Geschichten und Gedichte von Franz Lorber

Meine Zweitheimat

Meine Zweitheimat


 

Dieser liebenswerte Ort Schmiedeberg mit seinen wunderschönen Ortsteilen wurde für mich 1956 schließlich zur zweiten und wahren Heimat. Eingebettet von den Bergen und Wäldern, am Fuße des Osterzgebirges liegt dieser idyllische Ort. Links hinaus schlängelt sich die Waldstraße „ Molchgrund “,  hinauf nach Oberfrauendorf. Ein Stück weiter oben kann man das romantische Pöbeltal bewundern. Von dort aus hat man einen recht guten Blick zum Brandweg hinüber, während auf der linken Seite Schmiedebergs sich der Bauverein in den Berg hineingezaubert hat. Wunderbare Wander- und Waldwege schlängeln sich links und rechts in den bergigen Wald hinauf und der Wanderer ist immer wieder glücklich und froh, wenn er in das Schmiedeberger Tal hinabblicken kann, während er sich auf einer Bank geruhsam zu einer besinnlichen Pause niederlässt. 

1958 heiratete ich meine liebe Frau Annemarie, geborene Bartke und seit dieser Zeit wohnen wir im Ortsteil Naundorf, umgeben von Bergen und Wäldern und der Kohlbusch winkt mir zu, wenn ich aus dem Fenster blicke.  Meine Frau stammt aus Hennersdorf und sie gebar mir zwei Kinder. Meine Tochter Evelyn, verheiratete Weichelt – oben in Reichenau haben sich die Beiden, Dieter, ihr Mann und sie, eine gutlaufende Gaststätte „zur Bobritzschbaude“ aufgebaut und geschaffen. Auch sie haben schon zwei erwachsene Kinder und sie sind sogar selbst schon vierfache Großeltern. Oben in Rehefeld, da lebt mein Sohnemann Udo mit seiner Familie. Gabi, seine Frau hat drei Mädchen zur Welt gebracht. Das große Hobby meines Sohnes ist die Jagd und das macht mich besonders froh. Ist er doch gewissermaßen in die Fußstapfen meines Vaters getreten und ... auch wenn ich kein Förster werden konnte, ich habe meinem Jungen die Liebe zum Wald wahrscheinlich in die Wiege hineingelegt und das ist ein besonderes Glücksgefühl für mich.

Habt Ihr richtig mitgerechnet? Die Lorbers aus Schmiedeberg- Naundorf, sie sind inzwischen fünffache Großeltern und vierfache Urgroßeltern. Da kann man doch besonders stolz darauf sein, oder?

Seit nunmehr vierzehn Jahren leidet meine liebe Frau an dieser furchtbaren Alzheimer-Krankheit. Abfinden werde ich mich mit diesem schrecklichen Schicksalsschlag wohl nie, aber damit leben muß und will ich. Ich habe sie zu Hause bei mir und pflege sie Tag und Nacht. Es ist mein kleines Glück, dass ich sie noch bei mir habe, denn weggeben in ein Heim, das will und kann ich nicht.

 

 

 

 Nachruf


Meine liebe Frau ist am 20.Mai 15.50  in meinen Armen verstorben.
Sie hatte vor 14 Tagen den rechten Ellenbogen während der Physiotherapie gebrochen. Es krachte, wie morsches Holz. Einen Tag später musste sie zum Röntgen und Eingipsen nach Dippoldiswalde. Nach diesem Unglücksfall wurde sie völlig an ihr Schwerstkrankenbett gefesselt.  Dort wurde sie die letzten 14 Tage früh und abends von den Schwestern versorgt, während ich mich tagsüber mit Wenden, Körperdrehen, Essen und Trinken um sie bemühte. Das Gleiche auch des Nachts, zumindest mit dem Trinken, da sie immer wieder einen trockenen Mund hatte. Am 20.Mai gegen 14.00 Uhr schnitt ich ihr scheibchenweise eine halbe Banane zurecht und sie hatte einen wahrlichen Heißhunger und Durst. Danach wusch ich ihr den Mund und das Gesicht ab, wie ich es immer nach den Mahlzeiten tat  und legte sie auf die Seite in Hochlage. Zu diesem Zeitpunkt war glücklicherweise unsere Freundin Bärbel anwesend. Ich hatte ein recht ungutes Gefühl in mir, weil mich Anni mit ihren hellblauen Augen so groß und fragend anschaute. Um 15.50 begann ihr Atem seltsam zu rasseln. Ich setzte mich zu ihr und streichelte ihr Gesicht.  Da tat sie noch einen tiefen Atemzug und ich merkte, wie die spastische Spannung aus ihrem Körper wich. Sie wurde mit einem Male ganz locker. Dann merkte ich, wie das Röcheln aufgehört hatte. Sie atmete nicht mehr und aus der starren Mimik, die jahrelang wie eingeschnitten in ihrem Gesicht war, war ein Lächeln entstanden. Sie war in meinen Händen eingeschlafen und sie verspürte keinen Schmerz mehr. Ich bat Bärbel, meine Kinder anzurufen und den Arzt zu verständigen, zur Leichenschau. Mein Kinder kamen alsbald. Nachdem der Arzt seine Pflicht erfüllt hatte, sagte er mir wörtlich. Er hätte noch nie solch einen pflegenden Ehemann erlebt, der unter schwersten Bedingungen über 16 Jahre seine Frau so sorgsam gepflegt hätte. Seine letzte Untersuchung ergab, dass meine Anni keine einzige Dekubitusstelle am Körper hatte. Das hat mich bei alldem Leid mit großem Stolz erfüllt. Nachdem ich mit meinen Angehörigen, Kinder, Enkelkinder allein war, zündete ich eine Rosenkerze an, holte meine Mundharmonika und spielte das Feierobndlied, mit viel Stockungen und Mundzittern, aber meine Kinder und Enkel waren im großen Unglück froh, solch einen seelischen Abschied nehmen zu dürfen. Am Abend gegen 20.30 kam die Bestattung und holte mein Frauchen ab. Es war grausam, Abschied nehmen zu müssen. Meine Kinder rissen mich schließlich zartfühlend und sanft von meiner Frau weg. Mir ist, als hätte man mir meinen Leib halbiert und durchschnitten und es wird lange dauern, bis diese tiefe seelische Wunde vielleicht vernarben wird ...

Unwiderruflich

 
Wenn eine Blume sich zur Erde neigt,
der Wind steht still, weil der Himmel schweigt,
dann hat ein Leben ausgehaucht,
die Seele ist für ewig ins Licht eingetaucht.
 
So schweigsam ist alles um dich her,
die Augen geschlossen, du atmest nicht mehr,
durch’s Fenster kommt ein Windhauch gefächelt,
und es ist, als hättest du still noch gelächelt.
 
Vorbei, vorbei ist die Gemeinsamkeit,
weit über fünfzig Jahr, sie liegt hinter uns, so weit.
Der Tod schloss dir die Augen zu,
es tut so weh, doch du hast deine Ruh.
 
Ich glaube, in dir brennt hell ein Licht,
vergessen werde ich dich nicht.
Du bist und bleibst mein allerliebster Stern,
du lebst in mir, ich habe dich so gern ...
 
Dein Franz
 
 
 
 
 
 

 


 © 2003 by Franz Lorber • info@franz-lorber.de