heimatdorf und sie konnte sogar die Wolfshöhle entdecken, wo sie als kleines Kind von ihrer Wolfsmutter großgezogen worden war. Sie sah weit hinunter und konnte erkennen, wie sich der Mond und die Sterne im Waldsee widerspiegelten. Schäfchenwolken begleiteten ihren Flug und ihr Gefährte, der Adler zeigte ihr, wie man durch die Lüfte segeln konnte, ohne sich anstrengen zu müssen. Sie spannte ihre Arme weit auseinander und glitt schwerelos dahin und ihr war, als sei sie selbst schon zu einem Adler geworden. Weit, weit unten, da entdeckte sie Herden wilder Pferde. Sie standen ganz eng beisammen und schienen sich zu unterhalten. Sicherlich hatten auch sie bemerkt, wie Tschotschi, die Wolfsfrau mit einem Mal hoch in die Wolken schwebte. Auch der Stamm der Delawaren hatte sich um ihren Häuptling eingefunden und sie diskutierten und berieten, welch großes Wunder über sie hereingebrochen sei und der alte Häuptling sprach langsam und weise: “Nur Manitu, der große Geist weiß, was geschehen ist. Hugh! Ich habe gesprochen.” Dann fingen die Indianer an, um ihr Lagerfeuer zu tanzen und sie sangen ihre Indianerweisen und ihre Gesänge schwangen hinüber in die Bergwände und schallten von ihnen als Echo zurück. Drüben von den Bergen begannen die Wolfsrudel zu heulen und die Vögel in den Bäumen hörten auf zu singen. Dann wurde es plötzlich still in der weiten Savanne und nur der Wind lauschte im Blattwerk der Bäume. Die Tiere starrten still und versonnen hinauf in den Himmel, denn, was sie dort oben erblickten, erschien ihnen wie ein großes Wunder. “Tschotschi, Wir werden dich niemals vergessen!”, riefen sie und eine stille Andacht war ausgebrochen im Reich der Tiere. Die Wölfe aber, ganz still waren sie geworden. Keiner von ihnen konnte auch nur einen Laut von sich geben. Sie trauerten um Tschotschi, ihrer Wolfsfrau, denn sie wussten, dass sie nie wieder zurückkehren würde auf die Erde ...

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