Geschichten und Gedichte von Franz Lorber

Tiergeschichten

 

Schnurri, der Mondscheinkater ...
 
 
   Immer, wenn sich die Nacht auf die Dächer der kleinen Stadt hinabsenkte, dann wurden die Hauskatzen in ihren Stuben unruhig. Sie fingen zu miauen an, kratzten an den Türen und bettelten so lange, bis ihre Herrchen und Frauchen sich erbarmten und sie ins Freie entließen. Dann kletterten sie in den Bäumen und auf den Dächern umher und die stolzen Kater, sie trugen ihre Rangordnungskämpfe aus, denn jeder von ihnen wollte der Stärkste und Mutigste sein. Die Katzendamen streckten sich lang, als ob sie in einer Theaterloge den Vorstellungen beiwohnen könnten und schauten gespannt diesen Kämpfen zu und manche Nacht konnten die Menschen in ihren Häusern gar nicht einschlafen, so dass sie aus ihren Betten aufstanden und die Fenster verschlossen. Nur Schnurri, der buntgefleckte Kater mit seinem schwarzen Fleck auf der Nase, saß am verschlossenen Fenster und sah traurig dem nächtlichen Treiben zu. Sein Herrchen hatte ihm ein Halsband angelegt und er durfte nur dann hinaus ins Freie, wenn es seinem Gebieter recht und angenehm war. Dann durfte er sich treu und brav, als ob er ein Hündchen wäre, an der Leine führen lassen. Die anderen Katzen, die ihre Freiheit voll genießen konnten, fingen indessen Mäuse, plünderten Vogelnester aus, trieben allerlei Unfug miteinander und oftmals sah der Schnurrikater ihnen gar so traurig hinterher. Die Katzen jedoch verspotteten ihn und sie versuchten, ihr lautes Miaugeschrei in ein hun-deähnliches Bellen umzuformen, weil sie der Meinung waren, dass er eigentlich gar keine richtige Katze sei. Er war schon richtig schwermütig geworden, dieser kleine Kater. Er hörte auf zu schnurren und das Essen schmeckte ihm auch nicht mehr so richtig. Eines Tages, als er mit seinem Herrchen an der Leine geführt, spazieren ging, da spürte er, dass sein Halsband, welches ihm zur Unfreiheit verdammt hatte, nicht   richtig verschlossen war. Er nahm seine Vorderpfoten zur Hilfe, stemmte sich gegen das Halsband und siehe da ! Es sprang auf und löste sich von seinem Hals. Zunächst begriff Schnurri gar nicht so recht, wie ihm geschah. Er guckte zu seinem Herrchen hoch, der sich mit einem Bekannten angeregt unterhielt. Doch dann, als er diese glückbringende Freiheit spürte, setzte er zu einem riesigen Sprung an und verschwand im Gestrüpp.Aus der Ferne hörte er noch die verzweifelten Rufe seines ehemaligen Herrchens. „Schnurri, wo bist du? Mietz, Mietz, komm sofort hier her zu deinem Herrchen ...!“ Schnurri griff sich mit der linken Vorderpfote an seinen Kopf und ließ einen frohen Miauzer los. „Miau, miau! Jetzt bin ich frei!“ Doch so schön und einfach, wie er sich seine Freiheit vorstellte, so war sie nicht. Die ersten zwei Stunden im Stadtpark waren hochinteressant und sie vergingen wie im Flug. Er tollte auf den Wiesen umher, versuchte auf die Bäume hochzuklettern, was ihm natürlich misslang, weil er noch zu tölpelhaft, ungeschickt und unerfahren war und dann begann sein kleiner Katzenmagen ganz sehr schrecklich zu knurren. Er bekam einen riesengroßen Katzenhunger. Zu Hause hatte ihm sein Herrchen immer einen vollen Napf mit Katzenfutter hingestellt. Dann fraß er sich satt, sprang auf’s Fensterbrett und blinzelte in die Sonne. Hier war alles ganz anders. Hier gab es keine Futternäpfe. Da! Mit einem Male beobachtete er, wie ein alter grauer Kater einen Vogel gefangen hatte. Erst dachte Schnurri, dieser Kater würde mit dem Vögelchen spielen, doch dann musste er zusehen, wie der alte, große Kater den Vogel tot biss, um ihn aufzufressen. Als der Kater nach seiner Mahlzeit wieder verschwunden war, da schlich Schnurri neugierig hin, um nachzusehen, was da geschehen sei. Hui! Da lag doch noch ein kleines Vogelschenkelchen im Gras. Bestimmt hatte es der Kater vergessen. Schnurri roch daran und dann bekam er plötzlich einen Heißhunger und so kam es, dass er das erste Mal in seinem Leben Vogelfleisch fraß. Ein ganz klein wenig hatte er seine riesengroße Fresslust gestillt, aber längst war er noch nicht satt. Er strich um die Häuser und da kroch solch ein wunderbarer Fleischgeruch in seine Schnuppernase. Die Türe zum Fleischerladen war geöffnet und als er hindurchspähte, sah er, wie sich der Fleischermeister mit einer Kundin unterhielt. Ihm wurde richtig schwindlig vor den Augen, als er die vielen Würste auf dem Ladentisch entdeckte. Flugs machte er einen krummen Buckel, spannte seinen Körper und setzte zum Sprung an. Rapsch, krallte er sich einen großen Zipfel Blutwurst und enteilte aus dem Fleischerladen. Ach, wie der Fleischermeister brüllen und schreien konnte. Mit einem Stock rannte er ihm hinterher, doch Schnurri war bedeutend flinker. Aber seinen Wurstzipfel hatte er leider in der Hast verloren und eingebüßt. Weil Schnurri das Mäusefangen und Vogelhaschen nie erlernt hatte, er ging ja immer nur mit seinem Herrchen an der Leine spazieren, so war er nun darauf angewiesen, bei den Mülltonnen Speisereste zu suchen oder eben irgendwo zu mopsen. Allmählich sprach es sich im Ort herum, dass solch ein bunt gefleckter Kater mit einem kleinen schwarzen Fleck auf der Nase, ein ganz gemeiner Ladendieb sei und sobald er irgendwo auftauchte, jagten ihn die Menschen davon und versuchten auf ihn einzuschlagen. So wurde er immer mehr menschenscheu und argwöhnisch. Nun dachte er oft zurück an die Zeit, als er noch bei seinem ehemaligen Herrchen an der Leine gehen durfte und ihm noch sein Fressen früh, mittags und abends auf einem Tellerchen gereicht wurde. Die vielen anderen Katzen hatten sich ebenfalls von ihm abgewandt, weil er nur ein Dieb, aber kein Mäuse- und Vogelfänger war. Bei Mondenschein saß er nun jede Nacht auf einem Baum und er miaute herzzerreißend sein großes Leid in die Welt hinaus und sein kleines Katzenherz musste wohl erkennen, dass die Freiheit nicht nur immer Freude mit sich bringt. Nun wisst ihr, liebe Kinder, wie es dem einsamen und unglücklichen Mondscheinkater Schnurri ergangen ist ...
                                     
 
Sentas Abenteuer...
 
         Senta ist gerade ein Jahr alt und sie fristet ihr Dasein fast schon wie eine alte, ausgediente Hündin. Ihr Herrchen, ein älterer Herr, der nicht mehr all zu gern spazieren geht, weil ihn das Rheuma und die Gicht plagt, sitzt am Kamin, mit einer Wolldecke über den Beinen und er blättert ständig in den Tageszeitungen oder liest dicke Bücher. Senta liegt vor seinen Füßen, hat ihre Augen halb geschlossen und sie träumt davon, wie sie in den Wiesen umhertollt und wie sie mit anderen Hunden umhertobt und sich ihnen balgt. Manchmal winselt sie leise vor sich hin und blickt verträumt zum Fenster hin, wo die Sonne durch die Gardinen lugt und ihre spärlichen Sonnenstrahlen ins Zimmer hineinschickt.Wenn dann mitunter gar ein Sonnenstrahl Sentas feuchte Hundenase kitzelt, dann springt sie etwas erschreckt und zugleich erstaunt auf und schleicht hin zur Tür, kratzt und scharrt bis sie ihr Herr und Gebieter mürrisch zurück ruft:„Senta! Bei Fuß! Sitz!“ Dann kehrt sie mit eingezogener Rute zurück zu ihrem Platz, streckt sich lang und legt ihren Kopf zwischen die Pfoten und träumt vor sich hin. Wenn sie wirklich einmal Ausgang hat, dann nur an der Leine, die er immer ziemlich kurz hält. Wenn sie dann durch den Park gehen, sucht er schon von weitem eine Bank, auf der er dann stundenlang ausruht. Sentas Leine hat er dann um seinen Arm gewickelt, so dass sie nur einen Meter hin- und herlaufen kann. Diese Spaziergänge machen Senta nur noch trauriger.
 Eines Tages, als er wieder einmal die Wohnung durchlüften wollte, um den alten, stickigen Mief mit Frischluft auszutauschen, da hielt es Senta nicht mehr aus. Mit einem Riesensatz sprang sie durch das geöffnete Fenster. Glücklicherweise wohnten sie Parterre, sonst hätte sie sich wahrscheinlich alle Knochen gebrochen. Nun war sie in den kleinen Vorgarten gelandet. Einige Bäume lachten sie an und die Zweige neigten sich leicht vom Wind zu ihr, so als wollten sie ihr zuwinken, um ihr Mut zu machen für den gewagten Sprung in die heißersehnte Freiheit. Oh, dort vorn war ja noch ein neues Hindernis! Die Hündin nahm einen großen Anlauf, machte einen Riesensatz und erreichte mit den Vorderpfoten den hohen Mauerrand. Mit ihren Hinterpfoten krallte sie sich an der Mauer ein und dann zog sie sich hoch und sprang hinaus, in die endgültige Freiheit. Ungewohnt war für sie dieser Tumult auf der Straße. Fahrzeuge fuhren hin und her und sie wusste gar nicht so recht, wie sie die Straße überqueren sollte, denn bisher wurde sie ja immer an der Leine geführt. Senta jedoch war eine kluge Hündin und sehr rasch erkannte sie die Gefahren auf der Straße, schaute nach links und rechts, wie es ihr Herr auch immer getan hatte und dann, wenn beiden Seiten frei waren, huschte sie mit schnellen Springen hinüber zur anderen Seite. Dort drüben leuchtete ihr schon das Grün des Stadtparks entgegen. Nach einigen Stunden, bekam Senta mächtigen Hunger und ein bisschen Heimweh bekam sie schon, wenn sie an ihren vollen Futternapf dachte, den ihr Herrchen immer bereithielt, wenn Essenszeit war. Außerdem, wenn er am Tisch seine Mahlzeiten einnahm und sie mit bettelndem Blick zu ihm hochsah, immer warf er ihr einige Happen zu. Am Schönsten waren die Sonntage, wenn er ihr die Fleischabfälle oder Knochen zuwarf. An all die guten Sachen dachte sie nun. Als sie halb ausgehungert vor sich hin trottete, da sah sie wenige Schritte vor sich in einer Sasse einen Hasen sitzen und da der Wind vom Häschen zu ihr hinfächelte, konnte der Hase sie nicht wittern. Leise schlich sie sich heran, ein Sprung und schon hatte sie ihn gepackt. Nun suchte sie sich ein stilles Plätzchen, wo sie ihren Festtagsbraten verspeisen konnte. Es war wohl ihr angeborener und ererbter Jagdinstinkt ihrer Vorfahren, als sie noch in Wolfsrudeln jagten.Als sie sich so richtig sattgefressen hatte, vergrub sie den Rest, denn man wusste doch nie, ob sie wieder mal solch eine gute Beute machen würde. Einige Tage stöberte sie nun durch das große Parkgelände, doch dann wurde es ihr allmählich zu langweilig. Am Tage sah sie, wie die vielen Hundebesitzer ihre Hunde an den Leinen führten und wie sie schön brav hinterher trotteten. An solch ein Hundeleben wollte Senta nicht mehr erinnert werden. Deshalb beschloss sie, von hier wegzugehen. Außerdem hatte sie auch Angst, dass ihr ehemaliges Herrchen sie eventuell wiederentdecken würde und ob sie dann seinem Ruf widerstehen könnte? Sie wusste es nicht. Eines Abends, es war schon recht düster geworden, da dachte sie, sie stünde vor einem Spiegel. Auf sie kam ein Rüde zugerannt, der ebenso aussah, wie sie selbst. Sie beschnupperten sich zunächst und noch in der gleichen Nacht wurden sie ein Hundeliebespaar. Senta forderte ihn auf: „Komm doch mit. Es ist ein herrliches Leben, durch die Welt landzustreichen.“ Ihr Hundefreund jedoch schüttelte seinen Kopf und knurrte: „Das geht nicht. Ich muss doch auf Haus und Hof aufpassen ...“ So zog Senta schließlich allein weiter.
Am darauf folgenden Tag sah sie ein Pferdegespann auf der Landstraße entlang fahren und ein kleiner quirliger, weißer Mischling bellte sie vergnügt an.  
 „He du, wohin des Wegs? Ich brauche noch einen Partner, der mit mir gemeinsam auftritt!“ „Wer bist du denn und womit trittst du auf?“ „Wir sind Schausteller. Künstler sozusagen. Meine Chefin ist die Zauberfee, mein Chef ist Clown und ich bin ein Artist und ein Akrobat. Ich kann Purzelbäume, tanze auf einen Ball, springe durch einen Feuerreifen und ich kann noch andere tolle Kunststückchen. Ich brauche jemand, auf dessen Rücken ich meine Künste vorführen kann.“ Misstrauisch schaute Senta den Kleinen an.   „Dafür werde ich wohl total ungeeignet sein ...“   In Wirklichkeit ging es gegen ihre Würde, für andere eine Lachnummer darzustellen.Sie sah einmal zu, wie ihr neuer kleiner Freund für das Publikum Kunststückchen vorführte, dann jedoch schüttelte sie ihren Kopf, runzelte die Stirn und sie wusste, dass dies nichts für sie sein konnte. Ihr kleiner Freund tat ihr zwar etwas leid, weil sie nicht bei ihm bleiben konnte, aber ihr Hundedasein ließ es nicht zu und so zog sie sich ganz leise und unauffällig zurück und begab sich wieder auf Wanderschaft. Noch einmal drehte sie sich um und winselte leise:  
 „Leb wohl mein kleiner Freund. Sei nicht traurig, aber ich kann nicht bei euch bleiben!“
Bereits am nächsten Tag widerfuhr ihr etwas ganz Schreckliches. Zwei Männer näherten sich ihr vorsichtig und ehe sie sich’s versah, hatte sie eine Schlinge um den Hals. Hundefänger waren im Auftrag der Stadt unterwegs, um streunende Hunde einzufangen. Sie wurde ziemlich grob auf das Auto verladen und ab ging es ins Tierheim. Dort heulten und winselten schon viele Hunde, die ebenfalls wie sie eingefangen worden waren. Senta erwartete ein ungewisses Schicksal und sie bellte und heulte mit den anderen um die Wette. Sie sprang am Gitterzaun hoch und versuchte immer wieder auszubrechen. Es war grausam für sie, dort drinnen eingesperrt zu sein, ohne zu wissen, wie ihre Zukunft enden würde. Mitunter kamen Menschen und suchten sich einen Hund aus, den sie dann mitnahmen. Irgendwie bekam Senta wieder Sehnsucht nach zu Hause. Wie schön war es doch gewesen, wenn sie zu Füßen ihres Herrchens vor sich hindöste, während er seine Zeitung las und sein Pfeifchen rauchte. Senta schaute verzweifelt hin zum einein halb Meter hohen Maschendrahtzaun und sie hatte das Empfinden, dass sie mit einem gewagten Sprung es schaffen müsste, darüber hinwegzukommen. Sie blinzelte ins Sonnenlicht und überlegte, was sie mit ihrer geplanten und bevorstehenden Freiheit wohl anfangen könnte. Zurück zur Schaubude ihres kleinen Freundes Strolchi? Nein! Das wollte sie auf gar keinem Fall. Außerdem merkte sie seit einiger Zeit, dass etwas Seltsames in ihrem Körper vorging. Instinktiv spürte sie, dass sie schon bald eine Hundemutti werden sollte und es war für sie wohl die höchste Zeit, aus diesem elenden Hundegefängnis auszubrechen. Ohne weiter zu überlegen, setzte sie zu einem tollkühnen Sprung an und zog sich mit den Hundeläufen am hohen Maschendraht hoch und sie schaffte es schließlich, dieses Hindernis zu überwinden. Dann jedoch überlegte sie. So konnte es natürlich nicht weitergehen. Ihre künftigen Hundebabys, sie benötigten ein ordentliches, geordnetes zu Hause. Ihre Vorfahren, die grauen Wölfe waren es gewohnt, in der Wildnis zu leben. Bei ihr war es ganz anders. Sie war doch an die Menschen gewöhnt und sie war auch von ihnen irgendwie abhängig, zumindest jetzt in dieser Situation. Vor ihr lag ein großer See und da sie feststellte, dass zwei Hundewärter hinter ihr her waren, da sprang sie rasch mit einem mutigen Satz ins kühle Nass. Obwohl sie das Schwimmen nie erlernt hatte, paddelte sie hin zum anderen Ufer. Sie war wieder frei! Während sie noch weiter durch das Wasser strampelte, kam sie ans andere Ufer.Triefend vor Nässe kroch sie an Land, schüttelte ordentlich ihr Fell aus und blickte zurück, dorthin, wo sie hergekommen war. Drüben standen immer noch die zwei Hundewärter und fuchtelten mit ihren Armen hin und her. Erst ein wenig ausruhen und dann wird es schon weitergehen. Sie legte sich ins Gras und ließ ihr pudelnasses Fell in der warmen Sonnenluft trocknen. Hunger bekam sie auch inzwischen und ihr Hundemagen begann zornig und wütend zu knurren. Zu Fressen gab es hier weit und breit nichts. Von weitem erblickte sie viele Häuser und irgendwie kam ihr die Gegend bekannt vor. Dort drüben! War das nicht das Haus, in welchem sie bei ihrem Herrchen gewohnt hatte? Sie stand auf und schaute sehnsuchtsvoll hinüber. Ja, ja! Das war das Haus, der kleine Garten, in welchem sie manchmal als kleiner Hund herumgetobt hatte. Wie wäre es, wenn sie mit ihren zukünftigen Kindern in diesem Garten spielen könnte? Ob ihr ehemaliges Herrchen sich freuen würde, wenn sie wieder zurück zu ihm käme? Oder würde er sie davonjagen und sie verstoßen? Langsam, Schritt für Schritt näherte sie sich, blieb immer wieder stehen und äugte etwas scheu und ängstlich hinüber und plötzlich stand sie vor der Gartentür. Mit gesenktem Haupt fing sie leise zu winseln an. Laut aufzubellen, das wagte sie nicht, denn sie hatte ein hundeschlechtes Gefühl in sich. Sie wusste, dass sie schuldig geworden war und Untreue ist für einen Hund etwas ganz Schreckliches. Ein Hund ist des Menschen bester Freund und Senta hatte diese Freundschaft missbraucht. Sie legte ihre Vorderpfoten auf die niedrige Gartentür, fing eigenartig hoch zu bellen an und dann nahm sie all ihren Mut zusammen, sprang über den Zaun und kam mit gesenktem Haupt zur Eingangstür des Hauses.
Ihr Herrchen hatte sie schon durch das Fenster beobachtet, weil er ihr Wínseln und leises Bellen vernommen hatte. Er war aus seinem Sessel aufgestanden und er hatte sich auf seinen Gehstock gestützt. Über seine unrasierten Wangen kullerten ein paar Tränen und er rief ihr leise zu: „Na komm her, Senta, Du Herumtreiberin. Zu Hause ist es wohl doch am Besten, was?“ Sie legte sich zu seinen Füßen, sah an ihm hoch und leckte ihm die Hand, was wohl bedeuten sollte: „Verzeih’ mir. Ich mach so etwas nie wieder.“ 
Dann stand er auf und holte ihren Futternapf aus dem Geräteschrank hervor, füllte ihn mit Chappiehun-defutter und schob ihn ihr hin. „Na komm’! Friss schon! Wirst doch bestimmt ganz sehr viel Hunger haben.“ Senta ließ sich nicht zweimal auffordern, tapste hin zu ihren Futternapf und ‚rapsch, rapsch, rapsch’, war der Napf leer. „Na du bist ja eine ganz Verfressene!“, lachte ihr Herrchen und füllte den Napf noch einmal.
Wenige Tage später legte sich Senta auf ihrem Schlafplatz und stand den ganzen Tag nicht auf. „Du wirst doch nicht etwa krank werden?“, fragte ihr Herrchen besorgt und streichelt sie. Wie erschrak er jedoch, als sieben kleine mollige Welpen unter seiner Senta hervorgekrochen kamen. Als sich sein erster Schock gelegt hatte, setzte er sich nach einigen Tagen, als sie allmählich ihre Äuglein öffneten, auf den Fußboden und dann begann er mit den Kleinen zu spielen und sie zu liebkosen. Sie beschnüffelten neugierig seine Hände und begannen sie abzulecken. Senta lag auf ihrer Decke, streckte sich lang und knurrte wohlbehaglich ein wenig vor sich hin und sie schwor sich, ihrem Herrchen nie wieder auf und davon zu laufen ...
 
 
Hirschkälbchen Florian ...
 
            Max, der zehnjährige Bub wohnte mit seinen Eltern ganz nah am Waldesrand. Sie hatten sich vor wenigen Jahren ein Einfamilienhäuschen gebaut und für Max war es das Schönste, was es auf dieser Welt geben konnte, mit Lumprich, seiner Jagdhündin durch den Wald herumzustrolchen.
 Dort drüben, wo der Hochwald zu Ende war und wo das Dickicht begann, hatte sich ein Stück Rot-wild niedergelassen, denn es hatte vor wenigen Tagen ein Hirschkälbchen geboren. Immer, wenn die    Hirschmutter auf Futtersuche gehen musste, dann ermahnte sie ihr Kleines eindringlich, sich ganz sehr tief ins Gras zu ducken, damit es nicht entdeckt werden konnte.Ganz unruhig war sie immer, wenn sie ihr Kleines allein lassen musste. Aber es ging ja nicht anders, um ihr Kind säugen zu können, musste sie gutes Kraftfutter zu sich nehmen und solches wuchs nicht in unmittelbarer Nähe. Hatte sie sich endlich sattgefressen, näherte sie sich äußerst vorsichtig der Stelle, wo ihr Rotwildbaby ruhte. Dann beschnupperte und beleckte sie liebevoll ihr Junges und es konnte sich immer genügend satt trinken. Dort, im versteckten und dichten Gebüsch fühlten sich die beiden so richtig wohl. Nur noch wenige Tage, dann wollte sie ihr Kleines das erste Mal auf Futtersuche mitnehmen. Jedoch, es sollte ganz anders kommen. Max ging mit seinem Hund Lumprich durch den Wald spazieren und plötzlich blieb Lumprich stehen und begann leise zu bellen. Irgend etwas musste er gewittert haben. Vielleicht war ein Stück Wild in der Nähe, oder andere Wanderer pilgerten durch den Wald? Lumprich zog kräftig an der Leine und Max folgte ihm neugierig und dann blieb er stehen. Unmittelbar vor ihm, im dichten, hohen Gras lag zusammengekrümmt und geduckt ein kleines Hirschkälbchen, kaum älter als acht Tage und ohne viel nachzudenken, begann Maxl, das Hirsch-kälbchen zu streicheln und auch sein Hund Lumprich beschnüffelte es neugierig und freundlich. Kurzentschlossen hob Max das Kleine auf seine Arme und trug es freudestrahlend nach Hause. Seine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen und zankte ihn zunächst aus. „Ja, weißt du denn nicht, daß man junge Wildtiere nicht anfassen darf? Sie werden von ihrem Muttertier nie wieder angenommen und müssen draußen elendig verhungern. Jetzt kannst du es nicht mehr zurückbringen. Na, wenn das Vater erfährt, wenn er nach Hause kommt ...“ Beschwörend sah sie ihren Sohn an.
 Indessen war auch die Rotwildmutter von ihrer Äsung zurückgekehrt. Verzweifelt suchte sie ihr Kind und rief immer wieder nach ihrem Hirschsöhnchen. Aber all ihr Bemühen war umsonst. Traurig lief sie schließlich in den Wald hinein, um nie und nimmer an diesen Platz zurückzukehren, an welchem sie ihr Kind für immer verloren hatte. Da Maxels Eltern einen großen Garten mit Obstbäumen und einer schönen Wiese angelegt hatten, war es möglich, das Hirschjunge zu behalten und bald schon tobte es draußen im Garten umher und vollbrachte die tollsten Luftsprünge, wenn es mit Lumprich zu spielen begann. Immer, wenn es Hunger verspürte, kam es herein zu Max und stupste ihn mit seinem Näschen an. Das bedeutete dann immer: „Komm, gib mir etwas zu trinken. Ich habe Hunger!“ Dann, wenn es genügend getrunken hatte, stupste es ihn wiederum mit der Nase an. Es war sein kleines „Dankeschön“ für Maxl und bald darauf tobte es schon wieder mit Lumprich im Garten umher. Allmählich verging nun auch der Sommer und Florian, wie die Eltern und Maxl das junge Hirschmännchen mit einer fast feierlichen Zeremonie getauft hatten, wuchs zu einem stattlichen Junghirsch heran. Sogar sein Spießergeweih hatte sich schon ein klein wenig oben im Stirnbereich hervorgeschoben und man konnte jeden Tag beobachten, wie es immer prächtiger gedieh. Er entwickelte sich auch körperlich so sehr, dass er kaum noch zu bändigen war und wenn er die Möglichkeit hatte, ins Wohnbereich der Menscheneinzudringen, dann hätte man denken können, ein Kobold hätte dort drinnen gehaust. Maxl hatte zwar seine Freude an diesem Unfug, doch seine Mutter schalt ganz gehörig mit ihm, wenn sein Wildfang gar zu sehr ein Chaos hinterließ. Ende Oktober, als der Herbstnebel sich an den Berghängen festkrallte und die ersten Bodenfröste das Bergwiesengras mit ihren Tautröpfchen wie Diamanten aufleuchten ließ, da wurde Florian immer unruhiger. Er spürte instinktiv, obwohl er noch viel zu jung war, dass dort draußen in der Wildnis das Blut zu rauschen begann, wenn die Platzhirsche miteinander kämpften, um die Rivalen im Kampf zu besiegen. Oft stand er dann ganz still am Gartenzaun und blickte mit großen Augen hinüber zum Waldrand. Es war ein eigenartiges Gefühl in ihm, denn die Wildnis lockte und rief unwiderruflich nach ihm. Einmal hatte Maxl, als er aus der Schule kam, vergessen, das Gartentor zu schließen. Florian sah sehnsuchtsvoll hinüber zum nahen Wald. Mit großen Sprüngen eilte er dem Busch entgegen. Jedoch Lumprich war viel zu wachsam. Sofort war er in seiner Nähe, umkreiste ihn schwanzwedelnd, bellte und jaulte, bis sich Florian nach einigem Zögern umwendete, um mit seinem Freund auf den Hof zurückzukehren. Von nun an ließ ihn Lumprich nicht mehr aus den Augen. Auch Max hatte diese ständige Unruhe längst mitbekommen und er bat seinen Vater, Florian künftig des Nachts im Stallgebäude einzuschließen. Wenn jedoch die Sehnsucht nach dem Wald zu groß geworden ist, dann helfen weder verschlossene Türen, noch gutes Zureden und da hilft auch keine Tierfreundschaft zwischen einem Hund und einem Junghirschlein. Eines Nachts, als der Mond durch das kleine Stallfenster leuchtete, da war es, als ob er Florian zuwinken würde: „Komm’ doch, komm! Dein Wald erwartet dich. Warum willst du dort bei den Menschen dein Leben verbringen, wenn doch die Freiheit so schön sein kann.“ Und wie er den Worten des Mondes lauschte und seine Sehnsucht nach der Wildnis immer größer wurde, da hörte er noch drüben aus dem Gebüsch einen Uhu spöttisch rufen:
 „Hu-hu! Hu-hu! Wer bist denn du? Bist du ein Hirschkalb, oder nur das Kalb einer Kuh?“
Diesen Spottgesang konnte Florian nicht ertragen. Er konnte diese Beleidigung einfach nicht auf sich sitzen lassen. Sein Drang nach Freiheit wurde mit einem Male so riesengroß, dass es ihm fast sein Herz in seiner jungen Hirschbrust zerriss. Er nahm Anlauf, schloss seine Augen ganz sehr und mit einem Riesensatz sprang er durch’s Stallfenster und obwohl er sich durch die Glassplitter leicht verletzte und blutete, er konnte nicht mehr stehen bleiben, denn es gab für ihn nur noch ein Ziel. Dort hinüber wollte er, mitten hinein in das tiefe Gebüsch. Er wollte den Geruch der hochgewachsenen Fichten einatmen, er wollte die Wildgräser äsen, wollte von den Wildfrüchten kosten und er wollte die Stimme des Waldes hören. Das Gezwitscher der Vögel, das Gekecker der Eichhörnchen, er wollte das Gurren der Wildtauben in seinen Ohren klingen lassen. Wie ein Rausch überkam es ihn, als diese tiefe, wilde Sehnsucht nach Freiheit wie eine Feuersglut seinen Körper fast verbrannte. Erinnerungen wurden in ihm wach, wie er damals tief geduckt, im hohen Gras auf seine Rotwildmutter wartete. Wie er sich geborgen fühlte, wenn sie dann wieder kam und bei ihm war. All diese Kindheitsbilder wurden wieder wach in ihm. Noch einmal schaute er sich um, nach Haus und Hof. Lumprich fing leise zu bellen an. Vor ihm stand der hohe Maschendrahtzaun. Nun gab es kein Zögern und kein Zurück mehr. Mit einem hohen Sprung setzte er darüber hinweg. Er sprang und rannte, bis ihm fast die Luft wegblieb, weil er doch solche Strecken noch nie gelaufen war. Immer nur im Garten und auf der eingezäunten Wiese mit seinem ehemaligen Hundefreund hin- und herhopsen, das war kein Vergleich mit seinem jetzigen Wildleben.
    Am nächsten Morgen, als Maxl vor dem Schulweg in den Stall kam, um Florian heraus zu lassen, oh, wie erschrak er da. Der Stall war leer und die zerbrochene Fensterscheibe verriet ihm, dass sein junger Hirsch endgültig das Freie gesucht hatte. Nach der Schule wollte er ihn im Wald suchen und seine Freunde halfen ihm dabei. „Florian, wo bist du?“, schallte es durch den Forst und manchmal hörten sie ihr Echo, das von den Bergen dort drüben widerhallte. „Wo bist du ...?“, erklang es dann leise und es war, als wolle ihn der Wald verspotten. Als er ermüdet war, kehrte er mit seinen Freunden traurig und niedergeschlagen zurück.Sein Vater meinte dann beruhigend: „Ich wollte in den nächsten Tagen sowieso mit dir sprechen. Florian ist ein stattlicher Bursche geworden und der Zeitpunkt wäre bald schon gekommen, wo wir ihn hätten freilassen müssen, oder er wäre in ein Wildgehege oder Zoo gekommen. Aber so ist es besser für ihn ...“ Florian entfernte sich nie all zu weit von seinem ehemaligen ‘Zu Hause’. Er blieb immer in der Nähe und wenn er sich einmal zu sehr entfernte, immer suchte er wieder die Nähe des Hauses am Rande des Waldes.In den Nächten, wenn der Mond durch’s Dickicht lugte und wenn der Uhu seinen Nachtgesang anstimmte, dann war er immer besonders aufgelegt. Von weitem hörte er das Röhren der anderen Hirsche und dann versuchte er, ihre Plätze ausfindig zu machen, weil er immer noch einsam und allein durch den Wald trollte. Oftmals stand er still, hob seine Lauscher empor und versuchte die Richtung festzustellen, woher dieses dumpfe, drohende Geschrei wohl kommen könnte. Wenn er dann ab und zu nahe genug zu einem Hirschrudel gekommen war, dann hatte er plötzlich Angst, sich all zu sehr zu nähern, weil er doch nie mit anderem Rotwild Kontakt hatte und so blieb er immer hinter dichtbewachsenen Büschen versteckt und beobachtete aufmerksam das Verhalten seiner Verwandten. Mit großen Augen sah er zu, wie ein gewaltiger Platzhirsch mit einem Nebenbuhler kämpfte. Das kämpfende Paar keuchte und dampfte und er hatte den Wunsch, ebenfalls später einmal ein ganz großer, gewaltiger Platzhirsch zu werden. Eines Nachts, als er wieder einmal beim Kämpfen zusah, da kamen die beiden ihm so nahe, so daß sie ihn entdeckten. Sie kamen direkt auf ihn zu, verschnauften kurz und dann röhrte der Stärkere von den beiden: „Was willst du hier bei uns, Fremdling. Du riechst nach Mensch! Weg! Weg mit dir! Wir wollen dich hier nicht haben!“Drohend kamen sie auf ihn zugestürzt, scharrten wütend mit ihren Hufen in der Walderde und der eine von ihnen senkte sein Haupt und sein gewaltiges Geweih deutete ihn an: „Verschwinde, oder ich spieße dich auf!“ Florian machte sich schnellstens aus dem Staube und verschwand im Dickicht. Nun war er wieder allein. Längst hatte er sich daran gewöhnt, allein im Wald leben zu müssen, ohne Spielgefährten und ohne Freunde. Oft dachte er zurück an seinen alten Freund und Spielgefährten Lumprich, an Maxl, der immer so gut zu ihm gewesen war, aber seine Freiheit, die wollte er auch nicht aufgeben und so verging ein ganzes Jahr. Er war inzwischen ein kräftiger Junghirsch geworden und er trug bereits auf jeder seiner Stangen zwei Enden, was immerhin bedeutete. daß er schon zwei Jahre alt war. Stolz und selbstbewusst trug er sein Geweih, aber die Hirschkühe beachteten ihn noch nicht, denn für sie war er immer noch ein Halbstarker.
    In diesem Herbst gab es ständig Treibjagden in den Waldgebieten und auf den Hochständen saßen oder standen sehr oft Männer mit grünen Anzügen und einem Feuerrohr, das sie Gewehr nannten und sie warteten, bis ihnen ein Stück Wild vor die Flinte kam. Florian verstand nicht, warum es solche Menschen gab, die nach dem Leben der freien Waldtiere trachteten. Trotzdem war er nie so richtig vorsichtig. Die Hirsche, die ihn damals weggetrieben hatten, brüllten ihn doch an, dass er nach Mensch riechen würde. Also brauchte er auch keine Angst vor den Menschen haben, denn er war ja gewissermaßen einer von ihnen. Eines Tages, als wieder einmal solch eine Treibjagd veranstaltet wurde, war er irgendwie in einen Treibkessel hineingeraten. Stolzerhobenen Hauptes schritt er auf die Menschen mit ihren langen Feuerrohren zu, als wollte er sagen: „Seht her. Ich bin doch einer von euch. Ich bin der Florian!“ Da plötzlich fiel ein Schuss. Im Mündungsfeuer brach er zusammen und es wurde dunkel um ihn herum und dann war sein kurzes Leben beendet.
 Feuerrohren zu, als wollte er sagen: „Seht her. Ich bin doch einer von euch. Ich bin der Florian!“ Da plötzlich fiel ein Schuss. Im Mündungsfeuer brach er zusammen und es wurde dunkel um ihn herum und dann war sein kurzes Leben beendet.
Es heißt, dass es Hunde gäbe, die irgendwie das Unglück anderer erahnen könnten. Lumprich war an diesem Tage besonders unruhig. Immer wieder hatte er hinüber in den Wald gespäht und irgendwie witterte er wohl, dass sein Freund Florian in großer Gefahr sei. Dann rannte er plötzlich los. Er hatte die Schüsse aus dem Wald gehört und eine furchtbare Angst trieb ihn nach vorn.Dann, als er auf die Lichtung kam, die Jäger hatten die Jagd noch nicht beendet, da sah er seinen Freund liegen. Er lag da, hatte sein Haupt von sich gestreckt und seine Lichter waren längst schon erloschen. Lumprich stand neben ihm, er hatte seinen Kopf nach vorn gestreckt und dann stimmte er ein herzerreißendes Geheul an. Als ihn schließlich die Jäger davonjagten, hatte er seine Rute eingezogen und schlich nach Hause. Abends, wenn er vor seiner Hütte lag und der Mond hinter den Wolken hervorblinzelte, dann konnte man ihn noch lange leise winseln hören, denn er hatte einen echten, guten Freund verloren.
Wenn ihr liebe Kinder, einmal draußen im Wald einjunges Rehlein oder ein anderes, noch kleines Wildtier erspäht, seht es euch nur von weitem an. Berührt es nicht und nehmt es bitte, bitte nicht mit nach Hause. Florian unser Junghirsch, sicherlich könnte er heute noch im Walde leben, denn seine Mutter hätte ihm ganz bestimmt beigebracht, wie er groß und stark werden könnte und dass man sich vor den Menschen in ihren grünen Anzügen und Feuerrohren in den Händen ganz besonders in acht nehmen muss. Aber Maxl in seiner Unwissenheit war Schuld daran, dass Florian den Jägern so leichtsinnig und unvorsichtig vor die Flinte lief ...
 
     
 
 
 
Wie die Fledermäuse
auf die Welt kamen ...
 
Die Früchte auf den Feldern waren längst schon abgeerntet und die Hamster hatten sich jeden Tag ihre dicken Backen mit Getreidekörnern vollgestopft, um sich für die lange Winterzeit genügend Vorrat anzulegen. Bis zu fünfzehn Kilogramm Körner schleppten sie mit ihren vollen Hamsterbacken den Sommer über in ihre Vorratskammern weit unter der Erde und wenn sie, während es stürmte und schneite und die klirrende Kälte den Boden gefrieren ließ, ihren Winterschlaf kurz unterbrachen, dann fraßen sie sich ordentlich satt und schliefen weiter, bis schließlich die Frühlingssonne wieder die Erde aufwärmte. Dann streckten sie endlich ihre Köpfchen aus den Schlupflöchern und sie gingen wieder auf Futtersuche. Diese Hamster, sie waren schon ein fleißiges Völkchen. Anders dagegen die grauen Feldmäuse. Sie fraßen sich den lieben, langen Sommer satt und dann, wenn der Winter über sie hereinbrach, dann versuchten sie in die Vorratskammern der Hamster einzudringen, um sich an fremden Gut zu laben. Solch ein Feldmäuschen kam eines in den Bau der Hamsterbacke und es roch dort drinnen so gut nach Weizenkörnern, so dass es nicht widerstehen konnte. Als dis jedoch der Hamster bemerkte, blähte er drohend seine Backen auf, fing fürchterlich zu fauchen an und verjagte das Mäuslein. Ängstlich floh es aus dem Bau und es lief und lief über die vereisten Felder und Wiesen. Erschöpft und völlig außer Atem ruhte es ein wenig aus und da erblickte es von weitem, viele, viele Häuser. ‚Vielleicht gibt es dort etwas zu knabbern?’, dachte sich der junge Mäuserich und husch, begab er sich dorthin. Er brauchte auch gar nicht all zu lange suchen. Aus den Kellern stieg ein betörender Duft in seine Nase. Es roch nach eingelagerten Kartoffeln, Mohrrüben, Weißkraut und anderen leckeren Gemüsesorten und als er durch einen halbgeöffneten Türspalt in solch ein Haus eindrang und in den Kellerraum über die Treppen hinab-hüpfte, da sah er ein kleines Mäusemädchen hin- und herhuschen.    „He du! Du bist doch eine Feldmaus? Wie kommst du denn in mein Haus und was suchst du hier?“  „Ich glaube, hier lässt es sich gut leben. Draußen, auf den Feldern ist doch alles abgeerntet und die Hamsterfamilie hat alles zusammengerafft, da ist für uns Feldmäuse nicht all zu viel übriggeblieben. Sieh doch mal, wie ich abgemagert bin.“ Dabei wies er auf seine dünngewordenen Mäuseschenkelchen.  „Kann ich denn nicht den Winter über hier bei dir bleiben?“  Die kleine Hausmaus überlegte nicht all zu lange.  „Wenn du dich ordentlich benimmst und nicht alles anknabberst, dann will ich dir ein Versteck zeigen, wo du überwintern kannst. Meine Eltern dürfen dich allerdings nicht zu Gesicht bekommen. Sie haben mir strengstens untersagt, mich mit Feld- und Waldmäusen abzugeben. Das wäre nicht standesgemäß, sagen sie. Draußen, im Vorgarten hatte ich mich im letzten Sommer mit einer kleiner Spitzmaus angefreundet. Na, da war was los ... Meine Eltern gaben nicht eher Ruhe, bis sich das Spitzmäuschen aus dem Staub gemacht hat.“  Der kleine Feldmäuserich hörte aufmerksam zu und versprach, immer artig zu sein und wenn die Mäuseeltern ihr Frühstück, Mittag oder Abendmahl einnahmen, husch, versteckte er sich hinter den Einweckgläsern und wartete, bis die Alten wieder davonhuschten. Eines Tages fragte sie ihn:  „Wie heißt du eigentlich, du hast dich ja noch gar nicht vorgestellt.“   „Mich nannten meine Freunde immer ‚Pieps’.“ Nach einem Weilchen fragte er zurück: „Und wie ist dein Name?“ „Meine Freundinnen rufen mich immer ‚Piepschen’.“ „Ach das ist schön. Pieps und Piepschen. Komm, lass uns Freunde sein.“  Die Menschen hatten im Keller kleine Fallen mit angeräucherten Speckstückchen aufgestellt. Einmal wollte Pieps davon naschen. Erschrocken hielt ihn seine Mäusefreundin davon ab. „Wenn du von diesem Speck nascht, da schnappt die Falle zu und du bist mausetot!“   Von nun an wusste er Bescheid du trotz seines Heißhungers ging er diesen Mäusetötern aus dem Wege. Jeden Tag gingen sie nun gemeinsam auf Futtersuche und sie durchforschten das ganze Haus, unten von den Kellerräumen, bis hinauf ins Dachgeschoss. Am Schönsten war es, wenn sie die Küchenräume der Menschen aufsuchten. Überall waren so leckere Sachen, und die zwei Mäusleins kosteten und fraßen, bis ihre kleinen Bäuche ganz sehr dick geworden waren. Als jedoch die Hausmauseltern dahinter kamen, dass ihr braves Töchterchen einen Freund hatte, und noch dazu ein ganz gemeines Feldmausmännchen, da nahmen sie ihr verliebtes Mäusetöchterchen in ihre Mitte und sie zogen aus, irgendwohin, an das andere Ende der Stadt, wo sie keiner kannte. Der verliebte Feldmausmann, war ganz sehr unglücklich du er rannte kopflos durch alle Räume und piepste immerzu: „Piepschen, wo bist du? Hörst du mich? Warum antwortest du nicht?“ Dann erfuhr er durch andere Mäusenachbarn, dass seine Freundin Hals über Kopf mit ihren Mäuseeltern fortgezogen seien, irgendwohin, wo sie keiner kannte. Ach, wie war da der kleine Pieps traurig geworden. Nichts schmeckte ihm mehr so richtig und in den Nächten saß er draußen im Garten, beguckte mit seinen kleinen schwarzen Äuglein den Mond und die Sterne und sein Piepsen erklang so sehr schwermütig durch die Nacht und als dann der Mond durch das Geäst eines Baumes zu ihm herunterschaute und ihm zulächelte, da fragte der kleine Pieps: „Lieber Mond, Kannst du mir nicht sagen, wo ich mein Mäusemädchen ’Piepschen’ finden kann?“  Der Mond, der doch sonst immer so allwissend tat, schüttelte sein pausbäckiges Gesicht und erwiderte:   „Ich kann dir nicht helfen. Ich hatte wohl gerade hinter den Wolken ein kleines Schläfchen abgehalten, als die Mäusefamilie wegzog. Ich weiß es wirklich nicht.“   „Was soll ich denn tun, damit ich mein Mäuseliebchen wiederfinde?“
„Du musst suchen ...“    „Wie denn? Die Stadt ist so riesengroß und ich bin so winzig klein!“  „Pass auf!“, sprach der Mond. „Vielleicht kann ich dir helfen. Ich habe immer bei Mondfinsternis ein ganz besondere Zauberkraft in mir. Dann kann ich irgend jemand einen außergewöhnlichen Wunsch erfüllen. Übermorgen ist solch eine Mondfinsternis. Da kannst du mir deinen Wunsch mitteilen.“   „Was ist denn eine Mondfinsternis?“, fragte das Mäusemännchen verzweifelt. „Wenn sich die Erde zwischen mich und der Sonne stellt, dann bin ich im Schatten der Erde und die Sonnenstrahlen können mich für eine kurze Zeit nicht erreichen. In diesen wenigen Minuten habe ich diese Zauberkraft in mir.“   Als es dann so weit war und der leuchtende Mond im Schatten der Erde verschwand, da rief der kleine Mäuserich:  „Lieber guter Mond. Ich flehe dich an, erfülle mir meinen Wunsch, damit ich fliegen kann, um mein Mäusemädchen wiederfinden zu können!“
Dann, als der Erdschatten vorüber war, und der Mond durch die Strahlen der Sonne wieder seinen alten Glanz bekam, da kribbelte und krabbelte es am ganzen Körper des Mäusemännchens und ihm wuchsen Flügel. Der Mond lächelte und sprach leise:   „Ab heute sollst du keine Feldmaus mehr sein, sondern eine Fledermaus, damit du überall hinfliegen kannst, um dein Feinsliebchen zu finden!“    Seit jener Zeit gibt es die Fledermäuse und wenn ihr, liebe Kinder Nachts aus dem Fenster guckt, dann könnt ihr beobachten, wie das kleine Fledermausmännchen lautlos durch die Luft flattert, um irgendwo sein Hausmausmädchen zu finden ...